Nazi Killed The Radio Star

Von Jan-Paul Koopmann

Bremerhaven, 14. Dezember 2018. Einsam lümmelt sich Talkmaster Barry Champlain auf seinem grün bepolsterten Bürostuhl und macht sich die ganze Welt zum Feind – mit bis zum Anschlag gespreizten Beinen. Alles hier dreht sich ausschließlich um ihn. Und das ist sonderbar aufregend, obwohl dieser ultrasouveräne, kluge und dabei auch noch witzige Typ im Spotlight schon zur Halbzeit kein Geheimnis mehr hat.

Klicks und Likes und Hasstiraden

Eric Bogosians Stück "Talk Radio" war lange nicht auf deutschen Bühnen zu sehen. Wohl auch, weil ihm die 80er Jahre so unübersehbar anhaften und die Zutaten ja doch eher vorgestrig wirken: der Radiomoderator als Star, wie er da Nacht für Nacht die Anrufe seiner Zuhörerschaft entgegen nimmt und sich mit ihnen herumstreitet. Auch die wahre Geschichte hinter dem Drama, der Neonazi-Mord am Journalisten Alan Berg, ist zwar nicht vergessen, inzwischen aber doch historisch geworden.

Niklas Ritter bringt das Stück in Bremerhaven darum auch behutsam modernisiert auf die Bühne: vom IS ist in den Telefonaten jetzt die Rede, von Anders Breivik und vor allem von Klicks und Likes auf Facebook. Denn als Vorgeschmack auf anonyme Hasstiraden im Internet will man das Call-in-Radio des Offlinezeitalters verstanden wissen. Was komisch ist, wo Ritters Inszenierung sich doch allein an diesem Moderator abarbeitet und die Außenwelt dabei weitgehend ausblendet.

TalkRadio1 560 ManjaHerrmann uIm hermetischen Raum, als Solitär: der Star (John Wesley Zielmann) © Manja Herrmann

Das ist auch gar nicht so verkehrt. John Wesley Zielmann weiß die Rolle ja voll auszufüllen: ist dann smart, wenn er vermeintlich gleichgesinnte Anrufer*innen abblitzen lässt, und leichtfüßig, wenn er einen widerlichen Holocaustleugner vorführt. Manchmal springt er auch auf und lässt einen mit seinem Gebrüll zusammenzuzucken – dann hat ihn jemand so richtig gelangweilt. Ritters Regie überlässt ihm diesen Raum und kürzt dafür an den Anrufern. Der Radiostar legt jetzt nicht mehr nur auf, wie es ihm passt, sondern er hat dafür sogar noch einen Buzzer auf der Stuhllehne. Langweilig? Dann ist das Gespräch mit einem "Dööt" vorbei.

Die Geschichte verbleibt vollständig in diesem hermetischen Raum: es geht um eine Sendung, knapp eineinhalb Stunden, ein Studio. Zur Mitte wird Moderator Champlain vom Neonazi am Telefon bedroht und am Ende erschossen.

Lehrstück über toxische Charaktere

Champlains während der Telefonate ins Dunkel verbannte Produktionsteam ist durchweg schlüssig abgeleitet vom Star in der Mitte. Das ist die Typologie: der Boss, der alte Freund, der Fan, die Geliebte – fertig. Das Soziale greift passgenau ineinander, die durchweg überzeugend gespielten Satelliten schälen den bösartigen Narzissmus ihrer Hauptfigur in immer schärferen Konturen heraus. Das ist nämlich der Witz: Selbst da, wo Champlain wie ein bockiges Kind dem Boss unterliegt, den Kay Krause zackig resolut gibt – ja selbst, wenn er als gefühlskaltes Monster die Liebeserklärung wegpöbelt, die Juliane Schwabe als seine Kollegin wirklich herzerweichend abliefert – dann geht er doch als Sieger vom Platz. Weil er dem noch (Selbst-)Mitleid abschöpft.

TalkRadio2 560 ManjaHerrmann uNur Stichwortgeber*innen für den Star im Zentrum: die Anrufenden © Manja Herrmann

So entfaltet sich mit der Zeit das hochinteressante Psychogramm eines brutalen Narzissten. Und irgendwie ist es wohl auch ein Lehrstück darüber, wie man am besten mit solchen toxischen Charakteren spricht, wenn sie erst die Oberhand gewonnen haben: nämlich gar nicht. Die Anrufer*innen in "Talk Radio" können nur verlieren.

