Das Barbie-Syndrom

von Gerhard Preußer

Dortmund, 15. Februar 2019. Was dabei herauskommen kann, wenn die Mädchen zu viel mit Barbie-Puppen spielen: Dann heiraten sie einen gesichtslosen Ken, werden unglücklich und böse. Das ist vielleicht nicht die Wahrheit über Hedda Gabler oder über das Verhältnis von Schönheit und Moral, aber eine Wahrheit über die Spielzeugindustrie. Im Theater geht es allerdings nicht um Wahrheit, sondern um Fiktion, oder um Original und Abbild. Oder um das, was irgendwo zwischen den beiden steckt. Und mit dieser Zwischenwelt zwischen Präsenz und Absenz treibt Jan Friedrichs Dortmunder Inszenierung von Ibsens oft gezeigtem Drama so ihr Spiel.

Zuhause bei Ken und Barbie

Was ist sie nicht schon alles gewesen: ein schwarzer Schwan, ein Eisberg, ein King-Kong, eine Raubkatze. Nun ist Hedda eine Puppe, wie ihre Kollegin Nora aus Ibsens "Ein Puppenheim". So steht Bettina Lieder am Anfang auf der Bühne: regungslos und puppensteif im geblümten Kleid, eine große Schleife vor dem Bauch. Auf dem Kopf eine überlebensgroße Plastikmaske mit dem bekannten Barbie-Kussmund. Die schmucklose Wand dreht sich und wir sind zu Hause bei Ken alias Jörgen Tesman (Ekkehard Freye). Er tobt mit steifen Armen und fingerlosen Händen wild durch die Wohnung. Jede Bewegung wird durch eine nervtötende Lachkonserve kommentiert.

Das geht so grässlich lustig weiter, auch als Tante Julle (Marlena Keil) und Hedda kommen und deutlich machen, dass hier die alte Geschichte erzählt wird. Hedda hat Tesman geheiratet, weil sie versorgt werden wollte, sich "müde getanzt" hatte. Die Hochzeitsreise war enttäuschend, das Haus, indem sie nun wohnen werden, ist viel zu teuer, weil die Aussicht Tesmans auf einen Professorenposten schwindet. Erst wenn Tante Julle gegangen ist, nehmen Tesman und Hedda die Masken ab. Die Fassade geordneter Bürgerlichkeit ist künstlich, schön und albern wie die Barbie-Welt, dahinter leben Menschen, und die sind furchtbar. Das ist die These der Inszenierung.

Hedda Gabler 560 c Birgit Hupfeld u 01Halb Barbie, halb Marilyn Monroe: Bettina Lieder als Hedda Gabler © Birgit Hupfeld

Solange die Figuren Masken tragen, werden ihre Texte von ihren Verbal-Doubles vom Bühnenrand aus in Mikrophone gesprochen. Doch wenn Tesman Andeutungen über eine mögliche Schwangerschaft Heddas macht, kommt eine neue Zwischenebene ins Spiel. Hedda geht hektisch nach hinten, die halbe Wohnzimmerrückwand wird gedreht und wird zur Projektionsfläche für das, was hinter ihr vorgeht. Hedda macht nervös rauchend im Bad einen Schwangerschaftstest. Ergebnis: fatalerweise positiv. Das treibt sie nur weiter in die Verzweiflung. Heddas geschminktes Gesicht in Großaufnahme, während sie von hinten aus dem Bad heraus Tesman ankeift – eine Marylin Monroe im Endstadium, ein Schönheitsidol von ungeahnter Aggressivität. Wenn sie mit ihrer Jugendfreundin Thea (Alexandra Sinelnikova) spricht, um sie über ihren Ex-Geliebten Lövborg auszufragen, ist Thea eine Barbie-Puppe, der Hedda hinter der Wand im Bad, für die Zuschauer aber im großen wackligen Videobild sichtbar, auf brutalst mögliche Weise die Haare wäscht.

