Roboterguide statt Rosenmuster

von Reingart Sauppe

Saarbrücken, 18. Januar 2019. "Es geht um Mettlach und nicht nur um die Firma", beschwört Patrick seine Idee mit kämpferischer Verve in der Stimme. Der schlaksige Mittvierziger aus Orscholz, dem Nachbarort von Mettlach, will einen Bürgerverein gründen, einen Ideenwettbewerb starten und einen Roboterguide als Touristenattraktion anschaffen. Patrick träumt von einer Zukunft ohne den Mettlacher Hauptarbeitgeber Villeroy&Boch. Denn auf den Keramikproduzenten, der die meisten Industriearbeitsplätze längst abgebaut hat und den Ort als Outlet nutzt, ist kein Verlass.

Omnipräsenz blau-goldener Floralia

"Mettlach" ist der erste Teil der Saarland-Saga, mit der das Saarländische Staatstheater sein heimatverbundenes Publikum überraschte, pünktlich zum 100. Geburtstag des kleinen Bundeslandes im Südwesten. Drei Teile sind geplant, den ersten Teil haben die zwei jungen Autorinnen Lydia Dimitrow und Magali Tosato von der freien Theatercompagnie "Mikro-kit" aus Berlin geschrieben. Der Name Mikro-kit steht für dokumentarische Rechercheprojekte, die gesellschaftliche Mikrokosmen unter die Lupe nehmen. "Mettlach" ist der erste fiktionale Theatertext des Duos, entstanden nach einem Rechercheaufenthalt vor Ort: Die 3220-Einwohner-Gemeinde, die im Dreiländereck Saarland-Lothringen-Luxemburg liegt, an der Saarschleife, dem bekanntesten Naturwahrzeichen des Saarlandes, ist seit 200 Jahren Firmensitz von Villeroy&Boch.

Mettlach25 560 MartinKaufhold uMettlach – deine Menschen, deine Muster © Martin Kaufhold

Der Konzern ist an seinem Firmensitz in Mettlach übermächtig und omnipräsent; mit der Inszenierung "Mettlach" ist er es für diesen Abend auch auf der Theaterbühne in der 49 Kilometer entfernten Landeshauptstadt Saarbrücken: Als leuchtend-bunte Fliesenwandkulisse, als gekacheltes blau-goldenes Trompe-l’œil, das, floral dekoriert, zwei Arbeiter darstellt. Auch die Protagonisten in Magali Tosatos Inszenierung tragen, kein Zufall, am liebsten blaue und goldene Klamotten. Private Erinnerungsfotos sind auf Tellern und Tassen eingebrannt, und die historischen Aufnahmen des Ortes, die der Heimatforscher Hermann hervorkramt, kennen nur ein Motiv: die repräsentativen Gebäude und Parkanlagen des Keramikherstellers.

Patricks Initiative, die sich ein Mettlach ohne V&B vorstellt, hat vielleicht auch deswegen noch wenig Erfolg: Nur acht Einwohner konnte er für seinen Bürgerverein Mettlach 8.0 gewinnen, jetzt versucht er es mit dem Publikum. Postkarten werden verteilt, die Zuschauer sollen Ansichtsmotive erraten. Es ist wie in einer Unterhaltungsshow: Das Publikum freut sich, dass es mitmachen darf, und klatscht begeistert. Schließlich sitzen hier die eigentlichen "Experten des Alltags".

Sechs Figuren dienen als Sprachrohr der Recherche

In der Saarland-Saga dagegen wirken die Mettlacher, Orscholzer und Luxemburger wenig glaubwürdig. Sechs Figuren, sechs Lebensläufe und eine von enttäuschter Liebe und Verlassenwerden getränkte grenzüberschreitende Familiensoap haben die Autorinnen Lydia Dimitrow und Magali Tosato nach ihrem Rechercheaufenthalt vor Ort erfunden: Im Mittelpunkt steht die perspektivlose, schwangere Sill (die frankophone Schauspielerin Pauline Schneider müht sich hörbar mit der deutschen Sprache ab). Sie ist vor einem "Arsch" von Kindsvater aus Luxemburg geflohen und hat sich bei ihrem Opa Hermann in Mettlach einquartiert: Der biedere Heimatforscher haute – man glaubt es kaum – einst selbst nach Lateinamerika ab und besinnt sich im fortgeschrittenen Alter als reumütiger Heimkehrer der eigenen Wurzeln.

