Verlorene Söhne

von Alexander Jürgs

Frankfurt am Main, 30. März 2019. Die Talkshow ist so gut wie zu Ende, da stürmt Damir die Bühne. Polternd stürzt er sich die Stufen hinunter, groß, dünn, schwarze Kapuzenjacke und Doc Martens. Er greift sich das Mikrofon, brüllt seine Suada hinein. "Habt ihr eine Ahnung, wie es ist, ein Mensch zweiter Klasse zu sein?", schreit er, der Muslim, Sohn eines bosnischen Freiheitskämpfers, Anführer einer Truppe, die als "Scharia-Polizei" verschrien ist. "Könnt ihr euch vorstellen, was es heißt, wenn die Polizei jedes Mal, wenn sie einen auf der Straße sieht, langsamer fährt? Kennt ihr das?"

Das Stück spielt in einer Art Molenbeek. Ein elfjähriger Junge, Ismael Ahmedovic, Damirs Halbbruder, ist verschwunden, nachdem er auf der Polizeiwache vernommen wurde. Mit einem Stein hat Ismael das Fenster einer Weinbar eingeworfen, die seine Mutter eröffnen will. Dort sollen sich muslimische Frauen, die aus dem engen Korsett der Religion ausbrechen wollen, treffen können – was den streng Gläubigen nicht passt. Ein Video zeigt, wie ein Polizist den Jungen abführt, ihn ruppig anfasst. Wurde Ismael auf der Wache misshandelt? In den sozialen Netzwerken und bald auch auf der Straße kocht die Wut hoch. Seine Pflegeeltern starten eine Suchaktion, Ismaels leibliche Mutter, die aus Mali stammt, verbündet sich mit einem eloquenten Rechtspopulisten. Damir gerät in Terrorismus-Verdacht, die Fernsehjournalistin Sabine Keupers geht auf Dauersendung.

thenation ErsterTeil 1 560 thomaus aurin uHeiko Raulin, Uwe Zerwer, Heidi Ecks, Claude De Demo, Dela Dabulamanzi, Sebastian Kuschmann © Thomas Aurin

Und dann ist da noch ein waghalsiges Stadtentwicklungsprojekt: Safe City, ein Viertel, in dem jeder Schritt der zukünftigen Bewohner überwacht werden soll, ein digitalisiertes "1984", eine Datenkrake als Stadtteil. In welcher Verbindung steht Jörg van der Poot, der Investor dieser "smart city", zu dem vermissten Jungen? Und was ist mit seinem Widersacher, dem linksliberalen, homosexuellen Politiker Martin Wolff? Hat er etwas mit Ismael zu tun? Ist an den Pädophilie-Gerüchten, die ein rappender Video-Blogger mit dem Namen "Der Bär" im Netz über ihn streut, etwas dran?

Theater-Thriller in zwei Teilen

Der Niederländer Eric de Vroedt, Jahrgang 1972, hat sein Stück "The Nation" wie eine Serie angelegt, die auch bei Netflix oder HBO laufen könnte – mit Zeitsprüngen, Verwicklungen, Cliffhangern und falschen Fährten. Uraufgeführt wurde der Stoff 2017 in Den Haag, am Frankfurter Schauspiel läuft nun die deutschsprachige Erstaufführung. Auf die Bühne kommt das Stück in zwei Teilen – "The Nation I" und "The Nation II" – an zwei aufeinanderfolgenden Abenden.

Die Live-Kamera findet dabei reichlich Einsatz, eine Video-Leinwand beansprucht die komplette Bühnenbreite. Die Einstellungen sind nah an den Protagonisten, die Kamera zoomt auf die Gesichter. Auf der mächtigen Leinwand läuft zu Beginn des ersten Abends auch ein Vorspann, der mit seinen Schattenrissen und Lichtreflexen sicherlich nicht nur zufällig an die "opening scene" der ersten Staffel der HBO-Serie "True Detective" erinnert. Doch davon sollte man sich nicht allzu sehr in die Irre leiten lassen. Denn viel mehr als ein Serienformat im "The Wire"-Stil ist "The Nation" eine Satire, ein sarkastischer Abgesang auf eine Gesellschaft, die die Polarisierung immer weiter auf die Spitze treibt, bis sie daran zu zerbrechen droht.

Setzkasten-Figuren mit wichtigen Themen

David Bösch inszeniert das Stück so, dass er diesen satirischen Kern sogar noch überzeichnet. Seine Figuren sind meist noch eine Runde überspitzter, auch klischeehafter, als Eric de Vroedt sie entworfen hat. Vor dem Kabaretthaften schreckt der Regisseur nicht zurück – vor allem im ersten Teil von "The Nation". Da wirft sich Altine Emini als vom Arbeitsalltag entnervte Polizistin Ludmilla Bratusek mit voller Wucht gegen den wie immer nicht funktionierenden Kaffeeautomaten auf der Wache, da macht Claude DeDemo aus der Fernsehmoderatorin Keupers eine Sabine-Christiansen-Karikatur, eine Musterfigur der plumpen Medienkritik, die blonde Perücke passt perfekt dazu. Heidi Ecks und Uwe Zerwer als Pflegeelternpaar Ida und Alexander Aschenbach erscheinen wie Altachtundsechziger aus dem Setzkasten: Sie dreht als dauerhysterische Nervensäge auf, schreit, zappelt, konvertiert vor laufender Kamera zum Islam. Er hängt sich Batikschals um den Hals und pflegt die alten Netzwerke.

Dieser Wille zur Groteske tut dem Stück jedoch nicht unbedingt gut: Denn die wichtigen, aktuellen Themen, die de Vroedt darin aufgreift – die Angst vor der fremden Religion, das Auseinanderdriften von Gesellschaften, die sozialen Netzwerke als Brandbeschleuniger – gehen in den schrillen Szenen oft unter. Der Lacher bekommt die Priorität, für Zwischentöne oder Brüche fehlt dagegen der Raum.

