Mutter Beimer, Beck und Burgund

von Hartmut Krug

Worms, 2. August 2008. Das eigentliche Theater beginnt bereits Stunden vor der Aufführung. Ein roter Teppich führt für die VIPs hinauf zum Händedruck mit dem Oberbürgermeister, während sich die Einheimischen hinter Absperrgittern drängeln. Kurt Beck hält eine kurze Ansprache und Mutter Beimer alias Marie-Luise Marjan im Blitzlichtgewitter Hof. TV-Moderatoren und Soap-Sternchen setzen sich in Szene und verblasste Unterhaltungsstars wie Dunja Rajter und neue wie ein Juror nebst Model von "Germany's Next Top Model" flanieren im Park zwischen den Zelten von so genannten "Mastersponsoren" umher.

Verschiedenfarbige Armbändchen gestatten den Zutritt zu Zelten, in denen man bei Sekt und Häppchen ganz frei und umsonst unter sich sein kann. In Worms träumt man im achten Jahr den Traum von einem zweiten Salzburg, und indem der Regie führende Festivalleiter Dieter Wedel jedes Jahr neue Darsteller von Film und Fernsehen auf seine große Bühne vor dem historischen Dom holt, müssen erhoffter Glanz und gewünschte Bedeutung aus medialer Scheinwelt geborgt werden.

Der Mythos befreit von Heldenposen

In Worms geht nichts mehr ohne den Heldenmythos "von kuener recken striten", - er bringt der Stadt historische Identität und sommerlichen Fremdenverkehr. Selbst der Saumagen beim Schlachter und die Leberknödel im Restaurant werden mit Nibelungen-Namen oder -Zitaten angepriesen. Anders als 1937 bis 1939, als Hebbels "Nibelungen" in Worms mit Goebbels als nationalsozialistisches Aufbauwerk gefeiert wurden, wird der Mythos allerdings nicht mehr politisch instrumentalisiert, sondern in Moritz Rinkes elegant ironisierender Version in unsere Zeit geholt und dabei von Pathos und falschen Heldenposen befreit.

In den ersten beiden Jahren wurden Rinkes "Nibelungen" an einem einzigen, überlangen Abend gespielt, anschließend bot man zwei Jahre lang in Karin Beiers Regie die Version von Hebbel, bis 2006 und 2007 Dieter Wedel eine Neufassung von Rinkes Text arrangierte, die den Mythos auf zwei Abende verteilte.

Mit TV-Stars interessant gemacht

In diesem Jahr nun zeigt man beide Teile im täglichen Wechsel. Wedel hat dafür mit seinen Dramaturgen John von Düffel und Rainer Hofmann für "Siegfrieds Frauen" und "Die letzten Tage von Burgund" Moritz Rinke und Friedrich Hebbel zusammenmontiert und mit eigenen Handlungsideen erweitert. Wedels Problem ist das des Festivals: Die Nibelungen werden nicht jedes Jahr von einem anderen Regisseur neu interpretiert, sondern müssen vom immer gleichen Regisseur wieder aufs neue interessant gemacht werden. Das wird mit einer Besetzungspolitik versucht, bei der einige Hauptrollen mit neuen TV-Stars besetzt werden, und mit Neu-Inszenierungen, bei denen in das Gerüst der alten einige wenige neue Szenen montiert werden.

Für "Siegfrieds Frauen" wurde die Figur des Spielmanns Volker von Alzey eingefügt, der sich, die alte Geschichte erinnernd, mit heutigem Blick kommentierend einmischt und der, an der Heldensaga zweifelnd, unsere heutige Distanz ausdrückt. Leider wird ihm dabei weder von der Regie genug Raum gegeben, noch wird ihr von Walter Plathe als Darsteller des Spielmanns genug genommen.

Brünhild und Kriemhild als best friends

Wo die Aufführung "den Lyriker Hebbel mit dem geschickteren Dramatiker Rinke" neu zu verknüpfen sucht, schiebt sich Plathe meist nur mit statischer Undeutlichkeit ins Geschehen. Dabei wirkt er eher störend und meist recht entbehrlich, ganz anders als einst Uwe Friedrichsen, der in der ersten Rinke-Fassung als erklärender Erzähler durchs Geschehen führte.

