Sieben Tage im November

von Michael Laages

Kiel, 1. Dezember 2018. Alles wird hier zum Schiff, fast alles atmet Militär. "Pinasse" heißt die Kneipe um die Ecke – so nennt die Marine ein kleines Beiboot für die großen Pötte mit Kanonen drauf. Die Straße, die im Kieler Stadtteil Wik zu jenem riesigen Gelände führt, das einst die Liegeplätze für Militär zur See und die Kasernen für die Mannschaften beherbergte, ist nach jenem Mitglied des Herrscherhauses Hohenzollern benannt, das die Stadt an der Förde seit 1865 zu einem der zentralen Orte der deutschen Kriegsmarine werden ließ.

Das Kasernen-Gelände selber heißt jetzt "Maritimes Viertel" und steigt gerade zur bevorzugten Wohnlage auf, Kultur inklusive. In rotem Backstein ist hier trotzdem noch viel von jener deutschen Allmachtspolitik zu spüren, die in die Weltkriegskatastrophe vor hundert Jahren führte. Und würden wir tagsüber den Geschichtsparcours zur Erinnerung an die Revolution der Matrosen in Kiel durchwandern, zu dem Andrea Paluch und Robert Habeck mit ihrem 2008 entstandenen "Neunzehnachtzehn" den Text liefern, wir sähen in der Inszenierung von Michael Uhl noch viel mehr vom gebauten Geist des deutschen Militarismus zur See.

Neunzehnachtzehn 1 560 OlafStruck uDie Revolutionäre und ihr Bezwinger: Thomas Hinrichsen (Matisek Brockhues), Luise Hinrichsen (Anne Rohde), Karl Teise (Jasper Diedrichsen), Robert Schröder (Tony Marossek) und Gustav Noske (Zacharias Preen) © Olaf Struck

Die Reise beginnt an diesem Abend mit der Wanderung ins Militärgefängnis. Das Publikum ist hier bereits aufgeteilt in drei Gruppen: Soldaten, Arbeiter und Offiziere gehen getrennt auf die Strecke und begegnen einander immer wieder. Im Gefängnis zum Beispiel so: Aus den Fenstern des zweiten Stockes schauen die "Offiziere" in den Hof hinunter, wo die ersten Erschießungen des Matrosen-Aufstands vollzogen werden. Das ist noch Vorgeschichte – die Revolte begann ja am zentralen Marine-Stützpunkt in Wilhelmshaven.

Besatzung im Aufruhr

Uhl hatte an dieser ersten Station schon zwei Regie-Arbeiten fürs lokale Stadttheater realisiert – mit Feuer aus den Kesseln, dem Revolutions- und Matrosen-Drama von Ernst Toller, und einem postrevolutionären Stadtrundgang. Der Aufruhr in Wilhelmshaven war eskaliert durch den selbstmörderischen Plan im kaiserlichen Offiziers-Korps, die Flotte komplett in die finale Seeschlacht gegen England zu schicken, auf dass sie in Würde untergehe … und um Wilhelmshaven zu befrieden, wurden viele Schiffe samt Besatzung in den Heimathafen nach Kiel zurück verlegt. So wurde nach Wilhelmshaven auch Kiel zum Pulverfass.

In den ersten sieben Novembertagen beginnt und endet die deutsche Revolution vor hundert Jahren. Im Treppenhaus vom Militärgefängnis wird die Schlachtordnung jetzt fast physisch spürbar. Oben stehen die Offiziere am Geländer und schauen (wie im Deck-Aufbau eines Schiffes) hinunter auf die Besatzung, die in hellem Aufruhr ist. Vom Gefängnis aus fahren die Publikumsgruppen mit Bussen in die Stadt – die Offiziere in die einstige Kommandantur (der denkmalgeschützte Bau wird gerade renoviert als Teil vom Finanzamt), Arbeiter und Soldaten ins Legien-Haus der Gewerkschaft; in kleinen Videos wird wechselseitig dokumentiert, was die Gruppen hier wie dort beratschlagen. Stadtkommandant und Marine-Gouverneur rufen den "Stadtalarm" aus – und wenige Minuten später begegnen Offiziere und die verbündeten Aufständischen einander auch in einer virtuellen Straßenschlacht. Und alle haben schon gelernt, die zu Beginn verteilten Signal-Taschenlampen als "Waffe" einzusetzen … Michael Uhls Inszenierung gibt sich große Mühe, den Aufruhr dieser Tage sinnlich spür- und ahnbar werden zu lassen.

