Zwei Generationen Gegengeist

von Tobias Prüwer

Leipzig, 18. Januar 2019. Es beginnt plakativ. Kaum hängen Plakate mit "Think national" und "rechts rules" an der Wand, sind sie auch schon wieder heruntergerissen. Vermummte Jugendliche stürmen die Leipziger Schauspielbühne und entfernen die Nazipropaganda. Vom Start an positioniert sich Armin Petras in "Jeder stirbt für sich allein / Leipziger Meuten", das Hans Falladas Roman mit Lokalgeschichte verzahnt.

Die sogenannten "Leipziger Meuten" rückten durch den Historiker Sascha Lange vor ein paar Jahren ins heutige Bewusstsein. Das waren Jugendgruppen, die keinen Bock auf Gleichschaltung hatten und der Hitlerjugend eine helfende Hand auf den Hinterkopf mitgaben. Die über die Stadt verteilten Cliquen leisteten keinen Widerstand à la Rote Kapelle oder Weiße Rose. Aber sie folgten ihrem Freiheitsdrang und hatten Haltung. Keine geringe Leistung, in einer Zeit, als viele vom NS-Gleichschritt begeistert waren.

Zwischen Bauhaus und Plattenbau

Regisseur Petras baut die Cliquen in Hans Falladas Geschichte von Anna und Otto Quangel ein, die kleine widerständige Aktionen durchführen. Nach dem Fronttod ihres Sohnes legt das Paar selbstgeschriebene regimekritische Postkarten wie Flugblätter aus, wohl wissend um die drohende Todesstrafe. Nach außen hin versuchen sie die Fassade staatstreuer Bürger aufrechtzuerhalten. Otto geht in einer Holzfabrik seiner Arbeit nach, Anna sorgt für den Haushalt. Sie fallen in ihrer Umgebung weder dem Blockwart auf noch Gestapo und SS, die fieberhaft nach den anonymen Flugblattverteilern fahnden. Nur ein Zufall bringt die Schergen auf die Spur der Quangels und besiegelt deren Schicksal.

JederStirbt2 560 RolfArnold uIn Leipziger Stadtschluchten: Nina Wolf, Andreas Keller © Rolf Arnold

In der Mitte der Bühne im Schauspiel Leipzig steht ein Gebäude aus Betonkuben, das gestalterisch zwischen Bauhaus und Plattenbau siedelt. Es kreiselt auf der Drehbühne und gibt so wechselnde Einblicke in Wohnungen und andere Räume frei. Zum Teil werden mittels Kamera Szenen in den Wohnungen verfolgt, die draußen als Projektionen zu sehen sind. Das unterstützt den Eindruck der feindlichen Außenwelt, in der keiner vor Denunzianten sicher ist. Auf Nazikitsch verzichtet die Ausstattung, nur im Spiel werden Naziklischees aufgerufen, wenn etwa herumhampelnde Hitlerjungen in Slapstick abrutschen, was das ernste Thema unterläuft. Aber statt Hakenkreuzen wurde ein eigenes Symbol entworfen, auch die Propagandaplakate könnten in einer anderen faschistischen Zeit spielen. Das schafft einen zeitlosen Rahmen zur Befragung, wie man sich in solcher Diktatur verhalten kann, und ist auch keine zwanghafte Aktualisierung. Gegenwartsbezüge liefert die Gegenwart in dieser Hinsicht selbst genug.

Die Brutalität kommt als Zombie

Armin Petras' Inszenierung folgt dem Konzept der Leipziger Intendanz, zwei Stoffe durch Verzahnung gegenseitig zu befragen. Lief das bisher aber – etwa bei Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen und Die Maßnahme / Die Perser – als bloßes nacheinander Abspielen ab, so löst sich Petras davon. Meuten und Fallada werden wirklich verzahnt, um in zwei Generationen Gegengeist zu zeigen. Allerdings kommt das Thema der Cliquen bis zu ihrem blutigen Ende zu kurz, wirkt mehr illustrativ. Was sie genau sind, kann nur erahnen, wer den geschichtlichen Hintergrund nicht kennt. Nur zum Schluss wird klar, dass es sich nicht um harmlose Jugendspielchen handelt; einige Mitglieder kommen ins KZ.