Meret Becker ist eine Brünhild von mild-versonnener, direkter Emotionalität. Während Siegfried und Brünhild als ein eigentlich füreinander bestimmtes Paar erscheinen, könnten Brünhild und Kriemhild Freundinnen sein. So wie Kriemhild von Balkon oder Baum heruntersteigt an den Hof und in die politischen Kämpfe, so steigt auch Brünhild von ihrem Eispferd in eine Welt, in die sie nicht gehört. Auch wenn Meret Becker wenig vom Kämpferisch-Rebellischen ihrer Figur vermittelt, sondern mehr eine Sehnsucht nach Liebe verströmt, und wenn auch Annett Renneberg als Kriemhild nur noch wenig vom Ansturm gegen den Reformstau vermittelt, den Rinke ihrer Figur zugeschrieben hat, so bestimmen die beiden Darstellerinnen doch mit ihrer so gegensätzlichen Intensität eine Aufführung, die oft nicht weit vom Boulevard entfernt bleibt.

Warum mussten die Nibelungen untergehen?

Robert Dölle gibt seinen meist halbnackten Recken Siegfried wie ein deutliches Zitat, und auch die anderen Darsteller bieten solides bis präzises (Susanne Tremper als Ute!) Schauspielerhandwerk. Doch bleibt die Geschichte eindeutig und ziemlich spannungslos, wenn das Geschehen zu einer von Filmsequenzen unterbrochenen Männerkampf-Geschichte um Liebe, Macht und Mord ausgewalzt wird, als sei es nur ein Fernsehspiel. Uwe Bohm gibt Hagen als einen einflussreichen, lohnabhängigen Außenseiter, der alles am Laufen hält, weil er eigentlich über seine Position hinaus will. Ein Manager der Macht, den weißen Schal überm dunklen Anzug. Dieser Zivilist hat als Waffe nur seinen Kopf und mordet Siegfried mit einem Fingerstips.

In Wedels neuer Version von "Die letzten Tage von Burgund" werden neue Gründe für den Untergang der Nibelungen erfunden. Kriemhild ist glücklich mit Etzel geworden und will gar keinen Besuch von den Burgundern. Doch da diese, wirtschaftlich am Ende, sich von Etzel Unterstützung erhoffen, reisen sie aus eigenem Antrieb an.

Großes Arrangement, kleine Fernsehspielmünze 

Und da Hagen, in so verquerer Psychologie wie quälend langwierigen Erklärszenen und Klischeesätzen, Kriemhild liebt, nimmt mit der Erkenntnis "du musst alles töten, was du liebst“ und der Anschuldigung "Das hast du doch gewollt", was Kriemhild mit einem "Ich bin nicht wie ihr alle denkt" vergeblich zurück weist, das Unheil seinen Lauf. Wie sich da die Inszenierung mit küchenpsychologischen Behauptungen in unfreiwillige Komik und freiwilligen Kitsch verrennt, das lässt eine in manchen großen Arrangements und etlichen Schauspielerleistungen durchaus ansprechende Inszenierung letztlich doch scheitern, denn Dieter Wedel zahlt den großen Mythos nur in der kleinen Fernsehspielmünze aus.

 

Siegfrieds Frauen/Die letzten Tage von Burgund
von Moritz Rinke
Regie: Dieter Wedel, Dramaturgie: John von Düffel, Rainer Hofmann.
Mit: Meret Becker, Annett Renneberg, Susanne Tremper, Roland Renner, Sven Walser, André Eisermann, Uwe Bohm, Walter Plathe, Christian Klischat, Stephan Lewetz, Tilo Keiner, Vinzenz Kiefer, Robert Dölle, Jörg Pleva, Anouschka Renzi, Ilja Richter, Dominique Voland, Laina Schwarz, Christian Klischat, Mark Hinkel.

www.nibelungenfestspiele.de

 

Kritikenrundschau

In der Süddeutschen Zeitung (4.8.) bemerkt Jürgen Berger zur Wormser "Nibelungen"-Doppelpremiere, dass Regisseur Dieter Wedel "in der Neudeutung des linksrheinischen Denver Clan zwar nicht mehr so randaliert wie in den vergangenen Jahren. Die martialischen Wehrmachtsaufmärsche sind stark zurückgenommen, kitschige Filmeinlagen erlaubt er sich nur zwei Mal. Dafür vergreift der Sounddesigner Ulrich Schneider sich umso heftiger im Ton und fährt die Mikroport-Anlage so hoch, als wolle er den Dom zum Einsturz bringen." Meret Becker als Brünhild jeder Satz "zur Deklamation und jede Haltung zur Pose", Uwe Bohm als Hagen zelebriere je länger, umso eintöniger ohnehin "nur eine Pose: Rechte Hand am Siegelring des linken, die Schröder-Zigarre immer im Anschlag." Lobende Worte findet Berger dagegen für Robert Dölle als Siegfried, ein "zugleich kriegerischer und kuscheliger Held", und für Annett Renneberg als Kriemhild, die "nicht nur eine bedingungslos Liebende" sei, "sondern immer auch eine Frau, die weiß, dass das dicke Ende noch kommt".

