Emotional filetiert

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 9. März 2019. Arthur Millers "Ein Blick von der Brücke" erzählt die Tragödie eines Mannes, der nicht loslassen kann. Eddie Carbone, ein italoamerikanischer Hafenarbeiter in New York, lebt mit seiner Frau und seiner Nichte in Brooklyn (die Brücke, auf die der wunderschöne lyrische Titel des Stücks anspielt, ist die Brooklyn-Bridge). Als neue Einwanderer aus Sizilien eintreffen und bei den Carbones Unterschlupf finden, verliebt sich die Nichte Catherine in einen von ihnen. Was der Zuschauer nach und nach begreift: Eddie, der Hausherr, Patriarch und Protagonist, begehrt nicht seine Frau, sondern seine Nichte. An dieser Verstrickung entzündet sich ein inzestuöses, tödlich endendes Drama.

Antike-Verstrickungen

Wo die Antike ihre Fäden webt, ist ein Chor nicht weit. Arthur Miller benötigt für seine epische Dramaturgie nur eine Figur: den Anwalt Alfieri, den Eddie zu Rate zieht, der natürlich keinen Rat weiß (er könnte seinem Klienten ja nur sagen: "Werde erwachsen!") und der als nicht unmittelbar betroffener Erzähler eine Verbindung zum Publikum aufbaut. In Düsseldorf ist es eine junge Anwältin, Lea Ruckpaul.

Hinter ihr sehen wir die von Julian Marbach liebevoll mit unzähligen Details ausstaffierte Bühne: den Querschnitt einer (sehr gehobenen) Arbeiterwohnung mit Schiebefenstern, Klavier, Blumen, sogar eine Schreibmaschine gibt es, denn Catherine will Sekretärin werden.

blickvonderbruecke 560b thomasaurin uBilderbuchmäßiges Liebespaar: Lieke Hoppe als Catherine und Serkan Kaya als Rodolpho in "Blick von der Brücke" 
© Thomas Aurin

"Wir brauchen mehr Fremdheit", kündigt Anwältin Alfieri an – allzu gemütlich soll man sich im Naturalismus nicht einrichten. Und es dauert nicht lang, dann verspricht sie gar: Wir werden Eddie "emotional filetieren", bis er "ausblutet".

Das steht nicht bei Miller, es handelt sich eher um ein Surplus von Armin Petras, dem Regisseur des Abends. Der übrigens ganz bilderbuchmäßig beginnt, atmosphärisch dicht, und die Figuren fast schulmäßig exponiert: den brummbärigen Eddie mit einem riesigen roten Haken am Gürtel, gespielt von Wolfgang Michalek. Seine sympathische, quirlige Frau mit dem dantesken Namen Beatrice (Cathleen Baumann). Vor allem aber Lieke Hoppe in der Rolle der achtzehnjährigen Catherine, deren große Brille ihren Sex-Appeal nur scheinbar verschleiert und die nicht ahnt, dass sie mit ihrem natürlichen Charme das Rollenschema ihres Ziehvaters von Tag zu Tag ein Stückchen weiter aushöhlt.

Kunst des Belcanto

Die Geschichte eskaliert dann mit dem Auftritt der Brüder Marco (Thiemo Schwarz) und Rodolpho (Serkan Kaya). Letzterer ein lustiger Pfau mit blondgefärbtem Haar, der "Belcanto" singen kann und den Eddie deswegen im Verdacht hat, a) homosexuell zu sein und es b) lediglich auf den amerikanischen Pass der von ihm umworbenen Catherine abgesehen zu haben. Dabei ist dieser Rodolpho, der sich anfangs buchstäblich am Rockzipfel seines großen Bruders festhält, ein harmloser Bursche ohne jeden Hintergedanken – gerade deswegen verliebt Catherine sich umgehend in ihn; mit Hintergedanken hat sie es ja tagtäglich zu tun, auch wenn ihr das natürlich nicht bewusst ist. Derlei Feinheiten arbeitet Petras‘ Regie geradezu vorbildlich heraus.

blickvonderbruecke 560 thomasaurin uAuftritt des Migranten-Chors, vorne mit Wolfgang Michalek als Eddie in "Blick von der Brücke" © Thomas Aurin

Just in dem Moment, als die Figuren richtig interessant zu werden beginnen, schlägt das Klima jedoch um. Der Knackpunkt ist eine Szene, in der Beatrice ihren in seiner Eifersucht erstarrten Mann mit Hilfe eines Staubsaugers und Gitarrenriffs von Jimi Hendrix – natürlich vergeblich – aufzustacheln und an seine ehelichen Pflichten zu erinnern versucht. Was Miller mit wenigen Sätzen andeutet, vergrößert und vergröbert Petras ins Überdeutliche und Gigantomanische.

