Der Größte seiner Generation

16. Februar 2019. Der Schauspieler Bruno Ganz ist vergangene Nacht im Alter von 77 Jahren in seinem Wohnhaus in Zürich verstorben. Das meldet die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Bruno Ganz gehörte in Film und Theater zu den herausragenden Künstlern unserer Zeit. Seit 1996 war er Träger des Iffland-Rings, der vom jeweiligen Träger testamentarisch an den seiner Meinung nach "bedeutendsten und würdigsten Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters" auf Lebenszeit verliehen wird.

bruno ganz 2011 loui der colli wikipediaBruno Ganz © Loui der Colli / Wikipedia CC BY-SA 3.0Bruno Ganz wurde 1941 in Zürich geboren und begann seine Schauspielkarriere in Göttingen, ehe er von 1964 bis 1969 am stilprägenden Theater am Goetheplatz in Bremen unter Intendant Kurt Hübner engagiert war. Hier traf er mit dem Regisseur Peter Stein zusammen und erarbeitete mit ihm u.a. 1969 Goethes "Torquato Tasso" in einer für die Entwicklung des neueren Regietheaters epochemachenden Inszenierung. Die langjährige Arbeitsbeziehung von Ganz und Stein prägte die deutsche Bühnengeschichte nachhaltig. Gemeinsam wirkten sie an der Berliner Schaubühne, die Peter Stein von 1970 bis 1985 leitete. In späteren Jahren, als Bruno Ganz nur noch selten am Theater auftrat, spielte er u.a. den Faust in Peter Steins einzundzwanzigstündiger, ungekürzter Fassung der Goethe-Dramen "Faust I und II" auf der EXPO 2000 in Hannover.

Bruno Ganz arbeitete mit den führenden Regisseuren seiner Zeit, neben Peter Stein mit Peter Zadek, Claus Peymann, Klaus Michael Grüber, Luc Bondy und Dieter Dorn. Für seine Rolle in der Thomas-Bernhard-Uraufführung "Der Ignorant und der Wahnsinnige" in der Regie von Claus Peymann erhielt er 1972 die Auszeichnung zum "Schauspieler des Jahres". Unter den zahllosen weiteren Ehrungen sind der Theaterpreis Berlin (2001), der Bambi (2004), der Europäische Filmpreis (2000, 2004), das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse sowie der Europäische Filmpreis und die Goldene Kamera, jeweils für sein Lebenswerk (2010 und 2014).

Bruno Ganz war eine feste Größe im europäischen Film, trat in den letzten Jahren immer wieder auch in Hollywood-Produktionen auf. Er spielte u.a. in "Himmel über Berlin“ (Regie: Wim Wenders, 1984), "Der Untergang" (Regie: Oliver Hirschbiegel, 2004) und "Der Baader-Meinhof-Komplex" (Regie: Uli Edel, 2008). Seinen Abschied vom deutschen Theater nahm er in Botho Strauß' Titus-Andronicus-Adaption "Die Schändung", wo er die Hauptrolle nach Streitigkeiten mit Claus Peymann nicht wie vorgesehen in der Uraufführung am Berliner Ensemble, sondern erst 2006 in der Regie von Elmar Goerden am Schauspielhaus Bochum spielte. 2012 stand Bruno Ganz ein letztes Mal auf den Theaterbrettern, in Luc Bondys Harold-Pinter-Inszenierung "Die Heimkehr" am Pariser Théâtre Odéon.

Der Iffland-Ring wurde Bruno Ganz 1996 von Josef Meinrad vermacht. Ganz selbst hatte ihn testamentarisch für Gert Voss vorgesehen, der allerdings 2014 verstarb. Wie seine Agentin auf Pressenachfragen bestätigte, erlag Bruno Ganz einem Krebsleiden, das 2018 diagnostiziert wurde.

(faz.net / chr)

Mehr zu Mythos und wechselvoller Geschichte des Iffland-Rings und seiner Träger schreibt Esther Slevogt.


Presseschau

"Ich habe Bruno Ganz bei Stein in den Tschechows und in Gorkis 'Sommer­gästen', als Prinz von Homburg und an den zwei opulenten Abenden des 'Peer Gynt' gesehen", blickt die Schriftstellerin und langjährige Lebensgefährtinvon Peter Zadek - Elisabeth Plessen in der Schweizer Republik (23.2.2019) auf das Künstlerleben von Bruno Ganz zurück, "Bruno als Peer, der von Ekel und Lust getriebene junge Mann in den Fängen der Grünen, des Schweins, der Trolle und als Heim­kehrer an den Ort seiner Kindheit. Für mich in der Rückschau alles brillant, gekonnt erdacht, doch auch etwas wie Theater-Marktplatz. Immer war da aber eine Sehn­sucht in Brunos Wesen, schien mir, die in der Arbeit mit Stein nicht aufging. In seiner Arbeit mit Grüber ging sie auf."

