"Er wusste, was Mitleid ist"

von Fabian Hinrichs

Berlin, 17. Januar 2019. Vielen Dank an Aenne Quiñones, an Annemie Vanackere, an Hans-Ulrich Müller-Schwefe und an Sabine Reich für die Einladung, mich mit Herrn Schleef zu beschäftigen, ein ehrenvoller Auftrag.

Bertolt Brecht:
"Lass Dir nichts einreden
sieh selber nach
was Du nicht selbst weißt
weißt Du nicht.
Prüfe die Rechnung,
Du musst sie bezahlen."

Eine Geschichte über Herrn Schleef geht so: Er ist eingeladen bei einer Podiumsdiskussion, ich glaube in Nürnberg, er geht hin, sitzt im Zuschauersaal, so einer wie dieser hier, und als er auf die Bühne gerufen wird, steht er auf und geht weg. (Aber – er war natürlich alles andere als ein Wegläufer; manchmal ist das Dableiben ja das wahre Weglaufen.)

Eine andere Geschichte lautet folgendermaßen, erzählt von einem Freund von mir, der einige Male mit Herrn Schleef gearbeitet hat:
Schleef lässt sich für seine Flüge von Wien nach Berlin zwei Sitze buchen. Als ihn das Betriebsbüro fragt, für wen denn der Platz neben ihm sei, den das Theater bezahlen solle, sagt er: "Für den Kostümbildner."
"Aber das sind doch Sie, auch."
"Genau."

Es gibt so viele Geschichten über Einar Schleef. So viele von anderen, aber auch von ihm selbst in die Welt gesetzte Geschichten, als sei sein Leben gar kein real gelebtes Leben gewesen, sondern vielmehr ein Mythos.

In einem Mythos gibt es, wie Sie wissen, zwei Parteien, die in einer nie abbrechenden Wechselbeziehung stehen und es wirkt so, als könnte Herr Schleef (um in der von ihm gern gewählten Anredeform zu bleiben: Herr Müller, Herr Peymann, Frau Jelinek) beide Parteien verkörpern: den Einzelnen, den Helden, den Heros, den, der keine Furcht kennt, der aufbricht ins Unbekannte, der die Regeln der Klugheit und Vorsicht missachtet, verachtet, um für uns – auch für unseren Glauben an das Bestehen einer gemeinschaftlichen Identität – das Gefährliche, Riskante aufzusuchen. Er ist der Held, der die Ausnahme vom Alltäglichen ist, der sich nicht an die Meute anpasst, im Gegenteil, er legt sich an, mit dem Betrieb, er bleibt sich treu, er ist nicht in der SED, er hat eigene Vorstellungen; aber es wird auf ihn eingedroschen, im Osten wie im Westen, immerzu eingedroschen, er haut ab, er bricht ab – die Chronik seines Lebens weist mehr Abbrüche als Vollendungen auf –, als lebe er das Diktum Heiner Müllers: "Ich glaube an Konflikt. Sonst glaube ich an nichts."

ErinnernIstArbeit Schleef 9237 560 DorotheaTuch uFabian Hinrichs im Berliner HAU © Dorothea Tuch

Er arbeitet arbeitet arbeitet (wirklich?), er schreibt für uns sein Leben auf, all die Kleinigkeiten, all die Zweifel, all den (Selbst-) Hass, er legt als Schriftsteller ungeheure Zeugnisse seiner Einsamkeit ab, einer systemübergreifenden Einsamkeit, überall dieselbe kalte Hölle, er geht einer schriftstellerischen Tugend nach: präziser Zeitzeuge zu sein, für die Nachwelt, der sagt, wo andere verstummen und schweigt, wo andere reden (zum Beispiel bei Alfred Biolek, da schwieg er erst lange, lange, für das Fernsehen ewig, ein Schweigen, das an seine Inszenierung, sein Stück "Salome" in Düsseldorf erinnert, aber dazu später, viel später; die Dauer spielte in seinen Inszenierungen schließlich auch eine wichtige Rolle).

Er malt, er schreibt, er fotografiert, er inszeniert, er macht das Bühnenbild, er macht das Kostümbild, er tritt als Solist auf, ja, als Solist, er dirigiert riesige Chöre, er illuminiert die großen Theatersäle mit gleißendem Licht, hartem Licht, auch sanftem Licht, mit gar keinem Licht, es wirkt wie bei Fritz Lang. Und und und und und.

