Oder besser noch: eine Frau

von Sascha Westphal

Detmold, 25. Januar 2019. Die Situation hat etwas Romantisch-Idyllisches. Selbst die leicht heruntergekommen wirkende Bungalow-Fassade, die sich im Hintergrund erhebt, stört diesen ersten Eindruck nicht weiter. So wie es sich Jennifer und Bob Jones in ihren Liegestühlen bequem gemacht haben, deutet alles auf eine angenehme, zum Träumen und Schwärmen einladende Frühlingsnacht hin. Und das versucht Jennifer auch: "Die Nacht ist so wundervoll. Man kann beinahe hören, wie die Wolken vorüber ziehen." Doch Bob lässt sich auf die poetischen Anwandlungen seiner Frau erst gar nicht ein. Seine recht prosaische Reaktion deutet jene Risse an, die schon nach wenigen Repliken offen zu Tage treten. Eigentlich wäre es an der Zeit, dass die beiden sich einmal aussprechen, aber das will ihnen nicht gelingen. Kleine, alltägliche Missverständnisse provozieren umgehend Vorwürfe, und die gipfeln schließlich in einer feindseligen Sprachlosigkeit.

Ehedrama mit Abgründen des Absurden

Zu Beginn wirkt Will Enos 2012 uraufgeführtes Schauspiel "Gute Nachbarn", das im Original den mehrdeutigen Titel "The Realistic Joneses" trägt, tatsächlich wie eines dieser Ehe- und Familiendramen, die so prägend für die US-amerikanische Theatergeschichte sind. Auch der Auftritt eines zweiten Ehepaars, Pony und John, das gerade ein Haus in der Nachbarschaft bezogen hat und auch Jones heißt, passt noch ins Bild. Aber schon durch die Namensgleichheit der beiden Paare verschiebt sich etwas. In die fast noch realistisch zu nennende Grundsituation mischen sich schnell erste surreale und absurde Tupfer. Bob, den Patrick Hellenbrand mit einer Aura ständiger Müdigkeit umgibt und der regelrecht eins mit seinem Liegestuhl zu sein scheint, leidet an einer seltenen, von Eno erfundenen degenerativen Krankheit namens "Harriman Leavy Syndrom". Zu den Symptomen von HLS gehören, neben immer wieder auftretenden Blutungen und einem Hang zur Vergesslichkeit, auch eine temporär auftretende Blindheit und häufiges Zittern. Und an eben diesen Symptomen leidet allem Anschein nach auch John. Er spricht es zwar zunächst nicht aus, aber die Fährten, die Will Eno legt, sind mehr als deutlich. Die beiden Nachbarn verbindet neben ihrem Namen auch ihre Krankheit, von der es einmal heißt, dass sie "sehr oft tödlich" verläuft.

GuteNachbarn 1 560 JQuast uHinter tausend Liegenstühlen eine leicht absurde Welt © J. Quast 

Auf der einen Seite hat Enos Stück etwas Konkretes. Die Schauplätze des Geschehens, der Garten von Jennifer und Bob, die Küche von Pony und John sowie ein Supermarkt beschwören eine amerikanische Kleinstadt und ihren Alltag herauf. Auf der anderen Seite lässt sich "Gute Nachbarn" kaum fassen. Immer wenn man glaubt, seine Konstruktion zu durchschauen, entgleitet einem das Stück wieder. Natürlich sind die beiden Paare spiegelbildlich angelegt. Während Bob mit einer beinahe kindischen Wehleidigkeit auf seine Krankheit reagiert und alles auf Jennifer abwälzt, versucht John, mit "der Angelegenheit" – wie es einmal im Stück heißt – alleine klarzukommen. Pony verschweigt er, woran er wirklich leidet. Denn sie könnte mit der Wahrheit nicht umgehen. Angesichts dieser Konstellation überrascht es kaum, dass sich Jennifer und John ebenso wie Bob und Pony zwischenzeitlich näherkommen.

