Es ist nicht mein Krieg

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 28. Februar 2019. Auf einen wie Michael haben sie nicht gerade gewartet in der syrisch-kurdischen Region Rojava. Voller Idealismus war der junge Mann aus Wien aufgebrochen, um dort mitzuhelfen, eine demokratisch-liberale Welt aufzubauen. Überschätzt sich Michael gewaltig, maßt er sich eine Rolle zu, die ihm nicht zusteht? Ob er keine anderen Hobbys habe, muss er sich fragen lassen, und das bleibt nicht die einzige harte Bandage. Die Vorbehalte gegen ihn kommen nicht von ungefähr: Was für eine tollkühne Mischung aus ehrlicher humanitärer Gesinnung und kultureller Ahnungslosigkeit, gewürzt mit politischer Blauäugigkeit!

Seit 17 Jahren lebt der Arzt und Autor Ibrahim Amir, der selbst aus dieser Kurdenregion stammt, in Wien. Lang genug, um einen präzisen Blick zu entwickeln für die Grenzen von Utopien. In seinem vom Wiener Volkstheater in Auftrag gegebenen und dort nun uraufgeführten Stück "Rojava" geht es ums zwangsläufige Scheitern des entschieden zu gut Gemeinten.

Positives Paradebeispiel

Rojava gilt als ein absolutes Positivbeispiel in Syriens Norden, weil man dort eine Form von basisdemokratischem Konföderalismus umzusetzen trachtet. Man bemüht sich, auch andere Meinungen zuzulassen und einzubinden. Selbstbewusste Frauen spielen dabei eine nicht unwichtige Rolle. Der Beifall des Westens ist gewiss (jedenfalls solange türkische Interessen nicht tangiert werden). Nach wie vor gilt es, den IS mit kriegerischen Mitteln abzuwehren. Und die neuen basisdemokratische Gesinnung kollidiert gelegentlich mit den Ansichten konservativer Bevölkerungskreise.

Rojava2 560 Lupi Spuma uSchnelle Balkan Beats & Drehleier: Sandy Lopičić holt in Rojava eine Musikergruppe auf die Bühne © Lupi Spuma

Aus Ibrahim Amirs Feder stammt die Geschichte zweier junger Männer. Michael, dieser Edel-Fremdenlegionär, trifft auf den Kurden Alan, der nichts will als weg. Alan hat seine ganze Familie im Krieg verloren, alle bis auf seinen blinden Cousin. In kurzen Spielszenen mit Vor- und Rückblenden spürt der Autor den Beweggründen der Protagonisten nach. Alan sieht im Europäer einen mit irregeleitetem Helfersyndrom, Michael im Kurden einen Verräter am eigenen Land.

Selbstironische Pointen

Im Psychologisieren ist Ibrahim Amir entschieden besser als im Formulieren. Manches ist gar arg papieren geraten. Immerhin hat Amir auch Sinn für selbstironische Pointen. Dem Cousin, dem blinden Seher, legt der Autor manch Hellsichtiges in den Mund. Trotzdem drängt sich bei der Uraufführung der Verdacht auf: Ohne die von Sandy Lopičić gecastete, charismatische Musikergruppe wäre der über weite Strecken anämisch-unpoetische Text fürs Theater schwerlich zu retten gewesen. Vor allem die (unglückliche) Liebesgeschichte zwischen Michael und der Kämpferin in einer Frauenverteidigungseinheit wird extrem mühsam und umständlich abgehandelt.

Rojava3 560 Lupi Spuma uPeter Fasching ist der Edel-Fremdenlegionär Michael, der sich mit hehren Absichten durch Rojava bewegt © Lupi Spuma

Das Sinnliche ist Ibrahim Amirs Sache nicht. Da blieb also viel zu tun für den Komponisten und Regisseur Sandy Lopičić, der viel kaschiert. Sanfte Gruppenimprovisationen unterfüttern manche Sprechszenen, dann bricht die Musikergruppe wieder mit Vehemenz hervor. Bestechend einfach und stimmungsvoll die Ausstattung von Vibeke Andersen, ein Halbrund aus ruinenhaften Betonwänden auf der Drehbühne.