Er gräbt, des Tags und des Nachts, er sucht etwas, das das bürgerliche Trauerspiel ins theatrale Unterbewusstsein verdrängt hatte, er sucht und er findet wohl auch das Wahre hinter den perlenden, plappernden, gemütlichen Dialogen auf der Chaiselongue hinter der vierten Wand. Den eigenen Hass findet er und den der anderen, Wut und den Ursprung aller Theatererzählungen, entsetzlicherweise auch den Gründungsmythos der deutschen Nation: den Krieg, der Fakt, der alle Traditionen zerbricht. Woran halten sich die Menschen, also der Einzelne und die Anderen, in dieser Welt, diesem Deutschland, das aus dem Krieg hervorgegangen ist, in der alle alten Maßstäbe, alten Gedankengänge vernichtet sind? Das Jean Paul Sartre so beschrieb:

"Wenn die Werkzeuge zerbrochen und unbrauchbar geworden sind,
wenn Pläne vereitelt und Anstrengungen sinnlos geworden sind
zeigt sich die Welt in einer furchtbaren kindlichen Frische
als schwebe sie zusammenhangslos im Nichts."

Alles ist in Bewegung

Mein kleinster Sohn Anno (er ist zweieinhalb) sagte gestern zu mir, als ich die Wäsche holen wollte: "Papa geht in den Keller." (Ich wohne in Potsdam, da gibt es noch Waschkeller.) Und das tat Einar Schleef ja nun auch.

Er kann nicht ausblenden und nicht akzeptieren, dass auf dem Bahnhof Zoo das viel aufregendere Theater stattfindet, dass da viel mehr los ist als bei uns auf der Bühne. Und deswegen fehlt er, das kann man an dieser Stelle schon sagen (Alle sagen ja, dass er fehlt. Auf einmal.). Er liest Urfassungen, er studiert wie sein mitteldeutscher Sprechsprachenkollege und Philologe Friedrich Nietzsche die Quellen, aus denen sich die europäische Theaterkultur speist, er sucht den Urmythos, um in ihm den Ausnahmezustand zu finden, die dunklen Verlockungen, die furiosen Tänze, alles ist in Bewegung, auch die Gewänder, die Prozessionen.

Berlin Bahnhof Zoo Zoologischer Garten 2007 CopyWolfgangPehlemann uDas aufregendere Theater: Berlin Bahnhof Zoo Zoologischer Garten 2007
© Wolfgang Pehlemann (CC BY-SA 3.0 DE)

Er findet auch die Fremdheit der Masken, hinter der man die eigene Fremdheit erfährt, er ent-deckt (im Wortsinne) das Musiktheater!, den Gesang!, den Rhythmus, den Tanz und dazu die literarische Überformung, den Chor! Und mit ihm die Tragödie (die erste Tragödie wurde übrigens geschrieben von einem Schauspieler, dem Schauspieler Thespis). Die Tragödie, das ist der ausweglose Konflikt zwischen krankem Individuum und kranker Gemeinschaft. Das ist für Schleef die Tragödie, auch die der Gegenwart (das haben ja alle hier Anwesenden wahrscheinlich schon 4000 mal gehört in den letzten 25 Jahren, und trotzdem): die immer wiederkehrende Erfahrung des Einzelnen, dass er auf einmal draußen ist, dass er selbst sehen muss, wo er bleibt, und dass man sich zudem ständig selber sagen muss, ich bin immerhin ein Subjekt, ("der anspruchvollste Titel den die Menschheit sich jemals zugelegt hat", so Herr Luhmann), ein Subjekt.

