Ein Alptraum in Pastell

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 29. März 2019. Blanche sucht die 632. Die Hausnummer ihrer Schwester Stella und dessen Ehemann Stanley. Pınar Karabulut lässt ihre Inszenierung von Tennessee Williams "Endstation Sehnsucht" mit einem Video beginnen – Blanche wird ein Jeton ausgehändigt, darauf steht: 632. Und weiter, weiter irrt Steffi Krautz durch farbfiltrige Hinterbühnen-Kämmerchen, da hängt ein Flucht- und Rettungsplan, da öffnet sie die Tür zum Publikum, das Volkstheater Wien als Elysische Gefilde Nummer 632. Unter einem Sonnenschirm mit bodenlangem Imkernetz wandelt Krautz vor dem eisernen Vorhang. "Nachtfalter" nennt sie sich selbst und spricht mit dem Aussprechen der Regieanweisungen ein New Orleans herbei. Später wird die Krautzsche Blanche Richtung Tribüne jauchzen: "Ich will keinen Realismus. Ich will Magie". Karabulut nimmt das ernst.

Es fährt der Eiserne nach oben, gibt Blick frei auf die Bühne von Aleksandra Pavlović. Eingefasst in einen weißen Bilderrahmen: Ein sich nach hinten verjüngender Raum mit opulenter Treppe, Kunstblumen, Luster, Stuckatur- und Tapeten-Kitsch. Von wegen "ärmlich", wie im Text zu lesen steht. Blanches "äußere Erscheinung passt nicht in diese Umgebung", nur weil Krautz im weißen Hosenanzug ungleich viel zurückhaltender gekleidet ist. Katharina Klar trägt als Stella eine grüne Monroe-Frisur und eine rosa Marlene-Hose. Sie turnt, trainiert, es sieht nach Selbstverteidigung aus – gleich noch so ein Widerspruch gegen Erwartungshaltungen.

Endstation Sehnsucht 2 560 Lupi Spuma uAuf sie mit Gebrüll! Nils Hohenhövel, Alaedin Gamian, Katharina Klar, Birgit Stöger, Günter Franzmeier © Lupi Spuma

Karabulut löst den Text aus seiner ikonischen Erstarrung heraus. Uraufgeführt 1947, wurde "Endstation Sehnsucht" 1951 von Elia Kazan mit Vivien Leigh, Kim Hunter und Marlon Brando in den Hauptrollen verfilmt. Stanley sagen und nicht an das weiße Wife-Beater-Shirt denken, das ist schwer. Bei Kostümbildnerin Johanna Stenzel trippelt Jan Thümer auf hohen Schuhen und mit Muster-Madness Flatterhemd. Echsenhaft schlängelt er sich über die Treppe nach unten. Später wird das Ensemble affenhaft auf und ab springen. Von wegen "animalische Kraft", die Verweise ins Tierreich dienen Karabulut nicht zur Bebilderung und also Wiederholung toxischer Maskulinität, nicht zur Darstellung einer irgendwie proletarischen Triebhaftigkeit. Sondern: sind Albtraum-Sequenzen, betonen das Disparate im Verhältnis von Text und Bild.

Wollen und können

Wenn Krautz als Blanche angewidert von "solchen Verhältnissen" spricht, in die sie nach Verlust der Plantage Belle Rêve flüchtet, dann stellt das in Anbetracht des Bühnenbildes kein bestimmtes Milieu her, sondern die Hirarchisierung von Verhältnissen prinzipiell in Frage. Wenn Jan Thümer, Nils Hohenhövel, Günter Franzmeier und Alaedin Gamian beim Pokerabend von Stanley und Kumpanen eine Voguing-Choreografie hinlegen, dann wird das Poker-Männlichkeits-Theater in seiner Gemachtheit ausgestellt. "Ich stecke in gar nichts drin, aus dem ich rauswill", sagt die von Stanley verprügelte, schwangere Stella. Sagt Klar entkoppelt vom tradierten Bühnen-Bild der Frau, die will, was sie doch nicht wollen kann.

