Kein Entkommen

von Theresa Valtin

Edinburgh, 27. August 2008. Unter dem Titel "Künstler ohne Grenzen" präsentierte Festivalleiter Jonathan Mills das diesjährige Programm des Internationalen Festivals Edinburgh, das zweite seiner Amtszeit. Ihm ging es dabei um eine Auseinandersetzung mit den politischen, sozialen und kulturellen Grenzen und Herausforderungen, denen sich die Europäische Gemeinschaft seit ihrer Erweiterung gegenübersieht.

Die Idee von der Wiederkehr des Verdrängten, das den Menschen verfolgt, war eines der großen Themen in der Schauspielsparte. Nachdem der australische Regisseur Barrie Kosky im vergangenen Jahr mit seiner postmodernen Version von Monteverdis "Poppea" beeindruckt hatte, präsentierte er in diesem Jahr Edgar Allen Poes Klassiker "The Tell-Tale Heart" (Das verräterische Herz), die Geschichte eines Mörders, der zwischen Verstand und Wahnsinn schwankend seine Tat reflektiert.

Unter den Dielen schlägt das Herz

Die Inszenierung beginnt in tiefer Dunkelheit, der Kopf des Erzählers, gespielt von einem fantastischen Martin Niedermair, scheint im Nichts zu schweben. Allmählich wird eine Treppe, das einziges Element des Bühnenbildes, sichtbar, auf der Niedermair sich geschickt bewegt. Er liefert eine grandiose Vorstellung, trägt jedes Wort mit größter Sorgfalt vor, selbst wenn er in hysterischer Eile die Gedanken eines gepeinigten Mörders äußert, der meint, das Herz seines Opfers unter dem Fußbodendielen schlagen zu hören. Die Geräusche die Niedermair beim Sprechen erzeugt - das Zungeschnalzen, das Zischen - sorgen für gebannte Spannung in einer minimalistischen Inszenierung, die Kosky selbst am Piano begleitet.

"Dybbuk", präsentiert vom TR Warszawa, der bedeutendsten zeitgenössischen Bühne Polens, ist auf ähnliche Weise eindrucksvoll. Der Begriff Dybbuk stammt aus der jüdischen Folklore und bezeichnet eine ruhelose Seele, die nach einem lebenden Körper sucht, um ihn zu besetzen. Krzysztof Warlikowskis kombiniert in dieser Produktion das klassische jüdische Theaterstück "Der Dybbuk" von Szymon Anski und eine Kurzgeschichte von Hanna Krall.

Seele sucht Körper

Der erste Teil der traditionellen Erzählung konzentriert sich auf eine Braut, deren Körper von der Seele ihrer wahren Liebe heimgesucht wird. Im zweiten Teil wird die Geschichte eines jungen, im heutigen Amerika lebenden Juden erzählt, der von dem Geist seines im Holocaust ermordeten Halbbruders verfolgt wird.

Zwar verläuft der Übergang vom einen zum anderen Teil des Stückes über eine Synagogenszene nahtlos, doch wünschte man sich einige weitere Verflechtungen der Handlungsstränge, um die Kombination beider Quellen zu rechtfertigen. Warlikowskis schlichte, aber effektive Inszenierung des Stoffes ist langsam, eindringlich und überbordend vor Sprache, Theologie und Mystik. Auf der Licht- und Tonebene wird die Intensität des Stückes noch gesteigert und erhält fast schon die bedrohliche Qualität eines Horrorfilms.

Ebenfalls vom TR Warszawa kam die Aufführung von Sarah Kanes letztem Werk "4:48 Psychosis", das die Autorin kurz vor ihrem Selbstmord im Jahr 1999 schrieb und das allgemein als ihr autobiographisches Vermächtnis angesehen wird. Während das Stück häufig als bloßer Monolog gegeben wird, inszenierte es Regisseur Grzegorz Jarzyna als komplexes Drama, in dem er den Dämonen, die die Protagonistin verfolgen, als Ärzte, als Vater und Geliebte Gestalt verleiht.