Der Einzelne muss untergehen

Ich wollte hier eigentlich meine gesammelten Hefte des "Redbulletin" mitbringen, das ist das Magazin des Energy-Drinks Red Bull, in dem hauptsächlich Extremsportler oder Laien, die Extremes tun, wie beispielsweise irische Elektriker, die sich finanziell und sozial ruinieren, um vor ihrem Tod alle Achttausender bestiegen zu haben, allen anderen Ratschläge geben, wie man zu leben hat. In diesem Magazin schreien alle FrancisBaconhaft mit offenem Mund (und sie werden auch – nicht nur von Red Bull – dazu aufgefordert): Ich bin etwas Besonderes, ich kann alles Titel Redbulletinschaffen, wenn ich es nur will, ich bin ein Subjekt! Ich habe einen Anspruch darauf, wie ein Subjekt behandelt zu werden. Das erinnert mich an Lily Tomlins Ausspruch: "I always wanted to be somebody, but now I realize I should have been more specific."
Der Einzelne wird also ausgestoßen, rausgetreten, das ist sein Preis, den hat er zu bezahlen, dafür, nicht nur somebody sein zu wollen. Er muss untergehen, er muss verschwinden. Aber auch der Chor ist kein Zuhause, es ist eine Masse von Ausgestoßenen, Elenden. Die Normierungen der Gemeinschaft und die Bedürfnisse des Einzelnen, das geht einfach nicht zusammen; kommt aber nicht ohne einander aus. Aus dieser wechselseitigen Vergiftung heraus entsteht, als ototoxische Reaktion, das tragische Bewusstsein. Das ist bekannt, das weiß man.
Der Held dieses Theatermythos', der hier von mir gerade wieder mündlich überliefert wird, Einar Schleef, ent-deckt also die Mumie der Tragödie. Er packt sie in seinen Jutebeutel, er nimmt sie in seine Frankfurter Wohnung, zu Hause wickelt er sie aus. Und was dann? Was geschah dann?

Warum spreche ich heute Abend eigentlich über Einar Schleef?

Obwohl ich ihm nie begegnet bin, nie mit ihm gearbeitet habe. Obwohl ich in mir bisher wirklich keine Besessenheit für Chöre feststellen konnte. Und vielleicht auch nie mit ihm hätte arbeiten wollen, oder er mit mir, wer weiß, aber das ist ja alles vollkommen unwichtig. Obwohl ich seine Diagnose, der Einzelne sei als von ihm rhythmisierte, phrasierte und dirigierte Stimme im Chor um ein Vielfaches individueller im Sein als wenn er eigene Gestaltungsversuche unternähme, auf jeden Fall als provozierend und auch als bigott empfinde (denn warum hat er sich dann nicht einfach in den Chor eingereiht anstatt als Solist aufzutreten?).
Und obwohl ich nach allen Back- und Kieselsteinen, die ich lesen durfte und wollte! Ich wollte es!, obwohl ich davon überzeugt bin, das Schleef in diesem Mythos hier auch das Gegenstück des oben gezeichneten Heros verkörpert – nämlich auch das Opfer, das selbstmitleidige Opfer auch; "Und wenn der Mensch in seiner Qual verstimmt, gab mir ein Gott zu sagen, wie ich leide", sagt Torquato Tasso.

Arbeit als Existenz

Das Opfer, das sich zwar andauernd einsam fühlt, vaterlos, aber gleichzeitig mehrere Kinder gezeugt hat, um die er sich dann anscheinend nicht so sehr gekümmert hat. Er bilanziert an einer Stelle, er habe sich entscheiden müssen, Vatersein oder Künstlersein. In solchen Momenten klingt er wie Udo Jürgens, der hat das auch so gesagt. Ja ich weiß, es waren andere Zeiten, mit noch anderen Vätern (mein Vater ist übrigens wie Schleef 1944 geboren, in Sondershausen, gleich um die Ecke von Sangerhausen, ich wusste es, ich bin halber Ossi! Und meine Mutter ist paranoid-schizophren und mein Vater lief zuhause dauernd in Uniform herum, wie bereits meine beiden Großväter, ich bin also einigermaßen nah an Schleef dran). Aber das Urkollektiv, die Familie, kann doch etwas Anderes sein als nur Zwangsverbund und pathogenes Milieu. Das sage ich heute 2019, natürlich. Letztes Jahr ist Bernardo Bertolucci gestorben und als er starb, zeigte das Fernsehen noch einmal einige kurze gepresste Ausschnitte aus seinen langen monumentalen Filmen und sie zeigten dort auch einen Ausschnitt aus einem Gespräch, in dem Bertolucci sagt: "Wenn ich nicht arbeite, habe ich das Gefühl, nicht zu existieren." Was für ein trauriger, verzweifelter, lebensfeindlicher, durch keinen romantischen Lord-Byron-Filter anzuschauender Satz, aber er hätte vielleicht auch von Einar Schleef stammen können?

