Daheim zu Gast

von Lara-Sophie Milagro

22. Januar 2019. Neulich bei Label Noir, das Telefon klingelt. Für ein Stück gegen Fremdenfeindlichkeit wird "eine Afrikanerin" gesucht, ob wir einen Tipp hätten. "Aus welchem Land? – "Egal, Hauptsache Afrika und mit sehr guten Deutsch-Kenntnissen." – "Da fällt mir jetzt ad hoc niemand ein." – "Könnten Sie uns vielleicht den Kontakt zu Schauspielerin x geben?" – "Die ist aber Amerikanerin." – "Ach so, ja, das geht auch." – "Sie spricht aber nicht akzentfrei Deutsch." – "Schauspielerinnen y und z, die wir auf Ihrer Website gesehen haben, fänden wir auch passend." – "Ach so, dann suchen Sie Deutsche?" – "Nein, Schwarze." Loriot lässt grüßen.

Die Untiefen der Programmhefte

Diskurse um Heimat, Migration und Fremdenfeindlichkeit sind an deutschen Theatern seit Jahren ein Dauerbrenner. Sie werden besprochen, bespielt, betanzt und besungen, auf der Bühne, in Panel-Diskussionen und als Spielzeitmotto, im Jugendclub, auf der Studio Bühne oder im Großen Haus. "Ein Zeichen setzen gegen Fremdenfeindlichkeit", "Fremdenfeindlichkeit versus Toleranz" oder "mehr Offenheit für andere Kulturen" heißt es dazu im Programmheft. Und neulich las ich im Ankündigungstext zu einem Stück: "18.6 Millionen Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund (…). Menschen mit Träumen, Wünschen und Hoffnungen füllen diese Statistik. Sie sind dankbar für die deutsche Staatsbürgerschaft und die Freiheit und Sicherheit, die ihnen in ihren Herkunftsländern oft verwehrt wird."

Natürlich bin ich auch gegen Fremdenfeindlichkeit und für Toleranz und Offenheit. Aber irgendwas stimmt nicht inmitten des grundsätzlich lobenswerten Engagements und der gut gemeinten Absichten. Mich befällt tiefes Unbehagen. Vielleicht deshalb, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, dass die sogenannte Fremdenfeindlichkeit nicht in erster Linie Fremde trifft, aber trotzdem weiterhin beharrlich als Feindlichkeit gegen Fremde bezeichnet wird.

17 NAC Kolumne Visual Milagro V3Zugfahrt Berlin-München, irgendwo bei Erfurt kommt die Fahrkartenkontrolle. Wie so oft bin ich die Einzige, bei der zur Bahncard der Ausweis verlangt wird. Ich frage nach dem Grund und streite mich ein bisschen mit dem Schaffner hin und her, woraufhin eine Dame mir schräg gegenüber bemerkt: "Ganz schon frech für jemanden, der hier Gast ist." Ein junger Mann neben mir zeigt Zivilcourage: "Behalten Sie Ihre Weisheiten für sich. Wir brauchen hier keine Fremdenfeindlichkeit!" Ich bin mir nicht sicher, was ich bösartiger finde: als Gast oder als Fremde bezeichnet zu werden. Andererseits: Kann ich von den Beiden mehr erwarten als vom deutschen Theater? Schließlich sehen sie dort Schwarze Schauspieler*innen überwiegend in der Rolle der Fremden und lernen, dass ich mit meinem Migrationshintergrund zu den 18.6 Millionen Menschen zähle, die dankbar sind für ihren deutschen Pass. Da fällt es natürlich unangenehm auf, dass mir diese Dankbarkeit so gänzlich abgeht. Und dass ich nicht von hier bin, ist eh klar.

Tatsache ist: Anders als in der Stückankündigung behauptet, haben weit mehr als 1/5 der deutschen Bevölkerung einen Migrationshintergrund, sprich, sie selbst oder ein Teil ihrer Vorfahren sind Zugewanderte: aus Polen zum Beispiel, wie mein Großvater, der in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts nach Berlin kam. Aus der Karibik wie mein Vater oder aus Ghana wie mein Patenonkel. Aus Florida wie ein Vater in der Kita meiner Tochter, der sich als "Berliner" sieht, aus Norwegen wie meine Nachbarin, die sich selbst als "hier fremd" bezeichnet, oder aus der Schweiz wie mein Mann, der Deutschland ebenfalls nicht als Heimat empfindet. Geflüchtet ist von all diesen Menschen kein einziger, und die Dame aus Norwegen, der Herr aus Florida und mein Mann sind die einzigen ohne deutschen Pass und auch die einzigen drei, die kein Deutsch sprechen (zwei, wenn wir bei Schweizerdeutsch ein Auge zudrücken).

