Sorry für Auschwitz

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 9. März 2019. Immerhin: Der Volkstanz bleibt ein Horrorszenario. Mehrere Male ruft Niels Bormann seine neun Mitspieler*innen dazu auf, endlich mit dem Reden aufzuhören, von ihren Stühlen aufzustehen und zur einstudierten Choreographie mit Elementen aller auf der Bühne vertretenen Kulturen zusammenzukommen. Aber sie hören ihn nicht und bewahren sich und das Publikum vor dem gut gemeinten theatralen Befreiungsschlag.

Schon in seinem langen Prolog darf Bormann ziemlich weit hinausgehen über die Grenzen des guten Geschmacks. Wenn er die Juden, die Sinti und Roma, die Queeren im Publikum dazu aufruft sich zu melden – um sich persönlich dafür zu entschuldigen, was die Deutschen ihnen im Holocaust angetan haben. Spätestens wenn er vor den zweien, die sich als Türken gemeldet haben, in Buße für den NSU-Terror auf die Knie fällt, ist klar: Dieser Deutsche, dessen tiefsitzender Rassismus seinen politisch korrekten Monolog mit Freudschen Versprechern durchsetzt, ist nicht bereit, irgendjemandem etwas von seiner identitätsstiftenden Schuld abzugeben. Schuld bedeutet Sprechzeit, Sprechzeit bedeutet Deutungshoheit.

thirdgenerationnextgeneration 3 560 ute langkafel maifoto uMal über alles reden. Dimitrij Schaad, Ayelet Robinson, Niels Bohrmann, Abak Safaei-Rad, Knut Berger © Ute Langkafel

Doch dann bekommt Bormann Konkurrenz: Es tröpfeln auf die Bühne, die während des gesamten Abends nur aus einem halben Stuhlkreis vorm Eisernen Vorhang besteht, neun Mitspieler*innen in roten T-Shirts mit dem abgekürzten Stücktitel: "3GNG". In einer rasanten Vorstellungsrunde wird der Konfliktherd angeworfen, um den sich die vier deutschen, drei palästinensischen und drei israelischen Schauspieler*innen versammeln, und schnell muss Orit Nahmias die anderen zur Räson rufen: Hört auf, euch mit Holocaust-Vergleichen Gehör zu verschaffen. "There is enough injustice and genocide in the world for everybody."

Diese Rede hielt Nahmias auch vor zehn Jahren schon. Mit "Third Generation – Next Generation" legt Yael Ronen ihre Erfolgsinszenierung Dritte Generation neu auf, die 2009 an der Berliner Schaubühne zur Premiere kam und in der ein palästinensisch-israelisch-deutsches Ensemble den Nahost-Konflikt in einer Art Familienaufstellung auf die Weltkarte der politischen Verantwortung setzte. "Dritte Generation" stand hier einerseits für das bleierne Gewicht, mit dem die Geschichte der Großelterngeneration auf den damals Mitte 20-jährigen Spieler*innen lastete, andererseits für den aktiven Anspruch, sich vom deutsch-jüdischen "Gedächtnistheater" zu emanzipieren, das Max Czollek letztes Jahr in seinem vielbeachteten Manifest "Desintegriert euch!" seziert hat.

Klassenfahrt nach Auschwitz

In "Dritte Generation" schwang also die Hoffnung auf ein freieres Gespräch mit, aber die "next Generation" ist nun eher abgeklärter, die Fronten haben sich verhärtet. Auf der kleinen Bühne im Maxim Gorki Theater greift das Ensemble, das sich zur Hälfte aus der alten Besetzung rekrutiert, immer wieder auf Szenen aus der Vorgängerproduktion zurück: "Wie kannst du die Situation im Gaza-Streifen mit dem den Chicken-Holocaust (Massentierhaltung von Hühnern) vergleichen?", fährt Knut Berger als deutscher BDS-Aktivist seinen Boyfriend Niels Bormann an, der zum Demonstrieren mitgereist ist, aber es für Berger nicht ernst genug meint. Bergers Claims bauen Orit Nahmias, Michael Ronen und Ayelet Robinson sogleich begeistert in ihre neue Szene ein, in der sie als israelische Teenager nationalistischer Paranoia fröhnen. In kitschigen Songs freuen sie sich auf den Wehrdienst zur Verteidigung gegen die palästinensischen Terroristen, die Israel das Existenzrecht absprechen, und Ayelet Robinson säuselt: "Don't stop sending us to Auschwitz." Erst nach der obligatorischen Klassenfahrt in die KZ-Gedenkstätte mache das Leben als Israeli Sinn.

thirdgenerationnextgeneration 4 560 ute langkafel maifoto uDer Konflikt: entfesselt, Niels Bohrmann: gefesselt © Ute Langkafel

Es ist im "postfaktischen Zeitalter" noch einmal deutlich schwieriger geworden, politische Tabus zu brechen. Trotzdem wird es hier auf allen Seiten munter versucht. Den absurdesten Auftritt hat Oscar Olivo als gut gelaunter Trump-Diplomat, der den Konfliktparteien eine "vertikale Lösung" vorschlägt: ein zweistöckiges Riesengebäude auf dem gesamten Territorium, dessen Wohneinheiten rotieren, so dass jeder mal unten, mal oben lebt; auf der Zwischenebene ein Shopping-Center, in dem sich alle zum einträchtigen Konsum treffen. Sponsored by Google, Amazon, .... "Let me give you an advice: take it easy down there!", ruft Olivo zum Abschied fröhlich in die Runde, und sie nehmen ihn beim Wort, indem sie ihre Verbitterung zunächst weiter verschütten, sich voller Verve voneinander abstoßen in einer flotten Nummernrevue.