Schleef Einar 560 Sonja Rothweiler xEinar Schleef © Sonja Rothweiler

Und was ich ihm, der an einer Stelle schreibt "der Ehrliche, ich" nicht glaube, ist, dass er sich ständig und kontinuierlich in dieser Distanzposition zur Gesellschaft empfunden haben kann. Das geht nicht, das gibt es nicht. Auch er muss hin- und hergewandert sein, zwischen Inklusion und Exklusion, so wie wir alle, wie wir alle, der Künstler ist keine übermenschliche Opposition zum Menschen.

Trotzdem.

Ich habe "Salome" gesehen, 1998 oder 1999 in Düsseldorf. Ich war da also 24 oder 25. Das war vor 20 Jahren. Und ich kann mich noch ganz genau an diesen Abend erinnern. Und das heißt viel für mich, denn ich habe so Vieles einfach vergessen. Aber an diesen Abend erinnere ich mich noch sehr genau. An das Schweigen am Anfang, an das seltsame Blau, die ungeheure eng zulaufende Tiefe der Bühne, dann der eiserne Vorhang, das 15 oder sogar 20 Minuten währende starre Stehen der 30 oder 20 posierenden Menschen und so weiter und so weiter, ich möchte gar nicht versuchen, jetzt von kristallinen Kontrasten, von doppelten Resonanzböden aus Angst und Schmerz, vom Witz auch zu sprechen, nun also versuchen Gefühle, die ich beim Sehen und Hören hatte, mit Verstandesinstrumenten einzusperren, wegzusperren.
Ich möchte nur sagen, dass ich bewegt und beeindruckt war und viele sehr widersprüchliche Empfindungen hatte: Fremde, Nähe, Schwerelosigkeit, Anstrengung. Daran erinnere ich mich, das ist in meinem Kopf, in meinem Herzen, deswegen spreche ich heute hier. (Woody Allen hat einmal gesagt, er möchte nicht in den Köpfen und Herzen seiner Mitbürger weiterleben, sondern in seinem Apartment).

Warum fehlt Schleef für das heutige Theater, ich beschränke mich jetzt einmal nur auf das Theater und lasse Fotografie und Malerei beiseite, da kenne ich mich nun überhaupt nicht aus. Literatur vielleicht mehr, aber ich beschränke mich auf das Theater.

Viele sagen, heute!, er fehlt. Was fehlt?

Ich würde anders fragen, denn ich teile nicht den Gedanken, dass mit ihm eine Theaterqualität, Theaterwesenhaftigkeit ausgestorben ist, etwas, das so heute nirgends mehr zu finden ist. Das sehe ich nicht so. Ich würde eher fragen: Wobei könnte er helfen? So würde ich fragen.

Er könnte meiner Meinung nach dabei helfen, dass der Kontakt mit dem Präliterarischen im Theater nicht verlorengeht. Was ist damit gemeint?

Ein Stück Unsterblichkeit

Durch seine Inszenierungen klang die Stimme der Dienstbotengesänge, der Volkslieder, da er ja ganz im Sinne Nietzsches und auch Wagners und natürlich der antiken Vor-Bilder die Grenze zwischen Sprechtheater und Musiktheater gelockert hat. Und diese Stimme kann man auch als einen Hinweis von Einar Schleef deuten, als einen Auftrag. Die von ihm eingesetzten Dienstbotengesänge und Volkslieder liegen im Deutschen am Grunde aller Dichtung. Was hat es nun damit auf sich?
Es war Schleef ungemein wichtig, dass man sich doch noch an die Klassiker halten kann. Denn er teilte, so bin ich überzeugt, Brechts Einsicht, dass die Klassiker "die mitleidigsten aller Menschen" waren. Schleef sah in den Klassikern eine Kenntnis der Wirklichkeit. Und zwar in dem Sinne, dass man sich nicht nur über Chancenungleichheit empört, über Armut, über Ausgrenzung, über physische Folgen all dieser Vorgänge, sondern vor allem über die Unsichtbarkeit dieser Prozesse, die Unsichtbarkeit der betroffenen Menschen. Und eben im Volkslied, in den Dienstbotengesängen stemmt sich das Volk gegen die eigene Unsichtbarkeit und das Vergessenwerden, um dem zu entrinnen, um ein Stück Unsterblichkeit zu gewinnen. Und dieses große Mitleid nun hat Schleef, so denke ich, oftmals in großen Zorn verwandelt. Denn er wusste, was Mitleid ist: dass man denen die Hilfe nicht versagt, die sie nötig haben. Und das ist ein in den Liedern und in den klassischen Texten und Formen verborgener Hinweis von Schleef an das Heute.

