Shakespeare mit zartem Duft nach Pferdedung

von Regine Müller

Neuss, 16. August 2008.Harte Trommelschläge skandieren dumpf einen kriegerischen Rhythmus. Vermummte Gestalten stürmen über eine Holzrampe auf die Bühne, das Spiel beginnt. Die Bühne wird den ganzen Abend über (fast) leer bleiben, die einsame Trommel bleibt die einzige akustische Untermalung, lediglich moderne Lichttechnik kommt dezent zum Einsatz. Kein Bühnenbild, keine Dekorationen, keine special effects, kaum Requisiten. Nur eine Handvoll Schauspieler erzählen allein kraft der Sprache und ihres darstellenden Handwerks die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Julius Cäsar.

 

Damit tun sie etwas, was man in der Musik als historische Aufführungspraxis bezeichnet, denn sie spielen zu den Bedingungen der Entstehungszeit des Werks: ähnlich karg dürfte es auch damals bei der Uraufführung von William Shakespeare’s "Julius Caesar" im elisabethanischen Globe-Theater zugegangen sein.

Das "wooden O" am Niederrhein 

Aus New York ist "The Aquila Theatre Company" nach Neuss am Niederrhein gereist, denn hier steht direkt an der Neusser Rennbahn, mitten im Grünen, in verträumter Stille und doch nur wenige hundert Meter vom Stadtzentrum ein seltsamer weißer Holzbau. Eine originalgetreue Nachbildung des Shakespear’schen Globetheaters, das er weiland sein "wooden O" genannt haben soll.

Vier Vorstellungen spielt die New Yorker Truppe, die sich ursprünglich in London gründete, im Neusser Globe und bildet damit einen der Höhepunkte des Shakespeare-Festivals, das dort seit nunmehr achtzehn Jahren alljährlich im Sommer stattfindet. Für die altehrwürdige Stadt Neuss – übrigens römischen Ursprungs und wesentlich älter als die benachbarte Landeshauptstadt Düsseldorf - ist das Festival inzwischen zum sorgsam polierten Aushängeschild geworden, für das Publikum ist es längst Kult.

Kein Kult mit Anziehungskraft für das reisende Theater-Szenevölkchen und das typische Off-Theaterpublikum, sondern Kult für ein Stammpublikum, dass sich teils aus normalen Theatergängern der Region rekrutiert, aber auch aus Theatermüden, die des überkodierten und technisch hochgerüsteten Theaters müde sind. Und aus auffallend vielen jungen Leuten, die nicht nur kommen, um im Leistungskurs Englisch zu glänzen.

Shakespeare-Englisch im VW-Bus

Rainer Wiertz, Neusser Kulturreferent und Erfinder des Festivals berichtet, dass sich sein treues Publikum – die Auslastung liegt konstant bei satten 90 Prozent für insgesamt 30 Vorstellungen mit 500 Plätzen – aus ganz verschiedenen Segmenten zusammensetzt. "Heute", sagt er vor der "Caesar"-Premiere, "haben wir ein so ein richtig bildungsbürgerliches Publikum." Eines, das dem lupenreinen Shakespeare-Englisch folgen kann, denn etwa die Hälfte eingeladenen Produktionen wird in der Originalsprache gespielt.

In diesem Jahr ist dies, neben "Caesar", "Romeo und Julia", Abiturstoff und ohnehin das klassische Shakespeare-Einsteiger-Stück. Entsprechend niedriger ist dann auch der Alterdurchschnitt bei der "Romeo"-Premiere, die von der Londoner Globe Touring Company in der Regie von Elisabeth Freestone frisch und peppig in Szene gesetzt wird. Auf der Bühne steht ein betagter hellblauer VW-Bus mit Stoffgardinen und die insgesamt sehr jungen Darsteller legen ein hohes Tempo vor. Unprätentiös und frisch ist der Stil des Ensembles, leicht und höchst komödiantisch zu Beginn, zieht sich ganz allmählich die Schlinge der Tragödie zu.

Wunderbar empfindsam und zugleich gierig nach Leben ist Alan Morrisseys Romeo, vital und nicht schon früh umflort vom Adel der späteren Tragik ist Dominique Bulls Julia, die üppige Marsha Henry ist eine kernige Amme, die das Boulevardeske nur streift, herausragend auch der hinreißende Nitzan Sharron als Mercutio, Prologsprecher und Fürst.

Elektrisierend intime Zwiesprache

Nicht minder temporeich beginnt "Julius Caesar" der New Yorker Truppe, doch alsbald verdichtet sich die Handlung zum Kammerspiel, als dessen Zentrum und eigentliche Hauptperson sich rasch Richard Willis’ Brutus herauskristallisiert. Einen Grübler, einen Zauderer von Hamletformat und Lear’schem Zorn macht Willis aus Brutus, seine Monologe werden zur elektrisierend intimen Zwiesprache mit dem Publikum und die quälend ringenden Streitgespräche mit dem verschlagenen Cassius – Kenn Sabberton schillernd und zwielichtig  - zu Höhepunkten des Abends. Großartiges Handwerk und brillante Sprechtechnik zeichnen die ganze Truppe aus, Peter Meineck hat das karge Spiel punktgenau und schnörkellos inszeniert.

Im Globe gibt es Theater im Rohzustand, garantiert ohne Zusatzstoffe und dazu hautnah: kein Zuschauer sitzt mehr als 15 Meter von der Bühne enternt in dem zylindrigen Holzbau, der an heißen Sommertagen mangels Klimatisierung allerdings zum Schnellkochtopf werden kann. Dann fließt der Schweiß in Strömen.

Britishness statt Schenkelklopfen

Das Neusser Festival atmet einen ganz eigenen Zauber und eine Atmosphäre, die tatsächlich ein bisschen "british" ist: es riecht ganz zart nach Pferden und nach Erde, das Grün sprießt satt, und die umgebenden hohen Pappeln lassen das weiße Theaterchen fast puppenhaft erscheinen. Der Festivalleitung ist liebevoll drapierter Blumenschmuck und zart selbstironischer Plüsch in der zum Foyer umgestalteten Wetthalle ein Herzensanliegen.

Neben den beiden Originalsprache-Ensembles sind in diesem Jahr das japanische No-Theatre Shakespeare Company  mit "Das Wintermärchen", das Potsdamer Poetenpack mit "Hamlet", die bremer shakespeare company mit "Der Kaufmann von Venedig" und Lard’Enfer et La Compagnie Les Figaros aus Avignon mit  - "Der Widerspenstigen Zähmung"  zu Gast.

Nicht alle Ensembles agieren auf gleich hohem Niveau, allen gemeinsam ist jedoch eine jugendliche Spielfreude, die durch die unmittelbare Nähe zum Publikum eine urtümliche, mitreissende Dynamik erfährt. Doch trotz komödiantischer Spielfreude: das Neusser Festival ist kein schenkelklopfendes Sommertheater für ein unbedarftes Publikum, kein boulevardeskes Schwanktheater. Es ist vielmehr angenehm unprätentiös und immer gut für Überraschungen und großes Theater auf kleiner Bühne wie bei dem New Yorker "Julius Caesar". 

 

www.shakespeare-festival.de

 

 
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