Düster lockender Welten-Abgrund

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 26. Juli 2008. Ein dunkel-düsterer Raum, eine Fußgängerunterführung und am Ende dieses bedrohlichen Tunnels ein Lichtstreifen. Fast unerreichbar fern freilich. Raskolnikow steht erst da mit dem Beil, liegt dann zusammen gekauert, verlottert und vereinsamt auf dem Boden wie ein Sandler. Ein von der Gesellschaft Ausgesonderter. Oder einer, der sich selbst ausgesondert hat? Das wird über fast fünf Stunden lang die philosophische und juridisch-praktische Frage sein.

Ein paar Figuren – die Zimmerwirtin, die Mutter, die junge Sonja ziehen vorbei. Unnahbar, ungreifbar geben sie ein paar Sentenzen von sich. Die elektronische Verfremdung ihrer Stimmen verstärkt die Entfernung: Das ist Raskolnikows "Kopftheater", aus dem es kein Entrinnen gibt – so wie sich der Besucher eben nicht so leicht hinausstehlen kann aus der überlangen Aufführung von Dostojewskis "Verbrechen und Strafe".

Frontal, ungeschönt, alltäglich

Ja, "Verbrechen und Strafe" heißt die gestern Abend im Salzburger Landestheater uraufgeführte Dramatisierung des Romans von Andrea Breth. So wie die Textübertragung von Swetlana Geier, an die sich Breth ganz eng anlehnt. Nichts da mit der durch Poesie das Direkte abmildernden "Schuld und Sühne", wie es eingebürgert ist im Deutschen. "Verbrechen und Strafe": das ist frontal, ungeschönt. Alltäglich, wenn man so will. Auch Andrea Breths Theater ist direkt, ungeschönt. Aber hier ist eine durchaus knöcherne Didaktikerin am Werk, die den Stoff nicht deshalb dramatisiert, um die Sache flüssiger, leichter bekömmlich zu machen. Ganz im Gegenteil. Es gibt in der Salzburger Festspielaufführung Phasen, in denen man sich durchaus nach dem Neunhundert-Seiten-Buch sehnt.

In Spotlights einerseits, in langen, genau exemplifizierenden Szenen andererseits führt Andrea Breth durch die Textflut. Das Dialogische und das Monologische kommt zu seinem Recht, freilich nicht immer gleichberechtigt. Wo Andrea Breth mutig beide Ebenen verschneidet, wo sie die Zeitebenen durcheinander mixt, zwischen Handlungs- und Brief-Ebene wechselt in gleichsam cineastischen Schnitten – da wirkt die Arbeit wesentlich überzeugender und kreativer als im Mittelteil, wo die Regisseurin eher auf zeitlich arg überstrapazierte Spielszenen setzt.

Menschenverachtung des Neoliberalismus

Der Abschnitt zwischen den beiden Pausen zieht sich gewaltig. Die Dauer ist ohne Zweifel ein Grundproblem der Aufführung, und zwar nicht, weil die Sache im Schauspielerischen durchhinge, sondern weil der didaktische Ansatz all zu rasch klar wird: Reflexion über das Böse in einer Welt ohne Gott. Aber dann? Dann ist es allein Sache der Schauspieler, die Spannung zu halten – was einmal besser, einmal weniger gut gelingt.

Jens Harzer ist Raskolnikow, schäbig gekleidet, weniger ärmlich als nachlässig, die Gesellschaft um sich herum eigentlich verachtend. Das drückt sich auch in seinem Sprechen aus: monoton, leiernd: So redet keiner, der ernsthaft auf Dialog, auf Austausch aus ist. Man traut diesem Raskolnikow sofort zu, dass er sich hinein steigert in den Wahn, nicht nur ein besserer, sondern ein Übermensch zu sein; In die Fantasterei, durch den Mord an der "minderwertigen" Pfandleiherin, "um nichts besser als eine Laus" als singulärer, genialer Mensch zu geniessen. Armut, so doziert der angesoffene Titularrat Marmeladow in der ersten, breit ausgespielten Szene, ist keine Schande – wohl aber bettelarm zu sein: Verblüffend, wie Dostojewski die Menschenverachtung des Neoliberalismus vorweggenommen hat.