In einer Würdigung für seinen Freund und Filmprotagonisten Bruno Ganz erzählt Regisseur Wim Wenders in der Zeit (20.2.2019), wie es bei den Dreharbeiten für "Der amerikanische Freund" zu einer Schlägerei zwischen Dennis Hopper und Bruno Ganz kam (die später mit einer Sauftour über die Reeperbahn ausgeräumt wurde): "Da prallten zwei so grundverschiedene Ansätze gegeneinander (…). Hier der geschulte method actor, der mit einer gehörigen Portion amerikanischer Unverfrorenheit (recklessness ist das bessere Wort) jeden Take anders spielte, immer auf Messers Schneide, wobei es ihm egal war, ob er den 'Gegenspieler' damit provozierte. Und da der akribisch vorbereitete Präzisionskünstler, der aufs Äußerste disziplinierte und sensible Theaterschauspieler, der den bizarren Sprüngen seines Gegenübers allein schon sprachlich nicht gewachsen war – und dessen Verhalten unkollegial, ja verwerflich fand."

Als das komplette Gegenteil der "Ironiker-Stars" der jüngeren Schauspielgeneration erscheint Bruno Ganz im Nachruf von Peter Kümmel in der Zeit (21.2.2019). Jene geben "dem Publikum ein selbstherrliches Signal: Ich hätte auch jede andere Rolle in diesem Stück haben können. Denn es geht hier eigentlich um mich." Bruno Ganz hingegen: "Wenn er eine Rolle spielte, wurde für ihn jede andere Figur im Stück unlesbar. Er schloss sich in der gewählten Gestalt ein. Er war nun mit ihr (und in ihr) allein."

Bruno Ganz "war schon heilig, als er noch lebte, was den Blick auf das, was er konnte, mitunter trübte durch eine etwas zu abstrakte Bewunderung“, schreibt Tobi Müller in der Schweizer Wochenzeitung WOZ (20.2.2019). "Aber Ganz war ein Künstler des Konkreten, der wie jeder, der die Zeit überdauert, mit der heiligen Kunst brechen wollte und seine Gabe der Suche nach dem Realismus lieh. Jede Generation muss von neuem aushandeln, wie sie Realismus versteht."

"Je­des Wort von ihm war ei­ne Bar­ri­ka­de, auf der sich er­eig­ne­te, was nicht in die Zeit und de­ren Geist fiel. Sei­ne Fi­gu­ren mo­del­lier­te er als epo­cha­le Denk- und Fühl­skulp­tu­ren", schreibt Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (18.2.2019) in einem Nachruf, der Bruno Ganz aufs Schönste feiert. "Er war ein Vor­führ­künst­ler, kein Ver­füh­rungs­künst­ler. Sein Acker war al­lein sein Kopf. In­so­fern be­nö­tig­te er auch die bes­ten Re­gie­köp­fe." Bei sei­nem letz­ten Büh­nen­auf­tritt, 2012 im Pa­ri­ser Odéon in Luc Bon­d­ys ge­ni­al luf­ti­ger Re­gie spielte er den Flei­scher Max: "Kein Fa­mi­li­en­ty­rann. Kein Schwie­ger­töch­ter­be­grap­scher. Kei­ne Ge­stalt aus ei­nem Wirk­lich­keits­reich. Ei­ne Ge­stalt aus ei­nem Zwi­schen­reich, wie man sie aus den Stü­cken von Bo­tho Strauß kennt: mit den Fü­ßen auf dem rea­len Bou­le­vard, mit dem Kopf im Him­mel der Träu­mer." Fazit: "Wir wer­den sei­nes­glei­chen nicht wie­der se­hen."

Zuvor hatte ihn Jürgen Kaube in der FAZ gewürdigt (16.2.2019): "Bruno Ganz vermochte das Paradox, einen Erwachsenen zu zeigen, der beim Fotografiertwerden kein Gesicht machte und zum Schauspielen kaum etwas anderes benötigte als sein Gesicht, seinen Blick und seine Stimme."