"Ein Hauch von epischem Theater" umwehe diese Nibelungen, meint Theo Schneider im Tagesspiegel (4.8.), "mit verschlankter Handlung abseits barocker Bilderfülle, mit üppigen Requisiten und hundertköpfiger Komparserie. Vorangetrieben wird sie flott, vielleicht zu flott. Besonders der Anfang des ersten Abends wirkt unkonzentriert, verstolpert und für Nibelungen-Neulinge verwirrend. Viele Anspielungen auf Gebräuche und Gebrechen der wiedervereinigten Republik, die Moritz Rinkes Urfassung so witzig machten, sind bei der Überarbeitung leider auf der Strecke geblieben." Die Bilder des zweiten Abends seien immerhin "konzentrierter gebaut als am ersten", Wedels "Regie des Untergangs" wirke wie "ein mit unerbittlicher Logik ablaufender Verwaltungsakt". Schneiders Fazit: "nicht schlecht", doch: "Cuvées sind oft ganz gut. Aber Rinke pur und Hebbel pur waren besser."

Moritz Rinke hole "die Nibelungen auf eine lockere, ja geradezu herzliche Weise vom Sockel in das Theater der trivialen Alltagsrealität", schreibt Alfred Huber im Mannheimer Morgen (4.8.). Und Dieter Wedel sei "dieser popularisierenden Spur unbeirrbar gefolgt, ohne seine Regiekünste deshalb gleich pauschal den mehrspurigen ästhetischen Autobahnen in Richtung Vulgärsoziologie auszuliefern. Das darf man bewundern." Doch Huber spricht auch von den "oft plakativen Inszenierungskünsten Wedels", die man jedoch am ersten Abend momentweise vergesse, da "so vieles atmosphärisch stimmt und den Zuschauern mit Nachdruck vorgeführt wird, dass die Schauspielkunst nicht nur eine Arbeit der Stimmbänder ist, sondern auch eine des Kopfes. All das fehlt im zweiten Teil. Jetzt zeigt Wedel viel edles Design, aber wenig Drama."

In der Wormser Zeitung (4.8.) ist Michael Jacobs der Ansicht, dass Worms "mit seinem facetten- und fintenreichen Nibelungen-Doppelschlag … in puncto langer Atem locker mit Bayreuth konkurrieren" könne. Bei der Konturierung der Frauenfiguren hülfen "Wedels Hebbel-Infusionen, prallen Brünhilds naturkindhafte Verzweiflungsattacken und der Helden- und Hof-Überdruss Kriemhilds … wirkungsmächtig aufeinander. Beim Showdown auf der Bankett-Tafel, wenn Kriemhild Brünhilds Gürtel schrill-schreiend als Trophäe tiefster Demütigung zückt, verschattet der dunkle Urgrund des Stoffes die ironische Grundfärbung." Am zweiten Abend seien "die Schnittmuster stimmiger, die Spannungsbögen stringenter, die Handlung … ganz auf den von Irrwegen und falschen Prämissen geprägten Konflikt zwischen Hagen und Kriemhild hin komponiert."

Nein, das war nichts, befindet dagegen Judith Sternburg (4.8.) in der Frankfurter Rundschau, die sich trotz Schlachtengetümmels nur mäßig für das Spektakel erwärmen konnte. Vielleicht kämen einem die Nibelungen schon alleine deshalb nicht näher, weil die Welt andere Heldentaten als die hier gezeigten kenne und brauche. Und ein Hunnenkönig im Hawaihemd gewinnt bei der Kritikerin in diesem Kontext auch keinen Blumentopf. Aber auch insgesamt bemängelt sie eine gewisse hohle Theaterhaftigkeit. "Siegfrieds Schlacht unter rascher Auflösung der feindlichen Schildkrötenformation ist das Echo einer Schlacht, nicht die Schlacht selbst. Schwarze Teile versperren bisweilen den Blick auf den Dom und sind ein Echo auf moderne Theaterkulissen. Im Grunde wird hier gespielt, dass Theater gespielt wird. Und die einzige wirklich witzige, unheimliche Szene ist eine Filmeinspielung. Also müsste Dieter Wedel einmal einen Nibelungenfilm drehen."

 

 

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