Neunzehnachtzehn 2 560 OlafStruck uAufforderung zum sinnlosen letzten Gefecht: Vizeadmiral Hugo Kraft (Eirik Behrendt), Vizeadmiral Wilhelm Souchon (Imanuel Humm), Kapitän zur See Wilhelm Heine (Marko Gebbert) © Olaf Struck

Der zweite Teil (wieder zurück im Saal vom 'maritimen Viertel') gehört der Politik – Gustav Noske, der Reichstagsabgeordnete und Marine-Experte der SPD-Fraktion, ist von Berlin (und der ersten Nachkriegs-Regierung um Max von Baden und Friedrich Ebert) nach Kiel entsandt worden. Paluch und Habeck konzentrieren sich in ihrem Text ganz auf den ewigen Diskurs um Revolution oder Reform. Noch führen die bewaffneten Revolutionäre der Soldatenräte das Wort. Sie töten auch den Stadtkommandanten. Aber ihnen steht jetzt ein überaus geschickter Fachmann für Taktik und Strategie gegenüber. Kiel wird Noskes Gesellenstück. Konzentriert spielt er Alltagsbedürfnisse der Bevölkerung gegen den Furor des Umsturzes aus und übernimmt schließlich selbst die politischen Schlüssel-Positionen. Er bindet die Aufrührer ein und schaltet sie damit aus; dass der Trick bei den alten Eliten nicht funktioniert, lernt er aber auch schon in Kiel. Später in Berlin (wo dieser Noske zum "Bluthund" wird gegen die Spartakus-Revolution) ist er Teil der Katastrophe, die dem Aufstand folgt.

Sicherheit statt Freiheit

Im Blick auf diesen Realpolitiker spitzen Habeck und Paluch die Geschichten aus der Geschichte zu: Radikal verstandene Demokratie verhindere die Funktionalität von Gesellschaft, lassen sie Noske analysieren. Freiheit und Sicherheit schlössen einander im Grunde aus. Und das Wahl-Volk, weiß Noske, entscheidet sich immer für Sicherheit; und gegen die Freiheit. Historisch hat er recht – dass aber gerade ein Politiker von heute den Politiker von damals derart sachlich zeichnet, ist interessant: Habeck war ja schon Landesvorsitzender der Grünen in Schleswig-Holstein, als der Text für "Neunzehnachtzehn" entstand – zum 90. Jahrestag der Revolution. Jetzt ist er Bundesvorsitzender und Pop-Star der einstigen Anti-Parteien-Partei. Den nächsten Berliner Koalitionsvertrag wird er absehbar mitverhandeln.

Ein starker Abend ist dem Kieler Theater da gelungen, gedanklich und szenisch. Vom Ensemble bleibt Zacharias Preen im Noske-Part besonders nachhaltig in Erinnerung. Und mit Michael Uhls Kiel-Erkundung wächst auch das Interesse an den anderen Interpreten dieser missratenen deutschen Revolution. Etwa an Alfred Döblins Monumental-Epos über "1918", das deutsche Schicksalsjahr. Auch da spielen die Matrosen mit – die aus Wilhelmshaven, die aus Kiel. Ihre Niederlagen wie die Siege sind ein Vermächtnis von unschätzbarem Wert.

Neunzehnachtzehn
Eine Reise durch das revolutionäre Kiel von Andrea Paluch und Robert Habeck
Inszenierung: Michael Uhl, Ausstattung: Thomas Rump, Dramaturgie: Jens Paulsen.
Mit: Eirik Behrendt, Matisek Brockhues, Jasper Diedrichsen, Marko Gebbert, Maximilian Herzogenrath, Rudi Hindenburg, Immanuel Humm, Tony Marossek, Zacharias Preen, Anne Rohde, Almuth Schmidt und Statisterie. 
Premiere: 1. Dezember 2018
Dauer: 3 Stunden, keine Pause

www.theater-kiel.de

 

Kritikenrundschau

"Da werden Hunger und wachsende Kriegsmüdigkeit spürbar, entsteht ein Gefühl für die kurz vor Kriegsende brenzlige Lage, für die noch keineswegs ausgemachte Demokratie", schreibt Ruth Bender in den Kieler Nachrichten (3.12.2018). Zum Schluss werde der Konflikt der Prinzipien zugespitzt. "In dem jungen Fritz (Rudi Hindenburg) und dem aus Berlin gesandten SPD-Politikers Gustav Noske stehen die Prinzipien Revolution und Demokratie gegeneinander – und Zacharias Preen bringt den Taktiker Noske in seiner ganzen Ambivalenz rüber", so Bender. "Das Publikum ließ sich mitnehmen auf die Reise und dankte mit lang anhaltendem Applaus."

Jens Fischer schreibt in der Deutschen Bühne (online 2.12.2018): Robert Habeck habe Noske das "eigene Problem der Politikerwerdung eingepflanzt". "Da die Menschen hungerten, so Noske, könne man nicht Kapitalisten, Adel, Militärs erschießen und das Chaos befördern, sondern müsse es strukturieren, öffentliche Sicherheit wiederherstellen und im Schulterschluss ganz Deutschland sozialdemokratisieren." Während bei Habeck diese Position anfangs sehr positiv angelegt sei, mache Regisseur Uhl von Beginn an deutlich, wohin Noskes Reise gehe. "Unsympathisch abweisend, arrogant bis autoritär lässt er ihn spielen". "Neunzehnachtzehn" biete "unterhaltsamen theatralen Geschichtsunterricht". In dem Thesen "beispielhaft vorgeführt" würden. Die Schauspieler gäben keine lebendig differenzierten Figuren, sondern "im exemplarischen Disput ausgestellte Prototypen ihrer Positionen".

 

 

 
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