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Sprachgymnastik

von Martin Thomas Pesl

Wien, 13. Dezember 2018. Diesen Sommer lehnte ein österreichischer Asylbeamter den Antrag eines Afghanen ab, weil dieser sich nicht "schwul genug verhielt", obwohl er behauptete, daheim wegen Homosexualität verfolgt zu werden. Der Fall könnte auch aus Shumona Sinhas autobiografisch inspiriertem Roman "Erschlagt die Armen!" stammen. Der erschien in Frankreich freilich schon 2011. Die gebürtige Inderin dröselt darin harsch und sprachgewaltig die Absurditäten des Asylwesens auf. Ihren Job als Dolmetscherin bei der Flüchtlingsbehörde, den sie aus Liebe zur "Sprachgymnastik" angenommen hatte, ist sie seither los.

Aus dem Alltag einer Ex-Dolmetscherin

Derlei Brisanz motiviert natürlich Theateradaptionen. Die erste in Deutschland inszenierte Anne Lenk am Thalia Theater Hamburg, jene in Österreich besorgt nun Nina Kusturica im Werk X. Und fängt überraschend an: mit Italo-Schlager. Oliver Huether singt "Volare" und spielt dazu Gitarre, Veronika Glatzner als Beamtin gibt ihm Tipps zu Haltung und Mimik und presst ihm zwischendurch seine spektakuläre Fluchtgeschichte ab. Je mehr sie nachfragt, desto unglaubwürdiger wird die Mär. Als sie seine Füße begutachtet, stellt sie mit befriedigt schleimigem Lächeln fest, er habe sich ja gar keinen Zeh abgefroren. Aha!

Erschlagt die Armen Alexander Gotter 10 560 uDas Leben ist eine Hüpfburg: Zeynep Buyraç, Oliver Huether in "Erschlagt die Armen!"
© Alexander Gotter

Zwischen den Fronten steht als Dolmetscherin Sinhas Ich-Erzählerin und Hauptfigur, hier Kali genannt und gespielt von Zeynep Buyraç. Da es Theater ist, plappert sie freilich einfach auf Deutsch nach, was die anderen sagen. Ein kaum aushaltbares Stakkato, das binnen kurzem klar macht, welch dysfunktionales System hier am Werk ist. Dass Kali später in der U-Bahn einen Mann mit einer Flasche attackiert, wird nachvollziehbar angesichts ihres Alltags, des Jobs, der Distanzierung von den Migranten-Eltern.

Poesie der Form

Diese starke Einstiegsszene lässt noch vermuten, Kusturica packe den Stoff von einer rauen österreichischen Gegenwart aus an. Danach aber scheint sie statt Aktualität eher eine Poesie der Form anzustreben. Es ist die erste größere Theaterinszenierung der renommierten Filmemacherin (zuletzt Ciao Chérie), und anders als vielleicht zu erwarten wäre, äußert sich ihr Filmhintergrund nicht in Hyperrealismus, sondern in übermütiger Neugier auf Mittel der Abstraktion.

Erschlagt die Armen Alexander Gotter 17 560 uSand rieselt: Veronika Glatzner als Beamtin in "Erschlagt die Armen!" © Alexander Gotter

Die Studiobühne ist vorne mit Kies ausgelegt. Den hinteren Bereich dominiert eine gelb-weiß gestreifte Hüpfburg in Form eines umgefallenen Eiffelturms, perfekt zum Sich-Räkeln oder umständlichen Herumklettern (später wird der Turm quasi erektil auferstehen). Ausstatterin Selina Traun steckt die Spielenden außerdem in grelle Sportkleidung mit Gurtkonstruktionen, sodass sie sich an von der Decke hängende Seile klammern können. Gefangene ihres Unglücks, scharren sie viel im Kies, strampeln verzweifelt in der Luft beim Kampf um Raum.

In den Seilen hängen

Die so entstehende Statik zwingt über weite Strecken zu frontalem Spiel. Wohl auch um dieses aufzulockern, unterteilt Kusturica die Szenen durch von aggressivem Tanzsound beschossene Licht-, Schatten- und Videospielereien, die schön sind, aber eine gewisse selbstgenügsame Künstlichkeit nicht verbergen können. Dafür scheinen sie zur Emotionalisierung der Akteur*innen beizutragen, vor allem der sich hautnah am Publikum verausgabenden Zeynep Buyraç. Die darf dann auch mal einfach nur ein paar Sekunden in Tränen aufgelöst dastehen.

Dialoge sind selten – heißt es doch bei Sinha: "Das Leben ist ein Monolog. Auch wenn man glaubt, ins Gespräch zu kommen, ist es nur das zufällige Zusammentreffen von zwei Monologen." Die Fassung, die Kusturica mit der Dramaturgin Hannah Lioba Egenolf erstellt hat, lässt Buyraçs Passagen in der Ich-Form, Huether und Glatzner erzählen in der dritten Person, wenn sie nicht der Polizist Herr K. oder Seemannsgarn spinnende Asylwerber*innen sind.

Frei adaptiert

Allen dreien folgt man gerne. Je weiter der Abend fortschreitet, desto mehr verfestigt sich die Sprache auf einem elegisch getragenen Erzählton, als sähe man eine Filmlandschaft und höre dazu eine weise Off-Stimme "Es war einmal" sagen. Im Verbund mit dem Trash der Farbgebung und dem schlagergeprägten Soundtrack ergibt das eine – vor allem im Werk X – neuartige Traurigkeit. Die fasziniert, überlagert aber auch die politische Wucht von "Erschlagt die Armen!". Als projizierte Texttafel ist der Inszenierung wie dem Buch ein Pascal-Quignard-Zitat vorangestellt: "In den Ohren der alten Griechen beschrieb das griechische Wort für Freiheit (eleutheria) die Möglichkeit zu gehen, wohin man will." Nina Kusturica hat sich das für ihren Theaterausflug zu Herzen genommen.

Erschlagt die Armen!
von Shumona Sinha, Deutsch von Lena Müller
Bearbeitung: Nina Kusturica und Hannah Lioba Egenolf
Inszenierung: Nina Kusturica, Bühne und Kostüme: Selina Traun, Licht: Ines Wessely, Dramaturgie: Hannah Lioba Egenolf.
Mit: Zeynep Buyraç, Veronika Glatzner, Oliver Huether.
Premiere am 13. Dezember 2018
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.werk-x.at

 

Kritikenrundschau

Mit einem Demütigungsritual beginnt "Erschlagt die Armen", so Petra Paterno in der Wiener Zeitung (19.12.2018). Der Schauspieler Oliver Huether zupfe an der Gitarre und gibt den Schmachtfetzen "Volare" zum Besten. "Kaum singt er eine Silbe, wird er von seinen Mitspielerinnen Zeynep Buyraç und Veronika Glatzner unterbrochen und harsch korrigiert." "Die Strategie von Regisseurin Nina Kusturica scheint zu sein, dem verstörenden Text eine noch irritierendere Umsetzung angedeihen zu lassen. Anfangs reißt einen das durchaus mit, doch die Methode verliert im Lauf der 100-minütigen Aufführung zusehends an Dringlichkeit", alles wirke zunehmend beliebig und wirr.