"Alles war Aufbruch und Ausbruch damals, eine Attacke auf überkommene Gefühls- und Sehgewohnheiten, die Erfindung des modernen Regietheaters. Und Bruno Ganz mittendrin", schreibt Christine Dössel in ihrem Nachruf in der Süddeutschen Zeitung (18.2.2018) über die Anfangszeit mit Kurt Hübner. "Er war kein Method Actor. Aber ein vortrefflicher Handwerker, begabt mit einer emotionalen Intelligenz, die seinen Figuren etwas sehr Menschliches, oft Zartes, Melancholisches gab und ihnen auch immer ein Geheimnis beließ. Unvergleichlich seine prägnante Stimme: dieses melodische, samtene Timbre, der warme schweizerische Klang, den er sich gottlob nie ganz abtrainieren konnte."

Auch in der Süddeutschen Zeitung (16.2.2019) schrieb Susan Vahabzadeh: "Der Glamour der Schauspielerei hat Bruno Ganz nie interessiert, dazu war er viel zu ernsthaft. Aber er hatte eine ungeheure Präsenz, selbst wenn er gar nicht spielte, sondern einem nur gegenüber saß und aus seinem Leben erzählte, oder einem eine ganz bestimmte Stelle am Zürichsee anpries, an der der Blick am schönsten sei."

Man konnte viel Freundlichkeit in seinem Blick sehen, "wie er überhaupt vielen seiner Figuren eine schrullige Herzlichkeit verleihen konnte". In späteren Jahren überzeugte Ganz dann immer wieder in Rollen als Autoritätsperson, schreibt Tim Caspar Boehme in der taz (18.2.2018).

Der Deutschlandfunk (16.2.2019) hat Stimmen zum Tod von Bruno Ganz eingeholt. Unter anderen äußert sich der neugewählte Präsident der Deutschen Filmakademie Ulrich Matthes (vom Deutschen Theater Berlin) über "den Tod meines großen, wenn nicht größten Kollegen". Und Matthes ergänzt: "Eine Bitte: Hören Sie Bruno Ganz liest Hölderlins 'Diotima' auf YouTube."

"Ganz wusste Leerräume auf der Leinwand mit seiner Präsenz zu füllen, ohne sie zu dominieren", schreibt Urs Bühler in der Neuen Zürcher Zeitung (16.2.2019). Dem Text ist eine schöne Bildergalerie mit Auftritten des Schauspielers beigegeben.

Ebenfalls für die Neue Zürcher Zeitung (16.2.2019) erinnert sich der Regisseur Volker Schlöndorff an seine Dreharbeiten im Libanon für "Die Fälschung" (1981) und die Widersprüche zwischen seinen Hauptdarstellern Bruno Ganz und Hanna Schygulla.

Dieter Bachmann ebenfalls in der Neuen Zürcher Zeitung (online 17.2.2019, 12:08 Uhr): "Die Überraschung an Ganz’ Helden war immer wieder jene Nuance, um die er leiser war, als man es erwartete, jene Abschattung in die Nachdenklichkeit, in der aus dem Aufbegehren die Trauer, aus der Pose der Mensch wird. Revolte und Melancholie ganz nahe beisammen, in souveräner Beherrschung der Mittel – ein Meister der Pausen, der halben Betonungen."

Bruno Ganz bleibe als "Mann für schwierige, tiefgründige Charaktere" im Gedächtnis, heißt es im Bericht der Tagesschau der ARD (16.2.2019).

Die "Risikolust" im breiten Schaffen von Bruno Ganz würdigt Wolfgang Höbel für Spiegel Online (16.2.2019). "In Theater und Kino war Bruno Ganz ein Einzelgänger. Sanftheit, ein bei allem Lächeln todesdunkler Ernst und der Mut zur Radikalität zeichneten den tiefgründigen Schauspieler aus."

Warum Bruno Ganz eine Idealbesetzung für den Engel in "Himmel über Berlin" war, schreibt  Bert Rebhandl für den Wiener Standard (16.2.2019). "Ganz klang immer schon ein wenig so, als käme er aus einer anderen Welt – die Stimme ist weich, melodisch, geradezu ideal für eine Präsenz, die sich nicht aufdrängen muss. Einen ganz leichten Schweizer Zungenschlag behielt er immer bei."

Auch Michael Laages hebt auf Deutschlandfunk Kultur (16.2.2019) "die sanfte Reibeisentiefe" in der Stimme von Bruno Ganz hervor und würdigt den Schauspieler als "Menschendarsteller, der dieses ewige Gedankengegrübel so beieinander halten konnte."

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