Am eigenen Hintern anknüpfen

von Esther Slevogt

26. März 2019. Meine Kolumne möchte ich heute dem Architekten Selman Selmanagić widmen, der schon seit langem zu den Sternen am Himmel meines bürgerlichen Heldenlebens zählt: Selmanagić, der von 1950 bis 1970 die Abteilung Architektur der Kunsthochschule Weißensee in Ostberlin geleitet hat. Und im Jahr 1932 in Dessau von seinem Lehrer Mies van der Rohe das Bauhauszertifikat mit der Nummer 100 erhielt, das ihm sein bestandenes Architekturexamen bescheinigte. Doch nicht das diesjährige Bauhausjubiläum ist mein Motiv, an Selmanagić zu erinnern, sondern dass Selmanagić für mich eine Art Utopie verkörpert: die Utopie eines Europa nämlich, das sich nicht allein aus der Perspektive des Westens definiert, sondern auch die Geschichte Osteuropas und des Balkans als Baustein seiner Identität begreift. Und darüber hinaus den europäischen Islam als Teil seines kulturellen Erbes anerkennt.

Dies sind natürlich viel zu große Worte für eine kleine Kolumne und wahrscheinlich sogar Kategorien, die dem laizistischen Weltbürger Selmanagić, (der 1905 geboren wurde und 1986 gestorben ist), schon zu seiner Zeit gegen den Strich gegangen sind. Weshalb er sie, kaum dass er erwachsen geworden war, über Bord warf, also die Religion, die Nationalität und seine Herkunft, um sich dem Kommunismus zuzuwenden, der damals als neue Weltreligion die Überwindung religiöser und nationaler Grenzen und aller Klassenschranken versprach. Und der am Bauhaus dann lernte, in einer Formensprache zu denken, die sich statt von kulturellen Eigenheiten allein vom Primat der Form und der Funktion leiten ließ.

Listig-pragmatisches Theaterspiel

Selman Selmanagić kam in Srebrenica zur Welt, in einer Gegend also, wo Nationalität und Religion bis in die jüngste Gegenwart immer wieder Anlass für Kriege und mörderische ethnische Säuberungen waren. Als er dort 1905 in eine Familie bosnischer Muslime geboren wurde, gehörte Srebrenica noch zum Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn. Doch wer damals in Srebrenica aufwuchs, stand mit einem Bein stets auch in einem Kulturraum, den das Erbe des Osmanischen Reichs geprägt hatte, zu dem Bosnien gehörte, bevor es die Habsburger im 15. Jahrhundert eroberten. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, Selmanagić war gerade vierzehn Jahre alt und inzwischen Bürger des aus Teilen der k.u.k.-Konkursmasse gegründeten Königreichs Jugoslawien geworden, absolvierte er in Sarajewo eine Tischlerlehre. 1929 kam er nach Dessau ans Bauhaus, wo er schließlich der letzte politische Leiter der kommunistischen Zelle vor der Schließung der Kunstschule durch die Nazis war.

kolumne 2p slevogt1933 ging der junge Architekt zunächst nach Istanbul und zog bald weiter nach Palästina. Denn dorthin waren einige seiner jüdischen Freunde und Mitbauhäusler ausgewandert, an die er sich anschließen wollte. In Jerusalem baute er für jüdische und arabische Auftraggeber. Im sich verschärfenden Konflikt zwischen Juden und Arabern entwickelte er einen listigen Pragmatismus: bei jüdischen Auftraggebern gab er sich für einen Juden aus, bei arabischen Auftraggebern für einen Muslim. "man wollte mich hier in verschiedene rassen und religions-gruppen hinein ziehen, und ich musste um leben zu koennen trotz meiner anderen ansicht theater spielen", schrieb er 1935 aus Palästina an seinen Freund und einstigen Mitstudenten Hajo Rose. "dabei hatte ich gelegenheit, den ganzen betrug von grund auf zu studieren. da mich die leute immer fuer das hielten was sie wuenschten dass ich sei, glauben sie mir jetzt nicht mehr, wenn ich die wahrheit sage."

Als Unbelasteter am Wiederaufbau Berlins beteiligt

Desillusioniert verließ Selmanagić Palästina 1938 wieder, kehrte ausgerechnet nach Deutschland zurück und ließ sich in Berlin nieder. Hier wurde er Mitarbeiter des Architekten Egon Eiermann, später Filmarchitekt bei der Ufa. Außerdem war er im Widerstand gegen die Nationalsozialisten aktiv. Nach 1945 gehörte er so als Unbelasteter zu einer Gruppe von Architekten und Stadtplanern um den Architekten Hans Scharoun, die den Wiederaufbau Berlins projektieren sollte. Als Berlin geteilt wurde, entschied sich Selmanagić für Ostberlin, wo er unter anderem 1950 für die Weltjugendfestspiele an der Chausseestraße das Stadion der Weltjugend baute, das bis 1973 Walter-Ulbricht-Stadion hieß. Nach der Wende wurde es abgerissen. Inzwischen steht auf seinem Grund die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes.

Selmanagić war ein charismatischer und von seinen Studenten geliebter Lehrer. Zu seinen Schülern zählen unter anderem die Brüder Peter und Bruno Flierl. Zwanzig Jahre lang leitete er die Abteilung Architektur der Kunsthochschule Weißensee, deren Gesicht seine Um- und Neubauten aus dem Jahr 1956 bis heute prägen. Stilprägend waren außerdem seine Möbelentwürfe für die Deutschen Werkstätten in Desden-Hellerau. "Eines Tages, bei einer Schinkel-Ehrung, da haben sie mich gefragt: Wo knüpfst du denn an?", gab Selman Selmanagić in einem Interview kurz vor seinem 80. Geburtstag im Mai 1985 zu Protokoll. "Da habe ich gesagt, wenn ich einen Stuhl baue, dann knüpfe ich an meinem Hintern an." 1986 ist er in Berlin gestorben.

Begraben werden aber wollte der zweifache Träger des Vaterländischen Verdienstordens der DDR und Träger der Ehrenspange zum Vaterländischen Verdienstorden in Gold, der seit 1950 Deutscher war, in seiner Geburtsstadt Srebrenica. Nur neun Jahre später wurde diese Stadt Schauplatz eines der schlimmsten Kriegsverbrechen seit Ende des Zweiten Weltkrieges, als serbische Paramilitärs unter den Augen der UNO 8.000 bosnische Jungen und Männer ermordeten und verscharrten. Jugoslawien und die DDR waren damals bereits untergegangen. Doch ein neues Europa, zu dessen Symbolfiguren Selman Selmanagić heute gehören könnte, ist niemals entstanden. Stattdessen ist er so gut wie vergessen.

 

Esther Slevogt ist Redakteurin und Mitgründerin von nachtkritik.de und außerdem Miterfinderin und Kuratorin der Konferenz Theater & Netz. In ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben untersucht sie: Was ist eigentlich mit der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihren Repräsentationspraktiken passiert?



Zuletzt erzählte Esther Slevogt die wechselvolle Geschichte des Iffland-Rings.

 
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