Der sexy Irre

von Falk Schreiber

Lübeck, 1. Februar 2019. Hier stimmt was nicht. Das Publikum betritt den Saal der Lübecker Kammerspiele, und schon hebt sich der Vorhang. Gibt den Blick frei auf eine abstrakt-derangierte Bühne, ein umgekipptes Pferd, ein Zelt, eine Kleiderstange, im Hintergrund eine Treppe, auf der das Ensemble lagert. Und dann schließt er sich wieder. Und öffnet sich, halb. Außerdem sind die Jalousien zur Straße geöffnet, nein, jetzt senken sie sich. Diese Inszenierung ist aus den Fugen, noch ehe sie begonnen hat. Und obwohl es nicht die originellste Idee ist, Albert Camus' "Caligula" als Auflösung der Dramenstruktur zu inszenieren, muss man zugeben, dass Mirja Biel den Einstieg zwar vorhersehbar unkonventionell aber nicht ohne Charme dekonstruiert.

Aufstand der Elite

Das Publikum findet schließlich seine Plätze, und die Darsteller üben sich in Nihilismus: "Die ganze Zeit: nichts", tönt es elektronisch verzerrt durch den Raum, "Und immer noch: nichts", dann schließt sich der Vorhang zum letzten Mal, und man hört die Stimme der Inspizientin über den Lautsprecher: "Einlass beendet, Matthias bitte." Eine Fehlfunktion der Elektronik? Das Saallicht leuchtet auf, und Holger Bülow tritt an die Rampe. "Wenn jemand vor den Vorhang tritt, dann heißt das nie was Gutes", hebt er an, "unser Kaiser ist verschwunden".

Natürlich hat man schnell verstanden, dass das kein echter Ernstfall ist: Bülow spielt den Fehler im System, aber, zugegeben, er spielt gut, mit den Entertainmentqualitäten des Showman, der glaubt, hier endlich seine Chance auf das große Solo gekommen zu sehen, und der sich später mühelos in den Caligula-Gefolgsmann Helicon verandeln wird.

Caligula 1 560 KerstinSchomburg uDas Böse kommt selten allein: Ensemble im Lübecker "Caligula" © Kerstin Schomburg

Die Nummer jedenfalls ist kein besonders gelungener Gag, aber sie ermöglicht der Inszenierung, halbwegs elegant über die Vorgeschichte zu informieren: Die Schwester respektive Geliebte von Kaiser Caligula ist gestorben, der Kaiser hat sich in die Depression verabschiedet, und als er wieder da ist, ist er irgendwie verändert. Seine Herrschaft ist tyrannisch geworden, impulsiv, affektgetrieben, aber das ist die Elite gewohnt. Was wirklich fatal ist: Opfer von Caligulas Diktatur ist zunehmend die Elite selbst, und das geht gar nicht. Der muss weg.

Geblößte nackte Brust

Also verschwören sich die Patrizier. Aber die Verschwörungsszenen, die Biel direkt an der Rampe spielen lässt, sind die langweiligsten des Abends, der hier plötzlich ins Historiendrama kippt. Sophie Pfennigstorf, Jan Byl, Robert Brandt und Sven Simon geben einen Haufen Spießer, die sich nicht einmal untereinander grün sind, und die in keiner Weise gegen den Irrsinn ankommen, mit dem Matthias Hermann seinen Caligula ausstattet. Der ist nämlich zwar wahnsinnig und grausam, aber er bebt auch vor viriler Männlichkeit, er hat in lichten Momenten halbwegs gute Argumente auf seiner Seite, und in schlechten hat er immerhin noch eine nackte Brust.

 Caligula3 560 Kerstin Schomburg uMit Irrsinn ausgestatt. Und mit Sexyness: Matthias Hermann als "Caligula" © Kerstin Schomburg

Eine gefährliche Sexyness umgibt diese Figur, deren Handlungen ziemlich eins zu eins mit klug arrangierter Popmusik in den Abgrund rasen, The Cures "Boys don't cry" zur emotionalen Verhärtung, Grace Jones' "Slave to the Rhythm" zur Versklavung der Patrizier, DAFs "Der Mussolini" zum Umkippen des Systems in den Faschismus.

