Soll man ihn freisprechen?

von Gabi Hift

Berlin, 10. Februar 2019."Reptil!", "Hersteller künstlicher, eitler und unnützer Bücher!" – so und noch ärger hat Bertolt Brecht über Thomas Mann gelästert. Vor 15 Jahren stand dieses Reptil im Zentrum eines Dreiteilers "Die Manns – Ein Jahrhundertroman", der so erfolgreich war, dass die Familie Mann seitdem als so etwas wie die deutsche Königsfamilie gilt. Und nun hat sich der Schöpfer dieses Dokudramas, Heinrich Breloer, für sein neues Projekt ausgerechnet den ausgesucht, der seinen ersten Helden so gehasst hat.

Breloer ist keiner, der Genies die Maske herunterreißen und den gestörten Wicht dahinter bloßstellen will. Er nähert sich seinen Subjekten aus einer Position der Bewunderung für ihr Werk. Das Format des Dokudramas, bei dem Originaldokumente und Interviews mit Zeitzeugen neben Spielfilmszenen stehen, hat er erfunden. Es war aufregend, wegen seiner Offenheit, sollte, ganz im Sinn von Brechts epischem Theater, die Zuschauer zum selbständigen Denken bringen. Heute gilt die Form gelegentlich als verstaubt, tauglich höchstens zu mäßig kritischem Bildungsbürgerfernsehen. Bei "Brecht" zeigt sie sich von beiden Seiten.

BrechtBreloer 560 WDR NikKonietzky uDer junge Bert Brecht (Tom Schilling) und Elisabeth Hauptmann (Leonie Benesch) Ende der 1920er Jahre in Berlin © WDR / Nik Konietzky

Teil 1 umfasst den Zeitraum von Brechts Schulzeit während des Ersten Weltkriegs bis zu seiner Flucht 1933. Gehetzt von der schieren Menge des Stoffs rutscht die Erzählung in einen "und dann... und dann … und dann"-Modus ohne klaren Fokus. Teil 2, der von Brechts Rückkehr aus dem Exil bis zu seinem Tod in der DDR 1956 reicht, entwickelt hingegen einen beachtlichen Sog und bringt einen zum Denken. Die Jahre des Exils lässt Breloer einfach aus.

Brecht und die Frauen

Den ersten Teil erzählt Breloer an den Frauengeschichten entlang, um die man bei Brecht natürlich nicht herumkommt. Auch wer sonst nicht das Geringste über Brecht weiß, hat von den vielen Frauen gehört, die er – je nach Betrachtungsweise – ge- oder missbraucht, ausgebeutet, geschwängert, geheiratet oder zu Grunde gerichtet hat. Ohne die er nicht sein konnte und ohne die es seine Werke nicht gegeben hätte. Breloer stellt diese Frauen nicht als bemitleidenswerte Opfer dar, sondern als eigenständige, faszinierende Personen.

BrechtBreloer1 560 WDR StefanFalke uDie  Mutter von Hanne Hiob: Marianne Zoff (Friederike Becht) mit Bert Brecht (Tom Schilling)  © WDR / Stefan Falke

Gespielt werden sie von vier hinreißenden Schauspielerinnen: Mala Emde als Paula Banholzer, "Bi", ist wunderbar ernst und störrisch und besonders, wenn sie sagt: "Aber ich bin nichts Besonderes, gar nicht." Friederike Becht als Marianne Zoff glitzert und leuchtet und wirbelt wie ein Hollywoodstar der dreißiger Jahre, mit schiefem spöttischem Lächeln und Augen wie schwarze Seen. Leonie Benesch als junge Elisabeth Hauptmann balanciert fast durchsichtige Zartheit mit sommersprossiger Widerspenstigkeit. Lou Strenger als junge Helene Weigel schließlich trifft deren Tonfall beim Lied "Lob des Kommunismus" so perfekt, dass man eine Gänsehaut bekommt.

... aber etwas fehlt

Jede dieser vier Frauen glänzt auf ihre Art, und lustig sind sie auch. Man versteht vollkommen, wieso Brecht sie haben wollte, nur wie er sie herumgekriegt hat, versteht man nicht. Alles wird bloß behauptet und man bleibt mit dem Gefühl zurück, dass das, was man da sieht, niemals so gewesen sein kann. Zwar hat Tom Schilling viel von dem speziellen Charme, den die Fotos des jungen Brecht ausstrahlen: den schüchternen und doch vorwitzigen Blick, die großspurige Allüre, so kindlich übertrieben, dass es schon wieder liebenswert ist. Er kann gut singen und Gitarre spielen, vermutlich besser, als Brecht es konnte. Aber etwas fehlt.

