Der wertlose Mensch

von Christian Muggenthaler

Ingolstadt, 2. Februar 2019. "Ach, er ist ja einer von Millionen": Pinneberg, Verkäufer, Angestellter, Arbeitsloser, Zentral- und Titelfigur in Hans Falladas Roman "Kleiner Mann – was nun?" ist halt nur einer von ganz vielen, denen es gerade recht dreckig geht, und, so heißt es im Buch weiter über eine anonym bleibende Schicht der Mächtigen: "Ob ich verrecke oder nicht, das ist ihnen so egal." Pinneberg steckt mitten drin in einem System, das Angst und damit böse macht, und wer darin dennoch gut bleiben will, ist schneller draußen als er "mäh!" sagen kann. Dass Pinneberg dann doch vielen nicht ganz so egal war und ist, liegt daran, dass er eine erfundene Figur ist und er und seine "Lämmchen" genannte Ehefrau Lesern das Herz brechen.

Fallada wusste, wovon er in seinem 1932 erschienenen Überraschungs-Bestseller schrieb. Das Buch war deshalb so erfolgreich, weil sein Autor eine scharfkantige Gesellschaftsanalyse flauschig verpackte in eine anrührende Liebesgeschichte. Ein Zusammenwirken von herzhaftem Zubiss und sachlichem Durchkauen: Das funktioniert heute noch, wenn dem Stoff die gleichrangigen Dosen von Emotion und Rationalität zugegeben werden. So wie in einer Münchner Spielfassung von Luk Perceval, die am Stadttheater Ingolstadt nun wieder genutzt wird und hervorragend funktioniert, weil beides im permanenten Vollgasmodus zugegeben wird.

KleinerMann 2 560 JochenKlenk uScharfkantige Gesellschaftsanalyse, flauschig verpackt: Mira Fajfer, Renate Knollmann © Jochen Klenk

Pinneberg ist Prekariat, seine Stellung als Familienvater, seine Bedeutung als Mensch hängt zusammen mit seiner Stellung im ökonomischen Wertschöpfungsprozess. Bricht die weg, brechen Sicherheit und Selbstbewusstsein schnell zusammen. Leserschaft und Publikum schauen einem mutigen, lieben jungen Ehepaar beim allmählichen Scheitern im Kampf um jene Sicherheit zu. Das beginnt erst einmal noch ganz witzig, Fallada baute in seinen Stoff genug Komisches ein, etwa eine extrem unmütterliche Mutter oder eine groteske Familieneinkaufszene in einem Berliner Modehaus, die Regisseurin Brit Bartkowiak schön schräg umsetzt.

Zackige, konzentrierte Behutsamkeit

Wie überhaupt die Regie stets im richtigen Ton bleibt, sämtliches Tun und Treiben auf der Bühne zackig in den Dienst des Erzählflusses stellt, und der ist: rasant. In zweieinhalb Stunden geht es durch den Roman, alle wichtigen Wegstrecken werden befahren. Durch einen ständigen Wechsel der Sprecher, durch ein Hin und Her der Sprechhaltungen zwischen kommentierenden und dialogischen Passagen, durch flottestes Aneinanderklinken von Texten und Szenen, durch rasches Durchparadieren der dennoch scharfgestellten Nebenfiguren entsteht eine Dynamik, die von der Atemlosigkeit einer drangsalierten Biografie erzählt und davon, wie Menschen durch Dauerausbeutung am Laufen gehalten werden.

Besonders bemerkenswert ist, dass in all der Geschwindigkeit trotzdem konzentrierte Behutsamkeit herrscht. Die Bühne (von Hella Prokoph) ist eine halbrunde Zuschauertribüne, die die Darsteller in kommoder Beobachtungsposition beginnen lässt. Die können sie aber bald nicht mehr halten, weil sie schnell hineingezogen werden in den Trubel auf, unter, vor, neben, hinter und zwischen den Tribünenstufen. Dahinter eine weiße Wand, auf die sehr dosiert Videos und Aufnahmen (Stefano di Buduo) projiziert werden, die kurz private Momente zeigen oder Zeitkolorit: das Ende der Weimarer Republik. Ein Zeitkolorit, das die Kostüme (von Carolin Schogs) nur behutsam andeuten. Auch die Musik (von Joe Masi) wird nicht verschwenderisch verwendet, sondern sacht und tröpferlweise.

