Proaktive in Präventivhaft

von Cornelia Fiedler

München, 24. Januar 2019. Fast die gesamte AfD-Fraktion hat am Mittwoch demonstrativ den Saal des Landtags verlassen, als Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern in einer Gedenkstunde für die Opfer der Shoa deutliche Zweifel an der Verfassungskonformität der Partei formulierte. Das ist schon jämmerlich genug. Dass sogar der Bayerische Verfassungsschutz einen Tag zuvor bekannt gegeben hatte, dass er nun – neben einzelnen AfD-Abgeordneten mit Kontakten zur rechtsextremistischen und zur Reichsbürger-Szene – auch den rechtsnationalen "Flügel" der AfD und ihre Nachwuchsorganisation "Junge Alternative" beobachtet, macht die Empörung, ja Selbst-Viktimisierung der Abgeordneten noch absurder. Wie eng die Bande zwischen Partei und gewaltbereiter rechter Szene offenbar sind, zeigt leider nicht zuletzt die Flut massiver Drohungen, mit der Knobloch jetzt, nach ihrer couragierten Rede konfrontiert ist.

Rechtsradikale Zellen

So ist die Lage in der Landeshauptstadt 2019. Wie sie 2023 sein könnte, das malen die Dramatikerin Olga Bach und der Regisseur Ersan Mondtag in ihrem neuen Stück "Doktor Alıcı" aus – in Neon-Farben. Die beiden sind ein eingespieltes Team, auf "Die Vernichtung", ihren großen Erfolg in Bern 2016, folgten 2017 in München "Das Erbe" sowie 2018 in Basel die schlagkräftige Anti-Familiensaga "Kaspar Hauser und Söhne". An ihrer neuen Produktion "Doktor Alıcı" ist das eigentlich Brutale, wie wenig erschütternd der Plot um eine mutmaßlich rechtsradikale Zelle in höchsten politischen Kreisen wirkt. Nicht, weil es nicht ekelhaft wäre, was Bach und Mondtag an Rassismus und Frauenfeindlichkeit, an Schönfärberei und plumper Intrige vorführen. Sondern weil es sich, unter anderem nach einem Jahr AfD im Bundestag, schon so ekelhaft normal anfühlt, täglich mit menschenverachtenden Aussagen und Taten konfrontiert zu sein.

Doktor Alici  © Armin SmailovicKopfgeburten in der Talkshow © Armin Smailovic

Bach erlaubt sich zunächst fast eine Utopie, eine kleine Gegenerzählung zu Michel Houellebecqs “Unterwerfung“ vielleicht. Ihre Hauptfigur ist Selin Alıcı, Münchner Polizeipräsidentin, zupackend gespielt von Hürdem Riethmüller, eine coole, vor allem aber extrem integre Frau. Das verbindet sie mit Arthur Schnitzlers Titelfigur aus dem Drama "Professor Bernhardi", das Bach als Ausgangspunkt verwendet hat. Dr. Alıcı gelingt es, die Zumutungen des Bayerischen Polizeigesetzes – das 2023 gerade vom Europäischen Gerichtshof überprüft wird – gegen jenes politische Lager in Stellung zu bringen, das es durchgesetzt hat. Sie lässt fünf Männer in Präventivhaft nehmen, die laut Aussagen eines V-Mannes des Verfassungsschutzes während des anstehenden Landtagswahlkampfs rechtsterroristische Angriffe auf politische Gegner*innen planten. Pikantes Detail: Sie alle sind Mitglieder der Partei "Proaktiv fürs Abendland".

Zwei sitzen für den AfD-Verschnitt im Landtag, drei arbeiten dort als Referenten. Das führt zu einem eindrücklichen Schlagabtausch im Präsidium. Aufgewühlt wettert Samouil Stoyanov als Dr. Bauer, Abteilungsleiter Öffentliche Sicherheit im Innenministerium: "Kommt Ihnen der Vorwurf nicht widersprüchlich vor? Referenten einer Landtagsfraktion sollen einer Gruppe angehören, die den Staat abschaffen will? Repräsentanten des Staates!" Drauf Dr. Alıcı kühl, "Herr Bauer, Sie kennen die deutsche Geschichte ja besser als ich... Ist das wirklich so widersprüchlich?" Die Passage ist symptomatisch. Scharf beobachtet einerseits, didaktisch etwas too much andererseits. In einer schnell gespielten Bürokraten-Farce würde das kaum ins Gewicht fallen. Mondtag lässt sein Ensemble aber in betonter Künstlichkeit und Langsamkeit agieren und sprechen. Dadurch klingen die juristischen und moralischen Überlegungen, die Anschuldigungen und Finten, die sich die Spieler*innen um die Ohren schlagen, stellenweise wie Materialien der Bundeszentrale für politische Bildung.

Wandeln im Gewitterregen

Anstelle des Krokodils, das Dr. Alıcı im Text in allen Lebenslagen begleitet, geistern in den Münchner Kammerspielen vier Gestalten in schwarzen Morphsuits über die Bühne. Sie sind wohl für die – an Hitchcock-Filmen der 60er-Jahre orientierte – unheimliche Stimmung zuständig, ebenso das Organisationsprinzip des Abends, die Protagonist*innen ständig wie untot herumgehen oder starr im Gewitterregen stehen zu lassen. Der prasselt als Botschafter des Klimawandels nahezu durchgehend auf Nina Pellers Bühnenbild herab, ein zweistöckiges, drehbares American-Mittelstands-Dream-Puppenhaus mit Kanten und Fensterrahmen in fluoreszierenden Neonfarben.

