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"Man muss sich positionieren"

von Andrea Heinz

12. März 2019. Was haben die Bayern im Allgemeinen und König Ludwig im Speziellen mit Österreich, Wien und dem Theater zu tun? Die Verbindungslinie ist schnell gezogen: Bald geht ein Österreicher aus Bayern zurück auf die Insel. Martin Kušej, noch Intendant am Münchner Residenztheater, wird Direktor am Wiener Burgtheater.

19 NAC Kolumne Heinz 2PIn der schwärmerischen Berichterstattung über die sogenannte Alpenrepublik (wie das mit der Insel dann funktionieren soll, fragen Sie? Lesen Sie die österreichische Dichterin Ingeborg Bachmann: "Böhmen liegt am Meer") wird ja gerne so getan, als wäre Burgtheater-Direktor im Land der kulturverrückten Austriaken oberstes Amt. Das ermangelt natürlich nicht einer gewissen Realität. Nichtsdestoweniger wird vor lauter Verzückung über den niedlichen Kulturverein in den Bergen halt gern übersehen, dass schätzungsweise eine einstellige Prozentzahl der Österreicher*innen überhaupt ins Theater geht. In den Städten. Daneben hat das Land aber auch noch eine Regierung, Bürger*innen, die diese gewählt haben, politische Debatten und all so was. Derzeit regiert in Wien eine Koalition aus ÖVP und FPÖ. Die Regierung, das nur als kleiner Überblick, nimmt es mit parlamentarischen Verfahren nicht immer so genau, versucht, Arbeitnehmer*innenrechte zu schwächen und wünscht sich aktuell eine "Sicherungshaft für gefährliche Ausländer", von der Horst Seehofer nur träumen kann. Politiker*innen der FPÖ fallen immer wieder durch "rechtsextreme Aktivitäten" auf. Europapolitisch nähert sich das Land der Visegrád-Gruppe an.

Politische Eruptionen

Schön, was unlängst ein bekannter Regisseur und Intendant gesagt hat: "Wir dürfen da einfach nicht wegschauen als Theatermacher. Wenn wir nicht mehr mitkriegen, was draußen passiert, dann laufen wir verkehrt durch die Welt. Wir müssen darauf reagieren." Das Zitat allerdings stammt von Christian Stückl, Intendant des Münchner Volkstheaters, und bezieht sich auf die Demo #ausgehetzt, welche 2018 in München stattfand. Erinnern wir uns: Es demonstrierten sehr viele Menschen gegen Populismus und Hetze, was wiederum die CSU als regierende Partei und gewissermaßen auch Objekt des Unmutes dermaßen in Panik versetzte, dass sie umgehend damit anfing, ebendiese Menschen grundlos, aber wüst zu beschimpfen. Schuld waren nämlich die! Noch vor der Demo wollte die Münchner CSU den beiden städtischen Bühnen, Kammerspielen und Volkstheater, die Teilnahme an der Demo verbieten. Sie seien zur Neutralität verpflichtet, hieß es, wobei man sich doch fragen muss, ob der Einsatz für Menschlichkeit und Demokratie jetzt schon parteipolitisches Bekenntnis ist. Aber so was fragt sich ein Christlich-Sozialer nicht. Erst im Dezember 2018 stand fest, dass es keine "dienstaufsichtsrechtlichen Maßnahmen" gegen Kammerspiel-Chef Matthias Lilienthal wegen seines Aufrufs zur Demo geben werde. Martin Kušej als Intendant des staatlichen Residenztheaters hatte sich noch vor der Demo in deutlichen Worten mit den Kollegen solidarisch erklärt.

Gegenüber dem bayrischen Rundfunk äußerte er sich später folgendermaßen: "Ich weiß, es gab diverse politische Eruptionen, was die Theater betrifft. Aber ehrlich gesagt, für mich persönlich ist das im Vergleich zu Wien sehr angenehm. Ich bin es gewohnt aus Deutschland, dass man Dinge anpackt und Konflikte austrägt. Man muss sich positionieren, man muss Haltung haben, man muss manchmal auch den anderen Kollegen und Theatern beispringen. Das finde ich beispielhaft in dieser Stadt, dass wir mit den Kammerspielen und dem Volkstheater eine richtig gute kollegiale Zusammenarbeit haben." Dann heißt es noch bedauernd: "Das wird mir am Burgtheater in Wien sicher ein bisschen fehlen."

Was hat München, was Wien nicht hat?

Das wirft ein paar Fragen auf: Weil, wieso sollte das in Wien nicht möglich sein? Und wer, wenn nicht der Burgtheater-Direktor sollte in der Lage sein, das zu ändern? Fast hat man den Eindruck, Kušej hätte einen Vertrag unterschreiben müssen, der Kollegialität und Solidarisierung mit anderen Theater streng untersagt. Das Volkstheater wird bald neu besetzt, das wäre eigentlich eine schöne Gelegenheit, um mit der neuen Direktorin (die Verantwortlichen sind hoffentlich so gescheit, dafür zu sorgen, dass im Jahr 2020 zumindest eines der drei großen Wiener Häuser von einer Frau geleitet wird) und Josefstadt-Chef Herbert Föttinger neue, engere Formen der Zusammenarbeit zu finden. Auch und gerade, was die politische Haltung betrifft. "Man muss sich positionieren", sagt Kušej – daran muss er sich in Wien messen lassen. Nicht nur auf dem (Spielplan-)Papier, nicht nur in Worten. In München lag sein Beitrag zur #ausgehetzt-Demo darin, sich solidarisch zu erklären. Das ist ein wichtiges Signal. Einen wie den Burgtheater-Direktor ganz vorne und gerne mit dem halben Haus auf einer Demo zu sehen, wäre ein noch viel wichtigeres: Dafür, dass es eine starke Zivilgesellschaft gibt, deren prominente Vertreter*innen sich trauen, für ihre Meinung auch ihr Gesicht hinzuhalten. Wie hat Erika Pluhar, jahrzehntelange Burgschauspielerin und in Österreich eine Ikone, unlängst so schön gesagt: "Du musst dich einfach selbst fragen: Bleib ich bei meiner Haltung? Wir können es uns noch leisten, wir kommen nicht ins Gefängnis und werden nicht gefoltert. Da geht's dann nicht mehr so gut ..."

Wäre schön, wenn es bald einen Burg-Chef gäbe, der Allianzen schmiedet und sich für Solidarität abseits von künstlerischer und wirtschaftlicher Konkurrenz einsetzt. Der sich aber auch auf der Straße zeigt, um für das einzustehen, was er auf dem Papier für wichtig befindet. Nicht, dass das die Welt verändern wird. Aber es wäre ein starkes, wichtiges Zeichen. Die Kulturnation Österreich hat einen solchen Burg-Direktor nicht nur nötig – sie hätte ihn auch verdient.

 

Andrea Heinz wuchs im bayrischen Grenzgebiet mit österreichischem Kinderfernsehen auf und weiß, dass Grenzen fließend sind. Sie lebt als freie Autorin (seit 2017 auch für nachtkritik.de) und Literaturwissenschaftlerin in Wien und pendelt zwischendurch nach Bayern und Hamburg (wo sie trotz ihres respektablen Hochdeutsches stur für eine Ausländerin gehalten wird). Am Herzen liegen ihr diese Orte gleichermaßen.

 

In ihrer ersten Kolumne beschäftigte Andrea Heinz sich mit den Gemeinsamkeiten von Bayern und Österreich.