Für ihn war das Schweigen in den Verhältnissen vor und nach der sogenannten Wende und das Zum-Schweigen-bringen-der-Texte durch Gelaber ein Gewaltakt, denke ich. Ich glaube, er wollte verstehen, was in diesem Lande wirklich geschieht. Und deswegen diese unglaubliche Präzision bei der Arbeit: um überhaupt Unterschiede sehen zu können, Unterscheidungen treffen zu können, muss man präzise sein, beim Schreiben, beim Leuchten, beim Sprechen, beim Singen.
Was sind die Worte mit denen wir leben können? Wie kann man gut sein in einer Welt, die Güte unmöglich macht?

ErinnernIstArbeit Schleef 4271 560 DorotheaTuch uFabian Hinrichs © Dorothea Tuch

Er hat ja von 1976 bis 1985 im Westen kaum am Theater gearbeitet. So eine Haltung, die ganz von innen heraus kommt, fern von Marktgedanken, Verwertungsgedanken, einem Karrieregedanken, von Marktförmigkeit ist ja nun wirklich kaum mehr anzutreffen. Man kann es wohl so sagen: Er war das Gegenteil eines Opportunisten, und Opportunismus, die Seuche am Anfang des letzten Jahrhunderts, taucht jetzt in Gestalt des Netzwerkopportunisten wieder auf, er formt das Antlitz des außengeleiteten Machers (und Regisseurs, Schauspielers und Intendanten) und Users.

Schleef, so denke ich, war nicht außengeleitet, er war innengeleitet und hierin wohltuend traditionell. Er hat sich nicht in der sozialen Leere eingerichtet, das zeigen seine Bilder, seine Fotografien, das zeigt nahezu jede einzelne Seite seiner Tagebücher, schon als Kind zeichnet ihn das aus – dieser bis ins Asoziale hineingehende Mangel an Verblendungsempfänglichkeit und die Fähigkeit, Elend insbesondere auch außerhalb des eigenen Milieus zu erkennen und nachzuempfinden.

Das betrifft aber nicht nur seinen Blick auf die DDR. Auch im Westen sieht er Menschen, die mit sich selber reden vor Karstadt oder jemand kommt zu Dir, er ist nett, er spricht wirklich mit Dir, aber dann stellt sich heraus, er will Dir nur einen Rasenmäher verkaufen. Und all das nimmt er in sich auf, all das tut ihm weh. Und deswegen ist sein Formenkanon, an dem er gearbeitet hat, was immer man auch davon halten mag, kein Formatportfolio wie bei seinen Nachahmern. (Letztere Entwicklung sah er voraus, als er prophezeite, das Theater der Zukunft würde eines "der Handschriften" sein, leider.)

Die Wiederbelebung dieser Haltung, die aus dem Mitleid heraus kommt, das ist vielleicht ein weiterer Gutschein, den er uns zum Einlösen hinterlassen hat.

Der richtige Ort

Was würde er heute wohl machen?

Tja.

In seiner "Puntila"-Inszenierung wollte Schleef ja schon damals mehr individuelle Charaktere auf die Bühne stellen, auch abkommen von strengen Vorschriften. Martin Wuttke, Jutta Hoffmann, Jürgen Holtz, die sind ja auch mit ihm schon diesen Weg gegangen. Wo wäre er wohl gelandet?

Aufschlussreich und so schön einfach ist seine Reaktion, zu sehen in einer Dokumentation des WDR, auf die Schließung des Schillertheaters.
In dem Film fragt Anna Pocher (ich habe sie in dem Film wiederentdeckt, sie war meine Bewegungslehrerin in Bochum während des Schauspielstudiums und damals, zur Zeit der Schillertheaterschließung, Mitglied der Gruppe um Reinhild Hoffmann, mit der Schleef ja auch zusammengearbeitet hat), sie fragt Schleef, "Was soll man machen?" Und er antwortet: "So Theater machen, dass der Zuschauerstrom kommt." Gut, bei der Volksbühne hat der Strom nun auch nicht geholfen.