Eingesprochen werden sie am Bühnenrand, wofür die gespielten Kolleg*innen abwechseln ihre Rollen ablegen. Kurz und knapp, wie gesagt, als Stichwortgeber für John Wesley Zielmann im Rampenlicht. Komische Figuren sind das, von deren Geschichten man nicht viel erfährt, die aber sogar trotz Mundart-Geblödel mitunter richtig witzig sind. Müssen sie ja auch: die Geschichte des anziehenden Arschlochs und begnadeten Alleinunterhalters lässt sich eben nicht erzählen, wenn man dabei nicht wirklich unterhält. Das gelingt, nebenbei bemerkt, übrigens auch dank einer bezaubernden Musikauswahl, die mit The Velvet Underground oder Toto wichtige, aber eben noch nicht endgültig totgedudelte Songs ihrer Zeit ausgräbt. Mit dabei (so von wegen Kalauer) sind auch David Bowie und Marianne Faithfull mit "12 Promille" und "I Got You Babe".

Da lässt sich dann auch verschmerzen, dass die Barbarei der Online-Kommentarspalten am Ende doch eher unterbelichtet und die versprochene Kritik der zynischen Medien größtenteils zahnlos bleibt. Denn die Welt von Barry Champlain endet zwar wirklich ganz unzweifelhaft am Horizont von Barry Champlain – ist aber trotzdem ausgesprochen sehenswert.


 

Talk Radio
von Eric Bogosian / Übersetzung: Thomas Huber

Inszenierung: Niklas Ritter, Bühne: Norman Plathe-Narr, Kostüme: Moritz Schulze, Sound und Musik: Jan Kersjes, Dramaturgie: Nadja Hess
Mit: John Wesley Zielmann, Marc Vinzing, Juliane Schwabe, Kay Krause, Jakob Tögel

Premiere am 14. Dezember 2018 

Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.stadttheaterbremerhaven.de

 

Kritikenrundschau

Wie aus einem Unterhaltungsformat ein Katalysator der Gewalt werde, untersuche Niklas Ritter in seiner "packenden Studie", schreibt Rolf Stein in der Kreiszeitung (17.12.2018). Das Internet als Instrument politischer Emanzipation – oder als Ort verbaler Enthemmung? Auf diese Ausgangsfrage antworte Ritter mit einer Inszenierung, "die Schlaglichter auf aktuelle Phänomene wie Hate Speech wirft, auf eine pervertierte Freiheit der Rede, auf die Faschisierung der Gesellschaft, die schließlich aus dem Schutz der Anonymität tritt und Ernst macht". Das Stück aus den 80ern sei ohne größere Reibungsverluste "ins Heute und ein bisschen auch in Hier gehievt". Moderator Champlain wirke "in seinem schlagfertigen Furor" durchaus aufklärerisch, kenne aber keine Skrupel, seiner Show durch drastische Gesprächswendungen Anerkennung zu verschaffen. John Wesley Zielmann verkörpere den Radiomoderator "in eindrucksvoller Konsequenz" und lasse in seiner Figur mit beklemmender Intensität durchblicken, wie suspekt dieser ihr eigenes Spiel ist.

Atmosphärisch-dicht zeige das Schauspiel Bremerhaven, wie modern das Schauspiel von Eric Bogosian sei, vermerkt Anne Stürzer in der Nordsee-Zeitung (17.12.2018). Klug habe Regisseur Ritter die Vorlage in die Gegenwart übertragen; das Grundproblem, das sich damals abzeichnete, habe mittlerweile scharfe Konturen bekommen: "Kommunikation findet nicht mehr statt, gerade zwischen den unterschiedlichen Lagern ist Verständigung kaum mehr möglich, Konfrontation dagegen das Mittel der Wahl." Gegen Hass und Wut habe auch der Moderator in "Talk Radio" nichts, im Gegenteil mache er sich "mit Wonne die ganze Welt zum Feind“, so Stürzer. Staunend sehe man zu, wie sich ein eher statisches Hörstück in ein Schauspiel verwandle; im Zentrum der sich gottgleich fühlende Radiostar, dem "trotz seines Sendungsbewusstseins" eines fehle: die Menschlichkeit. Zuhören, so schließt die Kritikerin, wäre wirklich eine Alternative.

 
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