Macht ist ihre Muttermilch

von Stefan Forth

Hamburg, 23. März 2019. Wohin soll das nur führen mit dieser ganzen Demokratie? Für alle, die da zuletzt ein wenig skeptisch geworden sind, hat das Hamburger Thalia Theater jetzt noch ein paar abschreckende Beispiele mehr auf Lager. Ein Schnelldurchlauf durch Shakespeares Römerdramen (in der Bearbeitung durch John von Düffel) bietet eindrückliches Anschauungsmaterial in Gestalt von Volkstribunen über Demagogen bis hin zu mächtigen Witzfiguren.

In der Inszenierung von Stefan Bachmann wird schnell klar: Hier geht es um Männer, die mit allen Mitteln am eigenen Denkmal arbeiten. Auf der Besetzungsliste findet sich keine einzige Frau. Selbst für Cleopatra steckt der Regisseur einen Schauspieler (konkret: Pascal Houdus) in hautenge schwarze Netzstrumpfhosen. Das ist nicht nur deshalb konsequent, weil Shakespeare es seinerzeit so ähnlich gehandhabt hat. Tatsächlich vollzieht dieser vergleichsweise kurze Abend sagenhafte Stationen einer langen Geschichte männlicher Mythenbildung nach – und überweist sie ins Museum.

Der Goldrahmen, der die Spielfläche der Bühne begrenzt, hat schon Patina angesetzt, ebenso wie das riesengroße, auf dem Kopf stehende Dreieck, das Olaf Altmann dem Ensemble als wa(a)ghalsiges Profilierungspodest gebaut hat. Das sinnstiftend Perfide an dieser spürbar statischen Konstruktion: Sie lässt sich in Schräglage versetzen, so dass etwa einer wie Julius Cäsar eben noch einsam ganz oben stehen und im nächsten Moment schon gemeuchelt am Boden liegen kann, wenn sich das Gleichgewicht der Macht verschiebt.

Rom 4 560 KrafftAngerer uAuf dem Weg nach oben © Krafft Angerer

Das kann in "Rom" im Zweifel unmenschlich brutal und schnell gehen. Schließlich hat sich diese Demokratiegesellschaft in ihren Urzeiten bekanntlich von einer Wölfin nähren und großziehen lassen. Direkt zu Beginn der Inszenierung saugen denn auch gleich der römische Feldherr Cajus Marcius Coriolan des Thomas Niehaus und sein Feind, der Rebellenführer Auffidius des Pascal Houdus gierig an den neun Zitzen einer mächtigen Mutterfigur, die der Schauspieler Nicki von Tempelhoff mit einer Menge barbarisch bärtiger Gewalt ausgestattet hat. Ein blutig brachialer Start für das, was sich später Zivilisation genannt hat.

Diese Machtmänner sind also von vornherein durchschaut, auch wenn sie sich selbst als lebende Statuen zu verherrlichen versuchen: mit weiß getünchten Körpern, demonstrativ zur Rede ausgestellten Armen und nackt – bis auf die bildhauerisch schmeichelnd geformten Kunstpenisse vor dem tatsächlichen Gemächt.

Schwarmdummes Volk

Dermaßen ansehnlich selbstüberhöht schimpfen etwa Jirka Zett und Merlin Sandmeyer als Volkstribune auf die "satten Herren im Senat", die das Korn aus den angeblich randvollen Speichern einfach nicht hergeben, sondern für sich und ihresgleichen behalten wollen. Denen da oben sind die einfachen Leute wohl egal. Und als Cajus Marcius Konsul werden möchte, sich aber weigert, großzügige Wahlversprechen zu machen und Geschenke zu verteilen – da hetzen die Tribune eben auch gegen ihn. Dabei haben sie allerdings leichtes Spiel, denn der Kandidat pflegt eine selbstgerechte Verachtung gegenüber der Demokratie und dem Volk, das ihn wählen soll: "Seit wann ist Schwarmdummheit regierungsfähig?", fragt dieser Hamburger Marcius einmal abfällig. Und ungläubig: "Ihr seid das Volk?! Ihr grölt es bei jeder Gelegenheit."

Tatsächlich erweist sich der Ratschluss der Masse in diesem Parforceritt durch die Herrschergeschichte immer wieder als unklug, fehleranfällig und beeinflussbar. Verantwortungsbewusste Machthaber scheint die hier ausgestellte politische Staatsformspielart jedenfalls nicht zu produzieren. Auf die lebenden Statuen der "Coriolan"-Zeit folgen rhetorisch brillante, aber leider meuchelmörderisch veranlagte Glitzeranzugträger mit Masken wie altrömische Münzköpfe aus der Ära des "Julius Cäsar", die wiederum nur einen roten Bühnenvorhang entfernt ist von den dekadent an sich selbst berauschten Gestalten um "Antonius und Cleopatra", die geradewegs dem eigenen Untergang entgegensteuern. Dass ausgerechnet sie in bunten Stoffen stecken, die Bilder der Antikenverklärung aus der Renaissance zitieren, ist eine weitere der verspielt brillanten, ironisch augenzwinkernden Kostümideen von Jana Findeklee und Joki Tewes.

Überhaupt gibt es viel zu gucken an diesem Abend: Stark etwa, wie Regisseur Bachmann (der als Noch-Intendant in Köln sicher zuletzt häufiger über Machtmechanismen nachgedacht hat) den Hahnenkampf auf Leben und Tod zwischen dem Feldherrn Cajus Marcius und seinem Widersacher Auffidius als teils geradezu zärtlichen, erotischen Tanz inszeniert. Toll auch, wie die Ermordung Cäsars als musikalisch untermalte Stummfilmsequenz funktioniert. Da macht Zuschauen Spaß!