Würden Neonazis mir als afrodeutscher Frau das Dach über dem Kopf anzünden, müsste ich wohl damit rechnen, dass ein Stück über den Fall Milagro ebenfalls als eine Inszenierung gegen "Fremdenfeindlichkeit" angekündigt würde. Sollte meinen Mann oder meine reizende norwegische Nachbarin dasselbe Schicksal ereilen (was Gott verhüten möge), würde wohl kein Theater auf die Idee kommen, das zum Anlass zu nehmen, um ein Stück gegen "Fremdenfeindlichkeit" und für "mehr Offenheit und Toleranz" auf die Bühne zu bringen. Warum nicht? Immerhin handelt es sich um zwei Menschen mit dem legendären Migrationshintergrund.

Der Migrationsvordergrund

Wenn im Theater von "Fremdenhass" und "Menschen mit Migrationshintergrund" die Rede ist, sind sicherlich nicht Menschen aus Norwegen, der Schweiz oder Florida gemeint, jedenfalls nicht, solange sie weiß sind. Gemeint sind natürlich Mitbürger*innen mit Migrationsvordergrund, d.h. Menschen, denen man ansieht, dass ein Teil ihrer Vorfahren wahrscheinlich nicht blond und blauäugig war. Viele von ihnen werden sich fragen, welchem unsicheren Herkunftsland sie entflohen sein sollen, angesichts der Tatsache, dass sie Deutsche sind und / oder schon immer in Deutschland gelebt haben.

Dramaturgisch gesprochen wird hier immer wieder schlampig recherchiert: Da wird von einem Hintergrund gesprochen, obwohl ein Vordergrund beschrieben wird, von Fremdenfeindlichkeit, wenn es eigentlich um Rassismus geht, von Ausländern, wenn eigentlich Nicht-Weiße und von Deutschen, wenn eigentlich Weiße gemeint sind.

Die oberflächlichste Definition eines "Fremden" beschreibt einen Menschen, der "nicht von hier" ist, und/oder nicht den deutschen Pass besitzt und/oder nicht mit den hiesigen Traditionen, Gepflogenheiten sowie der Sprache etc. vertraut ist; Wikipedia ist da schon differenzierter: Das Fremde "bezeichnet etwas, das, aus der Sicht dessen, der das Wort verwendet, als abweichend von Vertrautem wahrgenommen wird, als etwas (vermeintlich) Andersartiges oder weit Entferntes."

Aus welchem Land?

Die Frage ist also: Wessen Sicht, wessen Definition von "fremd" manifestieren die Politik, die Medien und auch das Theater, wenn sie bestimmte Begrifflichkeiten und Phänomene ungenau bis falsch benennen und abbilden? Sicher ungewollt wird so beigetragen zur Manifestierung einer Auffassung davon, wer hier "heimisch" und wer hier "fremd" ist, die sich einzig und allein an sogenannten rassischen Merkmalen orientiert und nicht daran, wie sich diese Menschen selbst bezeichnen würden, und ob es sich, selbst nach fragwürdigen nationalstaatlichen Kriterien, tatsächlich um Fremde handelt.

Da wäre es doch leichter und angenehmer für alle Beteiligten, von vorneherein zu sagen, was man meint und zu meinen, was man sagt. Schließlich wollen wir Kunst machen und uns nicht mehr aufhalten mit unsinnigen Gesprächen wie diesem: "Wir suchen eine europäische Schauspielerin." – "Aus welchem Land?" – "Egal, Hauptsache aus Europa und mit sehr guten Deutschkenntnissen." – "Dann suchen Sie eine Deutsche?" – "Ach so, ja, das ginge auch – solange sie europäisch aussieht."

 

Lara-Sophie Milagro ist Schauspielerin, in der Leitung des Künstler*innen Kollektivs Label Noir, Berlinerin in der 5ten Generation und fühlt sich immer da heimisch, wo Heimat offen ist: wo sie singt und lacht, wo sie träumt und spielt.



Zuletzt schrieb Lara-Sophie Milagro darüber, wie beim Casting für Werbeclips verleugnet wird, was Heimat wirklich ist.

