Wie war es wirklich?

von Eva Maria Klinger

Salzburg, 31. Juli 2008. Häuser bergen Geschichten und Geschichte, und manchmal verbergen sie das Rätsel der Vergangenheit. Ein Haus in Dresden, das zwischen 1933 und 1993 dreimal die Besitzer wechselte, hat der Dramatiker Marius von Mayenburg gewählt, um die bedeutungsschwangere Familiengeschichte "Der Stein" am Faden der Erinnerung aufzudröseln.

Chronologisch erzählt wäre es eine banale Allerweltsgeschichte. Ein deutsches Ehepaar nimmt 1934 einem jüdischen Universitätsprofessor das Haus weg, verrät ihn und dessen Frau an die Gestapo, der Mann übernimmt die Universitäts-Stelle. 1945 beendet er mit den Worten "Heil Hitler" seinen Abschiedsbrief und sein Leben.

Rätselhafte Krimi-Atmosphäre

Die Amerikaner bombardieren das Haus, die Russen ziehen in die Stadt. Die Frau verlässt 1953 mit ihrer kleinen Tochter das Haus, vergräbt Liebesbriefe, das Parteiabzeichen, von dem sie später behauptet, es sei das Bundesverdienstkreuz, und einen Pflasterstein im Garten. 1978 besuchen Mutter und Tochter ihr ehemaliges Haus, dessen Fassade die DDR-Bürger verfallen lassen, und suchen den Stein. 1993 kehren sie endgültig zurück.

Die Großmutter sitzt unter dem Tisch, weil sie schon ein bisschen verwirrt ist und den Bombenangriff fürchtet, Tochter Heidrun erzählt ihrer im Westen geborenen Tochter Hannah vom heldenhaften Großvater, der einem jüdischen Ehepaar die Flucht ermöglichte. So beginnt das Stück und damit die Geschichtsklitterung. Von hinten, mit raffinierten Zeitsprüngen aufgerollt, schafft Marius von Mayenburg eine rätselhafte Krimi-Atmosphäre, in der sich eine Weile das Interesse wachhält. Wie war es wirklich?

Regisseur Ingo Berk, für den Mayenburg schon das zweite Stück geschrieben hat, verdichtet die Verschleierung, indem er die im Stück angegebenen Jahreszahlen ignoriert und alle Szenen und Zeiten ineinander laufen lässt. Fünf Frauen (Großmutter, Mutter, Tochter, die Jüdin, das DDR-Mädchen) und der von seiner Frau nachträglich zum Widerstandskämpfer umgedeutete Nazi-Großvater befinden sich rund um einen Jausentisch (Bühnenbild Damian Hitz).

Die versteinerte Lebenslüge

Denn bei Kaffee und Kuchen hat der Großvater seinem jüdischen Vorgesetzten das Haus "abgekauft", bei einer Jause sitzen Großmutter und Mutter nach ihrer Rückkehr 1993 und binden der 14jährigen Tochter einen Bären auf. Großvater sei ein Held gewesen, ein Gutmensch, und sei versehentlich von den Russen bei der Befreiung erschossen worden. Bis diese Lebenslüge aufgedeckt wird, vergehen zwei Stunden. Ach ja, der Stein! Er wird als Reliquie umhegt, denn mit dem Stein sei der Großvater beworfen worden, weil er Juden geholfen hat.

In der verschachtelten Erinnerung über sechs Jahrzehnte verheddert sich der Autor – und noch mehr der Regisseur. Bedeutungsvolle Pausen zwischen bedeutungslosen Sätzen machen diese nicht bedeutender, nur länger. Zwischen lakonischen Sätzen wachsen keine Charaktere. Einzig die Großmutter ist eine Figur, aber das mag an der überragenden Judith Engel liegen: Eine gute Deutsche ist sie, despotisch, exaltiert, die immer das gerade "Richtige" tut und es unter veränderten politischen Verhältnissen nachträglich richtig stellt. Ein schnarrender Tonfall, das Spreizen eines Fingers, eine betont freundliche Geste decouvrieren die wahren Absichten und das virtuose Umdeuten der Geschichte.

Mühe allein genügt nicht

Ihr Mann, Kay Bartholomäus Schulze, gibt einen "lebenstüchtigen, aufrechten Deutschen" in Stiefeln und Eva Meckbach eine berührende jüdische Frau, die tapfer das Unrecht erträgt. Die Namen der drei restlichen Schauspielerinnen mögen mildtätig unerwähnt bleiben. Der Darstellerin des DDR-Mädchens ist zu raten, sollte sie den Schauspielerberuf erlernen wollen, zumindest in eine Sprechausbildung zu investieren.

Regisseur Ingo Berk, sonst in Osnabrück, Bonn und Zürich im Einsatz, ist um konventionelles Schauspielertheater bemüht – wenn ihm denn solches zur Verfügung stünde. Er schafft Stimmungen und geheimnisvolle Zusammenhänge, was ihn allerdings für Young Directors Project, die Off-Schiene der Salzburger Festspiele qualifiziert, erschließt sich nicht. Möglicherweise sein Geburtsjahr 1975. Dieselbe Frage stellt sich bei der schon reichlich strapazierten Stoffwahl und der dramaturgischen Konstruktion.