Starker Gegenspieler

Peter Fasching ist Michael, dieser glücklose Kreuzritter von der traurigen Gestalt. In Luka Vlatković (Alan) hat er einen starken Gegenspieler, der sehr glaubwürdig versichert: "Es ist nicht mein Krieg. Auch wenn er so tut." Sebastian Pass zieht als der blinde Wahr-Sprecher alle Register. Die Frauenrollen sind vom Autor mit besonders sperrigem Text bedacht, und das ist schon deshalb höchst verwunderlich, trägt Ibrahim Amir doch die feministische Gesinnung wie ein Banner vor sich her. Das Uraufführungs-Publikum hat sich von alledem nicht vom Jubeln abbringen lassen.

 

Rojava
von Ibrahim Amir
mit englischen und kurdischen Übertiteln
Regie: Sandy Lopičić, Bühne und Kostüme: Vibeke Andersen, Musik: Sandy Lopičić, Imre Lichtenberger Bozoki, Golnar Shahyar, Licht: Paul Grilj, Dramaturgie: Veronika Maurer.
Mit Peter Fasching, Isabella Knöll, Sebastian Pass, Claudia Sabitzer, Luka Vlatković, und den Musiker*innen Rina Kaçinari, Imre Lichtenberger Bozoki, Mona Matbou Riahi, Maria Petrova, Golnar Shahyar.
Premiere am 28. Februar 2019
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.volkstheater.at

 

Kritikenrundschau

"Die Visionen und die Klischees, das Lapidare und die Ironie, das Autochthone und das Fremde hält Ibrahim Amir in 'Rojava' in wunderbarer Balance", schreibt Stephan Hilpold im Standard (2.3.2019). Hier verhandele jemand jene Bruchlinien der Gegenwart, vor der sich viele andere zeitgenössische Dramatiker drücken würden. Über weite Strecken tragt die Musik in Sandy Lopičić' Inszenierung die Handlung, das treffe die Stimmung des Texts aber nicht immer. Fazit: "Im Volkstheater hätte man sich einen frecheren, ungehobelteren Zugang gewünscht. Sehenswert ist der Abend aber allemal."

Die Fülle hat dem Stück nicht gutgetan, findet Norbert Mayer in der Presse (2.3.2019), der aber nicht weiß, ob es die zu große Nähe oder die inzwischen zu große Distanz zum Thema sei, die es scheitern ließ. Sandy Lopičić' Uraufführung erweise sich als "reizlos". "Gespielt wird bis zur Peinlichkeit melodramatisch. Nur die exotisch klingende Musik helle das Treiben auf der Drehbühne etwas auf." Am Ende von mehr als zwei Stunden: "Liebeswahn, während 60 islamistische Angreifer sie unter Beschuss nehmen. Nein, solche Szenen sowie das ständige Argumentieren wirken allzu oft aufgesetzt, geradezu hölzern."

"Viele, kleine Geschichten rund um Liebe, Verlust, Heimat und Politik, die Amir zu erzählen weiß. Leider gehen sie nur selten in die Tiefe", so auch Thomas Trenkler im Kurier (2.3.2019) Lopičić behelfe sich mit dem, was er am besten kann: mit Musik, mit orientalischen Weisen, aber auch mit einem irritierend unpassenden 'Ave Maria'. "Und weil der trockene Humor nicht zu kurz kommt, werden die zwei Stunden Nettospielzeit recht vergnüglich. Die halbe Tribüne hatte trotzdem in der Pause das Weite gesucht."

"Die Aufführung hat Rhythmus und Schmelz, vom Schrecken des Krieges aber ist kaum etwas zu spüren, und das liegt auch an der Vorlage: 'Rojava' ist weniger doppelbödig gebaut als die schwarzen Komödien, die Amir bekannt gemacht haben", schreibt Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (7.3.2019). Die menschenfreundliche Ironie, mit der Amir seine Figuren zeichne, sei zwar auch hier einnehmend. Diesmal wirke sie aber auch ein wenig märchenhaft und harmlos.

 

 

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