Der dumme Tod

Von Hans-Christoph Zimmermann

Recklinghausen, 10. Mai 2007. Er ist nicht da gewesen. George Tabori hat die Strapazen einer Reise nach Recklinghausen nicht auf sich genommen. Wie zu hören war, soll er auch die von Hermann Beil geleiteten Proben in Berlin kaum besucht haben. Der Mann wird immerhin in knapp zwei Wochen 93 Jahre alt. 

Wirkt sein neues Stück "Gesegnete Mahlzeit", das jetzt bei den Ruhrfestspielen als Koproduktion mit dem Berliner Ensemble uraufgeführt wurde, vielleicht deshalb fast wie eine Rekapitulation? 

Ein Dramaturg (Hermann Beil mit "Mein Kampf"-Kochmütze) und ein zwergwüchsiger Oberkellner (Peter Luppa) ziehen die Brechtgardine beiseite und eröffnen das Spiel: "Stell dir vor, wenn dies eines Tages aufhörte". "Dies" meint nichts anderes als den Alltag. Der Blick fällt in ein spitz zulaufendes, mit Papieren übersätes Kabinett: in der Mitte auf einer kleinen Schräge ein Bett (Bühne: Daniel Reim), in dem Dirty Don (Veit Schubert) dahindämmert wie auf dem Sterbebett: ein weißhaariger Mann in lachsfarbenem Schlafanzug und Morgenmantel.

Links neben ihm sitzt in knallroter Robe Lady Milena (Margarita Broich) am Tisch. Aus dem Off sind bedrohliche Atemgeräusche zu hören, doch ganz allmählich kramt sich dieser sieche Alte aus seinen Traumwelten in die Gegenwart ("Jede Nacht eine Sterbeprobe") und registriert mit Beckettscher Detailtreue die Vorgänge des Morgens: die volle Blase, die Küchengeräusche, der Morgentee, der Busen von Lady M., die abgeschnittenen Zehennägel vom Vortag und vor allem aber: die erste Zigarette.

Vivisektion mit Säulenheiligen 

Veit Schubert spielt diese Vivisektion und Epiphanie des Alltäglichen von Beginn mit einer verschmitzt-abgeklärten Lebensgier; langsam kriecht er unter der grünen Decke hervor und rappelt sich auf. Je lebendiger er wird, desto mehr verfällt Margarita Broich der Müdigkeit. Während er allmählich in sein schriftstellerisches Schwadronierelement findet, dämmert sie auf dem Bett ein. Tabori ruft dabei alle seine Säulenheiligen, vor allem Beckett, Kafka und natürlich sich selber auf. Am deutlichsten in der Figur des Professor Geil (Gerd Kunath) als miese Verkörperung Gottes wie Mr. Jay in den "Goldbergvariationen". Darf er im ersten der drei Teile noch das Geschehen mit Zeitangaben skandieren, so nimmt er im zweiten Teil die Gestalt eines Filmmoguls an, der Dirty Don einen Drehbuchvertrag anbietet. Mit Lady M. sitzen alle drei an einer langen Tafel, essen Grissini.

Und was da von Ober- zu Unterparagraph von Professor Geil ausgebreitet wird, ist eine Art Knebelvertrag, und ein Lebensvertrag. Regisseur Hermann Beil macht daraus eine Art Slapsticknummer, lässt Gerd Kunath den schmierigen lachenden Filmboss markieren, der seinem Opfer die Gabel in den Rücken rammt und dessen Freundin anmacht. Dirty Don spuckt darob das Essen ins Publikum und fällt von der Bühne.

Ewigkeit der Lust

Im dritten Teil, dem "Abendmahl" geht es nach Venedig. Wo schliesslich lässt sich wirkungsvoller sterben. Aber vorher wird es noch ein wenig bildungshuberisch. Wagner wird zitiert, Thomas Mann ist auch dabei. Schon im ersten Teil kamen viele Textstellen in erzählerischem Imperfekt daher. Dies verstärkt sich jetzt noch. Dirty Don will die Ewigkeit der Lust. Margarita Broich im weißen Kleidchen mit roten Strümpfen (Kostüme: Margit Koppendorfer) als plappernde Prostituierte Amanda Lollypop kann nur lachen. Genüsslich stopft sie Cherrytomaten in sich hinein und gibt kleine schmutzige Geschichten aus dem Hurenalltag zum Besten. Dirty Don will daraufhin von ihr nur noch Stenografie, während er seine Lebensgeschichte dozierend gibt.

Natürlich geht es um die eigene Geburt, noch natürlicher um den Erfolg bei den Frauen, und das immer verfehlte Ziel, seine Geliebten beim Geschlechtsakt zum Lachen zu bringen. Doch plötzlich berührt die Szene, weil in dieser Rekapitulation eine ganz unverkrampfte Lebenslust samt des Eingeständnisses ihrer Vergeblichkeit aufscheint. Veit Schubert sitzt meist rauchend an der Rampe; doch nun steht er auf, öffnet im Hintergrund eine Tür, die eine Art kosmisches Blau hereinstrahlen lässt – und schließt sie wieder. Alles hat seine Zeit, nur eben jetzt noch nicht.