Magdalena Cielecka gibt eine verzweifelt leidenschaftliche Vorstellung, ein unmittelbares Portrait Kanes. Im Verlaufe des Stückes werden Zahlen an die Wand des kargen, aber in Details meisterhaften Bühnenbilds projiziert - ein Countdown, bis um 4.48 Uhr morgens der Zeitpunkt erreicht ist, an dem der Wille zu leben auf ein Minimum sinkt. Am Ende schreit Cielecka ein letztes Mal auf: "Watch me vanish (Seht mich entschwinden)", bevor die Lichter dieser dunklen und starken Vorstellung endgültig verlöschen.

Sexualität als letztes Eigentum

Zwei der diesjährigen Programmpunkte des Edinburgher Festivals beschäftigten sich mit unterschiedlichen Aspekten des Themas Jugend. "Class Enemy" (Klassenfeind), präsentiert von der East West Theatre Company, basiert auf Nigel Williams’ gleichnamigem Stück aus dem Jahr 1978, und verlegt die ursprünglich in East London spielende Handlung ins Nachkriegs-Sarajevo.

Haris Pasovic läßt seine Protagonisten im extremen Slang der bosnischen Jugend sprechen, der durch seine Deutlichkeit schockiert. Die sieben Schüler der Klasse 4C können sich durch Hip Hop, Gewalt und Sexualität ausdrücken; ansonsten sind sie gefangen in einer Gesellschaft, die sie im Stich gelassen hat. Symbolisiert wird dies durch ihr trostloses Klassenzimmer, das sich selbst die Lehrer weigern zu betreten.

Während Williams Originalversion in einer Jungenschule spielt, sind Pasovics Schüler männlich und weiblich. Das ist zeitgemäßer, doch scheint es zunächst, als gingen durch diesen Eingriff die homoerotischen Spannungen unter den Protagonisten verloren zu gehen. Im Verlauf des Stückes wird jedoch deutlich, dass gerade die rohe Hetrosexualität unter den Klassenkameraden, die an die Stelle der Homoerotik tritt, die ganze Begrenztheit ihrer Existenz verdeutlicht: dass nämlich die Sexualität ihr letztes, ihr einziges Eigentum ist.

Die Charaktere sind ungemein ausgeprägt und vielschichtig gezeichnet; während etwa Iron als Wortführer auftritt, machen seine Gesten, wenn er den Kopf auf den Tisch schlägt oder wie ein getriebenes Tier auf und ab läuft, seine tiefe Verletzlichkeit als Individuum deutlich.

Knapp vorbei an der Sozialstudie

"365", eine Koproduktion des National Theatre of Scotland (NTS) und des Edinburgher Festivals, beschäftigt sich ebenfalls mit der Generation der Jungen, ohne jedoch die gleiche Unmittelbarkeit und Ausdrucksstärke wie "Class Enemy" vorzuweisen. Stattdessen schafft Regisseurin Vicky Featherstone, die künstlerische Leiterin des NTS, eine intelligent stilisierte Meditation, die sich mit der Psychologie von Pflegekindern auseinandersetzt.

Durch die Thematik und eine Statistiken verlesende Erzählerstimme zu Beginn droht das Stück von David Harrower zu einer Sozialstudie zu verkommen. Die große Zahl der Jugendlichen, die aufgrund unterschiedlichster Schicksale in Betreuungseinrichtungen aufgewachsen sind und kurz davor stehen, den ersten Schritt in die Selbständigkeit des Lebens zu machen, wirkt wie eine Auflistung von Fallbeispielen.

Eine Konzentration auf eine Auswahl an Protagonisten hätte dem Stück vermutlich eine größere emotionale Tiefe verleihen können. Trotzdem gelingt Featherstone eine großartige Inszenierung des Stoffes. Sie verdeutlicht die Phasen, die die Jugendlichen durchlaufen, durch drei unterschiedliche Bühnenbilder. Am Anfang finden sich die Protagonisten unvorbereitet in der befremdlichen Umgebung ihrer ersten eigenen Wohnungen wieder, die durch eine unkohärente Ausstattung mit schwebenden Türen und beweglichen Möbeln symbolisiert wird. Nachdem sie eine schöne, aber kurze Traumphase in einem Märchenwald durchlebt haben, finden sie sich mit der harten Realität konfrontiert: Sie sind gefangen in einem winzigen Raum, in der Enge ihres erdrückenden Daseins, aus dem es kein Entkommen mehr gibt.


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