Gut erzählt ist nicht genug

Was der Zuschauer gerne zwischen den Zeilen lesen würde, stellt Petras plakativ aus. Als wäre ihm bei dem Psychologismus und der akribischen Folgerichtigkeit des Ablaufs langweilig geworden, erzählt der Regisseur plötzlich ein anderes – eher ein eigenes – Stück.

Um aber die Gegenwärtigkeit des Stoffs vor Augen zu führen, bedarf es keines Migrantenchors, der die (dann abgebaute) Bühne bevölkert und zwischen schlichter Dekorativität und naiver Bedeutungshaftigkeit hin und her schwankt. Wie auch bei anderen Arbeiten dieses Regisseurs spürt man, dass er der Spannungsdramaturgie seiner Vorlage (ohne Grund) misstraut. Eine gut erzählte Geschichte ist nicht genug, dem Zuschauer muss spätestens nach anderthalb Stunden unzweideutig eingebläut werden: Achtung, Regie! Aufpassen!

So gerät das letzte Drittel zu spacy. Die anfangs hellglänzenden Schauspieler treten in den Hintergrund, werden verschluckt, die Story zerfasert. Was übrigbleibt, ist eine große, große Ambition.

Ein Blick von der Brücke
von Arthur Miller, Deutsch von Alexander F. Hoffmann und Hannelene Limpach.
Regie: Armin Petras, Bühne: Julian Marbach, Kostüm: Cinzia Fossati, Musik: Jörg Kleemann, Choreografie: Berit Jentzsch, Jürgen Kolb / Julian Marbach, Dramaturgie: Frederik Tidén.
Mit: Lea Ruckpaul, Wolfgang Michalek, Lieke Hoppe, Cathleen Baumann, Thiemo Schwarz, Serkan Kaya, Belina Mohamed-Ali und dem Chor mit: Ashgar Aboosi, Nuri Fitturi, Maryam Vaghefi-Hosseini, Mortaza Husseini, Padideh Jalilian, Ali Delsouz Khaki, Anastasios Kortselidis, Erkan Kuervek, Rami Lazkani, Mohsen Lotfi, Omid Mirabzadeh, Kenan Mstou, Paolo Priester, Abdullah Teczan, Jamila Vidas, Chen Yan.
Premiere am 9. März 2019
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Mehr zu "Blick von der Brücke": Ivo van Hoves französische Version lief beim Festival Theater der Welt 2017 in Hamburg, Florian Fiedler hatte das Stück 2011 in Frankfurt inszeniert.

Kritikenrundschau

Anna Brockmann von der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (11.3.2019) war am Ende "taub vom Geschrei im Hause Carbone und ein wenig auch von der allzu deutlichen Botschaft Petras’: Wutbürger, jetzt wissen wir’s!, wird man nicht von ungefähr!" Ihr Fazit: "Man kann es so sehen, das arme Italien der 50er gegen die Wirtschaftsflüchtlinge des 21. Jahrhunderts. Aber man kann es auch lassen."

"Petras‘ Deutungsansatz ist stimmig, mit Klarheit und Konsequenz inszeniert, auch wenn die Idee des Migranten-Chors nicht neu ist. Allerdings wirkt die Eindeutigkeit bald auch einseitig", heißt es in der Rheinischen Post (10.3.2019). "Obwohl Petras dem Zuschauer ein paar Unschärfen hätten gönnen können, gelingt ihm ein anregender Abend, der mit allen Mitteln in die Gegenwart weist: auf Abwehrreaktionen, die viel Leid verursachen und doch nicht aufhalten, was manche als Bedrohung empfinden."

"Es war ein abwechslungsreicher Abend mit wunderbaren Schauspielern, leuchtenden Kostümen und prägnanten Dialogen. Aber für einen Themenabend über Migration hätte man nicht Millers 'Ein Blick von der Brücke' gebraucht", findet Anja Paumen von der Westdeutschen Zeitung (10.3.2019). Von dem Stück bleibe nur die Tragik eines Mannes übrig, der Gutes wolle und Böses tue.

 

 

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