Kommentare

Kommentare  
#1 Kolumne Milagro: feine Unterschiede, für allemartin baucks 2019-01-22 21:55
Es gibt natürlich immer viele Wege, die man beschreiten kann. Man kann Konflikten ausweichen und man kann verschärft in sie einsteigen. Man kann seinen Ausweis mit der Bahncard gleich mit vorzeigen oder so herausfordernd oder ignorant schauen, dass man erwarten darf danach gefragt zu werden, um so einen Streit anzuzetteln. Man kann einer Dramaturgin unterstellen, dass sie mit einem Anruf nur das Beste will oder aber voraussetzen, dass sie eh blöd ist. Für den ersten Fall sagt man einfach: Sie suchen also nach einer schwarzen Darstellerin, die eine Afrikanerin darstellen kann, gute Deutschkenntnisse hat und es ist ihnen dabei egal, ob sie in Wahrheit Amerikanerin oder Deutsche oder sonst wer ist. Alternativ kann man seinen Gesprächspartner auch immer ins Messer laufen lassen. In gewisser Weise hat man da, je nach Laune, freie Wahl.

Und ja, es ist schon schwierig, es allen recht zu machen. Vor allem, wenn man alle Kontrolleure prophylaktisch für Rassisten hält.

Immer, wenn dieses feine Gift Fremdheit im Raum steht, hängt es oft an einem selbst, ob man nun dieses dünne Band der Verbundenheit knüpfen möchte oder nicht. Spüren tun es beide Seiten. Der Eine, der für fremd gehalten wird, so wie derjenige, der eine Person als fremd empfindet. Das ist der alles entscheidende Moment zwischen zwei Menschen im Alltag. Was jetzt tun? Sich nichts anmerken lassen? Es übergehen?

Oder aber freundlich und achtsam damit aktiv umgehen, um diese Fremdheit aufzulösen. Der vermeintlich Fremde, der für fremd gehalten wird, es aber gar nicht ist, kann hier natürlich zu recht einklagen, er müsse sich nicht ständig erklären. Er habe ein natürliches Recht darauf gleich behandelt zu werden. Aber niemanden gelingt es alle unterschiedslos zu behandeln. Wirklich niemanden. Denn c

Ich plädiere für mehr Robustheit und Direktheit. Wenn es mein Gegenüber zulässt, frage ich ihn direkt und sage: Sie komme aus Polen, nicht wahr? Lassen sie mich raten, aus Wroclaw? - Eine Punktlandung und schon unterhalte ich mich mit dem Mechaniker, der die Wasseruhr austauscht über die Krim und wir freuen uns beide.

Mein größter Erfolg bisher Laika, die Frau im Nachtshop bei der ich hin und wieder Lotto spiele. Ich höre wie sie französisch spricht und sage im Abgang: Sie kommen aus dem Senegal? Ja, sagt sie. Lassen sie mich raten! Aus Dakar. Woher wissen sie das, fragt sie höchst erstaunt und kann es nicht fassen. Er hat erkannt, dass ich aus Dakar komme, sagt sie zu einem anderen Schwarzen. Wie geht das ? Mein kleines Geheimnis habe ich ihr bis heute nicht verraten. Es ist ihre Haut. Diese Haut hatte ich einmal in einem Schönheitssalon in Dakar gesehen. Samtweich, sehr dunkel und komplett rein. Ich musste die Verkäuferin einfach fragen, ob das nun von der Hautpflege kommt oder ob das angeboren sei. Sie lachte und bestätigte mir, dass diese Haut ein Zeichen für eine bestimmte Stammeszugehörigkeit in der Region sei, die es nur hier gibt.

Meine Fragen sind immer mit einem gewissen Risiko verbunden, jemanden zu nahe zu treten. Dann steht eine Entschuldigung an. Aber wir alle wollen erkannt werden. Und die Freude von Laika daran, es war für sie das erste Mal, dass ein Weißer ihre "Heimat" an ihr erkannte, hebt jeden Ärger davon, den das Risiko der Offenheit in sich trägt, auf.