BrechtBreloer2 560 WDR NikKonietzky uNach dem Krieg: Helene Weigel (Adele Neuhauser) und Bertolt Brecht (Burghart Klaußner) © WDR / Bernd Spauke

Auch von Brechts politischer Entwicklung bekommt man im ersten Teil kaum etwas mit. Es ist ein rasender Ritt durch die Geschichte der Zwischenkriegszeit und wer nicht ganz sattelfest ist, wird schon bald nichts mehr verstehen. Schon gar nicht, wie das Sein Brechts Bewusstsein bestimmt.

Einladung zum Mitdenken

Der zweite Teil beginnt mit den Dokumentaraufnahmen von Brechts Vorladung vor das "Komitee für unamerikanische Umtriebe" . Damit ist sehr klar der Ton gesetzt: Ab jetzt soll und darf man mitdenken. Man kann es großartig schlitzohrig finden, wie Brecht sich 1947 aus der Affäre gezogen hat. Oder man kann finden, dass er den amerikanischen Genossen in den Rücken gefallen ist, weil er ohnehin wusste, dass er am nächsten Tag die USA verlassen würde.

Dann folgen die Jahre in der DDR. Brecht wird jetzt von Burghart Klaußner gespielt, Helene Weigel von Adele Neuhauser. Kurz denkt man noch über Ähnlichkeiten nach (Klaußner: nicht so sehr, Neuhauser: enorm), dann ist man gefangen. Das vielfältige dokumentarische Material verschmilzt völlig organisch mit den Spielszenen. Breloer konnte eine ganze Anzahl von Mitarbeitern aus der Zeit interviewen. Besonders aufschlussreich ist das Gespräch mit B.K. Tragelehn. Ganz anders als im ersten Teil wissen jetzt Schauspieler und Regisseur, "wie er es gemacht hat".

BrechtBreloer4 560 WDR NikKonietzky uBerlin 1952: Brecht probt "Der Hofmeister" in dem Kammerspielen des Deutschen Theaters, wo das Berliner Ensemble 1949 gegründet wurde. © WDR / Nik Konietzky

Weit über die Hälfte der Zeit sieht man Brecht und seine Mitarbeiter bei Theaterproben. Das ist so überzeugend gemacht, dass man das Gefühl hat, man säße selbst dabei, etwa als einer von Brechts Meisterschülern. Klaußner spielt die Figur Brecht nicht oder arbeitet sich an irgendeinem Charakter ab – er handelt: Er inszeniert eine Szene. Neuhauser spielt nicht die Weigel – sie probt "Mutter Courage". Und Breloers Text ist in diesen Szenen nicht mehr hölzern wie im ersten Teil, sondern funktioniert perfekt. Alles wird gezeigt, nichts erklärt.

#Metoo-Urszene im Urfaust

Eine Schauspielerin hat sich in einer Szene zu beklagen. Brecht schlägt vor, sie solle es statt zu ihrem Partner nach vorne sprechen, mit denselben Worten. Sie solle jedoch dem Publikum ganz sachlich erklären, was los ist. Sie tut's und man erlebt unmittelbar, dass die Wirkung der Worte so eine völlig andere ist – und hat das Epische Theater begriffen.

BrechtBreloer5 560 WDR NikKonietzky uLegendär: Helene Weigel (Adele Neuhauser) 1949 als Mutter Courage. Links: Angelika Hurwicz (Marie Louise Stahl) als Courage-Tochter Katrin © WDR / Nik Konietzky

An einer anderen Stelle nimmt Brecht einen Vorschlag der jungen Schauspielerin Käthe Reichel auf, die gerade die Gretchenszene "bin weder Fräulein weder schön" probt. Während er ihr vormacht, wie sie nach dem Satz zuerst weggehen, dann, nach ein paar Schritten, plötzlich denken "Da ist was passiert! Das wird mein Leben verändern!" und sich erschrocken zu Faust zurückdrehen soll, weiß man: genau in dieser Sekunde hat Brecht sie verführt. Man sieht aber auch: genauso muss sie die Szene spielen! Er demonstriert ihr, wie das Begehren aufflammen soll: mit Verzögerung, aber dann wie ein Blitz, sie macht es nach, fühlt es, und schon "hat" er sie. Schauspielerin und Frau stecken im selben Körper. Er hat die junge Frau, die ihn gerade noch körperlich abstoßend fand, vor aller Augen dazu gebracht, ihn zu wollen. Und er hat gleichzeitig das, was er da zwischen ihnen angezündet hat, benutzt, um einen magischen Theatermoment zu erschaffen. Das alles kann man in der kurzen Szene mitverfolgen – und sieht die Urszene aller #metoo-Augenblicke am Theater vor sich. Hat Brecht seine Macht missbraucht? Als Mann aber auch als Regisseur? Ist das zu trennen? Waren die Verhältnisse schuld? Hätte ein Einzelner soviel Macht gar nicht haben dürfen? Aber musste er sie nicht haben, er, das Genie, der gegen alle Widerstände eine neue Art des Theaters durchsetzen wollte?