Endstation Sehnsucht 4 560 Lupi Spuma uEndstation Verlangen. Katharina Klar, Jan Thümer © Lupi Spuma

Vorgezogene Szenen muten wie Vorahnungen von Blanche an. Ihr Realitätsverlust zeigt sich im Zuzurren des Albtraumhaften. Ein musikalischer Teppich von Daniel Murena sorgt für Thrill. Das Licht macht alle Pastell-Töne durch. In Rückblenden erlebt Blanche den Suizid ihres Ehemannes wieder. Krautz strauchelt gegen die Wand. Hände schlingen sich aus dem Bühnenbild und um sie herum. Der hoffnungsvolle Flirt mit Mitch ist vorbei. Stanley präsentiert Blanche als gefallenes Mädchen. Und Krautz muss wirklich fallen. Ins von Wasser und Nebel überschwemmte Unten. Ach! Gäbe es doch diese Szene nicht. Dass das gefallene Mädchen wieder mal fallen muss, das widerspricht der über die Dauer der Aufführung entwickelten Erwartungshaltung gegenüber einer so bildkritischen Inszenierung.

Anyway. Das Ensemble spielt sich glamourös bis ans große Finale. Feuer im Bühnen-Hinten und Blanche verabschiedet sich in eine Imagination ihres Todes. Was tun mit all den alten Texten? So aus den Klischees, aus den eh-schon-immer-wissen-Bildern und den eh-schon-immer-wissen-Erklärungen herausgelöst, wird "Endstation Sehnsucht" zum thrillenden Theaterereignis.

 

Endstation Sehnsucht
von Tennessee Williams
aus dem Englischen von Helmar Harald Fischer
Regie: Pınar Karabulut, Bühne: Aleksandra Pavlović, Kostüme: Johanna Stenzel, Musik: Daniel Murena, Licht: Paul Grilj, Video: Leon Landsberg, Dramaturgie: Michael Isenberg.
Mit: Nils Hohenhövel, Günter Franzmeier, Katharina Klar, Steffi Krautz, Mario Schober, Birgit Stimmer, Birgit Stöger, Jan Thümer, Merlin Miglinci, Alaedin Gamian.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.volkstheater.at

 

Kritikenrundschau

"Pinar Karabulut bürstet 'Endstation Sehnsucht' gegen den Strich. Das knirscht zwar gewaltig, macht aber auch Spaß", heißt es schon im Vorspann von Stephan Hilpolds Kritik im Standard (1.4.2019). Ein Gefühlsklassiker treffe auf Plastik, eine Machowelt auf queeren 90er-Jahre Pop. "Das kann nicht gut gehen. Aber die Funken, die Regisseurin Pinar Karabulut aus diesem Crash schlägt, erleuchten die 70 Jahre, die zwischen uns und diesem Sehnsuchtsstück liegen, mehr als es manch buchstabengetreue Inszenierung täte." Fazit: "Geschlechterstereotypen treffen am Ende noch einmal auf Populärkultur und auf Klassikerhuldigung. Das knirscht zwar oft und reibt sich gewaltig, birgt aber auch einen frischen und ziemlich spaßigen Blick auf dieses Stück."

Karabulut will partout alles anders machen, will die Geschichte neu interpretieren, heißt es im Kurier (1.4.2019). Die Regisseurin setze auf starke Frauen und zeige metrosexuelle Männer, die mit atemberaubenden Bunthaar-Frisuren in High Heels über eine Showtreppe defilieren. "Fazit: Wer auf ein klassische Erzählung gehofft hat, wird bitter enttäuscht. Wer auf junges, kraftvolles, innovatives Theater gesetzt hat, bleibt ebenso desillusioniert zurück. Das Volkstheater sitzt zwischen allen Stühlen."

Norbert Mayer schreibt in der Wiener Presse (31.3.2019, online 30.3.2019, 22:09 Uhr): Pınar Karabulut sei "mit dem Vorschlaghammer auf das Stück losgegangen", habe ihm "die Raffinesse ausgetrieben" und eine "bunte Show inszeniert". Trotzdem spiele Steffi Krautz die Blanche "beherzt und berührend, voll Energie, zugleich verletzlich". Sie trage die Aufführung. Karabulut habe "allerlei Postdramatisches" in ihre "Persiflage" eingebaut, geboten würden "Fragmente des Stücks" sowie "exaltierte Show".

"Pinar Karabulut nimmt uns in die Innenwelt von Blanche mit, die in der Regiesicht der Dinge meist alles wie durch die sprichwörtlich rosa Brille bestaunt." Von dem Konzept des Abends hält Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (5.4.2019) viel. Allerdings: "Diesen spannenden Ansatz, der sich durchaus mit der Absicht von Tennessee Williams – wenngleich nicht ganz mit seinem Dramentext – verträgt, zerstören die vielen, übertriebenen Kasperliaden bald wieder." Fazit des Kritikes: "Eine in den Grundzügen durchaus wohlüberlegte, sensibel durchdachte Inszenierung eines modernen Theaterklassikers wird in Wassermassen und Herumgeblödel ersäuft."

 

 

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