Ignoranz als Rettung

Bis nach einem palästinensischen Protestlied, zu dem Lamis Ammar das Publikum aufgefordert hat mitzuklatschen, mal wieder alle durcheinanderreden und der bis dahin stumme Dimitrij Schaad unvermittelt auffährt, dass dieser ganze Konflikt doch eine Show sei, die allein von globaler Aufmerksamkeit genährt werde. "Wenn euch niemand mehr zuguckt, ist das ganze im Handumdrehen gelöst." Allerdings lebt er, nachdem er die "überemotionalen Sackgassenbewohner" in die Schranken gewiesen hat, selbst auf zum allergrößten Opfer von allen: zum Deutschen, dem seine Kultur weggenommen wird, wenn in seinem Stadttheater "importierte Konflikte" verhandelt werden. "Dieter Schmidt sagt, wie es ist!" – und feiert sein "Coming in in die deutsche Gesellschaft", indem er "Deutschland über alles" grölt.

So schließt sich der Kreis. Bormann als deutscher Schuld-Süchtiger, Schaad als deutscher Opfer-Nazi Schmidt, sie sind zwei Seiten einer Medaille. Wobei diese beiden Schlüsselmomente theatral nicht die stärksten sind: Bormann ist ein bisschen zu müde, Schaad fährt die Nazi-Achterbahn ein bisschen zu schnell. Trotzdem beglaubigt der Schluss die Analyse des überwiegend präzise gearbeiteten, politisch wichtigen, welthaltigen Abends. Nach einem finalen Streit stieben alle auseinander, nur Niels Bormann liegt an einen umgekippten Stuhl gefesselt auf dem Boden. Anfangs hat er noch ans Publikum appelliert: "'Nie wieder!' ist eine hohle Phrase geworden. Wir brauchen einen neuen Slogan!" Diesen Auftrag hat er schon vergessen, als er sich mühsam von der Bühne schleppt.

 

Third Generation – Next Generation
von Yael Ronen und Ensemble
Regie: Yael Ronen, Dramaturgie: Irina Szodruch.
Mit: Lamis Ammar, Knut Berger, Niels Bormann, Karim Daoud, Orit Nahmias, Oscar Olivo, Ayelet Robinson, Michael Ronen, Abak Safei-Rad, Dimitrij Schaad, Yousef Sweid.
Premiere am 9. März 2019
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.gorki.de

Kritikenrundschau

Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (10.3.2019) schreibt: "Man weiß bei der Regisseurin und Ensemble-Stückentwicklerin Yael Ronen nie, wo Fake und Ironie anfangen. Man merkt es immer erst dann, wenn es schon zu spät ist und es kein Zurück mehr gibt. Das ist sehr giftig, aber eben auch sehr komisch." Die Schauspieler würden geschickt gegeneinander aufgehetzt, "ihre Streitpunkte erst etwas effizienter zugespitzt, als man es sich in der Kantine vorstellt, um sie dann verblüffend umstandslos ins Groteske, ins Zerstörerische abfliegen zu lassen".

In der Neuauflage entfalte die Ronensche Mischung nicht mehr ihre volle Wirkung, die Abfolge zu vieler unverbundener Einzelszenen sei nicht mehr erfrischend, sondern wirke ziemlich schnell altbacken und fahrig. "So dümpelt der Abend ein bisschen vor sich hin, nach anfänglicher Wiedersehensfreude wirkt er zunehmend redundant", schreibt Fabian Wallmeier vom RBB (10.3.2019). "Doch dann kommt Dimitrij Schaad." Sein Monolog löse endlich das Unwohlsein aus, das der Abend bis dahin nur angekitzelt habe.

"Kann man einer verlorenen Hoffnung auf politische Lösungen mit Witz beikommen? Ronen ist eine Kämpferin, die es immer wieder versucht, vielleicht auch versuchen muss, um selbst den Kopf oben zu behalten“, schreibt Katrin Bettina Müller in der taz (10.3.2019). Man amüsiere sich meistens an diesem Abend trotz der "eigentlich bitterernsten Szenen". "Man müsste doch jetzt weinen, eine Schauspielerin spricht es aus, gerade hier in Deutschland – und hadert mit der Regisseurin, die uns die Flucht in das Lachen lässt."

Schaads Monolog bringe den Status quo, in dem sich diese "nächste Generation" der "Dritten Generation" wiederfinde, "geradezu deprimierend klarsichtig auf den Punkt", findet Christine Wahl im Tagesspiegel (11.3.2019). "Was im Ronen-Kosmos heißt: zum Totlachen präzise, zum Verzweifeln genau."

"Komik ist in dieser Geisterbahn der Identitäten eine eher bittere Angelegenheit, das Lachen hat etwas von Notwehr", so Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (12.3.2019). Die Atmosphäre einer aufgekratzten Party, auf der man einander die bizarrsten biografischen Kultur-Clashs um die Ohren haue, könne jederzeit umschlagen. "Dann hört der Spaß und das Spiel mit Doppelbödigkeiten und Fake-Biografien ziemlich abrupt auf." Dass einem das Lachen inzwischen öfter als vor zehn Jahren im Hals stecken bleibe, habe auch damit zu tun, wie sich Israel und Deutschland in dieser Zeit entwickelt haben.

 
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