Delfine im Sandkasten

von Dorothea Marcus

Mülheim, 7. August 2008. Im Raffelbergpark braust es vor Stimmen und Bildern: man kann sich in Liegesesseln lümmeln und Lebensgeschichten und Liebesbriefen lauschen oder sich in einem "Erinnerungslabyrinth" stundenlang zwischen Fotowänden verlieren: Zwangsarbeiterinnen aus dem Mülheimer AEG-Werk finden sich neben der weltreisenden Stinnes-Tochter, der Mülheimer Operettenstar Käthe Guss neben Überlebenden von Treblinka.

Zehn Monate lang hat die Journalistin Gabriele Gillen mit einem Rechercheteam ungefiltert die Lebenserinnerungen der Stadtbewohner zusammengetragen, sie in Kartons archiviert, in Bruchteilen auf einer Webseite veröffentlicht und nun im Park hinter dem Theater an der Ruhr zu einer vielstimmigen Klang- und Wortinstallation gemacht. Zum Schluss, sagt sie, sei ganz Mülheim mobilisiert gewesen, Hunderte haben eine Geschichte abgegeben.

Das stille Paradies der Erinnerung

Und während im gewittrigen Park die Worte nur so überquellen, hat Regisseur Roberto Ciulli offenbar bewusst die Stille gesucht: bei der Uraufführung des Erinnerungsstücks mit dem kindlichen Namen "Wer hat meinen Schuh begraben" wird so gut wie gar nicht gesprochen. Sondern in einem riesigen Sandkasten unter freiem Himmel herumgetobt: Maria Neumann ist ein hechelnder und apportierender Hund in brauner Lederjacke, die anderen Schauspieler tragen weiße Anzüge, die Frauen flanieren in langen Kleidern unter eleganten kleinen Schirmen, eine trägt Taucherflossen, mit denen sie graziöse gymnastische Übungen macht.

Sie spielen Luft-Badminton oder sonnen sich in den Mülheimer Regenwolken. Aus einem umgestürzten Schrank zischt Nebel und zieht zwischen den Bäumen ab, als wäre schon Herbst und die Vergangenheit verschwommen und diesig. Erinnerungen sind das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann, sagt Jean Paul im Programmheft. Sie ist nostalgisch, kindisch und wehmütig, unübersichtlich wie Sandkörner und färbt sich meistens umso schöner, je länger sie her ist – selbst wenn sie aus dem Krieg stammt.

Als Fliegeralarm ertönt, bricht Panik im Sandkasten aus. Jeder will sich retten, schwankt und stolpert, während die Luft bedrohlich dröhnt, bis man sich geordnet an den Rand setzt: ein Luftschutzkeller. Da wird dann Tagebuch geführt oder angstvoll gestarrt, ein Mädchen schminkt sich die Lippen, bis sie die Mutter wieder abwischt. Als es vorbei ist, stolpert die Gesellschaft wieder ans Licht und findet unter dem Schrank ein schlafendes Mädchen, es wacht auf, singt ein Lied und verschwindet geisterhaft zwischen Bäumen.

Die poetische Essenz der Erinnerung

1943 ist Mülheim tatsächlich fast vollständig zerbombt worden, und in der Erinnerung des Mülheimers Hartmut Traub findet sich, wie seine Geschwister durch einen Schrank vor dem Bombenangriff auf ihr Haus gerettet wurden – eine der wenigen konkreten Geschichten, die man im Stück erkennt. Ansonsten funktioniert der Abend über Assoziationen: Wenn Männer in grauen Mänteln und mit weißen Babymasken herrisch Ausweise kontrollieren und einen Mann mitnehmen, denkt man an Deportationen. Wenn sich Simone Thoma eine Federboa umlegt und huldvoll Küsschen gibt, an den Operettenstar.

Nach dem Krieg ist schnell wieder alles, als wäre nichts gewesen: Kleine Häuschen wachsen aus dem Sand, wie am Fließband werden rotweiße Einweihungsbänder durchgeschnitten und eifrig beklatscht, der Schrank wird hitzig angebetet wie ein Heiligenbild – bis ein schimpfender Moslem herausklettert. Denn Mülheim ist schon lange nicht mehr nur katholisch, Muslime machen etwa zehn Prozent aus.

Danach wird der Schrank zur Dusche, in der man sich mit einer Ladung Persil waschen kann: Eine Stadt wäscht sich eilfertig rein, die Zwangsarbeiter sind in anonymen Massengräbern verstaut, die Synagoge längst abgerissen, nun fliegen Bananen und Nylonstrümpfe, die sich die Frauen in einer graziösen Choreografie anziehen. Und so wird aus der Einzelerinnerung eine poetische Essenz, ein surreales Bild über das Schöne im Schrecklichen oder das, was man im Rückblick dafür hält.

