Schwitzen und Schwadronieren

von Kornelius Friz

Bautzen, 15. Februar 2019. Um toxische Männlichkeit geht es nicht. Ganz im Gegenteil: Hier wird jegliches Gift ausgeschwitzt. Diese Männer sind höchst hygienisch. Ihre Körper und Seelen pflegen sie in der Männersauna. Sogar der Feuerwehrmann, das Ferkel unter lauter Schweinen, lässt sich zumeist überreden, doch noch vor dem ersten Aufguss zu duschen.

Zwanzig Schichten Fichtenholzscheiben hat Katharina Lorenz auf die Bautzner Bühne gestapelt wie ein geologisches Profilmodell aus dem Erdkundeunterricht. Dieses bildet das böhmische Paradies, in dem sich zehn Saubermänner den Schmutz des Tages von der Seele gackern. Sie behandeln ihre Sauna als heiligen Ort, der das alltägliche Leben unterbricht und unter Umständen sogar den Tod.

Der Gottesdienst am heißen Gral ist allerdings eine verhältnismäßig statische Sache, denn wer sich bei dreiundneunzigeinhalb Grad auch nur ein wenig bewegt, droht zu zerfließen oder gleich zusammenzubrechen.

Innere Reinigung

Und so bewegt sich auch in der Inszenierung des Oberspielleiters Stefan Wolfram nicht viel mehr als die Mäuler, denen der bekannteste tschechische Autor im deutschsprachigen Raum sein Stücktext angeblich abgeschaut hat. Kaum ist Jaroslav Rudiš mit seinem ersten auf Deutsch geschriebenen Roman "Winterbergs letzte Reise" (erscheint am 25. Februar 2019) für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, schon hat das Deutsch Sorbische Volkstheater Bautzen die Uraufführung von "Böhmisches Paradies" wenige Tage später auf dem Spielplan – ein Glücksgriff! In einem Jahr soll der gleichnamige Roman "Český Ráj", der auf Rudiš‘ Drama aufbaut und in Tschechien längst Kult ist, auch auf Deutsch erscheinen.

Boehmisches Paradies1 560 Miroslaw Nowotny uUnter sich: die Männer in Jaroslav Rudiš' Stück "Böhmisches Paradies" © Miroslaw Nowotny

In den Böhmischen Bergen der Bautzner Bühne sind die karikaturesken Gebrechen und Sorgen der einzelnen Männer schnell verstanden. Einer, der in Rente ist, erfindet sich in jedem Quartal eine neue Krankheit. Einer, der bei der Feuerwehr ist, sieht Tote, die sonst niemand sehen kann. Und einer, der am allerjüngsten ist, hat eine dreißigjährige Freundin, die die Zahnbürsten ihrer Affären wie Trophäen sammelt. "Solche Fälle gibt's!", resümiert einer, der Facharzt für Frauenleiden ist. Jedes der Schicksale wiegelt er fachmännisch ab. Sein Satz soll nur einer von unzähligen Running Gags werden, die die Darsteller sich gegenseitig mit einem Daumen nach oben quittieren.

Glücksformeln

Und dann gibt es noch einen, der nicht sehen kann. Der Schauspieler István Kobjela verleiht ihm zwar seinen eigenen, ganz besonders heiligen Moment, in dem er wie ein Hirte am Blindenstock kniend sein "Dona Nobis Pacem" singt. Doch die meiste Zeit hat der Blinde wenig zu sagen und dient vor allem als Projektionsfläche für die Anderen, die sich wundern, dass einer so viel zu lachen hat, obwohl er blind ist. Ob das eigentlich eine Krankheit sei, fragen sie sich und sind längst wieder dabei, über ihre "Kommandantinnen" und "die Weiber" im Allgemeinen zu feixen, bevor irgendwer auf die Idee kommen könnte, nach einer Antwort zu suchen.

Dabei gibt es wirklich viel Gesprächsbedarf. Von nebenan tönt das Gelächter der Frauensauna. Außerdem hat der eine mit der Frau des Feuerwehrmanns geschlafen. Ein anderer mit der mittlerweile toten Frau dessen, dem die Frau bei einem Autounfall gestorben ist. Jener ist übrigens auch der Renten-Hypochonder, dem nichts mehr Spaß macht: weder Sex, noch saufen, noch saunieren. "Wir hätten keinen Krieg auf der Welt, wenn alle am Tag drei Pilsner trinken würden", empfiehlt der trockene Gynäkologe seinen Kollegen, und alle außer ihm ploppen sich ein Urquell auf.

Boehmisches Paradies2 560 Miroslaw Nowotny uTäglich drei Pilsener! Das ist sie also die Glücksformel, hier in der Sauna genossen. © Miroslaw Nowotny

Das Schwitzen und Schwadronieren wirkt wohl auch aufgrund der Kürzung um sechs Kumpanen etwas konstruiert und arg dicht, obgleich die erzählten Saunagänge sich über fünf Jahreszeiten erstrecken. Zu viele freiwillige und unfreiwillige Tote werden behauptet und stehen am Ende doch wieder auf der Bühne. Aber was soll's: Wenn Mirko Brankatschk als einer, der Taxi fährt, die E-Gitarre rausholt und "Highway to Hell" anstimmt, grölt das Publikum, als würde es gerne die Handtuch-Choreographie mittanzen, bei der die beiden Jüngsten alles geben, auf elegante Art nicht mehr als ihre nackten Hintern zu zeigen.

