Ich ist eine Oberfläche

von Steffen Becker

Stuttgart, 31. Januar 2019. Die Konvention der Kritik gebietet, bei der Uraufführung eines Stücks erst mal dessen Geschichte zu schildern. Gleichzeitig interessiert die Leser*innen das Drama drumherum wahrscheinlich mehr. Bei der Premiere von "Das Imperium des Schönen" von Nis-Momme Stockmann war im Publikum deren Verschiebung um zwei Wochen beliebtes Thema. "Jeder hat seine Sorgfaltspflicht gegenüber der Kunst", ließ sich der Autor gegenüber der Regionalzeitung zu den Gründen aus, warum Regisseurin Nummer 1 gehen musste. Klingt ziemlich nach "die war unfähig, meinen Text auf die Bühne zu bringen". Wäre Stockmann eine seiner Figuren, würde er diese Interpretation zurückweisen.

Der Satz "Das habe ich so nicht gesagt" ist quasi der rote Faden in einem Stück, in dem sich die Protagonisten verklausuliert beleidigen, den Vorwurf der Beleidigung aber vehement bestreiten. Um die Einleitung dieses Textes mit Gossip zu rechtfertigen, muss man nun etwas zum Bühnenbild sagen: Die neue Regisseurin Tina Lanik verlegt das "Imperium des Schönen" in einen kahlen Raum. Sie nimmt ihre "Sorgfaltspflicht" insofern wahr, dass wirklich nichts von den Dialogen dieses Konversationsstücks ablenkt.

Eskalation in Japan

Vordergründig geht es um zwei Paare, die miteinander in Urlaub fahren. Falk ist ein wohlhabender Philosophie-Dozent, hat eine angemessene Gattin und gebildete Kinder. Matze ist sein jüngerer Bruder, auf seine Unterstützung angewiesen, und hat sich in eine Bäckereifachverkäuferin verliebt. Sie ist die Fremde in einem Setting, das ganz auf die Bewunderung des Intellektuellen-Paschas ausgelegt ist. Das führt zu Spannungen – bis die Familie in Trümmern liegt. Klingt erst mal – Achtung: Name dropping – nach einem Skript von Yasmina Reza. Und hat stellenweise auch den Drive und den hysterischen Humor.

Imperium des Schoenen 2 560 uNebel wallt, sonst lenkt nichts ab im Bühnenbild von Tina Laniks Inszenierung von "Das Imperium des Schönen" © Björn Klein

Aber Stockmann stellt im Begleitheft klar, dass er mehr will – eine Mischform aus Repräsentationstheater und dem Aufbegehren durch Formen. Sein Stück sei kein Sprechtheaterstück, sondern eine Auseinandersetzung damit. Und dazu gehört wohl die Irritation der Zuschauererwartungen, etwa bei der Rollenverteilung.

Zwei parallele Wirklichkeiten

Marco Massafra als Dozent Falk ist noch ganz im Element – arrogant und oberlehrerhaft. Richtig abstoßend, richtig gut gemacht. Seine Widersacherin Maja ist im Text jedoch ganz anderes angelegt als es dem Bild des Publikums von einer Bäckereifachverkäuferin entspricht. Notdürftig damit begründet, dass sie seine Schopenhauer-Vorlesung besucht hat, tritt diese Maja ihrem Kontrahenten auf dessen eigenem Terrain ebenbürtig entgegen. Nina Siewert wirkt in ihrer Darstellung dabei eher wie eine Konkurrentin um eine Professur. Und in ihrer Erbarmungslosigkeit auch nicht wie die Gute, die sich nur dagegen wehrt, von einem Aufschneider abgekanzelt zu werden.

Nein, im "Imperium des Schönen" prallen unversöhnlich zwei parallele Wirklichkeiten aufeinander – deren Architekten sich aber der gleichen Mittel bedienen, um sie zu errichten und gegeneinander abzudichten. Das passt auch zur Wahl des Urlaubsorts. Stockmann lässt die Paare in Japan eskalieren, einem Land, das den gleichen Lebensstandard bietet, aber auf Basis komplett anderer Denkweisen. Auch das eine Parallelwelt. Auf die Dynamik der Auseinandersetzungen im Stück wirkt sie wie ein Brandbeschleuniger.

Die Kunst des Gemetzels

Was diese Irritationen im Text den Zuschauern nun allerdings sagen sollen, ist weniger eindeutig. "Worum geht's hier überhaupt", ist ein weiterer roter Faden-Satz in dem Stück. Ausgesprochen unter anderem von Falks Frau (Katharina Hauter), die im gleichen Atemzug darüber klagt, dass sie und Falks Bruder (Martin Bruchmann) nur Statisten sind – womit sie Recht hat, auch die Inszenierung zeigt beide als bloße Anhängsel. Als eine mögliche Antwort auf die Sinnfrage bietet das Stück einen Exkurs von Falk über das japanische Kunstverständnis. Wo der Europäer eine tiefere Botschaft sucht, empfindet der Japaner die Oberfläche als den Ort, an dem sich das wahre "Ich" zeigt. Falk zieht dabei alle Register professoraler Blendung. Und man wird als Zuschauer das Gefühl nicht los, dass das Stück mit dieser Haltung seiner Hauptfigur kokettiert.