DoktorAlici  © Armin Smailovic Und ewig gewittert der Klimawandel © Armin Smailovic

Alıcıs Gegner und Neider intrigieren gegen sie, versuchen, sie einzuschüchtern. Plötzlich wissen Rechtsradikale, wo sie wohnen, und verwüsten ihre Wohnung. Ebenso plötzlich droht ihrer Lebensgefährtin Maria Aniaschwili (Jelena Kuljić) die Abschiebung. Als dann noch einer der Terrorverdächtigen im Polizeigewahrsam stirbt, kippt die Situation. Jene, die Alıcı als lesbischer Frau mit türkisch klingendem Namen den Job weder gegönnt noch zugetraut haben, triumphieren – wie in "Professor Bernhardi" die antisemitischen Kolleg*innen des erfolgreichen Arztes und Institutsleiters.

In Bachs Text ist die politische Dringlichkeit ebenso spürbar wie das juristische Fachwissen der Autorin. Das macht ihn aber auch umständlicher, schleppender als die bisherigen, ein Eindruck, den Mondtags Regiekonzept noch verstärkt. Trotz Highlights, wie Jelena Kuljićs souligen Song-Gebeten oder Thomas Hausers zunehmend entgleisenden Auftritten als ewiger Praktikant bleibt "Doktor Alıcı" ein vergleichsweise zäher, unausgegorener Abend, der von der Ekelhaftigkeit der realen Verhältnisse ausgebremst wird.

 

Doktor Alıcı
von Olga Bach
Regie: Ersan Mondtag, Bühne: Nina Peller, Kostüme: Teresa Vergho, Musik: Diana Syrse, Licht: Charlotte Marr, Dramaturgie: Valerie Göhring.
Mit: Michael Gempart, Thomas Hauser, Jelena Kuljić, Christian Löber, Damian Rebgetz, Hürdem Riethmüller, Samouil Stoyanov.
Premiere: 24. Januar 2019
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause 

www.muenchner-kammerspiele.de

Kritikenrundschau

Von "monoton gedehnter Kontrastregie", spricht Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (26.1.2019). Dabei habe Olga Bach eigentlich eine "schweißtreibende, weniger regen- denn klischeetriefende, mit vielen O-Tönen und Fakten angereicherte Politsatire geschrieben, die bei der Lektüre nach deftigem Kabarett und Derblecken schreit und eine entsprechend zupackende Regiepranke verlangt." Optisch hat die Inszenierung allerdings aus Sicht der Kritikerin einen hohen Schauwert. "In den grotesken Kostümen von Teresa Vergho sind die Figuren grell überschminkte Grusel- und Witzfiguren, vampireske Monster im Gothic-Look." So rettet sich dem Rindruck Dössels zufolge "ein jeder in eine mal mehr, mal weniger überzeichnete Spiel- und Tonart, vom Regisseur leider oft im Regen stehen gelassen. Darin geht die Inszenierung baden."

Dass der Abend "nicht völlig glatt aufgeht und ein wenig schlampig klappert", ist für Robert Braunmüller von der Müncher Abendzeitung (26.1.2019) paradoxerweise eine Stärke. Nur gegen Ende"gleitet der intelligente Spaß dieses Abends" aus Sicht des Kritikers "ein wenig ins Kabarettistische ab, ehe zuletzt München ganz absäuft, obwohl sich am Ende des zwischen Kunst, Ernst und Satire bestens ausbalancierten Abends eine schwarzgrüne Koalition zur Rettung eines bunten Bayern abzeichnet."

Bedauernd gibt Sven Ricklefs in der Sendung "Kultur heute" vom Deutschlandfunk (25.1.2019) zu Protokoll, "dass da ein durchaus starker Plot und eine für sich starke Ästhetik so gar nicht miteinander können." Denn Olga Bach habe eine bayerische Politkarikatureske geschrieben: "durchaus zupackend überdreht in den besten Momenten." Doch die daherbayernde Satire in jener Ästhetik, die Ersan Mondtag sich für diesen Abend ersonnen hat, wirkt auf den Kritiker "merkwürdig deplatziert und abgewürgt. Da ist der Text nicht in die Form hineingeschrieben worden, da hat sich aber auch die Form nicht dem Text anverwandelt."

Teresa Grenzmann von der FAZ (28.1.2019) erkennt im Stück "eine derbe Groteske, in der es an politischen Fettnäpfchen, also auch an zitierten Floskeln und satirischen Rundumschlägen nicht mangelt. Bachs Titelheldin jedoch gerät derart unter Druck, dass ihre Heldenhaftigkeit bloße Behauptung zu bleiben scheint." Und weiter: "Mehr Tempo hätte dieser Uraufführung gutgetan. Aber anstatt auf die tragischen Abgründe zu vertrauen, welche die Komödie ohnehin in sich trägt, und angestiftet auch vielleicht durch Diana Syrses unheimliche Kompositionen, bremst Mondtag das Stück zuweilen aus, als wolle er den Abend mit bedeutungsvoller Schwere lähmen."

 
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