Mütter, Nannys, Babynahrung

von Lara-Sophie Milagro

4. Dezember 2018. Meine zweijährige Tochter ist frech, klug und natürlich das schönste Kind der Welt: blonder Afro, veilchenblaue Augen und ewig lange Wimpern. Wie es sich für ein Schauspieler-Kind gehört, zeichnen sich zudem bereits performativ-theatrale Vorlieben ab. Auf dem Wickeltisch wird mit Luft-Mikro gesungen, vor dem Spiegel verschiedene Arten des Weinens auf ihre Wirkung hin überprüft, sie dreht mit unseren Handys Selfie-Videos und neulich haben wir ganz unzweifelhaft ein Heiner Müller-Zitat aus ihren ansonsten noch unzusammenhängenden Sätzen heraushören können ("Optimismus ist nur ein Mangel an Information"). Seitdem steht fest: Das Kind muss auf eine Bühne und vor die Kamera, natürlich unter den wachsamen Augen ihrer stolzen Mutter.

Der "europäische Look"

Die stolze Mutter wird jedoch schnell zur verblüfften Mutter, als mir eine Agentur erklärt, dass es keine gute Chancen gäbe, meine Tochter und mich gemeinsam, beispielsweise für eine Werbung, zu besetzen. Der "europäische Look" sollte bei Mutter und Kind doch möglichst einheitlich sein.

17 NAC Kolumne Visual Milagro V3Da ist sie wieder, die deutsche Liebe zum Einheitslook. In Film und Theater kenne ich das ja schon, aber um zu verstehen, warum mein Kind und ich selbst für Babynahrung nicht "einheitlich" genug aussehen, fange ich an, mir in der Werbung abgebildete Familien genauer anzusehen. Und tatsächlich: Zu 90% gibt’s da die brave Heterofamilie, fast durchgängig in Weiß und natürlich ohne körperliches Handicap.

Meine Heimatgefühl ist akut bedroht: Deutschland soll werden, was es nie war. Das beschreibt auch ein bemerkenswerter Artikel von Daniel Schreiber, der Anfang des Jahres in der ZEIT erschien. Darin bezeichnet er den Heimatbegriff als "Chiffre für Ausgrenzung", untrennbar verbunden mit einer diskriminierenden, volkstümelnd verklärenden Geschichte. Folgerichtig plädiert Schreiber dafür, "den Begriff der Heimat unbedingt dem rechten Rand (zu) überlassen – wenn man ihn übernimmt, legitimiert man sein nationalistisches, fremdenfeindliches und populistisches Potenzial (…)". Ansonsten großer Fan von Schreiber, kann ich ihm hier nicht folgen, schlicht deshalb, weil ich in Bezug auf Deutschland ein sehr stark ausgeprägtes Heimatgefühl habe. Das hat bisher noch kein Nazi, keine AfD und keine Kinderärztin, die mich für die Nanny meiner Tochter hält, ausradieren können. Also muss ich mir Heimat aneignen, anstatt sie aus meinem Wortschatz und Gefühlsleben zu streichen.

Eine Frage des Unverständnisses

Nur wie stelle ich das an? Immerhin lebe ich in einem Land, in dem die Illusion 'blondes, blauäugiges Kind mit weißer Mutter', der Realität 'blondes, blauäugiges Kind mit Schwarzer Mutter', vorgezogen wird. Wie so oft im Theater und Film wird sicher auch in der Werbung argumentiert, dass "bunte Besetzungen“ umständlich erklärt werden müssten, wofür weder auf einer Plakatwand noch in einem 15-Sekunden-Clip Platz ist. Dafür habe ich sogar Verständnis. Was ich nicht verstehe: Warum muss man 'Schwarze Mutter, blondes Kind' überhaupt erklären? Weil der deutsche Durchschnittszuschauer sonst nichts mehr versteht? Und wieso muss auf so ein Unverständnis Rücksicht genommen werden? Ich finde das ungerecht, weil ich zum Beispiel in jedem zweiten Theaterabend nach 15 Minuten auch nichts mehr verstehe (was vielen Zuschauer*innen so geht, auch wenn sie es nie zugeben würden).