Ebenso verhält es sich umgekehrt. Wenn ich an alle herantrete mit dem Verdacht, sie seien Rassisten, dann wird es toxisch. Menschen wollen eben richtig erkannt werden. Das ist die Herausforderung.
#2 Kolumne Milagro: Blickoh je 2019-01-23 10:45
Mir wird schlecht, wenn ich an den Blick denke, mit dem Sie die Verkäuferin in ihrem Spätkauf seziert haben!
#3 Kolumne Milagro: oh MannMinty 2019-01-23 11:44
Immer wieder ermüdend, von einem weißen Mann erklärt zu bekommen, wie man sich als eine von Rassismus betroffene Person zu verhalten hat. Immer wieder ekelerregend, wenn dieser Mann dann auch noch Lorbeeren erwartet, weil er die Herkunft einer Frau an ihrer "samtweichen, sehr dunklen" Haut erkannt und einen Plausch mit seinem Mechaniker gehalten hat. Seien Sie beruhigt, Martin Baucks, von Ihnen will man nicht erkannt werden, höchstens in Ruhe gelassen. Pfui.
#4 Kolumne Milagro: tiefer BlickJane Blond,ungerührt 2019-01-23 11:59
Wer viel blickt, muss nicht "sezieren". "Sezieren" ist etwas auf ein Erkenntnis-Ziel hin gewolltes Zerstören eines Ganzen. Man benötigt dafür spezielles, sehr scharfes Werkzeug. Tiefer Blick ist Gewohnheit, etwas selbstverständlich als Ganzes wahrnehmen und damit annehmen zu wollen. Dafür braucht man nur Geist und Güte. Von solchen Sachen muss einem nicht unbedingt übel werden... Man kann übrigens auch aus dem Augenwinkel, beinahe mit schamhaft heruntergeschlagenen Lidern diesen Blick anwenden, und dann merkt das das Gegenüber ja auch, dass man es nicht durch als sezierend wahrnehmbare Blicke verletzen möchte... Es wäre doch denkbar, dass der #1-Käufer mit Schönheitssalon-Kommunikations-Erfahrung, einen solchen Blick hatte - und gar nicht den, an den Sie, oh je, denken, wenn Sie an den Blick des Kommentators denken??? - Es ist wie bei den Spießern: Spießer sind immer die andern, und Vorurteile haben auch immer nur die andern, nicht wahr?
#5 Kolumne Milagro: Super!Ron 2019-01-23 17:11
Super Text! Es trifft den Nagel genau auf den Kopf. Bitte mehr davon :)
#6 Kolumne Milagro: Erinnerungs-Kulturafrotak.com 2019-01-25 09:53
Die präzise Kraft der Worte trifft auf die Kraft der Präzision.
Sie beschimpfen einander exzessiv mit Ausdrücken wie Realität Spiegelung und Utopie.

Nommo spricht zu beiden und relativiert.

Das Publikum beschimpft sich.
Und der Spiegel bricht.

Herein kommt der kategorische Imperativ.
Sie stellt sich vor.
Es spricht.
Die Geburt der Tragödie aus ihr.

Bretter Bühnen Bilder bersten.
Lustvoll. Qualvoll.
Partizipieren sie am waterboarding.
Sie verhaften. Die Kapitäne und Navigator_innen.
Deklarieren Nationale Grenzen der Zeit im
Generationen-Konflikt transparenter Schiff-Chen.
Durchgestrichen. Chiff-ren.

Herein kommt die kategorische Kolonie.
Freiheit ist Freiheit ist Kunst.
Sie stellt sich vor.
Es spricht.
China aus Meissen:

Ich bin der Preis den ihr zahlt.
MonoGött_in Wasser befreit sich aus dem Plastik der Illuminations-Monopol Religion gesteht ein ihre Schuld und stellt sich ein unendlich lustvoll qualvoll einge-Schloss_en in der präzisen Kraft der Hamlet-Machine die im Kern verkommen ist.
Bild der Restauration erschlägt die Hoffnung im Humboldt Forum noch bevor die wir uns die Freiheit gönnen entkommen.

System. reBOOT. Sklaven.
Erneut demaskiert die brechende Bühne Lybien, da wo einst das deutsche Reich tausend Jahre claim_te schlägt der Markt zurück um: Mensch werde endlich Mensch.

Und unsere Bilder vergeben uns unsere Schuld.
Generationen-Konflikt transparenter Schiff-Chen.
Durchgestrichen. Chiff-ren.

Klingt irgendwie fremd?

Die Zeit der Kolonie ist Locus Genius ... ist Gewalt ... ist die Frucht meines Schwarzen Leibes ... ist Racial Profiling ... ist Aus.Geburt. Diese Blumen des Bösen.

Angst hat
die präzise Kraft der Worte nicht
vor den Kräften die sie rief.
Präzision:
Sie beschimpfen einander exzessiv mit Ausdrücken wie Realität Spiegelung und Utopie. Die Bühnen die den de_kolonialen Zug der Zeit be_Deuten.

Der Sinn
ist durch die Zeit hindurch
die einzige Art
die ihr mir nicht nehmen könnt weil sie in meiner Deutungs_hohheit bleibt.

Ob auf See.
In der Luft.
Ob im Land.
Oder unter der Erde.
Ich bin das Gedächtnis und erhebe mich ständig.

Solange. Erinnerungs-Kultur.
Meinen Schwarzen Körper unterdrückt. No matter what Color.

AFROTAK.com

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