Schnöde Schurkerei oder hehre Untat

Später wird Sven-Eric Bechtolf als machohafter Gutsbesitzer die gelebte Decadènce vor sich hertragen, wird dem an sich und seiner Tat verzweifelnden Raskolnikow vor Augen führen, dass sich Alltagsschurkerei ganz offensichtlich besser rechnet als die hehre Untat eines moralisch und praktisch maroden Genies. Nun hat aber Raskolnikow die Pfandleiherin und ihre Schwester ermordet, sich verfangen in der Diskrepanz zwischen philosophischer Entrücktheit und schnödem Gewissen.

Da also kommt Udo Samel ins Spiel, dieser ruhige, souveräne Ermittlungsrichter Porfirij. Keine Geste, die unkontrolliert wirkt. Was für ein Unterschied zu Raskolnikow, der – kaum dass er die Stimme hebt – gleich unkontrolliert schreit. Sagenhaft gefährlich, Udo Samels beinah joviale Korrektheit. Andrea Breth hat die Textübersetzung von Swetlana Geier auch insofern genau gelesen, als sie didaktische Parallelen zwischen den Figuren als Doppelrollen anlegt: So ist Elisabeth Orth sowohl die Mutter als auch die Pfandleiherin: Pulcherija heißt die eine, Aljona die andere – die Schöne und die Schöne Helena! Marie Burchard hat als Schwester Dunja eindrückliche Momente, Corinna Kirchhoff ist eine luxuriöse Besetzung für Sonjas Mutter.

Birte Schnöink ist dieses weiß gekleidete, unwirklich engelhafte Wesen, das da mehr wie eine Idee als wie ein Mensch aus Fleisch und Blut Einfluss gewinnt auf Raskolnikow: In der Berliner Ernst Busch-Schule hat Andrea Breth diese junge Schauspielerin gecastet, so wie Sebastian Zimmler (Raskolnokows Freund Rasmuchin). Beide haben erst den zweiten Jahrgang hinter sich, sind also noch "unbeschriebene Blätter", unverbrauchte Gesichter.

Mythisch-magischer Anstrich

Erich Wonder (Bühnenbild), Francoise Clavel (Kostüme), vor allem aber der Lichtzauberer Friedrich Rom sichern der Aufführung höchst bühnenwirksame Momente, die Andrea Breths strenges, analytisches, didaktisches Vorgehen korrigieren. Man ist unendlich dankbar für solche starken, fast kinohaften Momente im Lauf der fast fünf Spielstunden. Der Weg zum Mord, das (schon im Vorhinein) Peinigende bei der Planung, dem Abwägen des Für und Widers: Das darzustellen hat Erich Wonder schmucklos mit einer dunklen Wand mit eingeschnittenen Durchblicken und Öffnungen ermöglicht. Auch das ermöglicht cineastisch schnelle "Schnitte", Streiflichter auf Gedankenblitze und düstere Vorahnungen. Manche Szene ist ja nicht länger als dreißig Sekunden. Solche Sequenzen zu realisieren, erfordert perfektes Theaterhandwerk.

Der Mord selbst ist unprätentiös, beinah mit Understatement gelöst: Um die Tat selbst geht's ja gar nicht: "Verbrechen und Strafe" ist ein Ideen-Drama. Gefährlich weitet sich der Bühnenraum in Folge immer dann, wenn Raskolnikow etwas von seiner Befindlichkeit preisgibt. Grottenartig wirkt das Bühnenbild dann, wie eine Höhle, in der viele Schritte möglich sind, aus der es kein Entrinnen gibt. Was die Regisseurin in Worten streng und analytisch destilliert, bekommt so visuell durchaus mystischen, magischen Anstrich. So ist die Aufführung letztlich doch ein sinnlich-suggestives Ereignis, aber fesselnd ist's eben nur in Teilen.

