Die Schreie der Sterbenden

von Elisabeth Maier

Tübingen, 2. Dezember 2018. Dröhnende Bässe empfangen die Zuschauer. Die Spielfläche ist von weißen Kirchenbänken gesäumt, und Josef und Maria als hölzerne Heiligenfiguren ziehen die Blicke auf sich. Doch die Krippe vor ihnen ist leer. Die versöhnende Kraft des Jesuskindes fehlt in dieser Inszenierung, die einen in eine klaustrophobische Situation holt. Eng zusammengepfercht sitzt das Publikum in der Bühneninstallation (Vinzenz Hegemann). Hier ist es unmöglich, sich dem intensiven Spiel von Lisan Lantin und den erschütternd ehrlichen Bekenntnissen der Performerin Yasmin Nasrudin zu entziehen.

Mühsames Aufdecken

Als Milo Rau, Vordenker des radikalen Dokumentartheaters, die Produktion mit der Schauspielerin Ursina Lardi, Consolate Siperius und seinem Team im Januar 2015 an der Schaubühne Berlin entwickelte, hatte die Willkommenskultur ihren Höhepunkt erreicht. Jeder wollte helfen, übernahm ein Ehrenamt oder spendete Geld für die Flüchtlinge. Auch die Intellektuellen kümmerten sich.

Fast drei Jahre später weht nicht nur in der schwäbischen Universitätsstadt Tübingen und ihrem ländlich geprägten Umland ein rauer Wind für die Geflüchteten. Ihre Helfer sehen sich im Internet mit Shitstorms konfrontiert, angestoßen von Rechtsradikalen. Nicht nur in Chemnitz gibt es Gewaltbereitschaft.

Mitleid 1 560 uVor der Krippe spielt das Erkennen der eigenen Schuld: Lisan Lantin in "Mitleid..." © Jansen / LTT

In dieser Situation wagt sich Thorsten Weckherlin, der Intendant des Landestheaters Tübingen, mit frischem Blick an den Text, der ursprünglich auf Interviews mit Mitarbeiterinnen von NGOs im Kongo, beruht. Milo Rau bezeichnet den Monolog der Intellektuellen, die ihre eigene Schuld erkennt, als Aufdeckungsdrama im Stil des Ödipus-Mythos.

Im Zentrum von Weckherlins Inszenierung steht nun die Schauspielerin Lisan Lantin, die vom mühsamen Aufdecken erzählt. Dem Vergewaltigen und Morden der Hutu-Rebellen steht sie hilflos gegenüber. Der junge Christophe, dem sie einst mit Geld aus der eigenen Tasche das Leben rettete, wird selbst zum Mörder. Und sie muss mit ansehen, wie er eine ihrer Freundinnen grausam missbrauchen und töten lässt.

Inmitten einer Soundkulisse

Mit klassischer Musik dröhnt sie sich zu, um die Schreie der Sterbenden nicht mehr hören zu müssen. Die hoch gewachsene Spielerin wendet sich an die Zuschauer, kauert an der Wand. Übers Mikro produziert sie mit Klopfen, Zischen und Soundeffekten die Lärmkulisse des Kriegs, die der Musiker Markus Maria Jansen zu einer brutalen Komposition des Todes arrangiert hat. Stationen der Entwicklungshelferin kritzelt Lantin mit schwarzem Filzstift auf ein großes Blatt Papier. Ihre Verzweiflung holt die Schicksale der Menschen ganz nah heran. Ohne Betroffenheitskitsch prangert sie die falsche Moral der Menschen und ihrer Medien an, die das Foto vom ertrunkenen Flüchtlingsjungen am Strand zutiefst berührt, die aber zugleich den Genozid im Kongo einfach ignorieren oder totschweigen.

Anders als Milo Rau, der Anfang und Ende von einer Kriegswaise aus dem Kongo sprechen lässt, hat Weckherlin für diese Zeitzeugen-Parts eine junge Frau engagiert, die auch afrikanische Wurzeln hat, aber in der schwäbischen Kleinstadt Leinfelden-Echterdingen aufwuchs. Sie erzählt in der Tübinger Fassung auch ihre eigene Geschichte, die sich von Raus Vorlage unterscheidet.

Tübinger Alltagserzählung

In ihrem Monolog kritisiert Yasmin Nasrudin auch die fehlende Vielfalt im deutschen Theaterbetrieb. "Ich bin hier, weil es keine schwarze Schauspielerin im Ensemble gibt." So bricht die Performerin die Theatersituation auf, verweist auf fehlende Vielfalt auf den Bühnen. Und erzählt den Zuschauern, wie sie selbst die Ausgrenzung erlebt. "Der Rassismus fängt im Kleinen an, schon im Kindergarten wollten mir die anderen Jungen und Mädchen die krausen Haare verwuscheln."

Aufmärsche von Neonazis brauchen Weckherlin und sein Regieteam nicht einzublenden, um die tägliche Angst der jungen Frau vor deren Übergriffen zu zeigen. Ihr kluges Regiekonzept setzt an Alltagserfahrungen an. Aber auch wenn Nasrudin in ihrer klaren, unkomplizierten Sprache eine Szene aus Quentin Tarantinos Film "Inglorious Basterds" über die Verbrechen der Nazi-Schergen an einer jungen Frau schildert, verfehlt das seine Wirkung nicht. Milo Raus dokumentarisches Theater überträgt Weckherlin in seiner stimmigen Regiearbeit überzeugend auf die aktuelle Debatte, in der die Konfrontationen sich verschärfen. 

 

Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs
Doppelmonolog von Milo Rau
Regie: Thorsten Weckherlin, Bühne und Kostüme: Vinzenz Hegemann, Musik: Markus Maria Jansen, Dramaturgie: Laura Guhl.
Mit: Lisan Lantin, Yasmin Nasrudin.
Premiere am 2. Dezember 2018
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.landestheater-tuebingen.de

 

Kritikenrundschau

Wilhelm Triebold schreibt im Schwäbischen Tagblatt (4.12.2018): Milo Raus Doppelmonolog, "vielleicht so etwas wie das Stück der Stunde", wende sich "engagiert und radikal" gegen jeglichen "zynischen Humanismus" oder "Betroffenheits-Idealismus", der "gut gemeinte Hilfsreflexe" als "selbstkasteiende Entlastung", im Sinne eines "persönlichen Ablasshandels", praktiziere. "Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs" sei eine "zornige, aber auch gerissene Abrechnung" mit jener Haltung, die gerne als "Gutmenschentum" gekennzeichnet werde. Die Inszenierung gleiche einem siebzigminütigen "Erweckungserlebnis". Lisan Lantin falle während des "nüchternen Boten-Berichts" nie aus der Rolle, sondern im Gegenteil manchmal in die Rollen zurück, die eine Theaterbühne bereitstelle. Dann reflektierte sie ihren Berufsstand mit Ekühl sezierend-inszenierendem Blick: Theater höchstens als hilfreiches Handwerk". Weckherlins "zurückhaltende Regie" setze "kaum auf Effekte". Ansonsten suche und finde Lisan Lantin den Blickkontakt zu allen, denen dieser ungeheuerliche Bericht gelte. "Und es scheint, er kommt an."

 

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