JederStirbt1 560 RolfArnold uNazis raus. Nina Wolf, Ron Helbig, Tobias Amoriello, Friedrich Steinlein, Philipp Staschull, Julian Kluge © Rolf Arnold

Immerhin spricht das Motiv Freiheitsdrang aus ihren Episoden, besonders in einer Swingtanzszene. Vielleicht reicht das auch und ist sogar gut, insofern als dass die Meuten die Inszenierung nicht überlasten. Dafür wird allerdings Falladas Roman zu sehr ausgespielt, treten viele Figuren auf, die es nicht gebraucht hätte. Eine entschlossenere Dramaturgie, mehr Striche hätten gut getan, gerade wenn die Inszenierung nach der Pause zwischenzeitlich leer läuft. Dass das Geschehen doch nicht spurlos am Publikum vorübergeht, liegt an großartigen Schauspielenden und fesselnd-quälenden Bildern. So braucht es keine überdimensionierten Gewaltorgien, um die Brutalität des Regimes zu zeigen. Wie Ratten werden die Meuten zum Schluss aus ihrem Versteck ausgeräuchert. Ein Heer von maskierten Denunzianten zieht zombiehaft durch den Raum. Kein Ausweg nirgends.

Der Ruf des Gewissens

Die Ensembleleistung ist insgesamt gut. Bettina Schmidt besticht mit einer todtraurig anrührenden Frau Rosenthal. Der Mann der betagten Jüdin ist in Haft, sie wird in ihrer Wohnung bedroht und begeht Selbstmord durch den Sprung aus dem Fenster. Ihre Mimik, aus der jedes Leben gewichen ist, die leeren Augen drücken die ganze Verzweiflung dieser Frau aus. Nicht weniger überzeugend ist Wenzel Banneyer als Otto Quangel, ein einfacher Mann mit Gewissen. Selbst wenn er schlurft, zeigt er noch Rückgrat. Julischka Eichels Wandel von der trauernden und verzweifelten Mutter Anna Quangel zur entschlossenen Oppositionellen ist grandios. Schwäche und Stärke vereint sie gekonnt in ihrer Figur, die ständig in der Balance zwischen diesen beiden Polen changiert.

"Dass man auch unter widrigen Umständen seine Freiräume behaupten und seinem Gewissen folgen kann", zieht Historiker Sascha Lange aus seinem Studium der Leipziger Meuten als Quintessenz. Den Ruf des Gewissens verkörpern auch Anna und Otto Quangel in aller Entschiedenheit.

Jeder stirbt für sich allein / Leipziger Meuten
Nach dem Roman von Hans Fallada, Fassung von Armin Petras und Clara Probst
Regie: Armin Petras, Bühne: Susanne Schuboth, Kostüme: Karoline Bierner, Video: Rebecca Riedel, Katharina Merten, Live-Video: Judith Meister, Doreen Schuster, Musik: Sebastian Vogel, Thomas Kürstner, Choreographie: Denis Kuhnert, Dramaturgie: Clara Probst, Licht: Jörn Langkabel.
Mit: Julischka Eichel, Wenzel Banneyer, Andreas Keller, Felix Axel Preißler, Annett Sawallisch, Dirk Lange, Bettina Schmidt, Berndt Stübner, Markus Lerch, Alina-Katharin Heipe, Tilo Krügel, Michael Pempelforth, Tobias Amoriello, Ron Helbig, Julian Kluge, Philipp Staschull, Friedrich Steinlein, Paul Trempnau, Nicole Widera, Nina Wolf.
Premiere: 18. Januar 2019, Schauspiel Leipzig
Dauer: 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.schauspiel-leipzig.de

 
Kritikenrundschau

"Anstrengend, aber nie langweilig", so Wolfgang Schilling auf mdr Kultur (19.1.2019). Weil "Petras klotzt, nicht kleckert. Das ganz große Besteck des zeitgenössischen Bühnenspiels auspackt." Und seine Schauspieler folgen ihm willig. Doch Petras begnüge sich auch mit dem Äußeren, er "glänzt, blutet, drischt, brüllt – und überflutet den Theatergast mit Bildern. Und daran fühlt sich der Kritiker unbeteiligt: "Es rührt mich nicht. Es ist am Ende eine dreistündige Nichtigkeit."

"Die aufwändige Inszenierung verwebt die Romanhandlung mit den sogenannten Leipziger Meuten – Jugendgruppen, die sich selbst organisiert in Opposition zur Hitler-Jugend bewegten", schreibt Dimo Rieß in der Leipziger Volkszeitung (19.1.2019). So entstehe auf der Bühne ein kraftvoll wogendes Panorama, in der jede Hoffnung erstickt wird. "Gelungene Choreografien der von Schauspiel-Studenten verkörperten Meuten lockern die Handlung auf. Und Julischka Eichel und Wenzel Banneyer überzeugen als Anna und Otto Quangel."