Imperium des Schoenen 3 560 uWo die Oberfläche zählt, braucht es ein Spiel der Uneindeutigkeiten und Verblendungen: Ensemble in "Das Imperium des Schönen" © Björn Klein

Man könnte sich fragen, was es bedeutet, dass die Kinder von Falk die Inszenierung irritieren als Vorleser der Regieanweisungen und ansonsten wirken wie eine Mischung aus Chucky, die Mörderpuppe und Waldorf-Schülern. Oder man hält es mit dem von Falk vorgetragenen Sprichwort "Wenn wir Fragen stellen, haben wir meist die Antworten schon im Sinn".

Stockmann und Regisseurin Lanik spielen mit dieser (behaupteten) Uneindeutigkeit – und mit den Zuschauern. Wer es mit sich machen lässt, wird von bösem Humor und viel Tempo unterhalten, wirklich gut unterhalten.

P.S.: Auch der Autor dieses Textes wollte kokettieren und viel mehr über Japan schreiben – und einflechten, dass er Japan kennt, in einem Kapselhotel übernachtet und im Stück einen Fehler gefunden hat (über dem Apartment der Protagonisten soll eine Karaokebar sein. Japaner singen Karaoke aber in Keller-Separees und nicht vor Bar-Publikum). Dieser Ansatz hätte (irgendwie) zum Stück gepasst, ging aber beim Schreiben nicht auf. Das ärgert ihn.

 

Das Imperium des Schönen
von Nis-Momme Stockmann
Uraufführung
Regie und Bühne: Tina Lanik, Kostüme: Natalie Soroko Dramaturgie: Carolin Losch.
Mit: Katharina Hauter, Marco Massafra, Nina Siewert, Martin Bruchmann, Daniel Fleischmann, Marielle Layher.
Premiere am 1. Februar 2019
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Mehr zum Thema Premiereverschiebung und Wechsel der Regisseurinnen: Am 11. Januar 2019 hatte die Stuttgarter Zeitung gemeldet, dass die Premiere von "Das Imperium des Schönen" verschoben werden müsse, weil sich "künstlerische Differenzen zwischen der Regisseurin Pınar Karabulut und dem Autor Nis-Momme Stockmann" aufgetan hätten. Als neue Regisseurin wurde zu diesem Zeipunkt Tina Lanik angesagt. In einem Porträt des Autors zitiert Dorothee Schöpfer zweieinhalb Wochen später in der Sttutgarter Zeitung (online hinter Paywall 30.1.2019, 16:09 Uhr) Nis-Momme Stockmann: " 'Jeder hat seine Sorgfaltspflicht gegenüber der Kunst', so umschreibt er den Konflikt zwischen der Regisseurin und ihm, der in den Endproben vor einigen Wochen zutage kam und nicht gelöst werden konnte. 'Unsere beiden Visionen blieben unvereinbar.'"

 

Kritikenrundschau

"Stockmann (…) hat (...) ein unterhaltsames, sprachlich fein schwingendes Konversationsstück geschrieben", schreibt Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (2.2.2019). Tina Lanik habe dem Drama einen Keuschheitsgürtel umgelegt "und reduziert es auf einen Austausch philosophischer Lebensfragen". Gerettet werde der Abend durch die Figuren der beiden Kinder und ihre Darsteller*innen: "Mit Blicken und Tönen, Schreien und Rufen, mit Polonaisen und absurd witzigen Aktionen kommentieren die jungen Schauspieler die Streitereien über Oberflächlichkeit und Tiefe, zeigen, wie peinlich, ja kindisch sich die Erwachsenen benehmen", so Golombek: "In ihrer Ungerührtheit sind sie hochkomisch. Neben der politischen Korrektheit der Alten macht die Jugend den Abend dann doch absolut sehenswert."

"Hier haben wir ein Stück in oft atemlosen, glänzendem Neudeutsch, virtuos gebaut wie eine große Sonate mit allerhand Scherzi, Tiefgang und Tempo", schreibt Mirko Weber in der Stuttgarter Zeitung (2.2.2019). Alles in allem ein Stück über uns, "stellt mehr Fragen als es Antworten hat und funktioniert selbst in einer Behelfsfassung."

"Diesen kühlen Text der starken Emotionen sollte man genau so spielen, wie er da steht. Eingriffe in die Logik von Stockmanns Suspense-Dramaturgie bis hin zum Zusammenbruch eines familiären Gefüges, so der Eindruck, sind eher unangebracht", schreibt Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (4.2.2019). "Tina Lanik ist innerhalb kurzer Zeit eine pure und schlüssige Inszenierung gelungen."

 

 
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