 

Verbrechen und Strafe
nach Fjodor M. Dostojewski, Übersetzung: Svetlana Geier
Dramatisierung: Andrea Breth
Inszenierung: Andrea Breth, Bühne: Erich Wonder, Kostüme: Françoise Clavel, Licht: Friedrich Rom, Musik: Bert Wrede. Mit: Jens Harzer, Elisabeth Orth, Marie Burchard, Udo Samel, Sven-Eric Bechtolf, Wolfgang Michael, Sebastian Zimmler, Swetlana Schönfeld, Uwe Bertram, Corinna Kirchhoff und Birte Schnöink.

www.salzburgerfestspiele.at

 

Kritikenrundschau

"Warum morden all die anderen nicht?" - diese Überschrift trägt der Text von Peter Kümmel in der Zeit (31.7.). "Die ruhelose Suche, das Durchstöbern der Nacht" sei Breths Inszenierungsgeste. Doch es scheint, "als wolle sie gar nicht herausfinden, warum dieser eine, Raskolnikow, nun mordet. Viel mehr scheint sie das Mysterium zu verblüffen, dass all die anderen nicht morden. Sie ist ganz auf Raskolnikows Seite. Sie inszeniert seine inneren Zustände." In vielen Dramatisierungen von "Verbrechen und Strafe" würde man erleben, "wie Raskolnikow gebrochen und geläutert wird; in Salzburg nicht". Jens Harzer als Raskolnikow, der keine Sekunde das Bedürfnis habe, seine Tat ungeschehen zu machen und sein Opfer ins Leben zurückzuholen, "spielt das grandios. In seiner Stimme sitzt ein Jammer, ein Flehen, ein Schluchzen aus alter Zeit." Der "Zauber wie die große Gefahr der Inszenierung" sei aber, dass es so, wie es Raskolnikow auf die Menschen nicht ankommt, "auch Breth nicht auf sie ankommt". Raskolnikow töte aus Prinzip, und auch Breths Figuren seien "in der Not, zu Prinzipien zu gerinnen". Bisweilen gebe es aber "in der strengen Gedankenwüste Oasen purer Gestaltungslust". Und in den Verhörszenen hole sich "Verbrechen und Strafe" einiges von der absurden Kraft des Romans zurück.

Für die Frankfurter Allgemeine (28.7.) war Gerhard Stadelmaier in Salzburg bei der Festspieleröffnung zur Stelle. Er meint, dass man "Verbrechen und Strafe" nicht für die Bühne bearbeiten müsse. Man müsse "die Bühne im Roman nur quasi freilegen. Andrea Breth, die Freilegerin, Ausgräberin und Zu-den-Wurzeln-Geherin unter den Regisseuren, legt hier so herrlich wie grausam frei: ein großes Albtraumspiel; den Wahnsinn einer Grenzenüberschreitung". Im Bühnenbild Erich Wonders herrsche "nicht die Logik dessen, was hell zutage liegt. Es herrscht die Logik nächtlichen Grauens." Der "Nervenüberspannungsschauspieler" Jens Harzer als Raskolnikow jaule, singe, barme, halte aber "den Irrwitz und Wahnsinn der Figur grandios taumelnd auf der Kippe zwischen Manier und Manie". Am Ende habe sich für ihn "kein Himmel aufgetan, sondern nur eine Hölle fortgesetzt. So gnadenlos, aber im Menschenelend tief berührend lässt Andrea Breth einen Mörder enden."

Indem Andrea Breth die Untat Raskolnikows von ihren Folgen abschneide – schreibt Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (28.7.) –, mache "sie sich von vornherein die Perspektive des Täters zu eigen, schildert das Geschehen aus seiner, halluzinierend verschobenen Sicht – und diese Identifikation mit dem Protagonisten sollte sich als schweres Hemmnis dieses fast fünfstündigen und streckenweise privatistisch wirkenden Theaterabends erweisen". Andrea Breth entrümpele den Stoff, "indem sie das überdeterminierte Motivgeflecht wegschneidet. Sie nimmt das Verbrechen als Setzung, als acte gratuit, um sich ganz auf die Subjektivität des Schmerzes zu konzentrieren. Das ist nachvollziehbar, aber hat zur Folge, dass ihre Inszenierung sich über die glänzend geführte Handlungslogik dieser philosophisch überhöhten Kriminalgeschichte hinwegsetzt. Ohne dieses tragende Gerüst zerfällt der Abend wie ein entkernter Altbau in lauter Spolien, surreale Bilder ohne Zusammenhang, die in ihrer morbiden Opulenz anmuten, als habe die Regisseurin die Lesefrüchte einer sehr privaten Lektüre in Aspik eingelegt." Die Spielweise wiederum sei "zu getragen und ausgestellt, um sich dem Surrealen zu öffnen".

