Wanted: Werwolf

von Reingart Sauppe

Saarbrücken, 30. März 2019. Die Verwandlung des Schöngeists Brüggemann beginnt schleichend: Ein kurzes Naserümpfen, ein stierer Blick, eine plötzliche Gier auf Grillfleisch und Sex. Der gefeierte Starpianist und einfühlsame Chopin-Interpret hat die Midlife-Krise und offenbar einen Testosteron Schub. Tochter Tamara, eine pubertierende, sich ums Tierwohl sorgende Punk-Göre ist entsetzt: Nicht nur, dass der Vater zunehmend streng riecht, auch seine Körperbehaarung hinterlässt in der Dusche unübersehbare Spuren. Und sein Fleischkonsum ist indiskutabel. Mutter Claire dagegen ist allzu auffällig bemüht,
den Schein der kultivierten Kleinfamilie zu wahren und die Augen vor dem Offensichtlichen zu verschließen: dass ihr Gatte die Nachbarin vögelt, mit plump-autoritärem Gefasel die Tochter provoziert und – nachdem im Radio ein erster Leichenfund im nahegelegenen Wald vermeldet wird – auch äußerlich zu einer unappetitlich blutverschmierten, haarigen Bestie mutiert.

Alles ist an dieser Story bis ins Comichafte überzeichnet und entwickelt dabei eine große Komik: Besonders köstlich-karikaturesk kommt der Schüler des Pianisten, Hubertus von Keil, daher: In geblümter Latzhose, rosarotem Hemd und mit irrer Haartolle schmeißt sich Philipp Weigand mit ganzem Körpereinsatz wie ein Gummiball an den Meister ran, buhlt um seine Gunst, windet und dreht sich dabei, als ob er auch physisch kein Rückgrat besäße. Auch das Genrekino wird durch den Wolf gedreht: Auf einer großen Videoleinwand flackert in schwarz-weiß das Unterholz des Tatorts, zwei Bühnenmusiker sorgen mit Klavier und Gitarrenbegleitung für Suspense. Gut dosiert und fein arrangiert ist die Bühnenmusik von David Rimsky-Korsakow, die Motive aus Horror und Thrillerfilmen zitiert.

Klamotte wird Parabel

Die Geschichte, die Rebekka Kricheldorf in ihrem neuen Stück serviert, ist schnell erzählt: Nach anfänglichem Entsetzen über seine triebhafte Verwandlung bei Vollmond genießt Pianist Brüggemann (Sébastien Jacobi) zunehmend seine neue Rolle als animalischer Provokateur. Narzisstisch, arrogant, mit öligem Tonfall, nacktem Oberkörper, Lederhose und stets fleischkauend wagt Brüggemann schließlich sein Outing vor Familie und Nachbarschaft: "Ich bin, was ich bin: ein Werwolf". Die reagiert mit Verständnis statt mit Scheiterhaufen. Und dass alle Indizien der seriellen Frauenmorde im nahegelegenen Forst für den Ausnahmekünstler als Täter sprechen, schadet der Karriere nicht, im Gegenteil: Brüggemann wird zum blutigen Popstar des Showbusiness, feiert Erfolge mit Prokofjew statt Chopin und erlebt einen Höhenrausch. An diesem Punkt tritt die trashige Komödie auf die Bremse und nimmt eine überraschende Kehrtwendung: Aus der exzentrischen Familienklamotte wird eine zutiefst moralische Parabel über die Anpassungsbereitschaft der Gesellschaft.

werwolf 2 560 Martin Kaufhold uChristiane Motter (Claire Brüggemann), Sébastien Jacobi (Alfred Brüggemann) © Martin Kaufhold

Fast schon wähnt man sich wieder bei Dürrenmatt oder Max Frisch, so wie hier ein wenig didaktisch gesellschaftlicher Opportunismus, die faschistoide Umdeutung aller Werte, der Egoismus des Einzelnen und die Aussichtslosigkeit der Wahrheit in Zeiten eines als popkulturell gefeierten Event- und Geniekults durchdekliniert werden: Nicht der Werwolf ist das Problem, sondern die Gesellschaft, die ihm in blindem Gehorsam und anpasslerischem Eigennutz folgt. Auch die kritischen Experten, die sich – wie im postdramatischen Dokutheater – schließlich auf der Videoleinwand zu Wort melden, bestätigen dies. Ob Psychotherapeut oder das bildungsbürgerliche Feuilleton: Sie alle finden geschliffene Argumente für die Entschuldung des Genies. Und so kommt es, wie es kommen muss: Am Ende wird Tochter Tamara, die einzig Aufrichtige und Wahrheitssuchende in dieser korrupten Gesellschaft, von dieser ausgeschlossen und landet in der Psychiatrie.

Remoralisierung des Theaters

Der Inszenierung von Bettina Bruinier merkt man die Lust am Spiel mit den popkulturellen Vorbildern an. Inspiriert von Genrekino und Comic schreckt sie im ersten Teil nicht davor zurück, die Figuren noch weiter ins schräg-Groteske zu überzeichnen. Aber auch für Brüggemanns Verwandlung, erst vom femininen Melancholiker in ein machohaftes, schweiß- und blutverklebtes Monster, dann vom sadistischen Wolfsmensch zum Opfer, findet Bruinier immer wieder sinnfällige Motive: Am Ende wird Brüggemann an eine riesig schwere Kette gelegt und ausgestellt, wie um die Sensationslust des Publikums zu befriedigen.

Rebekka Kricheldorf reinstituiert das Theater als moralische Anstalt mit ihrer poppigen Mythengroteske, die so vergnüglich begann und als Lehrstück endet. In Zeiten des gesellschaftlichen und politischen Populismus und nach Jahren, in denen das Theater ja gerne sich selbst bespiegelte und an Wahrhaftigkeit und Authentizität auf der Bühne zweifelte: ein ehrenwerter Ansatz. Dass es dabei am Ende wieder erstaunlich altmodisch aussieht, mag irritieren, knüpft aber eigentlich nahtlos an das Bedürfnis junger "Fridays-for-Future"-Demonstranten an, die sich nach Werteorientierung sehnen und gegen eine eigennützige, alles relativierende Gesellschaft protestieren.

 

Werwolf – eine Mythengroteske
von Rebekka Kricheldorf
Uraufführung
Inszenierung: Bettina Bruinier, Bühnenbild: Mareile Krettek, Kostüme: Franziska Isensee, Musik: David Rimsky-Korsakow, Licht: Patrik Hein, Dramaturgie: Horst Busch.
Mit: Sébastien Jacobi, Christiane Motter, Barbara Krzoska, Philipp Weigand, Raimund Widra, Verena Bukal, Thorsten Loeb, Rick-Henry Ginkel (Klavier), David Kirchner (Gitarre).
Premiere am 30. März 2019
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.staatstheater.saarland

 
Kritikenrundschau

Kricheldorf bestücke ihr Personenkarrussell rund um den Werwolf mit klassischen (Spießer-)Figuren, die meist schaudern lassen, wenn man sie mal besser kennt, schreibt Tobias Kessler in der Saarbrücker Zeitung (1.4.2019). Der Werwolf ist also nicht das einzige Monstrum in diesem Stück, das Bettina Bruinier mit hohem technischen Aufwand und viel Atmosphäre auf die Bühne gebracht hat. "Generell kommt es hier knüppeldick, subtil kann man die Gesellschaftskritik (...) kaum nennen." Es gibt: "Knallige Sätze und Situationen, ein sichtlicher Spaß für die Darsteller."

 

 
Kommentar schreiben