Die internationale Schule der Lebensart

von Felizitas Ammann

Zürich, 21. August 2008. "Es gibt Ereignisse, die so bedeutend sind, dass man noch Jahre später weiß, was man zu dem Zeitpunkt gemacht hat", sagt Arjun Raina und erntet zustimmendes Nicken aus dem voll besetzten Zuschauerraum. Auch Beispiele hat er zur Hand: Die Ermordung Kennedys, die Mondlandung oder den 11. September. Von letzterem erzählt das Solostück "A Terrible Beauty Is Born" des indischen Theatermachers. Davon, was an einem solchen Tag alles zusammenkommt. Schicksalhaft. Zufällig.

Zwei Schicksale kreuzen sich in einem Anruf am 11. September. Ashok Matur alias John Small sitzt wie jede Nacht in einem Callcenter im indischen Gurgaon und treibt für den amerikanischen Montmery Kreditkartenservice Schulden ein. Doch der Anruf bei Elizabeth führt bald über das übliche Spiel aus Höflichkeit und Drohgebärden hinaus. Denn bald merkt Elizabeth, dass John Small helfen könnte, ihre Tochter zu finden, die einst im Zorn das Haus verlassen hatte. Dass sie in New York lebe und im World Trade Center arbeite, ließ sie ihre Eltern wissen. Dass sie deren Kreditkarte benutzt, ist nun der einzige Anhaltspunkt. John Small soll die Spur aufnehmen – ein Funken Hoffnung an diesem traumatischen Tag.

Shifting Identities

Arjun Raina erzählt nicht nur einen west-östlichen (Telefon-)Dialog, vielmehr geht er den verschobenen, globalisierten Identitäten nach. Ashok Matur hält sich bald selbst für John Small, so gut war seine Schulung in amerikanischer Lebensart und so selbstverständlich gibt er jede Nacht den Amerikaner.

Raina weiß, wovon er erzählt. Der indische Theatermann hat selbst einen internationalen Lebenslauf: Aufgewachsen in Neu-Delhi, Schauspielausbildung in England, danach Ausbildung im traditionellen Kathakalitanz in Indien. Heute bereist er mit seinen sehr unterschiedlichen Theaterarbeiten Festivals in der halben Welt. In Indien arbeitet er als Schauspieler, Fernsehmoderator – und Stimmtrainer für das Personal von Callcenters.

All diese Erfahrungen fließen in das reduzierte, kurze Stück ein. Im weißen Anzug sitzt Raina auf der Bühne, schlüpft abwechselnd in die zwei Rollen von Elisabeth und Ashok und erzählt deren Sicht der Dinge. Dazwischen präsentiert er auf einer Leinwand Stadtansichten von der indischen Stadt Gurgaon und von New York. Der einfache Aufbau gibt dem Abend manchmal fast etwas Monotones, vor allem wenn Raina mit einförmig klagender Stimme Elizabeth gibt.

Akzent auf Abruf

Die Identitätsproblematik dagegen ist komplex und vieldeutig: Da werden Ashok und seine indischen Kollegen mittels Indianerfilmen für ihren Job geschult. Da werden Akzente auf Abruf gelernt. Schön auch der Dialog, den die Protagonisten am Telefon führen, während im Fernsehen immer wieder die Türme einstürzen: In Zeiten solch existentieller Bedrohung geht Elizabeth das Herz über, und sie verbrüdert sich mit dem vermeintlichen amerikanischen Mitbürger – der sich seinerseits natürlich nichts anmerken lassen darf.

Dazwischen ist die Rede vom harten Business der Callcenter-Agenten und von Belohnungen für das beste Geldeintreiben. Von der Mitarbeiterin mit dem falschen Namen Magdalena Falco, welche sich ausgerechnet am 11. September das Leben nahm und die eine rätselhafte Vorliebe fürs Blutspenden hatte. Und schließlich taucht noch eine afroamerikanische Aussprachetrainerin auf, die ihren indischen Schülern den amerikanischen Akzent mittels Gedichten aus der Sklavenzeit ihrer Ahnen beibringt. Das ist dann etwas viel des Guten, und man mag den vielen Geschichten und Fährten nicht immer ganz folgen. Trotzdem ist "A Terrible Beauty Is Born" ein schöner, feiner Abend, einer, der die großen Themen mit den einfachen Mitteln des Erzählens angeht.

 

A Terrible Beauty Is Born
von und mit Arjun Raina

www.theaterspektakel.ch

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