KleinerMann 1 560 JochenKlenk uPinneberg und sein Lämmchen: Marc Simon Delfs, Mira Fajfer (dahinter Richard Putzinger, Sascha Römisch, Jan Gebauer)
© Jochen Klenk

Zwischen Ohnmacht und Wut

In der Inszenierung scheint das Zeitkolorit nur sehr am Rande durch: in mehrmals wiederkehrenden Stechschrittstiefeltritten. Die marschieren an der Nahtstelle zwischen Ohnmacht und Wut. Und um genau die geht es. Wut überkommt Pinneberg, wenn er über seine Figur eben jene Festellung treffen muss, nur einer von Millionen zu sein – und trotzdem allein. Am Ende verliert er sich in Ohnmacht, als er konstatiert, dass Armut in einer auf Gewinnstreben basierenden Gesellschaft jeden Menschen per se verdächtig und wertlos macht. Sein Lämmchen kann ihn da nicht mehr rausholen. Auf diesen Punkt hat die Inszenierung abgezielt, in diesen Momenten verliert sie ihre Geschwindigkeit und mündet in zeitlose Tragik.

Und genau hierhin, genau zu diesem Punkt, haben Marc Simon Delf (Pinneberg) und Mira Fajfer (Lämmchen) ihre Figuren zielstrebig und achtsam geführt, der so liebevolle Mann, der immer mehr von seiner Kraft verliert, die tapfere Frau, die ihm die ihre zuletzt nicht mehr geben kann: Beide Spieler haben die ganze Zeit die erstaunliche Kraft dieser Menschen gezeigt, die da schlussendlich wegbricht – ein schauspielerischer Kraftakt. Unterstützt werden sie von einem wunderbar spielfreudigen Ensemble, das die Pinnebergs einbettet in eine rasante Erzählung.

 

Kleiner Mann – was nun?
nach dem Roman von Hans Fallada in einer Fassung von Luk Perceval
Regie: Brit Bartkowiak, Bühne: Hella Prokoph, Kostüme: Carolin Schogs, Musik: Joe Masi, Video: Stefano di Buduo, Dramaturgie: Judith Werner.
Mit: Marc Simon Delf, Mira Fajfer, Victoria Voss, Sascha Römisch, Peter Reisser, Jan Gebauer, Richard Putzinger, Olaf Danner, Renate Knollmann.
Premiere: 2. Februar 2019
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

www.theater.ingolstadt.de

 

Kritikenrundschau

"Großer Jubel für 'Kleiner Mann - was nun?'", schreibt Anja Witzke im Donau-Kurier (4.2.2019). Brit Bartkowiak habe die Fassung von Luk Perceval gewählt, "die klug Spiel- und Erzählsequenzen mischt und einen formidablen Einblick in die Sprachkraft Falladas gibt." Die Ingolstädter Inszenierung "ist phänomenal. Weil sie der literarischen Vorlage Rechnung trägt, gleichzeitig einen scharfsichtigen Kommentar zur Gegenwart abliefert und die Liebesgeschichte (...) in einer zauberhaften Theatralik auf die Bühne tupft." Um das Paar gruppiert Bartkowiak eine Art Chor der Gesellschaft und Akteure, "die in all die anderen Figuren aus Falladas Universum schlüpfen". Es gebe viel zu entdecken in der "komödiantischen und höchst anrührenden Inszenierung". Aber der Clou seien doch die Schauspieler: "Aus noch so kleinen Rollen zaubern sie Skurriles und Überraschendes".

 

 
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