Einen ebenso lange wie durchwachsenen Abend, "der mit nur wenigen Glanzpunkten aufwarten kann", hat Torben Ibs erlebt, wie er in der taz (22.1.2019) schreibt. Petras lasse es krachen: "Mit Videoprojektionen, Drehbühneneinsätzen und klassischem Schauspiel. Herausragend dabei ist Julischka Eichel, die als Anna Quangel alle Medien souverän bespielt und das spielerische Kraftzentrum der Inszenierung bildet." Die Regie allerdings verweigere konsequente Personenführung und lasse die sieben Schauspielstudenten im Meuten-Teil ungebremst gegen die Wand spielen. 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Jeder stirbt für sich allein, Leipzig: klassisch + artiglothar 2019-01-19 16:06
Ich fand es relativ enttäuschend. Irgendwie wird er alt, der Herr Petras. Gerade in der heutigen Zeit zwei so wichtige Stoffe so belanglos und ohne Anbindung an Ort und Zeit zu inszenieren ist extrem schade. Klassisch und artig... Die SpielerInnen sind teilweise richtig gut und gleichen sich einstellende Langeweile auch ob einer gewissen Vorhersehbarkeit aus. Die Studierenden taten mir teilweise leid. Sie wirkten extrem alleine gelassen...
Insgesamt bleibt ein Zitat eines Zuschauers zur Pause bei mir hängen: „... für Leipzig wird es reichen...“ ...gemein, ich weiß...
#2 Jeder stirbt für sich allein, Leipzig: zielloses Gerenneleoni peters 2019-01-19 18:47
neee, für leipzig reicht es eben nicht. denn auch dort gibt es menschen, die sich für das thema, das spannender nicht sein kann, interessieren. für die historische tat des ehepaares hampel. und sich deshalb seit langem mal wieder ins leipziger theater wagen. nun aber entsetzt sind, über den eindimensionalen einfallslosen naturalistischen abend.
der nazi von heute kann doch aussehen wie du und ich? stattdessen werden klischees auf die bühne gestellt. es war ein schlechter theaterabend mit zwei guten schauspielerinnen, bettina schmidt als frau rosenthal und julischka eichel als anna quangel.

auf dieser bühne stirbt niemand für sich allein, der abend geht unter, im ziellosen gerenne und gedrehe (der meuten + der bühne) .
der anspruchsvolle und denkende mensch im zuschauerraum vermisst ambivalenz, subtilität und reflexion. stattdessen wurde das thema in leipzig mit dem hackebeil auf die bühne gebracht.
auf die interessante wendung des romans, in der sich das ehepaar unter dem druck der verhaftung gegenseitig beschuldigt wird ganz verzichtet. die historische tat wird nicht interpretiert oder verfremdet.
alte abziehbilder vom dummen nazi kommen wieder auf die bühne. obwohl sich der braune hass auf der strasse im moment excellent organisiert, trainiert und teilweise zynisch intelligent inhalte besetzt. auf der bühne war davon nichts zu merken.
#3 Jeder stirbt für sich allein, Leipzig: plätschert bravstooomph 2019-01-19 19:17
leider war das auch mein eindruck. dieser abend bleibt doch weit hinter petras' leipziger kruso inszenierung zurück.
das plätscherte alles relativ brav vor sich hin- kaum ecken und kanten, nur ab und an bekam man mal den eindruck, was aus diesen stoffen hätte werden können, der 2.teil war deutlich dichter und auch rasanter, konnte den abend aber auch nicht mehr retten. und ja, leider leider, für leipzig hat es gereicht. ist man unter lübbe soweit ans biedere und oft nur brav "nach erzählende" gewöhnt?
#4 Jeder stirbt für sich allein, Leipzig: tolle InszenierungTheatergast 2019-01-19 19:35
Tolle Inszenierung, die zum Denken anregt und aktuell in unsere Zeit und Sachsen passt. Mögen die Rechtswähler ins Schauspiel gehen!
Durchweg tolle Schauspieler, die frei und losgelassen spielen dürfen, ein Schauspielstudio, das präsent besetzt ist und den Profis in nichts nachsteht, der Einsatz von Videotechnik, der uns Zuschauer noch mehr mit hineinnimmt und mit dem Blick durchs Schlüsselloch Eichel, Stübner, Schmitt, Banneyer und Widera wunderbar erleben lässt in Ihren Figurennöten.
Danke Armin Petras, Dank auch an Susanne Schuboth fürs spannende Bühnenbild.
#5 Jeder stirbt für sich allein, Leipzig: Doppelbefragungmiss laine 2019-01-23 09:27
Schön, dass hier die in Leipzig vielbeschworene "Doppelbefragung" tatsächlich mehr ist als ein bloßes Neben- bzw. Nacheinander zweier Stoffe. Inhaltlich wurde da im Meutenteil aber leider viel verschenkt - die Jugend stürmt zu oft ins Leere. Auch sonst nicht viel Neues, auch nicht ästhetisch. Ein paar spielerische Highlights und Gag-Feuerwerk wie aus der Flakbatterie, um im Zeitbild zu bleiben.