Rom 3 560 KrafftAngerer uHier läuft etwas schief © Krafft Angerer

Wo der Inszenierung solche starken Bilder fehlen (zum Beispiel in Teilen von "Julius Cäsar"), fällt auf, warum die Stoffe heute vergleichsweise selten auf die Bühne kommen: Anders als sonst oft bei Shakespeare geht es hier mehr um Macht als um das allgemein Menschliche, den Figuren wohnt eine Kälte inne, die John von Düffels inzwischen schon mehrfach erprobte und durchaus kluge Raffung eher noch weiter zuspitzt. Neue Nähe entsteht auf Textebene vor allem thematisch – wenn etwa an Stimmungen geglaubt wird statt an die Stimme der Vernunft oder in der Mahnung: "Die Koalition war lang genug zerstritten. Das Volk will keinen Zwist."

Abgründe der Demokratie

Dass der Abend in Hamburg nicht nur Bedenkenswertes zurücklässt, sondern außerdem noch gute Unterhaltung bietet, liegt auch an einem durchweg überzeugenden Ensemble. Mit lässiger Selbstverständlichkeit wechseln sie ihre Rollen, vom Mann zur Frau, vom Täter zum Opfer. Akrobatisch turnen sie souverän über die Bühne. Spielfreudig werfen sie sich von einer Intrige in die nächste. Mit besonderer Nonchalance stürzt sich Thomas Niehaus in die Abgründe der Demokratie. Kaum zu glauben eigentlich, dass es der selbe Mann ist, der zu Anfang als stolzer Feldherr im Fell die vor lauter gockelhafter Eitelkeit die Verfassung in Frage stellt – und der später als Milchbubi Oktavius Cäsar mit Kopfstimme singend als Karikatur eines Machthabers vor sich hinnölt.

Geballter Spielspaß also als Mittel gegen demokratische Depression? Die einzige Hoffnung, die die Inszenierung zurücklässt, besteht darin, dass Politik heute im besten Fall mehr ist als "das Murren und Mauscheln ernster Männer", wie es in "Rom" einmal beklagt wird. Und dass sich "Volksmundgeruch" genau so überwinden lässt wie Volksverachtung.

 

Rom
nach "Coriolan", "Julius Cäsar" und "Antonius und Cleopatra" von William Shakespeare
in einer Bearbeitung von John von Düffel
Regie: Stefan Bachmann, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Jana Findeklee und Joki Tewes, Live-Musik: Sven Kaiser, Choreografie: Rica Blunck, Dramaturgie: Matthias Günther.
Mit: Sebastian Jakob Doppelbauer, Pascal Houdus, Thomas Niehaus, Merlin Sandmeyer, André Szymanski, Nicki von Tempelhoff, Jirka Zett.
Premiere am 23. März 2019
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

Es gelinge der Regie, die mehr funktional als menschlich gezeichneten Shakespeare-Figuren mit Farben zu füllen. Die Palette reiche von düster bis grell, schreibt Sören Ingwersen in der Welt (25.3.2019). "Stefan Bachmanns Inszenierung überzeugt mit klar umrissenen Figuren, überraschenden Einfällen, einprägsamen Bildern, die ganz ohne Requisiten auskommen, und einem exquisiten Männerensemble."

"Bachmann hat in seinem Macht-Panorama 'Rom' eindringliche Bilder, verspielten Pop-Glamour und von den Schauspielern grandios gebändigte Textmassen fein ausbalanciert. Herausgekommen sind lehrreiche, zeitlose Polit-Intrigen, die über zweieinhalb Stunden mit szenischer und spielerischer Leichtfüßigkeit daherkommen", schreibt Annette Stiekele vom Hamburger Abendblatt (24.3.2019).

 "Bachmann galt immer als einer, der schwere Stoffe mit forcierter Leichtigkeit bewältigt, gelegentlich sogar mit blankem Jux." Das funktioniere beim Shakespeare-Dreisprung nicht so gut, bemerkt Michael Laages auf Deutschlandfunk Kultur (23.3.2019). Natürlich sei der Abend auch ein Spiel um die Lächerlichkeiten von Männer-Macht. "Aber auch auf diesem Terrain gelingt es Bachmann nicht, die Aufführung scharf zu fokussieren." So werde von Düffels Shakespeare-Mix zum verschwommenen Bild. "Nicht Fisch, nicht Fleisch – und vor allem nicht ernstlich politisch."

Bachmann verwandle Shakespeares schlaue Ergriffenheits-Kunst, seine psychologische Dramatik der schönen Sätze in die Moral einer Faschingssatire, schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (27.3.2019). "Es lässt sich darüber streiten, ob der Reflex vieler Kommentatoren, die wie Stefan Bachmann die neu gewählten Kaiser mit ihrem Faible für Goldkitsch, Golf und Großveranstaltungen nur mit Spott geißeln, das System der Macht nicht doch zu leicht nimmt. Aber wenn man schon nicht die fatalen Konsequenzen der Despoten-Politik darstellen will, sondern nur die Manien ihrer Hauptvertreter, dann hat man für solch eine Satire auf die neuen Roms am Thalia die richtigen Protagonisten.“ Im Mittelpunkt stehe Thomas Niehaus, der ein genialer Komiker sei. Er bringe den Saal zum Lächeln, aber nie zum Johlen, denn seine Satire sei fein und sympathisch.

 
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