Brandstifter 2.0

von Lara Sophie-Milagro

2. April 2019. An der Seite meiner friedensbewegten Mutter habe ich meine halbe Kindheit auf Demonstrationen und Interventionen verbracht: gegen den Rüstungswettlauf des Kalten Krieges, die wirtschaftliche Ausbeutung der sogenannten Dritten Welt und den Paragraphen 175, gegen Kürzungen an Kitas, Schulen und Krankenhäusern, für Umweltschutz und grüne Werte. Diese Veranstaltungen waren bunt, visionär, klug und mutig und haben nicht nur meine Begeisterung für das Performative begründet, sondern auch die Untrennbarkeit von Politik und Kunst in mir verankert.

Alte Inhalte, neues Vokabular

In jüngster Zeit werden Theateraufführungen und kulturelle Veranstaltungen, auch an großen Häusern im deutschsprachigen Raum, immer öfter von rechten Gruppierungen heimgesucht, die für ihre völkischen Inhalte die traditionell linken Aktionsformen meiner Kindheit kapern. Besonders prekäre Begriffe und Slogans werden dabei geschickt vermieden: aus "Rasse" wird "Identität", statt "Ausländer raus" wird nun "Remigration" gefordert. Alte Inhalte mit neuem Vokabular sorgen so dafür, dass rechtes und diskriminierendes Gedankengut für die Mitte der Gesellschaft endgültig salonfähig wird.

17 NAC Kolumne Visual Milagro V3Und das funktioniert gerade ziemlich gut. Waren sich in den 1990er und Nullerjahren in meinem Freundes- und Bekanntenkreis noch alle einig, dass Republikaner, NPD und Co. Rassisten sind, denen man das Handwerk legen muss, bekomme ich 2019 in meinem nächsten Umfeld Meinungsäußerungen über Flüchtende, jüdische Mitbürger und LGBTIQs zu hören, die mir schlicht die Sprache verschlagen.So lässt sich eine alte Bekannte der Familie, ehemals Grundschullehrerin, bei jeder Gelegenheit über vermeintlich terrorbereite Araber aus und meint, eine unterdrückte Frau grundsätzlich am Kopftuch erkennen zu können. Und während Muslime regelmäßig ermahnt werden, "unsere" Werte der Offenheit und Toleranz zu respektieren, fühlt sich die führende Politikerin einer Volkspartei berufen, über Intersexuelle zu spotten und versucht, das Ganze als Karnevals-Joke abzutun.

We Shall Overcome

Wieder einmal kann man ungeniert Menschen diffamieren und dabei die Fassade des kultivierten und humorbegabten Menschenfreunds wahren – Biedermann und die Brandstifter 2.0. Angesichts dieser Lage der Nation war ich nicht mal mehr besonders überrascht, als ich neulich erfuhr, dass der Pfarrer, der einst mit uns im Konfirmandenunterricht We Shall Overcome sang und im Talar gegen Atomkraft demonstrierte, jüngst auf einer Veranstaltung der NPD gesprochen hat. Gegen Atomkraft ist er nach wie vor, immerhin.

Die Attacken von rechts stoßen in ein Vakuum hinsichtlich der Deutungshoheit über Themen und Diskurse, zu denen der Großteil des Bildungsbürgertums und seiner Kulturinstitutionen bisher keine klare Haltung gefunden hat. Es geht um eine verbindliche Definition dessen, was uns als Individuen und Gemeinschaft ausmacht, und so wird fieberhaft nach einer homogenen deutschen Identität gesucht, von der nicht nur die neue Rechte, sondern auch die bürgerliche Mitte immer wieder verkündet, sie in einer nicht näher definierten "Leitkultur" (wieder)entdeckt zu haben.

Ein Joint auf die Integration

Was bedeute Deutsch-Sein zu Beginn des 21. Jahrhunderts jenseits von Hautfarbe, Pass und Herkunft der Eltern? Was Familie jenseits von Mutter, Vater, Kind? Worin besteht Gleichberechtigung jenseits der Tatsache, dass Frauen wählen und seit gerade mal 40 Jahren ohne Zustimmung ihres Mannes arbeiten gehen dürfen? Diese Fragen beantwortet das Theater nur zögerlich und zuweilen paradox, was auch daran liegt, dass das Anprangern sozialer Missstände auf der Bühne in offensichtlicher Diskrepanz zu den eigenen Strukturen steht und so ein handfestes Glaubwürdigkeitsproblem generiert.