Geldgier produziert Albträume

Erst als – etwa ab der Mitte des zweiten Abends – klar wird, dass der vermisste Ismael längst tot ist, wird die Inszenierung eindringlicher, konzentrierter. Die Kinder des Stadtviertels haben sich unter der Baustelle von Safe City ein Labyrinth aus Tunneln und Verstecken erschaffen, in das sich Ismael verzogen hat. Investor van den Pott ließ den Eingang in dieses Kinderreich zubetonieren, das kostete dem Jungen das Leben. In einem heftigen Schlagabtausch versucht der Politiker Wolff den Bauherren, einen Freund aus Universitätszeiten, zu stellen, den Disput streamt er heimlich live auf Facebook. Die Situation eskaliert, auf einem riesigen Modell seiner Safe City, aufgebaut auf zehn großen Bürotischen, geht es dem Investor an den Kragen.

the nation ii 6 560 Thomas Aurin uSamuel Simon © Thomas Aurin

Die Schlussszene spielt auf der Beerdigung von Ismael. Auf dunkler Bühne stehen Blumen, Kränze, Schilder, Grablichter. Damir, gespielt von Samuel Simon, hält einen verzweifelten Monolog, spricht vom Glauben, von der Geborgenheit, nestelt an den Händen. Aus einem bunten Stofftuch kramt er einen Fußball hervor, der seinem Halbbruder gehört hat, hält ihn vor sich. Plötzlich erklingt aus dem Off die jungenhafte Stimme seines Bruders. Damir und Ismael führen ein letztes Gespräch. "Grüß mir die Jungfrauen dort drüben", sagt der Größere zum Abschied. Es klingt wie ein schelmischer Kommentar auf die Hysterie, die Angst vorm Fremden, den medialen Furor. "The Nation" will eine große, übergreifende Erzählung sein, den weiten Bogen spannen. Ein kleinerer Anspruch hätte Stück und Inszenierung besser getan.

The Nation I / The Nation II
von Eric de Vroedt, Übersetzung: Ira Wilhelm
Regie: David Bösch, Bühne: Patrick Bannwart, Larissa Kramarek, Kostüme: Moana Stemberger, Video: Bert Zander, Musik: Karsten Riedel, Dramaturgie: Alexander Leiffheidt.
Mit: Heiko Raulin, Sebastian Kuschmann, Altine Emini, Shenja Lacher, Samuel Simon, Dela Dabulamanzi, Claude De Demo, Uwe Zerwer, Heidi Ecks, André Meyer, Ramin Yazdani, Eray Eğilmez, Saeed Queadruogo, Sophonias Amanueol, Benjamin Lüdtke.
Premieren am 29. und 30. März 2019
Dauer: 3 Stunden, eine Pause (The Nation I), 2 Stunden und 20 Minuten, eine Pause (The Nation II)

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

De Vroedt spiele mit den Konventionen der flotten TV-(Netflix-)Produktion, setze aber noch einen drauf, indem "The Nation" unzweifelhaft ein Theaterstück ist und mit den Mitteln des Theaters arbeiten lässt – so Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (1.4.2019). "Man sieht episches Theater, und man sieht Konversationsstückszenen, die sich eine anständige Netflix-Miniserie nicht leisten würde. Man versteht, warum." Das sei "der größte Hinkefuß": "Dass das Theater zwar respektheischende Mittel aufwenden kann, wenn es Fernsehserie spielt, dass es aber in diesem Fall nun gerade da, wo es ganz zu sich selbst zurückkehrt – zwei, drei Menschen stehen auf eine Bühne und reden und reden –, mit verblüffenden Längen und Zähigkeiten praktisch den Grund dafür liefert, stattdessen 'Borgen' oder 'The Wire' zu gucken." Der zweite Hinkefuß: "Dass eine anständige Miniserie Humor und Ironie kennt, aber beides nur innerhalb einer künstlichen Realität, in der die Figuren gefangen sind wie wir in unserer Welt. Der V-Effekt und das sich vom Gegenstand distanzierende Als-ob des Theaters erweist sich als schal."

"Ge­wich­ti­ge Fra­gen ste­hen im Zen­trum von Eric de Vro­edts Text 'The Na­ti­on': 'Wer sind wir, und wer wol­len wir sein?' So wird es im Frank­fur­ter Pro­gramm­heft ver­kün­det, das in­des ei­ne auch nicht ganz un­be­deu­ten­de, sich im Ver­lauf des ers­ten Abends un­er­bitt­lich in den Vor­der­grund schie­ben­de drit­te Fra­ge un­ter­schlägt: Wie lan­ge dau­ert es noch?", ätzt Hubert Spiegel in der FAZ (1.4.2019). "In 'The Na­ti­on' über­rascht über­haupt nichts. Denn Eric de Vro­edt hat ein­fach nur al­le gän­gi­gen Kli­schees, die über post­mi­gran­ti­sche, neo­li­be­ral ge­präg­te Ge­sell­schaf­ten in Um­lauf sind, zu­sam­men­ge­sucht und dar­aus mit gro­ber Hand ein Hand­lungs­ge­rüst zu­sam­men­ge­schus­tert, das Kom­ple­xi­tät zwar er­kenn­bar an­strengt, aber das Ge­gen­teil er­reicht." Da­vid Bösch wechsele un­ent­schlos­sen und rat­los zwi­schen em­si­gem Ein­satz von Vi­deo­ka­me­ra samt Rap-Ein­la­gen und bie­ders­ter Fern­seh­spie­läs­the­tik. Und Spiegel sieht über all dem "Vorabendserienmehltau".

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