Wiener Volkstheater auf Identitätssuche

13. Dezember 2018. Die Direktion des Wiener Volkstheaters wird im Januar 2019 neu ausgeschrieben. Die bisherige Chefin Anna Badora hat ihren bis 2010 laufenden Vertrag nicht verlängert. Was soll aus dem dritten großen Wiener Theater, neben Burg und Josefstadt, werden?

Ensembletheater, Mischform, Abspielstätte

Margarete Affenzeller schreibt dazu im Standard (online 13.12.2018, 6:00 Uhr): Die Neuausschreibung des Wiener Volkstheaters falle in eine Zeit, in der intensiv über das "Stadttheater der Zukunft" nachgedacht werde – "ästhetisch wie strukturell". Affenzeller fragt, wie der "Riesentanker Volkstheater" ab 2020 aussehen solle. Soll das "Repertoire- und Ensembletheater bleiben"? Oder soll eine eine Mischform etabliert werden, von Ensembletheater und freier Szene? Oder sollte das derzeit auf 850 Plätze (oder 870 die Angaben differieren) verkleinerte Haus "eine Abspielstätte für Tourproduktionen werden?" Die Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ), die derzeit im Kaffehaus regelmäßige offene Gespräche mit Interessierten über die Zukunft des Volkstheaters führt, wolle keinerlei Vorfestlegungen.

Bei einem Podiumsgespräch im Volkstheater waren Experten zu Wort gekommen. Dort sei die Frage aufgeworfen worden, inwiefern "ein Stadttheater freie darstellende Kunst" integrieren solle? Einfach übertragen ließen sich Modelle aus anderen Städten nicht, hätten Stefan Bläske vom NT Gent und die designierte Intendantin der Münchner Kammerspiele Barbara Mundel gewarnt.  Auch wenn Volkstheater und freie Szene "aufruhrmäßig gut zusammen" passten, solle heißen: im Willen zur und dem Potenzial für "gesellschaftspolitische Veränderung". Affenzeller mutmaßt am Ende würden der "Standort und seine ureigenen Anforderungen" die "entscheidenden Kriterien" für eine Neuausrichtung sein.

Förderung und Sanierung

Ein weiteres Problem benennt Karin Cerny im Nachrichtenmagazin Profil (online 4.12.2018): Das Volkstheater ist zwar groß, bekommt aber nur 12,4 Millionen Förderung im Jahr, gegenüber 14,17 Millionen für die Josefstadt und 47,3 Millionen für die Burg. Sie zitiert den designierten Intendanten des Münchner Residenztheaters und ehemaligen Leiter des Schauspielhaus Wien Andreas Beck, der kritisiert, dass das Volkstheater vor den Augen der Zuschauerinnen zerfalle, viel zu lange sei die Renovierung hinausgezögert worden. Ein Faktum, dass auch die Wiener Kulturpolitik offenbar begriffen hat, Cerny schreibt: Der neuen Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler sei es gemeinsam mit Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) gelungen, für "Planungssicherheit"in Sachen Renovierung des Hauses zu sorgen.

Wie aber nun weiter mit dem Programm eines erneuerten Wiener Volkstheaters: "Das Volkstheater braucht Enthusiastinnen und Enthusiasten", zitiert Profil die Kulturstadträtin. "Die Menschen haben große Sehnsucht nach Wildheit. Alle verbinden mit diesem Theater ein anarchisches Gefühl", kommenden März wolle Kaup-Hasler "die neue Leitungsfigur" präsentieren.
Die Diskussion um die Zukunft des Hauses wird in Wien derzeit offenbar leidenschaftlich geführt. Roland Koberg, leitender Dramaturg am Volkstheater: "Natürlich braucht das Volkstheater ein Ensemble, natürlich braucht es ein Repertoire. Wer das abschafft, dürfte sich rühmen, dieses Schauspielhaus nach 130 Jahren vernichtet zu haben." Die Abschaffung des Ensembles schwäche "den Widerspruchsgeist, der von den Theaterleuten ausgeht." Theater sei "Argument", sei "Konflikt", und das funktioniere am besten, "wenn beide Seiten immer wiederkommen".

Kandidatinnen für den Chef-Posten

Die Burgschauspielerin Maria Happel, berichtet das Profil, wolle sich für die Leitung des Volkstheaters bewerben: "Ich wäre eine spielende Prinzipalin, nicht jemand, der von außen kommt. Ich weiß, was die Bühne braucht.“ Auch der Name Ersan Mondtag wird von Karin Cerny in die Diskussion gebracht. Er habe mehrfach betont, dass "er gern ein eigenes Haus führen" wolle. Ebenfalls "als Kandidat gehandelt" werde Matthias Lilienthal, der "das Berliner HAU zu einem prägenden Koproduktionshaus machte". Lilienthal: "Das Volkstheater ist mit einem Ensemble- und Repertoiretheater ideal bespielt, und deswegen sollte sich die Stadt Wien zu einer dementsprechenden Finanzierung entschließen. Im Notfall muss man sich andere Modelle überlegen." Etwa dass man sich "an dem Modell von Mortier an der Brüsseler Oper orientiert. Man hat acht große Produktionen, die haben je ein Stück-Ensemble, und schafft ein Umfeld von einem Team, das halb fest engagiert ist."
Lilienthal fühle sich vom Wiener Volkstheater an die Berliner Volksbühne erinnert, was die Zahl der Sitzplätze betreffe, weil beide Häuser vor rund 100 Jahren gegründet worden seien, "mit der Aufgabe der Arbeiterbildung und eines Kunstangebots zu günstigen Eintrittspreisen". Lilienthal fände das Volkstheater als "Gegenpol zum Burgtheater spannend". "Widerständigen Orte seien wichtig: "Ich glaube, es ist auch heute möglich, ein Team an Leuten zu finden, die zu einer ähnlich kräftigen, polemischen Behauptung finden wie damals an der Volksbühne."

(Profil / Der Standard / jnm)

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