Zickenkrieg mit Flüchtling

von Henryk Goldberg

Meiningen, 13. Dezember 2018. Spiegelglatt, laborrein die gelbe Fläche, Lamellen die Wände, kühl und praktisch. Im Dunkel flimmern Lichtpunkte, ein Kosmos. Dann kommen sie, deren Kosmos das ist. Drehen Runde um Runde, ein lebendes Laufrad. "Hier sind WIR, Wir sind viele …" Die sind das Volk. Die sind auch: Barbara und Mario. Die Fläche, auf der sie stehen, neigt sich, wippt: Aha, sie stehen auf schwankendem Grund. Dann die neuen Nachbarn. Prosecco und Rose, und vom unentkalkten Wasser bekommen die Babys einen Seifenstuhlgang. Paul ist eine arme Sau und Linda eine dumme Zicke, sie führt sich auf, als würden sie die Schweine beißen. Und kein Aas weiß warum.

Aber Annett Kruschke wird es wissen. Sie hat Philipp Löhles "Wir sind keine Barbaren" in Meiningen inszeniert – und sie hat es getan, als möge sie nicht, was den Erfolg dieses Textes ausmacht: den Ton, der vom Boulevard her kommt. Der den Text trägt. Die beiden Paare, von denen eines einen unbekannten Geflüchteten aufnimmt, den die Gattin dann annimmt in jeglicher Hinsicht. Und mit ihm verschwindet, bis man sie findet irgendwo, erschlagen mit dem neuen Flachbildfernseher, der war ihr Geburtstagsgeschenk. Vielleicht war's der Ehemann, der es nicht mehr aushielt mit der Schlampe, vielleicht, die Nachbarn wissen es natürlich ganz genau, war's der Bobo oder Clint, oder wie der heißt.

Poledancing und Paolo Conte

Es ist ein Erfolgsstück, weil man es unterhaltsam spielen kann wie vom Boulevard – und das mit dem Gefühl, man mache doch schließlich und endlich politisches Theater. Annett Kruschke aber traut wohl dem Frieden nicht, will sagen, dem Boulevard, dem Pingpong der Konversation. Gibt ihnen Bild und Ton, als gälte es Botho Strauß. Und stylt das in eine Höhe, wo den kurzatmigen Sätzen sozusagen die Luft ausgeht. Barbara (Anja Lenßen, die hier einst eine Iphigenie war) und Linda (Melina Sanchez) treten auf und an mit einer forcierten Hysterie, als seien sie gehalten, den leichten Ton zu überdröhnen. Da ist nie der Versuch einer Konversation. Die Texte erscheinen durchweg artifiziell aufgeladen – nur dass niemand weiß: womit. Diese Bedeutungshuberei tragen sie nicht, ihr Witz liegt in ihrer sich nonchalant gebenden Banalität, und die wirkt im Kontrast zu diesem aufgestylten Sound wirklich banal.

barbaren marie liebig18 560 uAnja Lenßen und Melina Sanchéz versuchen Boulevard mit Botho Strauß-Ton  © Marie Liebig

Die beiden Herren sind nicht besser dran, Mario (Björn Boresch) ist hochgradig erregt ohne erkennbaren Anlass, Paul (Vivian Frey) ist das kleine Wiesel, das froh ist, wenn es niemand beißt. Aber lustig wird es auch, es gibt eine Toilette, die ist im Boden eingelassen, Barbara benutzt sie wie eine Dame, Paul, wenn er es tut, spricht dabei, nun ja: gepresst. Nach der Pause erscheinen die Damen im Glitzer-Look und tanzen zu Paolo Contes "It's wonderful", auch ein klitzekleines bisschen geil, denn: Nun reden sie über den schwarzen Flüchtling als Kerl, sein Ding, seine Hände, seine Haut. Den Auftritt des Abends aber hat Anna, die Schwester der toten Barbara. Die erscheint hoch droben auf der Beleuchterbrücke, singt im Spot und hangelt sich an einer Stange, ein wenig ist's wie bei der Feuerwehr, nach unten, woselbst sie einige Exercises in Poledancing vollführt. Anja Lenßen macht das sehr hübsch, indessen: wofür? Mario ist sich da wohl auch nicht sicher und stellt ihr Barbaras High Heels hin, der Aschenputtel-Test. Sie ist wirklich die Schwester, sie nervt nicht weniger, wenn sie heult.