Vom Auskosten der Missverständnisse

Damit scheint sich zu bestätigen, was Will Eno in einem im Programmheft veröffentlichten Interview sagt, wenn er sein Stück als eine Auseinandersetzung mit dem Tod und der Angst vor dem Sterben beschreibt. Wirklich interessant wird "Gute Nachbarn" allerdings erst jenseits des Offensichtlichen. Die Geschichte der vier Joneses lässt sich durchaus als apokalyptische Vision lesen. Schließlich sind hier alle Männer, neben Bob und John auch ein Albino namens Elliot, der zwar nie auftritt, aber mehrmals erwähnt wird, an HLS erkrankt und damit praktisch zum Tode verurteilt. Männlichkeit selbst wird damit zu einer Art Krankheit. Ein Eindruck, den Jennifer noch verstärkt: In einem Streit fordert sie Bob auf: "Sei ein Mann. Oder besser noch: eine Frau." Das männliche Prinzip ist in Enos Stück eines der Verleugnung. Bob will nichts von seiner Krankheit wissen, und John ignoriert sie einfach. Statt sich dem Leben anzupassen, flüchten sie in Phantasien. Das kann man durchaus auch als Kommentar zu aktuellen gesellschaftlichen Debatten verstehen. Doch davon ist in Jan Steinbachs Inszenierung kaum noch etwas zu erahnen.

GuteNachbarn 3 560 JQuast uHappy, Happy Nachbarschaft im Glaskasten der Endlichkeit © J. Quast

Der neue Detmolder Schauspieldirektor Jan Steinbach geht den offensichtlichen Weg und siedelt das Stück in einem Grenzgebiet irgendwo zwischen Edward Albee und Eugène Ionesco, Tracy Letts und Samuel Beckett an. Seine Inszenierung will immer beides sein, realistisch und absurd, tiefgründig und komödiantisch. Also kostet sein Ensemble jedes verbale Missverständnis und jeden gedanklichen Richtungswechsel geradezu aus. Statt das Tempo zu forcieren und so den immer wieder aufblitzenden Wortwitz der Dialoge auszuspielen, müssen Patrick Hellenbrand, Natascha Mamier, Heiner Junghans und Alexandra Riemann die Szenen dehnen und ihnen so eine künstliche Bedeutungsschwere verleihen.

Statt spielerischer Doppelbödigkeit herrschen bei Steinbach Prätention und Albernheit. Nur weil Pony so heißt, wie sie heißt, muss Alexandra Riemann, sobald sie einen mittels grauer Platten angedeuteten Gartenweg betritt, in eine Art Pferdegangart verfallen. Am Ende galoppiert sie dann sogar noch als Einhorn über die Bühne. Dabei strahlt sie in den Momenten, in denen Pony Bob näher kommt, eine anrührende Verlorenheit aus. Auf eine ganz natürliche Weise vermischen sich in ihrem Spiel Sehnsucht und Angst. Dagegen wirken Jan Steinbachs Regieideen, etwa die pathetische Überhöhung der Szene, in der Pony versucht zu beten, nur schal und manipulativ.

 

Gute Nachbarn
von Will Eno, Deutsch von Anna Opel
Regie: Jan Steinbach; Bühne und Kostüme: Jule Dohrn-van Rossum; Dramaturgie: Arne Bloch.
Mit: Patrick Hellenbrand, Natascha Mamier, Heiner Junghans, Alexandra Riemann.
Premiere am 25. Januar 2019
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.landestheater-detmold.de

 

Kritikenrundschau

Dem Stück falle es schwer, richtig Fahrt aufzunehmen, so Raphael Bartling in der Lippischen Landeszeitung (28.1.2019). Steinbachs Inszenierung wirke stellenweise überzeichnet, die Dialoge gedehnt, auch komödiantisch überzeichnet. Das Darstellerquartett allerdings mache mit seinem Spiel "einiges wieder wett".

 
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