Da hegt mein afrodeutscher Kollege auch nach vielen ernüchternden Erfahrungen weiterhin die unerschütterliche Überzeugung, dass er absolut im Stande wäre, eine Rolle zu spielen, die weder Schwarze Stereotype reproduziert, noch seine Hautfarbe thematisiert. Trotzdem findet er sich auch in einer seiner jüngsten Produktion in der Rolle des kiffenden DJs wieder, der Texte wie "Nimm doch den Joint" und "Soundcheck 21" zum Besten gibt. Da wird einer Kollegin, deren Mutter aus der Türkei stammt und die bei einer Podiumsdiskussion an einem großen Staatstheater darum bittet, nicht fortwährend als Mensch mit Migrationshintergrund bezeichnet zu werden, von einer Zuschauerin erklärt, ihr Problem sei, dass "Sie sich der Integration verweigern." Da bekommt eine Theatercompany bei ihrer bundesweiten Suche nach einer Spielstätte immer wieder bescheinigt, ihr Stück sei "zu schwul" für das breite Publikum und in Berlin erfahren sie, hier gebe es bereits eine große schwule Community, darum bestehe kein Bedarf.

Was umfasst der Wertekanon?

Offenbar gibt es noch nicht einmal zwischen Theaterleitung, Schauspieler*innen und Publikum einen Konsens darüber, wer die deutsche Kultur auf einer Bühne repräsentieren darf und wer nicht, was die viel beschworene "Leitkultur" beinhaltet, worin Integration besteht und was genau mit Migrationshintergrund gemeint ist. Und: Gehört eigentlich die Ansicht, dass gleiche Bezahlung von Frauen essenzieller Bestandteil einer Gleichberechtigung der Geschlechter sein sollte, zum deutschen Wertekanon?

Das Theater war für mich immer ein konsequent revolutionärer Ort, der das einlöst, wovon die Politik immer nur redet. Ein Ort, der den Anspruch hat, die deutsche Kultur in all ihren Facetten zu repräsentieren, Hierarchien in Frage zu stellen und Gleichberechtigung einzufordern. Ein Ort, der offen ist für unbequeme Einsichten, für Wandel und Erneuerung. Stets bereit, die tradierten Spielregeln zwischenmenschlichen Miteinanders neu zu diskutierend, erklärtermaßen immer auf der Seite der Schwächeren und es dabei noch schafft, zu unterhalten und zu berühren. Davon wollte ich Teil sein, darum wusste schon als 10jährige: Ich will Schauspielerin werden.

Es geht um Schlüsselpositionen

Warum tut man sich ausgerechnet an diesem Ort so schwer damit, Frauen die gleiche Macht einzuräumen wie Männern, diverse Perspektiven gleichberechtigt abzubilden und nicht nur zur Langen Nacht der Toleranz einzuladen? Es geht um angemessene Repräsentation, nicht nur als Farbklecks oder amüsante Drag Queen, sondern in Schlüsselpositionen auf und hinter der Bühne, die eine reguläre Mitbestimmung hinsichtlich Sehgewohnheiten, Personalentscheidungen, Themen und Inhalten garantieren und so auch Diskriminierung entgegen wirken.

Denn während wir noch beratschlagen, ob es nicht doch möglich ist, die Identität eines Menschen am Melaningehalt seiner Haut festzumachen, nehmen uns die Rechten die Antworten aus der Hand, indem sie Widersprüche konstruieren und populär machen, die es gar nicht gibt: Identität widerspricht Diversität, Heimat widerspricht Multikulturalität, Deutsch-Sein widerspricht Schwarzer Haut. Dem werden wir als Gesellschaft, als Kunst- und Kulturschaffende, als Theatermacher nicht wirklich etwas entgegenzusetzen haben, solange wir selbst weiterhin – direkt oder indirekt – nicht existente Widersprüche konstruieren: "deutsche" Rolle widerspricht Schwarzem Schauspieler, Mutter-Mutter-Kind widerspricht Familie, XX-Chromosom widerspricht Führungsposition und gleicher Bezahlung.

Und trotzdem, an meinen Jungmädchenträumen vom Theater ist was dran. Im Herbst letzten Jahres startete die Berliner Erklärung der Vielen, die bis dato von 379 Kunst- und Kulturinstitutionen unterschrieben wurde. Das Exil Ensemble am Maxim Gorki Theater geht ins dritte Jahr und die Queer Media Society feierte auf der diesjährigen Berlinale ihren offiziellen Launch. Davon will ich Teil sein, immer noch und immer wieder.

 

Lara-Sophie Milagro ist Schauspielerin, in der Leitung des Künstler*innen Kollektivs Label Noir, Berlinerin in der fünften Generation und fühlt sich immer da heimisch, wo Heimat offen ist: wo sie singt und lacht, wo sie träumt und spielt.

 

 Zuletzt schrieb Lara-Sophie Milagro über die "Kids Berlinale Lounge" bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin.

 

 
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