Mettlach32 560 MartinKaufhold uSechs Lebensläufe, die Ortsgeschichte widerspiegeln. © Martin Kaufhold

Holzschnittartig gefertigt sind die Figuren, deren Schicksal stets auch die wechselvolle Geschichte des Ortes und der deutsch-luxemburgisch-lothringischen Familiendynastie der Villeroy und Bochs im Dreiländereck Saarland-Frankreich-Luxemburg widerspiegeln soll. Das ist ihr Problem: Zu viel müssen diese Figuren transportieren, allzu oft werden sie zum Sprachrohr des Recherchematerials. Am ehesten gelingt es der freundlich-bodenständigen Outlet-Verkäuferin Rita (Lisa Schwindling), die ganz saarländisch von Familie und Eigenheim träumt, und ihrem Ehemann Patrick (Sebastien Jacobi), dieser zwischen Heimatkunde und Dorfdrama changierenden Soap einen Moment existentieller Tragik zu verleihen. Als Rita und Patrick über die Zukunft von Mettlach und damit auch über ihre private Zukunft streiten, schreit Rita verzweifelt auf: "Mettlach ohne V&B wird es niemals geben" und verkriecht sich wie ein kleines Kind in Hermanns Geschirrschrank. Man spürt, dass Ritas sehnlichster Wunsch, dass alles so bleibt wie es ist, ebenso aussichtslos ist wie die hochtrabenden Pläne ihres Gatten, der sich mit letzter Kraft am V&B-Gabelstapler hochhangelt und festkrallt.

"Großes entsteht immer im Kleinen": Mit diesem trotzig-selbstbewussten Werbeslogan beschwört das Saarland die eigene Zukunft. Das Große und Ganze im Kleinen wollen auch die beiden Autorinnen Lydia Dimitrow und Magali Tosato mit ihrer Soap aufzeigen und haben ihre Figuren mit diesem Vorsatz reichlich überfordert. Doch trotz der Schwächen dieses ersten Saarland-Saga-Kapitels erntete der Abend beim Publikum dankbaren Applaus, das sich an diesem Abend im Theater ein bißchen wie "zuhause" fühlte.

 

Mettlach. Der Saarland-Saga Erster Teil
von Magali Tosato und Lydia Dimitrow / Uraufführung
Regie: Magali Tosato, Ausstattung: Franziska Keune, Mirella Oestreicher, Musik: Emre Sevindik, Dramaturgie: Simone Kranz, Corinna Popp.
Mit: Pauline Schneider, Michael Wischniowski, Bernd Geiling, Sébastien Jacobi, Lisa Schwindling, Martina Struppek.
Koproduktion mit Les Théâtres de la Ville de Luxembourg
Premiere: Freitag, 18. Januar 2019
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.staatstheater.saarland

 

Kritikenrundschau

"Die wirtschaftliche Abhängigkeit Mettlachs vom weltberühmten Keramikwaren-Hersteller ist geradezu haptisch greifbar, doch wird der Standort nicht darauf reduziert", schreibt Kerstin Krämer in der Saarbrücker Zeitung (21.1.2019). Der mitunter moselfränkisch säuselnde Abend halte einen heiteren, leichten Ton, "den er nur verliert, wenn er sich als Drama versucht und daran verhebt". Das ganze kippe ins pathetisch Schwülstige, "wenn etwa Silke mit ihrem Vater abrechnet". Im Grunde werden übers Ortsspezifische allgegenwärtige Probleme verhandelt: "Generationen- und Eltern-Kind-Konflikte, Vergangenheitsbewältigung versus Zukunftsgestaltung, Abhängigkeit gegen Selbstbehauptung, Gehen oder Bleiben."

 

 

 

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