Dann folgt eine typische Taborivolte: Dirty Don zieht sich ins Bett zurück, fabuliert sich in einen wilden Geschlechtsakt mit Amanda Lollypop hinein, die prompt schwanger wird. Dann stirbt Dirty Don, wird aber kurz darauf von Amanda wiedergeboren und der Tod ist der Dumme.

Doch so kunstvoll das alles auf die Bühne gebracht ist, so virtuos die Schauspieler, allen voran Veit Schubert, auch spielen – das Stück überzeugt letztlich nur in Momenten. Zu willkürlich scheinen die Teile montiert, zu bekannt die Versatzstücke. Man sieht dem eher mit pietätvollem Respekt als mit Emphase zu und das ist selbst für neunzig Minuten etwas wenig.

 

Gesegnete Mahzeit
von George Tabori
Deutsch von Ursula Tabori-Grützmacher
Regie: George Tabori, Probenleitung: Hermann Beil, Bühne: Daniel Reim, Kostüme: Margit Koppendorfer, Musik: Hans-Jörn Brandenburg.
Mit: Peter Lupa, Veit Schubert, Margarita Broich, Gerd Kunath, u.a.

www.ruhrfestspiele.de

Kritikenrundschau 

Die zuletzt erschienene Besprechung ist auch die, ja, anrührendste. Sie stammt von Vasco Boenisch und steht in der Süddeutschen Zeitung (14.5.2007): "Gesegnete Mahlzeit", schreibt er, sei Taboris persönlichstes Stück. "Es ist sein Abschiedsbrief, sein Endspiel, sein eigener Nachruf." Boehnisch zitiert Tabori aus dem Programmheft: "Wie ich nun unsicher schwanke, mit einem Bein im Grab, ist jede Freude verziert mit der Süße des Abschieds", und kritisiert Veit Schubert, der als Dirty Don "Klabautermannkomik statt Tabori-Lakonie" böte. Ausnahmsweise zitieren wir den letzten Absatz ausführlich:"Gesegnete Mahlzeit" ist vielleicht nur eine Fingerübung. Doch es steckt darin die Weisheit des Greises und das Staunen des Kindes - das Ernste wegschmunzelnd und das Schmunzeln todernst. Weil es seine eigene Geschichte ist und weil es der Inszenierung doch an seinem stillen Charme fehlt, fängt man schon an, ihn zu vermissen. Vielleicht sitzt er ja am 15. Mai, wenn die Aufführung am Berliner Ensemble Premiere hat, wie so oft, am Bühnenrand, um den Schauspielern zuzusehen. Auch zu unserer Beruhigung: Er ist noch da."

Der Neu-Juror des Theatertreffens Stefan Keim schreibt in der Westfalenpost (12.5.2007): "Die ersten beiden Szenen sind oft langweilig, viele Pointen bekannt, es geschieht wenig zwischen den Figuren." Ein "fragmentarischer Abend", in dessen drittem Akt es Hauptdarsteller Veit Schubert immerhin gelinge, zu "einer Mischung aus Tabori und Casanova" zu werden. Wer nicht um den greisen Tabori wisse, könne mit dem Text "wenig anfangen", schreibt Keim. Indes gingen die Schauspieler "liebevoll  ... mit Taboris Texten um, entdecken die albernen und zarten Seiten." Als "selbstironisches Requiem und melancholisch-wilder Totentanz hat die Aufführung ihren Charme."

Im Herner Feuilleton (12.5.2007) schreibt Pitt Herrmann: "... die Zutaten sind Tabori-Fans seit den 80er Jahren bekannt ... Und doch ist ein Tabori-Abend (auch ohne seine körperliche Anwesenheit) immer wieder ein besonderes Erlebnis. Denn der polyglotte Theatermacher ... strahlt durch jedes gesprochene Wort, mit jeder Geste seiner Interpreten eine beinahe übernatürlich-altersweise Heiterkeit und Gelassenheit aus – und das noch in den banalsten Scherzen, dümmlichsten Altherren-Witzen, grauslichsten Blasphemien und deftigsten politischen Unkorrektheiten."

Begeistert zeigt sich Andreas Rossmann. Der Kritiker der FAZ (12.5.2007) im Westen schreibt: Auch wenn Taboris Stücke wie "Gesegnete Mahlzeit" "nur ein paar lose Seiten aus seinen lebenssatten Memoiren und randvollen Schreibtischschubladen zusammenkehren", wirken sie doch "frischer als die meisten Befindlichkeitsdramen, die aufschäumende Jungdramatiker mit Welthaltigkeit verwechseln." Vielleicht weil der berühmte Kuchenbäcker Hermann Beil, der die Proben geleitet hat, wieder einmal mit Kochmütze selbst auftritt, schwelgt Rossmann in kulinarischer Metaphorik: Literatur und Leben, Werk und Wirklichkeit verbacken zu einem Souffleé, das von mikroskopischen Selbstbeobachtungen gestreckt und von jüdischem Humor gewürzt wird ... Ein Schlemmereintopf als Leichenschmaus noch zu Lebzeiten, der das theater feiert und nicht zu schwer im Magen liegt." Und weil es um Tabori geht, noch einen schönen Satz oben drauf: "So kokettiert George Tabori, souverän und spöttisch, mit der eigenen (Un-)Sterblichkeit und blinzelt, absurd und anspielungsreich, dem Tod entgegen."

 
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