Ums Leben spielen

von Dorothea Marcus

Mülheim, 18. August 2008. Wie besessen von Theater muss man sein, um sich kurz nach der Bombardierung für Proben zu treffen, obwohl es in Bagdad nur noch einen einzigen Spielort gibt und immer noch fast jeden Tag Bombenanschläge verübt werden. Die Autorin und Regisseurin Awatif Naeem und ihr Mann, der Schauspieler und Regisseur Aziz Khayoun, leiten davon unbeirrt seit Jahren das Mohtaraf-Theater - und waren mit ihrer Inszenierung "Baghdadi Circle of Passion" nach Brechts "Kaukasischem Kreidekreis" im Theater an der Ruhr in Mülheim zu Gast.

Der Dorfrichter Azdak thront mitten im Zuschauerraum. Betrunken ist er ein bisschen, und zuweilen etwas korrupt, mit seinem Assistenten liefert er sich stimmgewaltige Wortgefechte. Eine Videokamera projiziert Szenen auf die leere Bühne und draußen in den Raffelbergpark - wie um zu zeigen, dass es noch andere Perspektiven und Sichtweisen auf die Dinge gibt.

Als unter großem Trommelgetöse die füllige Gouverneursfrau (Samar Aziz) mit Bodyguard und Glitzerkleid hereinstolziert, zeigt Azdak seine Bauernschläue und lässt sich nicht von ihr einwickeln - obwohl sie so herzzerreißende Krokodilstränen weint, dass ihr sogar die Taschentücher im Körbchen hinterher getragen werden. Aber in Wirklichkeit gehören die Sympathien des Richters doch der jungen und schönen Magd Grusche (Farah Taha Darweesh), die sich mit großen Augen und rosa Kopftuch jahrelang um das Kind gekümmert hat.

Grusches Kind: der Irak

In der irakischen Adaption von Brechts "Kaukasischem Kreidekreis" taucht ein Kind auf der Bühne allerdings gar nicht auf. Nachdem Azdak (Aziz Khayoun) in einem salomonischen Urteil verkündet hat, dass diejenige Frau das Kind bekommt, die es aus dem Kreis herausholen kann, zerren die beiden Frauen auf der Bühne schließlich keuchend an Nichts - die Gouverneursfrau hat sich vorher zappelnd aufgewärmt wie zu einem Boxkampf. Oder kämpfen sie vielmehr um alles?

Die Autorin und Regisseurin Awatif Naeem hat Brechts "Kreidekreis" zu "Baghdadi Circle of Passion", einem irakischen Leidenskreis, umgeschrieben. Für sie symbolisiert das Kind im Stück den Irak - deshalb ist es auf der Bühne auch nicht zu sehen. "Genauso wie das Kind bei Brecht steht der Irak zwischen lauter Parteien, die Anspruch auf ihn erheben. Auch Iraker wollen das Land, für das sie gekämpft haben, nicht an fremde Mächte abgeben. Wir wollen einfach endlich frei sein", sagt die 47Jährige. Zu realisieren sei das für sie nur durch einen vollständigen Abzug der Amerikaner, betonen Khayoun und Naeef immer wieder - sie sind fest davon überzeugt, dass es die  Amerikaner sind, die das Chaos verursachen - und dass im Irak nach einem Abzug alles gut würde, notfalls müssten sich die Iraker zu einem Aufstand zusammenfinden. Ob sie diese Zukunftsvision für realistisch halten und wie ein Aufstand aussehen könnte, erfährt man allerdings auch beim längsten Interview nicht.

Zumindest im Stück bekommt die Magd Grusche das unsichtbare Land dann zugesprochen, weil sie sich voller Mitleid für das "Kind" von der kämpfenden Gouverneursfrau abwendet. Schließlich hat sie sich ja auch die ganze Zeit darum gekümmert und sogar ihren Verlobten verlassen, um es zu retten. Der kommt später humpelnd aus dem Krieg. Doch der Frieden ist weit entfernt: immer wieder hört man detonierende Bomben vom Band, zuweilen liegt die Bühne im Dunkeln, wie um die ständigen irakischen Stromausfälle zu spiegeln.

Volkskomödie im Gegensatz zum irakischen Alltag

Dass eine Theatergruppe aus Bagdad ausgerechnet ein Stück von Brecht spielt, mag für westliche Augen eigenartig sein. Tatsächlich war Brecht im säkularen Irak unter Saddam Hussein aber gut bekannt, er wurde an der Universität gelehrt und stand stets auf irakischen Theaterspielplänen. Nachdem also der Irak in die richtigen Hände gelangt ist, tanzt das Ensemble schließlich zu einem Medley aus europäischem Hiphop, arabischem Pop und orientalischen Weisen und feiert eine neue vielstimmige und tolerante Freiheit.