Nach vier Vorstellungen übersiedelt die Produktion an die Berliner Schaubühne. Dort läuft das Stück im Rahmen von "60 Jahre Deutschland – Annäherung an eine unbehagliche Identität", gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes. Dann stellen sich all diese Fragen nicht mehr!

 

Der Stein (UA)
von Marius von Mayenburg
Regie: Ingo Berk, Bühnenbild: Damian Hitz, Musik: Patrik Zeller.
Mit Lea Draeger, Judith Engel, Bettina Hoppe, Eva Meckbach, Kay Bartholomäus Schulze, Elzemarieke de Vos.

www.salzburgerfestspiele.at
www.schaubuehne.de

 

Kritikenrundschau

"Judenvertreibung, Flucht nach Westen, Realsozialismus, Wende, danach Rückeroberung der Ostgebiete und viele, viele Lügen", das sei in etwa Mayenburgs Vaterlandspanorama, schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (2.8.) "Ein schnelles Dokudrama, um uns vor den krassesten Auswüchsen des Selbstbetrugs zu bewahren." Die Erkenntnisse, die der Zuschauer dabei gewinnt, seien nicht neu, "die Bruchlosigkeit, mit der man sich durch die Geschichte gelogen hat, ist dafür zwingend durchgeführt". Ingo Berk jedoch "erweist sich als Uraufführungskiller". Der Regisseur glaube so fest an seine Mission, "er presst diese Vaterlandsparabel so inbrünstig auf die Bretter, er malt so krass schwarz-weiß, dass uns das allerdings schon wieder Bewunderung abnötigt." In diesem falschen Bühnenleben gebe es auch "kein wahres Schauspielersein". "Allein Bettina Hoppes Heidrun behauptet sich irgendwie mit ihrer mütterlichen Siebziger-Jahre-Verbissenheit... Hätten wir doch alle eine andere Regie gehabt damals. Und Mayenburg heute."

Gerhard Stadelmaier
(FAZ , 2.8.) sah ein "größtmögliches Panorama in kleinstmöglicher szenischer Münze". Es würden ungeheure Biographien behauptet, "aber deren Träger kommen nur als Durch-die-Zeiten-Springer zu Wort". Zu jedem Sprung nicke man einverstanden mit dem Kopf, "bis das Kinn endgültig auf der Stelle unserer Zuschauerbrust zu liegen kommt." So sei das Stück schon aus, bevor es recht begonnen hat, "denn unser Klischeenervengeflechtsbewusstsein riecht den zeithistorischen Braten, bevor er noch in die Röhre geschoben wird". Die Schauspieler gefallen Stadelmaier auch nicht, "allein Eva Meckbach als dunkelschöne Mieze zeigt ein bisschen mehr als Umrisse: Charakter, Schicksal, Leben – in Andeutungen". Fazit: "Man sieht nichts, was nicht jede Fernsehdokumentation oder jedes Schulfunkfeature besser gekonnt hätte."

Im österreichischen Standard (2.8.) schreibt Margarete Affenzeller, dass von Mayenburg das stete, dem "eigenen Fortkommen dienliche Umdeuten von Ereignissen als gar nicht so schmalen Grat" markiert, der eine deutsche Familie in Zeitsprung-Dramaturgie durchs zwanzigste Jahrhundert führt. Eine "fabelhafte Exposition" gelänge Regisseur Ingo Berk, er führe ungleichzeitige Momente in einem Bild zusammen. "Das Zeitgefüge dieses hochsensiblen Entwurfs kann aber leider seinen dramaturgischen Ansprüchen nicht standhalten." Die auf Sekunden hin gedachte Inszenierung "zerfließe mit wenigen Erholungsphasen allmählich in viele exquisite Ströme. Die anfangs noch als konstitutive Leerstellen erkennbaren Pausen schrauben sich später nur mehr bedeutungsschwer im Nichts fest." Reinste Millimeterarbeit, so Affenzeller, bei der sich der Regisseur dann doch vermessen hat. "Möglich, dass ihm das die Jury des Young Director's Project nicht verzeihen wird."

"Das Stück hat, zumal bei der Lektüre", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (2.8.), "knisternde Momente einer fast kriminalistischen Spurensuche, das kann man ihm nicht absprechen." Aber in der "mustergültigen, pädagogisch wertvollen Art" sei auch schon angelegt, was der junge Regisseur Ingo Berk in seiner Uraufführungsinszenierung "ausgiebig bis zur Schmerzgrenze bedient: deutsches Betroffenheitstheater". Bühnenbildner Damian Hitz habe linkerhand ein Klavier und einen ordentlichen deutschen Kaffeetisch hingestellt, "an dem sich nicht nur die Familie, sondern die ganze Inszenierung festsetzen wird." Das Fischgrätparkett wölbe sich in der Mitte beträchtlich "- als Zeichen für die Leichen, über die man gegangen ist ... So hochsymbolisch und bedeutungsschwer ist alles an diesem Abend, jede Pause, jeder Gang, jeder Blick."

 
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