Andrea Breth zeichne mit dem Bühnenbildner Erich Wonder "eine Welt der verbrannten Erde in den Rundhorizont …: alles wüst und leer", schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (28.7.). Immer wieder blitze in ihrer Inszenierung "der Ekel an der Spaßgesellschaft auf", der Ekel gehe "bis zum Selbsthass des Theaters." Vor allem mit dem Schauspieler Jens Harzer erzähle Breth von diesem Ekel: "Da ist kein Fieber, kein Dostojewskij-Wahn. Harzer sitzt oder steht in sich gekrümmt, Hände in den Taschen, erschlafft bis zur Selbstauflösung. Er spricht wenig, das aber klar und nüchtern: Vormachen tut er sich nichts über die Welt und angekränkelt von Gewissen ist er auch nicht." In "Verbrechen und Strafe" stecke der Ekel "als unbewegliches eisernes Skelett". Die Form dafür wäre aber "vielleicht ein theatrales Denkstück". Breth erzähle "stattdessen die ganze Geschichte, Dostojewskij von A bis Z, sie macht sich überflüssiger Weise zum Sklaven eines Romans, den sie in zahllosen Szenen ausbreitet." Und das sei "enervierend textbeflissen".

In "voller Wucht und spröder Grösse" komme Andrea Breth nach schwerer psychischer Erkrankung auf die Schauspielbühne zurück, meint Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (28.7.). "Und es ist, als vibrierte die Krankheit in dem epischen Stoff nach … Nach dem ersten Teil taumelt man gebeutelt, nach dem zweiten etwas gelangweilt an die frische Luft …; doch im dritten Teil weicht die Ratlosigkeit wachsender Spannung: Die Aufführung gerinnt zur Einheit, deren drei Blöcke sich retrospektiv zum metaphysischen Thriller fügen." Nie bisher habe Andrea Breth "so viel in der freien Gestaltung ihrer Kunst" riskiert: "Wie eine Gewitterdrohung, wie Migräne-Wetter, wie ein unerträglicher, blind machender Druck im Kopf wirkt die Aufführung über ihre zerklüfteten Höhen und Tiefen hinweg." Sie sei zwar "vom Protagonisten aus gedacht", ihren Fixpunkt finde sie aber in Udo Samel und der Figur Porfiris, die alle andern übrerrage und die "die zeitweise ausufernde Inszenierung ins Lot" bringe.

Andrea Breth habe, wenn sie sich mit russischen Stoffen beschäftigt, "eine leichte Neigung zum orthodoxen Sakralkitsch, gerne mit Kerzen und Feuer", befindet Matthias Heine in der Welt (28.7.). "Sie gibt diesem Hang auch hier nach. Ihre Version von 'Verbrechen und Strafe' ist über weite Strecken ein Mysterienspiel, das nicht nur durch den dünnen Gaze-Vorhang vor dem Bühnengeschehen und durch die an den Expressionismus von Alfred Kubins Dostojewski-Illustrationen erinnernde Ausstattung Erich Wonders verdunkelt wird." Während bei Jens Harzer der "mörderische Idealist" Raskolnikow "kein wirklich überzeugter, sondern eher ein mystischer Zocker" sei, "der mit großen Einsätzen um die Wahrheiten spielt", seien die Hurengestalten der Vorlage, die "bei Dostojewski auch sinnlich-plastische Romanfiguren sind", in Breths Sicht "zu reinen Schmerzensfrauen reduziert. Lauter Emilia Galottis."

Im Standard (27.7.) schreibt Ronald Pohl, dass mit Andrea Breths "Verbrechen und Strafe"-Fassung auf der Grundlage von Swetlana Geiers Übersetzung "kein wirkliches Stück entstanden" sei, "sondern ein atemloser Fiebertraum, der, eher blass angeleuchtet denn regelrecht illustriert, Raskolnikows Hetzjagd durch die Kellerverliese seiner Einbildungskraft im Vollzugstempo einer besonders gewissenhaften Dostojewski-Diplomdozentin absolviert." Man könne ratlos vor diesem Abend stehen, doch Pohl bewundert Breths "Mut zur Gemütsverfinsterung: zur Aufdeckung verschwiegener Seelenbezirke. Die wahre 'Hauptfigur' dieser superben Produktion ist die Selbstqual: der enorme Hang zur Grübelei, die sich auch nicht darüber befragen lassen will, ob sie denn als 'produktiv' anzusehen sei." Einwände gegen die Produktion ließen sich finden – und Pohl findet auch welche –, doch zählten diese "angesichts einer Konzentrationsleistung, die Breth und ihrem Ensemble so niemand nachmacht?"