Die Inszenierung wirkt lange wie eine derbe, fast holzschnittartige Volkskomödie, die in einem erstaunlichen Gegensatz zum erzählten irakischen Alltag steht - aber es ist ein Lachen, das sich bewusst im Hals querlegt. Und immerhin wird so jedes nationalistische Pathos ausgehebelt, an das man durchaus denken könnte, wenn man Naeef und Khayoun zuhört. Denn eigentlich finden sie es zwar fantastisch, in Mülheim ohne Angst einzuschlafen - "aber in Bagdad fühlen wir uns noch wohler".

Dass man sie lebend wiedersieht, scheint ohnehin jedes Mal wie ein Wunder: zum dritten Mal bereits sind die 47-jährige Awatif Naeem und ihr Mann, der 58-jährige Schauspieler Aziz Khayoun, mit ihrem Mohtaraf-Theater im Theater an der Ruhr in Mülheim zu Gast. Im Jahr 2002 war Roberto Ciullis Theater in den Irak gereist, genau ein Jahr vor dem Krieg. Es war das erste westliche Theater, das je in Bagdad gespielt hat - auf einem durchaus umstrittenen Gastspiel. Immerhin musste man ständig aufpassen, sich nicht durch ein diktatorisches Regime vereinnahmen zu lassen.

Das letzte Theater in Bagdad

Entstanden ist der Kontakt zu den Theaterleuten Naeem und  Khayoun dann auch nicht über das damalige irakische Kulturministerium, sondern durch den im Orient berühmten irakischen Regisseur Awni Karoumi, der seit 1995 als politischer Flüchtling in Berlin lebte und dort auch völlig unerwartet vor zwei Jahren mitten auf einer Theaterprobe starb.

Ihm und seinem Werk ist "Baghdadi Circle of Passion" gewidmet - und ohne seinen intensiven Kontakt zu Ciulli würde das Mohtaraf-Theater heute möglicherweise gar nicht existieren. Denn dass man in der Nachkriegshölle von Bagdad überhaupt Theater machen und dabei überleben kann, ist kaum vorstellbar.

Naeem und Khayoun erzählen in Mülheim von extremen Probenbedingungen: Ein einziges Theater ist in Bagdad übrig geblieben, alle anderen sind zerbombt oder von Amerikanern besetzt. Die Fahrten zu den Proben dauern mehr als zwei Stunden, durch eine Stadt, die durch Mauern und Grenzkontrollen verbarrikadiert ist, "es fühlt sich an wie auf einem Minenfeld", sagt Naeem - obwohl die Lebensbedingungen seit zwei Jahren durchaus etwas besser geworden sind.

Das Leben riskieren

Das Nationaltheater, in dem sie spielen, liegt in der Nähe eines Marktes, auf dem regelmäßig Anschläge stattfinden, im Theater waren daher eine lange Zeit die Fenster zerborsten. "Durch den ständigen Stromausfall proben wir bei fast 50 Grad und manchmal fast in völliger Dunkelheit", fügt Aziz Khayoun hinzu - manchmal aber auch im Wohnzimmer oder über das Telefon.

Khayoun ist im Irak ein bekannter Fernsehschauspieler - so berühmt, dass er am Mülheimer Hauptbahnhof sogar von einem Taxifahrer erkannt wurde. Sechsmal wurde "Baghdadi Circle of Passion" in Bagdad aufgeführt, vor rund 2000 Zuschauern, jedes Mal um 13 Uhr, da um 16 Uhr die Ausgangssperre beginnt - und sie auch Frauen ins Theater locken wollten. "Die Reaktionen waren begeistert", erzählen Khayoun und Naeem, "wir haben Einladungen in andere arabische Länder bekommen, die Leute haben enthusiastische Leserbriefe an die Zeitung geschrieben."

Außer ihnen gibt es eine einzige weitere Theatergruppe in Bagdad, ansonsten sei das Kulturleben seit dem Krieg völlig zum Erliegen gekommen, auch weil die meisten radikale islamische Gruppe Theaterspielen ablehnen. Und zum Schluss sagt Awatif Naeem sie noch einen Satz, der jedem Theaterliebhaber Gänsehaut machen muss: "Durch Theater riskieren wir zwar unser Leben, aber ohne Theater hätten wir auch nicht überlebt. Es gibt kein Leben in Bagdad, wenn wir nicht versuchen, es neu zu erschaffen."

 

Baghdadi Circle of Passion
nach Bertolt Brecht Der Kaukasische Kreidekreis in der Fassung von Awatif Naeem
Regie: Awatif Naeem, Bühne und Licht: Ali Mahmood Mohammeda, Ton: Salih Yasir Hussein, Maske: Imad Ghafoori Waheeb.
Mit: Farah Taha Darweesh, Aziz Khayoun, Bahaa Mutashar Khayoun, Samar Aziz, Mohammed Hashim Tawfeeq, Awatif Naeem, Majid Mazyed Fenjan, Adnan Shlash Jabber.

 

 
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