Und: Existiert dieses vermeintliche Unverständnis der Zuschauer tatsächlich oder ist das auch wieder nur eine Illusion? In dem Fall würde mein Kind mit einer Mutter, die es gar nicht hat, Werbung machen für eine Zuschauerschaft, die es gar nicht gibt. Die einzig realen Parameter wären dann mein Kind und die Babynahrung. Auch interessant.

Heimatschutz ist Vielfaltschutz

Man kann dem Publikum im Land der Dichter und Denker, des Regietheaters und des Kölner Karnevals weit mehr an Realität und Wahrheit zumuten als von Entscheidungsträger*innen immer wieder behauptet wird. Gute Beispiele gibt es ja schon: die Ensembles von Mannheim und Darmstadt, ein Werbespot der Telekom oder das legendäre Werbeplakat der DAK.

Keine Nation, kein Landstrich, kein Ort auf der Welt ist durch nur ein einziges ökologisches, soziales oder kulturelles Phänomen geprägt. Dies gilt insbesondere für Deutschland mit seiner wechselvollen Geschichte und seinen neun Grenzen zu anderen Ländern. Daher wohl rührt auch mein Heimatgefühl, denn Heimat kann gar nichts anderes bedeuten als Vielfalt – der Landschaft, der kulturellen Einflüsse und Wurzeln, der Menschen. Ergo ist Heimatschutz gleich Vielfaltschutz.

Die neue Agenda

Sämtliche Heimatministerien ernenne ich deshalb hiermit zu Vielfalt(schutz)ministerien. Diese werden sich von nun an dem Heimatschutz durch Vielfaltrepräsentation widmen. Hauptbotschafter dieser neuen Agenda werden die Theater sein, die schließlich Steuergelder dafür bekommen, deutsche Kultur umfassend zu repräsentieren und diese Aufgabe nicht länger auf die Off-Szene abschieben können. Ab sofort gibt es auf deutschen Bühnen so verrückte Sachen zu sehen wie eine Schwarze Mutter mit ihrem blonden Kind, wobei es nicht um Migrationsvorderhinterfluchtrassismusgrund geht, sondern um eine stinknormale Mutter-Tochter-Beziehung oder sowas Krasses. Es werden auch jede Menge queere Paare zu sehen sein sowie Drag Queens als Anwältinnen und Königinnen mit Handicap. Und apropos Off-Szene: die bekommt für ihre jahrzehntelangen, selbstausbeuterischen Verdienste um den Heimatschutz durch Vielfaltrepräsentation erst mal eine fette Wiedergutmachung ausgezahlt und erhält künftig einen angemessenen Teil der Steuergelder, die bisher den Staatstheatern vorbehalten waren.

Jede Person, jede Institution – Politiker*innen, Parteien, Theater, Film, Fernsehen, Werbung –, die den Menschen eine Illusion anstatt die Realität von Deutschland verkaufen, verleugnen, was Heimat tatsächlich ist.

Und zwar das: Meine Tochter und ich haben eine Agentur gefunden, die all ihren Mut zusammengenommen und einen Werbespot mit uns gedreht hat. Demnächst auch in Ihrem Kino!

 

Lara-Sophie Milagro ist Schauspielerin, in der Leitung des Künstler*innen Kollektivs Label Noir, Berlinerin in der 5ten Generation und fühlt sich immer da heimisch, wo Heimat offen ist: wo sie singt und lacht, wo sie träumt und spielt.



Zuletzt schrieb Lara-Sophie Milagro über Hitlergrüße in Chemnitz und Integrationsstipendien an Stadt- und Staatstheatern.

 

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