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Böses Foul von Macbeth!

von Michael Wolf

19. Februar 2019. Auch Kritiker haben Vorbilder. Meine heißen aber nicht Alfred Kerr oder Gerhard Stadelmaier, sondern Sabine Töpperwien und Manni Breuckmann. Die beiden werden einige von Ihnen aus der legendären ARD-Schlusskonferenz der Fußball Bundesliga kennen. Als Kind hing ich jeden Samstag am Radio und hoffte auf ihren Ruf: "Tor in Dortmund!"

Es ist eine schwierige Aufgabe, dem Hörer nur über Sprache und Stimme die Bilder, die Dynamik und die Atmosphäre eines Spiels zu vermitteln. TV-Kommentatoren haben vergleichsweise wenig zu tun. Viele von ihnen sind ohnehin eher Statistiker mit vagem Interesse an Sport: "Mit einem Tor von Thomas Müller hat wohl keiner gerechnet! Denn mit links hat er auswärts noch nie gegen ein Team getroffen, das ein Säugetier im Wappen trägt!"

kolumne wolfIch habe nach Highlights aus Töpperwiens Reportagen gegoogelt, aber – der Fußballgott ist ungerecht – leider nur Eigentore gefunden. "Da ärgert er sich wie ein Schneekönig", sagte sie einmal über einen Stürmer, der eine Großchance verpasst hat. Breuckmann war ein gewitzter, maliziöser Reporter, ein harter Hund. "Holt die Antidepressiva raus, Fortuna Düsseldorf spielt!" Oder: "Jetzt wird Asamoah eingewechselt. Das bedeutet zur Zeit zweierlei: Schalke liegt hinten – und das wird sich auch nicht ändern."

Bewunderung empfinde ich auch für Restaurantkritiker. Geschmack in Sprache zu verwandeln, halte ich für eine Königsdisziplin der Kritik. Sehr gern lese ich zum Beispiel Jakob Strobel Y Serra von der FAZ. Bei ihm ist eine geräucherte Forelle "so weich und zart wie eine Schneeflocke, die von Frau Holle persönlich ausgeschüttelt wurde"; eine Langustine als Schwanz und Carpaccio dagegen "ein Geschmackssperrfeuer, bei dem vor allem das Carpaccio sofort die weiße Flagge hisst". Von dieser Beschreibungslust können wir Theaterkritiker uns noch eine Scheibe abschneiden.

Gerne würde ich Gastronomiekritiker und Sportjournalisten zu einer Live-Konferenz der Inszenierungen eines Samstags einladen. Ich stelle mir das wie folgt vor:

Faire Geste bei Lessings "Nathan" in Graz. Nach einer Rudelbildung fordert der Unparteiische die Kontrahenten zum Shakehands auf. Alles wieder gut! Auch in Berlin?

Ganz im Gegenteil. Auf der Drehbühne rotiert eine große Schlachtplatte. Für Michael Thalheimer ist Rache Blutwurst. Wer ihm mit Sprüchen wie "Das Auge isst mit" kommt, bekommt ein "Auge um Auge, Zahn um Zahn" als Antwort.

Videobeweis in Hamburg! Katie Mitchell will sich diese Szene noch mal ganz in Ruhe anschauen! Und tatsächlich: Erkenntnis tut weh! Böses Foul von Macbeth! Wir machen weiter in Nürnberg.

Das vernebelte Entrée wirkte hier noch wie eine Hiobsbotschaft aus Teufels Küche. Nun aber scheinen Anne Lenks Bemühungen Früchte zu tragen. In der zweiten Hälfte reicht das Ensemble saftige Äpfel der Erkenntnis. Nein, das ist kein "Kirschgarten" mehr, sondern ein Garten Eden der Schauspielkunst! Wie sieht's in Leipzig aus?

Es sieht so aus, als hätte die Regie einen Picknickkorb in die Luft gesprengt. Leipziger Allerlei auf Grüner Wiese! Nur konsequent kotzen sie hier zum Abschluss jeder Szene.

Monolog in München! Wiebke Puls verwandelt souverän! Gibt's was Neues in Dresden?

Im Osten nichts Neues. Eine Tarte würde dem Spiel guttun. Wir machen weiter in Köln.

Hier spielen sie sich routiniert die Bälle zu, aber die Luft ist raus. Die Zuschauer verlassen in Scharen ihre Plätze. Wir schalten nach Salzburg.

Wo Frank Castorf in die Nachspielzeit geht. Kathi Angerer bedient jetzt Alexander Scheer, der noch mal alle verbliebenen Kräfte mobilisiert, Scheer bleibt am Ball, geht an die Rampe, jetzt müsste er abschließen! Aber dann stolpert er über einen Fremdtext. Immerhin ist das eine Gelegenheit zum Wechsel. Castorf bringt seinen Edeljoker Raskolnikow. Hoffen wir, dass er diesmal die Nerven behält. Schon Schluss in Bern?

Aus aus aus! Das Spiel ist aus! Sartres Spielphilosophie ging einmal mehr voll auf. Sein Team spielte, als ginge es um Leben und Tod. Seid ihr in Basel auch schon fertig?

Nein, hier gibt’s noch einen Nachschlag. Thom Luz serviert seinen Strammen Max frisch auf Trockeneis. Eine ebenso kühle wie kühne Interpretation!

 

Michael Wolf spielt im defensiven Mittelfeld der Fußballnationalmannschaft der Autoren. Sein Lieblingsessen ist das Krabbenbrötchen.

 

In seiner vorherigen Kolumne regte Michael Wolf Ruhezeiten für Regieführende an.