Geflüster der Geister

von Esther Slevogt

Magdeburg, 22. Februar 2019. Als die Schergen sie am Ende holen, die beiden berühmten Ikonen der Revolution nach dem Ende von Krieg und Kaiserreich 1918/19, geht es ganz schnell. Erst kippt der Schauspieler Christoph Förster, der zuvor Karl Liebknecht Körper und Stimme lieh, rücklings von seinem Podest in die Arme von Björn Jacobsen und Oliver Niemeier, die hier nun in die Rollen der mordenden rechtsradikalen Freikorps geschlüpft sind. Quasi per SPD-Regierungsauftrag sind sie mit der Niederschlagung des Spartakus-Aufstands befasst. Dann ist Liebknecht auch schon tot.

Die blutigen wie heimtückischen Umstände des Mordes werden nur kurz erzählt, der starre Körper dann einfach auf dem Boden abgelegt. Monika Wiedemer alias Rosa Luxemburg wird tot in eine Lücke der Bühnenschräge aus Metallrosten gekippt, wie der geschundene Körper des historischen Vorbilds einst in den Landwehrkanal. Hundert Jahre ist das in diesem Winter her, für manche Zeitgenossen noch immer der Wendepunkt der deutschen Geschichte, der die Verhängnisse gebar, an deren Folgen wir auch heute noch kauen. Und denen der Abend im Studio des Theaters Magdeburg gewidmet ist: "Karl und Rosa. Für Geister Eintritt frei" von Felicia Zeller und Marie Bues, eine Auftragsarbeit. Eine historische Geisterstunde und Anhörung historischer Figuren und Positionen, die hier noch einmal in die Körper von fünf Schauspieler*innen fahren.

Epochenbild mit Eigensinn

Overalls und schwere Stiefel tragen die fünf, Monika Wiedemer dazu eine Rosa-Luxemburg-Frisur. Bei Christoph Förster reicht ein Kneifer, um Karl Liebknecht zu beschwören. In wechselnden Rollen verkörpern sie einige Protagonisten jener Jahre, darunter auch die SPD-Politiker Friedrich Ebert und Gustav Noske, die die blutige Niederschlagung der Revolution mit allen Mitteln zu verantworten hatten, oder den Luxemburg-Geliebten Hannes Düsterberg, von dessen Tod an der Front Rosa Luxemburg im Gefängnis erfährt. Und Friedrich Becker, eine fiktive Figur, die Alfred Döblin stellvertretend für die Millionen erfunden hat, die als Soldaten in den Ersten Weltkrieg gezogen sind. "Karl und Rosa", der dritte Band von Döblins zweitausendseitiger Romantetralogie "November 1918", liegt dem Abend zugrunde.

KARLundROSA6 560 Nilz Boehme uIn diesen Körpern haust die Vergangenheit: das Ensemble von "Karl und Rosa" © Nilz Boehme

Mit den vier Romanen hat Döblin in der Emigration ab 1937 eine monumentale Analyse der Wochen von September 1918 bis Januar 1919 unternommen. Tief stößt sie ins Innere von Figuren und Verhältnissen vor und bietet in ihrer Vielschichtigkeit und Vielstimmigkeit wie in ihrer Präzision ein (auch formal) unerreichtes Mentalitäts- und Epochenbild. Vollständig konnte das Werk zuerst 1978 erscheinen, und auch das nur in der alten Bundesrepublik. Der DDR-Führung, die sich als Erbin und Vollenderin des Auftrags der ermordeten Spartakisten betrachtete, missfiel Döblins Deutung der Revolution und ihrer Anführer. Sie hatte ihre eigene, parteilich kanonisierte Sicht. Von Karl Liebknecht zum Beispiel, den Döblin kurz vor seiner Verschleppung in den Tod über Miltons "Paradise Lost" sinnieren lässt. Dabei zieht Liebknecht Parallelen zum gegen Gott rebellierenden Satan und seiner eigenen Rolle in der Revolution: ein abtrünniger Engel, der gegen eine falsche göttliche Ordnung aufgestanden ist.