Der Sarg der Erinnerung

Man merkt dem Abend an, dass er lustvoll aus Improvisation entstanden ist, auch die unangenehmen Momente werden gnädig zum lustigen Reigen. Es ist tatsächlich sehr komisch, wenn die Schauspieler den Sandkasten zum Wasserbassin erklären, mit Kopfsprung hineinspringen, kraulen, prustend auf dem Rücken schwimmen oder gar als Delfine den Sand durchpflügen: das Meer kann man überall fantasieren, auch in Mülheim. Zum Schluss wird der ganze Erinnerungsmüll in den Schrank gekippt und abtransportiert wie ein Sarg und Plastikfolie über den Sand mit seinen Häuschen gezogen.

In Köln hatte vor kurzem die Kölner Affäre von Alvis Hermanis Uraufführung, dort wurde der Einzelne zur ganzen Welt erklärt, konkrete Menschen zum pars pro toto einer ganzen Stadt. Ciulli ist umgekehrt vorgegangen: er hat das Konkrete wieder ins Allgemeingültige, universell Menschliche verschwimmen lassen und das ungefilterte Erinnerungschaos surreal und poetisch kondensiert. Mülheims Entnazifizierung ist die einer jeden deutschen Stadt, Menschen leben weiter, schuldige und emsige Sandkörner, die Zeit heilt alle Wunden. Der Abend ist schön wie ein Traum, die Bilder arbeiten im Kopf von selber weiter. Und so kann man sich treiben lassen und ist froh, wie das Chaos mal zum Stillstand kommt. Über Mülheim hat man ungefähr soviel gelernt, wie täglich über das Leben. Aber ist das nicht auch schon viel?

 

Wer hat meine Schuhe vergraben? (UA)
Eine Produktion im Rahmen von "Mülheim am Meer" anlässlich des 200jährigen Stadtjubiläums Mülheim an der Ruhr
Idee und Konzept: Roberto Ciulli mit dem Ensembe des Theater an der Ruhr, Regiemitarbeit: Thomas Peter Goergen, Kostüme: Heinke Stork, Raum: Gralf Edzard Habben.
Mit: Albana Agaj, Petra von der Beek, Albert Bork, Rosmarie Brücher, Roberto Ciulli, Thomas Peter Goergen, Klaus Herzog, Peter Kapusta, Khosrou Mahmoudi, Fabio Menendez, Maria Neumann, Steffen Reuber, Volker Roos, Rupert J. Seidl, Simone Thoma, Emma Wiethoff.

www.theater-an-der-ruhr.de
www.muelheim-am-meer.de

 

 

Kritikenrundschau 

Stefan Keim äußert im Deutschlandradio Kultur (7.8.2008) grundsätzliches Wohlgefallen an der Idee, die diesem Theaterabend zu Grunde liegt: dass nämlich eine ganze Stadt ein Theaterstück schreibt. Was dabei herausgekommen ist, begeistert ihn allerdings nur in Maßen. Zwar lobt er Roberto Ciullis Inszenierung im Raffelbergpark rund um das Theater an der Ruhr als "schöne Installation", lauscht Flüsterstimmen von beleuchten Bäumen und ist auch sonst den magischen Momenten dieses Theaterprojekts gegenüber durchaus aufgeschlossen. So richtig froh wird er am Ende trotzdem nicht damit. Denn manchmal wirkt die Aufführung auf ihn "etwas beliebig, spröde, schwerblütig". Zwar findet Keim es mutig, "dass Roberto Ciulli nicht einfach die Erwartungen an ein Stück zum Stadtjubiläum" erfüllt hat. Doch richtig weit ist er aus seiner Sicht mit diesem philosophischen Theateressay über das Erinnern trotzdem nicht gekommen.

In der Neuen Ruhr Zeitung (8.8.2008) berichtet Jacqueline Siepmann von "Mülheim am Meer" und beschreibt, wie das Projekt vor Augen führe, "dass Geschichte nichts Abstraktes oder Abgehobenes, sondern auch immer etwas Persönliches ist. Während in einem Film im Theatersaal mehrere ältere Damen mit dem Geschichtsvereinsvorsitzenden Hans Fischer darüber diskutieren, wer im Dritten Reich was und wann gewusst hat, entspannen sich andere Besucher auf Liegestühlen im Hörzelt mit Auszügen aus Brautbriefen und Jugenderinnerungen". Roberto Ciullis Beitrag "Wer hat meine Schuhe vergraben?" schließlich sei "der bislang vielleicht tiefgründigste und bewegendste Beitrag zum Jubiläumsjahr. Fernab von Event und Spektakel fanden Regisseur Roberto Ciulli und seine Schauspieler ebenso intensive wie symbolträchtige und einprägsame Bilder, die weder großer Erklärungen noch langer Dialoge bedurften."

 
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