Frauengelächter von nebenan

Und was ist nun mit den ernsten Problemen, die uns Männer beschäftigen? Die Angst vor der ausbleibenden Rente? Und die Renten-Depression? Die Frau, die einen von heute auf morgen verlässt, weil man "nicht mehr elastisch geblieben ist"? Die Schwangere, die nur das gemeinsame Kind will, aber weder heiraten, noch Unterhalt? Die tote Gattin, deren Geruch einfach nicht verschwinden mag? Die Angst davor, zum Arzt zu gehen? Die Angst davor, nicht zum Arzt zu gehen? Die Plauze, die vielleicht von den vielen Pilsnern und dem vielen Futtern kommt, aber bestimmt nicht vom vielen Bumsen? All das wird angetippt, die kleinen und die großen Themen des modernen Mannes. Aber sie werden überlagert, verdeckt von zahllosen Schichten an Kalauern und von zehn züchtig dünstenden Leibern.

Ach ja, eine Frau gab es dann doch noch. Zwar nicht nackt, nicht auf der anderen Seite des hohen Holzturms, aber umso mächtiger: die Putzfrau. Sie darf zwar kein Wort sagen, aber die Herren der Schöpfung gehorchen ihr untertänig, wenn sie am Ende jedes Bildes mit einem trockenen Wischmopp wedelt. Irgendwann singt sie ein Lied, das sich zwar nicht erklärt, aber was soll's: Solche Fälle gibt's!

 

Böhmisches Paradies 
von Jaroslav Rudiš, Deutsch von Mirko Kraetsch, Fassung von Stefan Wolfram und Eveline Günther
Uraufführung
Regie: Stefan Wolfram, Bühne und Kostüme: Katharina Lorenz, Dramaturgie: Eveline Günther, musikalische Einstudierung: Tasso Schille
Mit: Ralph Hensel, Mirko Brankatschk, Thomas Ziesch, István Kobjela, Erik Dolata, Torsten Schlosser, Olaf Hais, Horst Damm, Richard Koppermann, Andreas Mittermeier, Stephanie Brückner; Frauenstimme: Lisa Lasch.
Premiere am 15. Februar 2019
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.theater-bautzen.de

 

Kritikenrundschau

"Das Stück ist mit viel Humor und ironischem Verständnis für die Schwächen des 'starken Geschlechts' geschrieben", findet Rainer Kasselt in der Sächsischen Zeitung (18.2.2019). Der Abend sei mit leichter Hand inszeniert, schwebend zwischen Traum und Realität. Aufkommender Monotonie würde die Regie mit tollen Einfällen begegnen. Und schließlich: "Bei allen sozialen Unterschieden der Figuren: Wenn es darauf ankommt, halten sie solidarisch zusammen. Was für eine Gesellschaftsutopie in unserer zerstrittenen, verfeindeten Welt!"

Oliver Hach schreibt in der Freien Presse aus Chemnitz (19.2.2019): Gender-Polizistinnen, so habe es die Dramaturgin angekündigt, würden es an diesem Abend schwer haben. Männer unter sich, da werde es "auch mal schlüpfrig und sexistisch". Das Stück sei "eine Kollektivleistung, dramaturgisch nicht einfach, wenn bis zu zehn Leute durcheinander reden". Das Theater in Bautzen habe einen Stoff inszeniert, "der vordergründig nicht sehr intellektuell daher kommt". Der aber "auf intelligente Weise dem Zeitgeist" nachspüre, "den Freuden und Leiden in der realen Männerwelt". Eine "Mischung aus feinstem tschechischem Humor und ein wenig Melancholie". Das sei "Volkstheater im besten Sinne". Freuden und Leiden in der realen Männerwelt". Eine "Mischung aus feinstem tschechischem Humor und ein wenig Melancholie". Das sei "Volkstheater im besten Sinne".

Stefan Petraschewsky sagte auf MDR Kultur (18.2.2019): Beim Bühnenbild handele es sich um einen stark abstrahierten, wie aus großen Lego-Steinen gebauten, "riesigen liegenden Frauenkörper". Bei den zehn Männern könne man an "Raben denken, die auf Ästen herumsitzen und über ihr Tagwerk berichten". Die Inszenierung habe eine "sehr poetische Seite", das Dunkelblau des Raumes um den Frauenkörper erinnere an "ein Universum", die Frauenstimmen aus dem Off, die Mondarie der Putzfrau – "eine Art 'Der kleine Prinz'-Ästhetik, oder auch 'Warten auf Godot'". Es sei immer auch ein Stück über das Warten, "in der großen Tradition des absurden osteuropäischen Theaters". Regisseur Stefan Wolfram wolle vor allem den Text präsentieren, das sei angemessen einer Uraufführung. Dadurch gerate allerdings die Wartesituation "ins Hintertreffen" und mit ihr die Situations-Komik.

 

 
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