Puppenspiel und Video

Das Wechselspiel von maskiertem Puppengehampel mit eingesprochenem Text, unverhülltem Spiel der Darsteller und live gefilmten Videobildern Heddas auf der Projektionswand und Großaufnahmen von bewegten kleinen Barbie-Puppen setzt sich fort. Auch Assessor Brack (Uwe Rohbeck) kommt zunächst als freudestrahlender Barbie-Junge auf die Bühne. Durch die Hintertür kommt er zu Hedda, auch im übertragenen Sinne. Man sieht aus Bracks subjektiver Sicht Heddas Hintern und dann ihr angeekeltes Gesicht in schwankend gestoßenen Bildern, eine Übelkeit erregende Kopulation. Jan Friedrichs Fassung erlaubt sich solche Freiheiten manchmal, bleibt aber meist eng am Wortlaut des Originals.

Hedda Gabler 560 c Birgit Hupfeld u 02In Schönheit töten: Bettina Lieder als Hedda und Christian Freund als der Rebell Lövborg © Birgit Hupfeld

Lövborg (Christian Freund) erscheint als einziger ohne Maske. Der authentische Rebell hat in Dortmund aber nur einen kurzen Auftritt. Hedda stellt sich ihm nun im roten Kleid maskenlos gegenüber und macht ihn, den gerade trockenen Alkoholiker, betrunken. Den Herrenabend, in dem Lövborg sich dann zu Grunde richtet, sieht man dann als wilde Puppenparty wie im Kasperletheater auf der Projektionsfläche. Nun hat Hedda endlich Macht über ein Menschenschicksal und kann sogar ganz böse lachen, wenn sie Thea Herzlosigkeit vorwirft. Sie gibt dann Lövborg die Pistole, "in Schönheit" soll er sich töten. Den Gefallen tut er ihr nicht, nur unschön hat er sich versehentlich abgeknallt, wird berichtet. Dann steckt sie sich selbst eine Pistole in den Mund und drückt ab. Auch nicht schön.

Der Erkenntnisgewinn der Inszenierung ist gering. Heirate keinen Mann, den du nicht liebst. Oder: wenn du aufregend leben willst, such dir keinen langweiligen Partner. Das wussten wir schon immer und ist für eine Gesellschaft mit serieller Monogamie auch wenig relevant. Die inszenatorischen Mittel sind nicht neu, aber wirkungsvoll variiert. Und Bettina Lieders Hedda ist zum Fürchten. Wieviel Gewalt, Bosheit, Hinterlist, Wut und Verzweiflung in so einer eleganten, frustrierten Frau doch stecken kann. Schönheit ist gefährlich, nicht nur für die Männer, sondern für die Schönen.

Hedda Gabler
von Hendrik Ibsen
Deutsch von Christine Hildebrandt in einer Fassung von Jan Friedrich
Regie, Bühne: Jan Friedrich, Kostüme: Vanessa Rust, Bühnenmitarbeit: Louisa Robin, Musik: Felix Rösch, Licht: Stefan Gimbel, Ton: Andreas Sülberg, Alexander Goldbach, Livekamera/-schnitt: Tobias Hoeft, Dramaturgie: Dirk Baumann.
Mit: Bettina Lieder, Ekkehard Freye, Christian Freund, Uwe Rohbeck, Alexandra Sinelnikova, Marlena Keil.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theaterdo.de

 

Kritikenrundschau

Als grell, bunt und laut aber wenig doppelbödig beschreibt Max Florian Kühlem die Inszenierung in der WAZ (18.2.2019). Mit seiner schrillen Sitcom-Ästhetik versucht der Abend aus Sicht des Kritikers, ganz im Stil des Theaters Dortmund mit filmischen Erzählweisen zu konkurrieren, was hier nicht immer zu seiner Zufriedenheit gereicht. Bettina Lieder in der Titelrolle bescheinigt der Kritiker "starke Momente" trotz des plakativen Maskenspiels.

"Das ist gar keine Puppe; es ist die mit einer Maske geschmückte Schauspielerin Bettina Lieder, deren fabelhafte Performance an diesem Abend mehr als die halbe Miete ist", staunt Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (28.2.2019). Die Inszenierung kehre das Unterste zuoberst. "An Feinheiten wird der Regisseur Jan Friedrich sicher noch arbeiten müssen, aber seine schon klar identifizierbare Methode passt prima zum Profil eines Theaters, das mit Ersan Mondtags 'Internat' kürzlich zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde."

 
Kommentar schreiben