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Langer Marsch durch die Institution

3. April 2019. Wie geraten Menschen mit türkischem Familienhintergrund, aufgewachsen in prekären Verhältnissen ins weiße, deutsche Theater? Im Zürcher Tages Anzeiger (online 2.4.2019, 18:02 Uhr, Paywall) erzählt Alexandra Kedves eine ebenso exemplarische wie rare Geschichte. Sie porträtiert den "Polit-Dramatiker Necati Öziri", der seit Herbst 2017 als Dramaturg beim Theatertreffen der Berliner Festspiele und als Leiter von dessen Internationalem Forum arbeitet.

"Theater muss politisch sein." Allein schon, zitiert Kedves den Autor Öziri, "durch die Körper, die einander in einem Raum ausgeliefert sind". Bloß Geschichten zu erzählen, sei nicht das Ziel von Theater. Auch nicht seine Kernkompetenz. Es wäre sonst irrelevant.

Prekär im Ruhrgebiet

Necati Öziri, 1988 bei Recklinghausen geboren, habe erst mit 18 einen deutschen Pass bekomme, seine Mutter sich als Alleinerziehende mit Hartz IV durchgeschlagen. Öziri wisse, was struktureller Rassismus bedeute. Mit Toni Morrisonr: "Die Funktionsweise von Rassismus sei Ablenkung. Er verhindere, dass man ungestört seinem Tagwerk nachgehen könne, zwinge zu permanenter Selbsterklärung und Rechtfertigung."
Am Gymnasium sei die Disziplin Theater für den "Mathe- und Logik-Nerd Öziri" irrelevant gewesen. Die "obligatorischen Berührungen" mit der Kunstform hätten in ihm nur das Gefühl zurückgelassen: "Meins ist das nicht. Zu schick, zu weiss, thematisch jenseits von Gut und Böse."

Zufällig ins Theater geraten

Die Begegnung mit dem Theater sei zufällig gewesen. Als Öziri 2010 in Berlin studiert habe, sei er fast aus Versehen in den Zuschauerraum des Ballhaus Naunynstraße geraten. Und habe sich dafür begeistert, was er dort gesehen habe: "Dramatik, die deutsche Realität fasst, von NSU bis Secondo-Existenz. Das Ballhaus Naunynstrasse mit seinem Fokus auf Postmigrantisches und Feministisches konnte das." Später sei er Mitarbeiter an Shermin Langhoffs Maxim-Gorki-Theater geworden. Ab 2014 Leiter des Studios.

Obwohl er sich heute, wie Öziri sagt, entlang der "Machtachsen des Systems" bewege, und ihn das privilegiere gegenüber "stärker benachteiligten Gruppen", bleibe er doch als "Person of Colour" diskriminiert gegenüber Weißen. Diese Diskriminierung zeige sich im Theater in den Ensembles, "wo Menschen mit Migrationshintergrund unterrepräsentiert seien", in den "hohen Zugangsschwellen für Marginalisierte, vom Ticketpreis bis zur Atmosphäre".

Theater muss sämtliche Perspektien integrieren

Aber Theater sei kein "Zoo für gefährdete Arten", die "anderen" gehörten nicht eingehegt in einem "safe space". Theater solle stattdessen "sämtliche gesellschaftliche Perspektiven widerspiegeln", die von Queers, Feministinnen, People of Colour, Geflüchteten, Sinti und Roma, Menschen mit Handicap. Es müsse die "Sicht der Verlierer der Geschichte" mit "aufnehmen".

Für sein neues Stück eine postkoloniale Bearbeitung von Heinrich von Kleists "Die Verlobung von St. Domingo - ein Widerspruch" lege der Dramatiker fest, dass "mindestens zur Hälfte schwarze Menschen und Menschen mit Rassismuserfahrung besetzt werden. Blackfacing ist nicht erlaubt." Verboten sei auch das N-Wort, das Kleist dauernd verwende. Öziri: "Rassismus ist keine Meinung, sondern ein Netzwerk und fällt nicht unter Kunstfreiheit."

(Zürcher Tages-Anzeiger / jnm)

 

Mehr dazu: In der Stadttheater-Debatte argumentierte Necati Öziri im November 2017 für ein politisches Theater neuen Typus.