Der Chor als böses Wir

Einmal, wenn Paul sich seinen Schutzraum baut, da baut er ihn mit Lehm um seinen Kopf, es wird ein Schweinekopf, und dieses eine Mal, da stimmt die Form, da entsteht ein Bild, das für sich wirkt, und da hat auch Björn Boresch miteins einen Ton, der mit dem Text harmonisiert. Im Übrigen demonstrieren alle vier Darsteller sehr angestrengt, was für Dödel ihre Figuren sind, derlei gerät selten interessant.

barbaren marie liebig2 560 uDer Heimatchor als großes, böses WIR  © Marie Liebig

Es scheint, als wolle oder könne die Regisseurin mit einer gehobenen, betont artifiziellen Form besser umgehen als mit einer gestalteten Normalität, und wenn Inhalt und Form zusammenkommen, dann macht sie sich kenntlich: Denn der Heimatchor ist vorzüglich in seinen Auftritten, seine Kunstworte verbinden sich angemessen mit der Kunst-Form der Inszenierung. Sie schreiten als Prozession mit Regenschirmen, sie kommen mit Pickelhaube, Gamsbart und Wikinger-Hörnern, sie marschieren unter Stahlhelmen, und sie tanzen als fröhliche Folkloristen mit dem Publikum. Und behaupten dabei die einzigen wirkenden Texte des Abends, sie behaupten dieses große, böse WIR, das sich breit macht, die Augen fest geschlossen und die Reihen auch.

Wir sind keine Barbaren
von Philipp Löhle
Regie: Anett Kruschke, Bühne & Kostüme: Rimma Elbert, Video: Nele Honig, Till Sündermann, Dramaturgie: Bernhard Henning.
Mit: Anja Lenßen, Björn Boresch, Melina Sanchez, Vivian Frey. Heimatchor: Gerlinde Buchheim, Kathrin Doerjer, Reiner Maar, Frank Nürnberger, Andreas Schubert, Marion Thieme, Peter Weinlich, Horst Wilhelm, Domenika Zier.
Premiere am 13. Dezember 2018
Dauer: 2 Stunden, eine Pause

www.meininger-staatstheater.de


Kritikenrundschau

Annett Kruschke bringe die Welt der Figuren "ständig ins Kippeln, wenn auch nicht ins Kippen", berichtet Susann Winkel im Freien Wort (15.12.2018). Es werde "ziemlich flott" gespielt. "Das Tempo stimmt, die Lacher sitzen." Die Figuren seien "Klischees der aufgeklärten Mittelschicht, der langsam die Decke der Zivilisation weggezogen wird (…)." Dabei erweisen sich die Inszenierung und ihre "Regieeinfälle" als "(r)eizvoller als die Vorlage".

Annett Kruschke "überzeichnet die Figuren bis zu Karikaturen", schreibt Siggi Seuß in der Mainpost (18.12.2018). Der regelmäßig auftretende Chor solle "den Zuschauern in Lehrstück-Manier einhämmern, was wir eigentlich bereits im Verhalten der Figuren erkennen". Die "Überspitzung bis ins bösartig Klamaukige" führe "dazu, dass es leicht fällt, Distanz zu wahren. So wird aus dem barbarischen Rumoren in jenen, die glauben, ihre Dämonen domestiziert zu haben, leider keine anschwellende Tragödie, sondern ein abschwellender Bocksgesang".

 

 
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