Ja, es ist schwer, ein Künstler zu sein, jetzt gerade sicherlich, aber vermutlich war es das immer, zu allen Zeiten. Wie sagt er es im Film: "Man muss immer beten, dass die Gedanken kommen. Und dass der Ort, an dem man steht, der richtige ist."

Nietzsche1882 GustavAdolfSchultze uFriedrich Nietzsche, 1882 Der ungemein sympathische Herr Müller-Schwefe, sein Lektor bei Suhrkamp und zudem sein dramaturgischer Berater, dem Herr Schleef so viel zu verdanken hat, er sagte mir bei unserem Treffen (ich denke, ich darf das verraten): "Schleef ist in einer Blase. Und in dieser Blase stinkt es. Er muss da raus!"

Das finde ich auch.

Ganz unabhängig von alldem, was jetzt hier von mir gesagt wurde und anderen, die sich viel ausführlicher mit ihm beschäftigt haben, die ihn kannten und vielleicht auch liebten (ich finde ihn in den aufgezeichneten Gesprächen übrigens sehr weich und total süß und auch charmant): Menschen, Künstler erhalten ihre Größe immer dadurch, was man nicht in ihnen sieht. Wie eine Landschaft.

Und so würde ich gerne schließen mit einem wunderbaren Text von Friedrich Nietzsche, einen Text, den ich mit Einar Schleef verbinde. Warum möchte ich gar nicht sagen, vielleicht will ich es auch selbst gar nicht wissen:

"Das Meer liegt bleich und glänzend da, es kann nicht reden.
Der Himmel spielt sein ewiges stummes Abendspiel mit roten, gelben, grünen Farben, er kann nicht reden.
Die kleinen Klippen und Felsenbänder, welche ins Meer hineinlaufen, wie um den Ort zu finden, wo es am einsamsten ist, sie können alle nicht reden. Diese ungeheure Stummheit, die uns plötzlich überfällt, ist schön und grausenhaft, das Herz schwillt dabei.
– O der Gleißnerei dieser stummen Schönheit! Wie gut könnte sie reden, und wie böse auch, wenn sie wollte! Ihre gebundene Zunge und ihr leidendes Glück im Antlitz ist eine Tücke, um über dein Mitgefühl zu spotten! – Sei es drum! Ich schäme mich dessen nicht, der Spott solcher Mächte zu sein. Aber ich bemitleide dich, Natur, weil du schweigen musst, auch wenn es nur deine Bosheit ist, die dir die Zunge bindet: ja, ich bemitleide dich um deiner Bosheit willen!
– Ach, es wird noch stiller, und noch einmal schwillt mir das Herz: es erschrickt vor einer neuen Wahrheit, es kann auch nicht reden, es spottet selber mit, wenn der Mund etwas in diese Schönheit hinausruft, es genießt selber seine süße Bosheit des Schweigens. Das Sprechen, ja das Denken wird mir verhasst: höre ich denn nicht hinter jedem Worte den Irrtum, die Einbildung, den Wahngeist lachen?
Muss ich nicht meines Mitleidens spotten? Meines Spottes spotten?
– O Meer! O Abend! Ihr seid schlimme Lehrmeister! Ihr lehrt den Menschen aufhören, Mensch zu sein! Soll er sich euch hingeben? Soll er werden, wie ihr es jetzt seid, bleich, glänzend, stumm, ungeheuer, über sich selber ruhend? Über sich selber erhaben?"

Vielen Dank,
Vielen Dank Einar Schleef,
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.

 

Fabian Hinrichs Rede ist eine Auftragsarbeit des HAU Hebbel am Ufer für die Veranstaltung Erinnern ist Arbeit, die anlässlich von Einar Schleefs 75. Geburtstag von Aenne Quiñones (HAU Hebbel am Ufer) in Zusammenarbeit mit Hans-Ulrich Müller-Schwefe (Suhrkamp) und Sabine Reich (freie Dramaturgin) kuratiert wurde.

 

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