Bloß schade, dass Biel mit dieser erotisch aufgeladenen Caligula-Figur die politische Sprengkraft des Stücks ohne Not verschenkt. Einen nur von Affekten getriebenen Willkürherrscher findet man in der Realität des Jahres 2019 ebenso wie eine Partei, die jeden Versuch einer ernsthaften politischen Diskussion etwa über die Staatsfinanzen zur Kabarettnummer macht (und das Programmheft legt hier mit einem Aufsatz von Timothy Snyder auch eine entsprechende Spur). Sowohl Trump als auch AfD aber eint, dass sie in keiner Weise sexy sind, sondern banal, plump und stumpf. All das, was Hermanns Caligula nicht ist. Indem Biel hier einen sexy Irren erfindet, steht das Stück inhaltlich irgendwann tatsächlich vor dem Nichts.

Radikal rauskatapultiert

Kurz vor Schluss scheint die Inszenierung dann eine enttäuschend einfache Ausfahrt zu nehmen, indem sie einen drastischen Abstieg in den absoluten Wahnsinn andeutet, mit sägenden Feedbacks und sich steigerndem Stimmengewirr. Dann aber traut sich Biel noch an eine letzte radikale Wendung und lässt ihren, naja: Helden zunächst die überlebenden Verschwörer rauskomplimentieren. "Schluss! Alle raus!" Und plötzlich merkt man: Das geht nicht nur an die Darsteller, sondern auch ans Publikum.

Tatsächlich wäre es ein bös-geniales Finale, wenn dieses die Aufforderung ernst nehmen würde, als Umgang mit einer disparaten Inszenierung, die sich dem Charme des Bösen ausliefert und dabei jedes Maß verliert. Dass das Publikum den Ball nicht aufnimmt, sondern einen begeisterten Schlussapplaus anstimmt: geschenkt. Klar ist aber, dass hier was nicht stimmt, hier stimmt sogar einiges nicht, und das ist zumindest ästhetisch nicht uninteressant.

Caligula
von Albert Camus, Deutsch von Uli Aumüller
Regie/Bühne: Mirja Biel, Kostüme: Hannah Petersen, Musik: Helena Ratka, Dramaturgie: Anja Sackarendt.
Mit: Matthias Hermann, Agnes Mann, Holger Bülow, Sophie Pfennigstorf, Jan Byl, Sven Simon, Robert Brandt
Premiere am 1. Februar 2019
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theaterluebeck.de

 

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Kritikenrundschau

"Was da auf der Lübecker Bühne geschah, war allzu harmlos," schreibt Cornelia Schoof in den Lübecker Nachrichten (2.2.2019). Mirja Biel hat aus Sicht der Kritikerin eine durchdachte Inszenierung geschaffen, "ohne platte Bezüge zu Machthabern der Gegenwart oder zu Despoten der Vergangenheit, ohne Geschrei oder hippe Musik. Das ist viel wert. Wenn aber ein erschütterndes Werk auf der Bühne nicht berührt, wenn die so viel größeren Möglichkeiten, die die Bühne im Vergleich zum philosophischen Text hat, ungenutzt verpuffen, dann ist das schade."

'Lub' vom Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (4.2.2019) hat bestes Schauspiel und eine herausfordernde Inszenierung gesehen. "Camus selbst nannte das Stück 'eine Tragödie der Erkenntnis'. So kommt es auch in Lübeck auf die Bühne, hier lässt Caligula die Mächtigen als Puppen tanzen."

"Ein grundsätzliches Problem des Camus-Dramas ist, dass Philosophie sich schlecht 'spielen' lässt. Die Regie muss sich deshalb viel einfallen lassen, um die Dialoge mit Handlung zu unterfüttern. An Ideen fehlt es Mirja Biel keinesfalls“, so TD von HL-live.de (2.2.2019). Biel sparte auch nicht mit Hinweisen auf spätere Diktatoren und Figuren der Geschichte. „Gut gelungen sind Szenen, in denen der Cäsar die Puppen, sprich seine Mächtigen tanzen lässt."

 

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