Ständig die Augen verschließen

In anderen Szenen erlebt man mit, wie Brecht und Weigel sich durch die entsetzliche Dummheit der Nomenklatura durchlavieren müssen. Erschütternde Szenen: Martin Pohl, einer der Meisterschüler, ist nach zwei Jahren Haft entlassen worden und sitzt nun Brecht gegenüber. Er erzählt, dass er gefoltert wurde und ein falsches Geständnis abgelegt hat. Brecht braust auf, ehrlich erschüttert, will sofort ganz oben intervenieren. Pohl sagt erstaunt, das hätten doch aber alle gewusst. Und es wird klar, dass Brecht es tatsächlich gewusst haben muss, nichts unternommen hat, und es so vollkommen verdrängt hat, dass er jetzt wirklich entsetzt war. Es ist kaum möglich, zu sagen, wie gut diese Szene gespielt ist und wie gut geschrieben – weil man sie nicht mehr als Spiel oder erfunden erlebt, sondern wie wild nachdenkt, wie Brecht anders hätte handeln können, ohne alles zu verlieren.

Ebenso geht es einem mit Brechts Verhalten beim Aufstand vom 17. Juni. Es schnürt einem die Brust ab, zu sehen, wie Brecht und Weigel und alle Mitarbeiter, die nach und nach zu ihnen stoßen, in diesem wahnsinnigen Zwiespalt stecken, beim Aufbau einer neuen Gesellschaft mitzuwirken, einem neuen Theater, das wahrhaftiges Lehrtheater wäre, in dem alle voller Lust herausfinden könnten, wie das Leben der Menschen besser werden könnte – während rundherum das Experiment "real existierender Sozialismus" zur Diktatur verkommt und sie ständig die Augen verschließen müssen, um ihre Position zu halten.

BrechtBreloer3 560 WDR NikKonietzky uBertolt Brecht (Burghart Klaußner) wenige Monate vor seinem Tod im Jahr 1956 © WDR / Nik Konietzky

Zuletzt sieht man Brecht an der Inszenierung von "Galileo Galilei" arbeiten, der abschwört und sein Wissen an die Herrschenden verrät, um zu überleben. Die Anderen sagen, er habe seine Hände befleckt, Galileo aber antwortet: "Besser befleckt als leer". Breloer fragt B.K. Tragelehn, ob er meint, Brecht hätte gewusst, dass er hier über sich selbst schrieb. Und Tragelehn antwortet, es gäbe zweierlei Wissen – ein intellektuelles Wissen und ein Wissen der Kunst. Und: "Na ja – er hats geschrieben, nicht?"

So funktioniert der zweite Teil von "Brecht" tatsächlich fast wie ein Brecht'sches Lehrstück. Man denkt nach, was Brecht getan hat, um für sich und die Seinen zu erreichen, was er wollte. Man sieht, welche Kompromisse er eingegangen ist, dass es zum Teil furchtbare Kompromisse waren. Dass er gewonnen hat. Dass er daran krepiert ist. Soll man ihn verurteilen? Soll man ihn freisprechen? Hätte er besser handeln können? Wie?

 

Brecht
Fernsehfilm in zwei Teilen
Buch und Regie: Heinrich Breloer, Kamera: Gernot Roll, Szennenbild: Christoph Kanter, Kostümbild: Ute Pfaffendorf, Maske: Silka Lisku, Musik: Hans P. Ströer, Schnitt: Claudia Wolscht.
Mit: Tom Schilling, Burghart Klaußner, Lou Strenger, Adele Neuhauser, Franz Hartwig, Ernst Stötzner, Leonie Benesch, Trine Dyrholm, Mala Emde, Friederike Brecht, Laura de Boer, Maria Dragus, Franz Dinda, Thimo Meitner, Anatole Taubman, Oscar Olivo, Anna Herrmann, Götz Schubert.
Termin der Erstsendung: 22. März 2019 (ARTE), 27. März 2019 (ADR)
Dauer: Zwei mal 90 Minuten .

www.ard.de

 

Mehr Brechtfilme? In Mackie Messer. Brechts Dreigroschenfilm spielt Lars Eidinger den armen BB.

 
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