Überbordendes mit spartanischer Konkretion bändigen

Dieses Motiv hat auch die Dramatikerin Felicia Zeller in ihrer komprimierten Überschreibung des Stoffs übernommen. Immer wieder aus Gegenwarts- und Autorinnensicht kommentierend, verschneidet sie darin einige zentrale Partien und Motive aus Döblins Roman. Das Geistermotiv ist dem Beginn des Romans entnommen: Döblin lässt die inhaftierte Rosa Luxemburg vom Geist ihres gefallenen Geliebten heimsuchen, der sie fast in den Wahnsinn treibt. So wie die ganze Epoche uns Heutige vielleicht immer noch: weil die Geister dieser Vergangenheit gerade wieder aus allen Löchern kriechen. Doch erreicht Zellers poetischer Text einen Abstraktionsgrad, der womöglich für Leute, die nicht im Stoff stehen, schwer entzifferbar ist. Auch hätte man sich andere Gewichtungen vorstellen können. So war ja Wilhelm Pieck, erster Staatspräsident der DDR, an jenem verhängnisvollen Abend im Januar 1919 dabei, konnte den Mördern allerdings entkommen. Autorin Zeller aber legt, vorsichtig und nicht immer ganz stimmig, nur Parallelen von Damals und Heute an.

KARLundROSA2 560 Nilz Boehme uBärte und Barrikaden: das Ensemble in revolutionärer Aktion © Nilz Boehme

Marie Bues’ Inszenierung versucht, die überbordenden Motive und Handlungsstränge mit spartanischer Konkretion zu bändigen. Dabei wechseln die fünf Spieler*innen immer wieder die Rollen: Marie Ulbricht zum Beispiel, die mit Hilfe ihres beträchtlichen komödiantischen Potentials und einer Batterie von Bärten, die sie aus den Taschen ihres Overalls zieht, gleich eine ganze Armada von Politikern belebt und karikiert. Chorisches Sprechen, Marschieren und Sterben steht neben kleinen Szenen und Figurenporträts. Die beweglichen Metall-Rost-Module der Bühne von Heike Mondschein und Indra Nauck lassen sich ebenso gut als Podeste für Redner wie als Barrikaden im Straßenkampf verwenden. Videoprojektionen auf der Bühnenrückwand zeigen dokumentarisches Filmmaterial – Scheidemann etwa, der die Republik ausruft, oder Liebknecht, der zu den Massen spricht –, aber immer auch live projizierte Filme der Spieler*innen. Doch so ganz gelingt es dem Abend nicht, das Material sinnig zu sortieren, und am Ende hat man das verwirrende Gefühl, dass sich aus dem Geflüster der Geister keine eigene Stimme erhebt.

 

Karl und Rosa. Für Geister Eintritt frei
von Felicia Zeller nach Alfred Döblin
Uraufführung
Regie: Marie Bues, Bühne/Kostüme: Heike Mondschein / Indra Nauck, Dramaturgie: Laura Busch.
Mit: Monika Wiedemer, Marie Ulbricht, Christoph Förster, Björn Jacobsen, Oliver Niemeyer.
Premiere: 22. Februar 2019
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.theaterrampe.de
www.theater-magdeburg.de

 

Kritikenrundschau

"Artifiziellen Reichtum und verbale Finesse" besitze Zellers Text, so Gisela Begrich in der Magdeburger  Volksstimme (25.2.2019). Bues Inszenierung zeichne "einerseits eine große Entfremdung zum Gegenstand aus, der zerfleddert und verschwimmt, und andererseits eine überraschende Nähe zur Gegenwart, wenn sich die Schauspieler direkt ans Publikum wenden, um Zustimmung zu erhalten". Bues gelinge es über sehr weite Strecken einen Flow zu erzeugen, der das Publikum in die Zerklüftung der Auseinandersetzungen fessele, wo immer auch ein Hauch Ratlosigkeit jegliche historische Deutungshoheit bestreite. Nur im letzten Viertel des zweistündigen Abends bekomme der Spannungsbogen Dellen.

 

 
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