Die "dunkle Dramatisierung von Dostojewskis Roman durch Regisseurin Andrea Breth" sei "nur für Ignoranten zu langsam", meint Norbert Mayer in der Wiener Presse (28.7.), sie sei "in ihrer psychologischen Raffinesse packend bis zum Schluss, fast wie das Original. Unerbittlich wie ein Suchscheinwerfer, präzise wie Untersuchungsrichter Porfirij Petrowitsch (Udo Samel), entfremdet wie ein Verurteilter legt Breth das nervöse Geflecht dieses bis heute die Sünden der Moderne entblößenden Werkes frei." Die Regisseurin habe "mit hervorragenden Schauspielern ein außergewöhnliches Kunstwerk geschaffen, diese Uraufführung ist kein opulentes Theater im konventionellen Sinn, sondern ein Prozess der Selbstfindung." Zum Erfolg trage vor allem Jens Harzer bei, dem "eine außergewöhnliche, sensible Darstellung des Titelhelden" gelinge.

In Erich Wonders Bühnenbild erkennt Andres Müry vom Tagesspiegel (28.7.) "einen Kinosaal, einen gigantischen, mit einer durchsichtigen Gaze abgetrennten Projektionsraum, der sich in den kommenden fünf Stunden mit den verstörendsten, wahnsinnigsten, surrealsten Traumbildern füllen wird." Mit Bildern, die sich, "obwohl keine 'Überthese' ergebend, mit voller Schärfe einbrennen." Den "aufregendesten, verstörendsten Punkt dieser Aufführung" findet Müry in der Weise, "wie Andrea Breth gender-politisch an die schwer erträgliche archaisch-russische Geschlechterordnung, an der auch Raskolnikow nicht rüttelt, herangeht. Nämlich ganz explizit". "Seine Hauptkraft, seine magische Energie" entwickele der lange Abend aber "auf Breths ureigenem Terrain: durch die Schauspieler. Allen voran Jens Harzer: der schlaksige, hohlwangige Extremist der Bühne … ist die Idealbesetzung für den Selbstquäler Raskolnikow." Die Inszenierung reiche allemal, "auch den mit dem Roman gut vertrauten Zuschauer zuweilen auf eine harte Probe zu stellen.", doch "gerade in ihrer Unerlöstheit und Sperrigkeit" habe sie Größe.

Als "ziemlich mickrige Stadttheater-Salonkomödie" verreißt Wolfgang Höbel bei Spiegel-Online (27.7.) Andrea Breths Salzburger Festivalauftrakt. "Verbrechen und Strafe" sei eine "fast fünfstündige Sinfonie des Knarzens und des leisen Ächzens". Mehr als "ein Stationendrama, das brav den Roman nacherzählt" kann Höbel hier nicht erkennen. Anders als beispielsweise Frank Castorf in seiner Dostojewski-Adaption werfe Andrea Breth sich "nicht ins Getümmel des Romanstoffs, um daraus ihre eigenen Obsessionen und wilde Bilder von Erlösungssucht zu destillieren". Stattdessen lade sie zu einer "hübsch didaktischen und in Maßen feinfühligen Expedition ins Herz des Bösen" ein, die keinem wirklich wehtun würde. So gebe es nicht die große Erlösungsahnung des Meisters Dostojewskij sondern "ein Das-Leben-ist-sinnlos-Fleißbildchen seiner Musterschülerin Andrea Breth". Lob bekommt lediglich Raskolnikow-Darsteller Jens Harzer, dem Höbel gelegentliches Oskar-Werner-Format bescheinigt und bei manch "somnambulen Gruselauftritt" sogar Klaus Kinski übertreffen sieht.



 
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