Die reihesiebenmitte-Kritik: reihesiebenmitte.de/jeder-stirbt-fuer-sich-allein-leipziger-meuten-petras/
#6 Petras in Leipzig: Rosa LuxemburgLeipziger 2019-01-25 11:03
Schön und beschreibend auch der etwas frustrierte Ausspruch eines Zuschauers in der Pause: "... boah, irgendwie so Rosa Luxemburg to go..."
#7 Jeder stirbt ..., Leipzig: beste Inszenierung dieser SpielzeitStammgast 2019-01-27 00:03
Kein Theatertreffen Niveau, aber mindestens die beste Inszenierung dieser Spielzeit am Haus. Wenn mich jemand fragt.
#8 Jeder stirbt ..., Leipzig: Schlangen an den Kassen Liane 2019-01-27 00:17
Gestern in Lübbes "Faust". Saustarke Inszenierung. Eben in Petras' "Jeder stirbt allein". Eher mittelmäßig. Aber habe das Haus nie so voll gesehen. Mit jungen Menschen. War unter Engel am Haus, Danach einige Male als Gast bei Hartmann. Jetzt jeden Abend Schlangen an den Kassen und Leute erhalten keinen Einlass mehr , weil ausverkauft! In Leipzig! Wo bin ich? Nice!
#9 Jeder stirbt ..., Leipzig: größtes LobBernd Kessens 2020-02-24 13:40
Wir waren am 14.2.2020 in Schauspielhaus in Leipzig im Theaterstück „Fallada, jeder stirbt für sich allein / Die Meuten“.
Das Theater war bis auf den letzten Platz besetzt, und es waren auffallend junge Leute da.
Das Stück hat uns besonders gut gefallen. Das ist vielleicht ein falsches Wort. Wir waren begeistert und das Stück passt genau in die politische Landschaft. Gegen den Faschismus und ein Plädoyer für Toleranz.
Eigentlich müsste ich jetzt von 10 Seiten der Kritik 9 Seiten schreiben: Wunderbar, Wunderbar, Wunderbar und nur 1 Seite, was uns kritisch aufgefallen ist. So ergeht das allen Theaterstücken, und besonders tappt der Kritiker in diese Falle und fällt dann in die Grube. Ich habe einige Kommentare oder Kurzrezensionen gelesen, und sie begannen sofort mit Kritik. Schade! Der TAGESSPIEGEL war blind auf allen Augen.
Natürlich könnte ich jetzt sagen, dass das Stück zu lang war. Anfangs hatte ich gedacht, mit der Pause würde das Stück schon zu Ende, aber dann kamen noch einmal 1 ½ Stunde, und ich kann mir vorstellen, dass ältere Herrschaften doch vorher schon ein Glas Wein trinken wollten oder es war ihnen zu laut und zu schwungvoll.
Ich fand es auch ein wenig zu schrill, hat mich aber nicht gestört. Dass es einige Montagen zu viel waren, hat mich auch nicht irritiert. Dass zu laut und zu oft geschrien wurde, na, das lass ich einfach durchgehen, passte schon zum Stück.
Ich kenne nicht den Drehbuchautor und auch nicht den Regisseur (oder waren es Frauen?), aber die beiden haben etwas Sehenswürdiges auf die Bühne gebracht. Ja, ich bin sogar ein wenig neidisch geworden, weil ich selber Autor und Regisseur bin und nicht auf solche Einfälle gekommen wäre. Es war spannend, es war mucksmäuschenstill, die richtige Mission im Stück, tolle Schauspieler, gute Unterhaltung ---- und eine wahnsinnige Geschwindigkeit zwischen den Szenen und Topleistung der Schauspieler.
Ich könnte noch viele Seiten schreiben, aber ihr habt schon vom Tonfall meiner Kritik her gemerkt, dass ich die Arbeit des Regisseurs rundum bewundere. Das höchste Kompliment, größtes Lob und finis coronat opus.
Das war ein tolles Theaterstück.
www.kessens.de
bernd.kessens@gmail.com
Liebe Grüße Bernd Kessens

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