Außenseiter, Lügner, Tausendsassa

von Frank Schlößer

Rostock, 5. April 2019. Zum Teppichklopfen und für Schweinebammel, für Gogo-Dance und zum Drüberkotzen – die fünf Klettergerüste in verschiedenen Höhen sind das Universalspielzeug des Abends. Bis in ihre maximale Tiefe geöffnet und optisch durch eine Video-Leinwand erweitert, bietet Ariane Salzbrunns Bühne im Volkstheater Raum und Wege für alle Konstellationen zwischen Individuum und Gesellschaft. Dazu gibt es ein paar olle Matratzen für diese und jene Gelegenheit. Für die Zuschauer im Parkett ist kaum zu bemerken, dass auch der Bühnenboden zwei Ebenen hat und es ermöglicht, eine Figur gegen die andere zu erhöhen. Viel Platz also, der ausgespielt wird in Konstanze Lauterbachs Inszenierung: Peer Gynts komplette Reise durch die Welt findet in einem Bild statt – diese Bühne ist jederzeit überzeugend Meer und Marokko, Wald und Irrenanstalt.

In den Niederungen des bäuerlichen Lebens

"Zeitlosigkeit" scheint das Konzept der Aufführung: Dieser Peer Gynt könnte auch ein Millenial sein, aufgewachsen in einer Kleinstadt in der mecklenburgischen Seenplatte. Dazu passt die Bearbeitung des Textes – zusammengesetzt aus der Übersetzung von Peter Stein und Botho Strauß, ergänzt durch die Übertragungen von Christian Morgenstern und Georg Schulte-Frohlinde, gewürzt mit heutigen Floskeln. Das ergibt eine kräftige, poetische, überraschende, tiefe und heitere Mischung, die ohne Hänger durch den ganzen langen Abend trägt.

PeerGynt1 560 Bernd Faerber Ensemble c Dorit Gaetjen cPeer Gynt (Bernd Färber) und die Frauen © Dorit Gaetjen

Laut Regieanweisung schwebte Henrik Ibsen für seinen Peer Gynt ein "kräftig gebauter Mensch von zwanzig Jahren" vor. Bernd Färber hat weder die passende Statur noch das Alter. Aber er liefert einen starken und intensiven Außenseiter, Lügner und Tausendsassa. Um ihn herum die Niederungen des bäuerlichen Lebens mit all der selbstgeschaffenen Unterdrückung von Nähe in Eros und Liebe. Da muss man raus – die Frage ist nur: Wie viel von dieser Prägung kann man abwerfen, ohne sich aufzugeben? Der gealterte Peer Gynt wird von Oliver Breite gespielt – und der passt schon besser ins Bild.

Gescheitert und so klug als wie zuvor

Regisseurin Konstanze Lauterbach hat vor einem Jahr am Volkstheater Fellinis "Schiff der Träume" inszeniert. In ihrer zweiten Arbeit in Rostock legt sie den Schwerpunkt auf den Raum und die Kostüme. Die Beleuchter hat kaum mehr als die Varianten "hell" und "weniger hell" zu bieten – aber das dürfte das einzige Theatergewerk sein, das mit dieser Inszenierung nicht an seine Grenzen gestoßen ist. Vor allem die Näherinnen müssen einige Sonderschichten geschoben haben: Jeder der fast vierzig Mitwirkenden auf der Bühne hat – gefühlt – fünfmal die Kostüme zu wechseln. Der Stress hinter den Kulissen aber macht sich für die elf Schauspieler bezahlt: Sie bekommen die Gelegenheit, ihre Figuren frei zu gestalten und auszubreiten – vom überbordenden Peer Gynt über die starke und gebrochene Solveig (Sophia Platz) bis zu Gynts Mutter, der verzweifelt wütenden Aase (Sandra-Uma Schmitz).

PeerGynt1 560 Bernd Faerber Pascal Lalo c Dorit Gaetjen uPeer Gynt und noch mehr Frauen © Dorit Gaetjen

So gibt es für die Zuschauer auch dann immer was zu gucken, wenn die Norddeutsche Philharmonie den "Soundtrack" von Edvard Grieg in den Mittelpunkt stellt. Das Orchester setzt in der schwierigen Konstellation des Rostocker Orchestergrabens die Partitur gut und stellenweise ergreifend um; die Gesangssoli, mutig übernommen von Mitgliedern des Opernchores, sind musikalische Höhepunkte des Abends.

Konsequent nach Henrik Ibsen bleibt Peer Gynt bis zum Ende die Drecksau, die er schon zu Beginn war – er ändert nur die Masken. Eine überzeugende Rechtfertigung seines Lebens bleibt ihm versagt und er so landet er – gescheitert und so klug als wie zuvor – dort, wo er hergekommen ist: im Wald. Ibsens großer Wurf mit Griegs unsterblicher Musik in einer Drei-Stunden-Inszenierung: Am Ende müssen die fast vierzig Mitwirkenden der vereinigten Ensembles des Volkstheaters die große Bühne räumen, damit sich auch die Musiker der Norddeutschen Philharmonie ihren Vorhang abholen können.

 

Peer Gynt
Schauspiel von Henrik Ibsen mit der Musik von Edvard Grieg
Regie, Kostüme, Choreografie: Konstanze Lauterbach, musikalische Leitung: Martin Hannus, Bühne: Ariane Salzbrunn, Chorleitung: Frank Flade
Mit Bernd Färber, Oliver Breite, Sophia Platz, Katharina Kühn, Sandra-Uma Schmitz, Gina Markowitsch, Pascal Lalo, Alexander von Säbel, Frank Buchwald, Ulf Perthel, Ulrich K. Müller. Mit der Norddeutschen Philharmonie, dem Musiktheater und der Tanzcompagnie des Volkstheaters Rostock.
Premiere am 5. April 2019
Dauer: 3 Stunden 10 Minuten, eine Pause

www.volkstheater-rostock.de

 

Kritikenrundschau

Das Großensemble schaffe ein intensives und kräfig irritierendes Gesamtkunstwerk, so Dietrich Pätzold in der Ostsee-Zeitung (8.4.2019). Statt folkloristischer Anklänge "dominiert auf der Bühne präzise soziale Härte: Trolle mit Schweinsnasen etwa, bei denen man Stierpisse aus silberglänzenden Kännchen trinkt." Eindrucksvoll ist  im zweiten Teil des Abends auch die Geschichte Solveigs als Kontrast zu Peers allegorischer Lebensreise inszeniert.

Das Zwiebel-Gleichnis sei der Höhepunkt in der Inszenierung von Regisseurin Konstanze Lauterbach, so  in den Norddeutschen Neuesten Nachrichten (8.4.2019). Besonders begeisterte auch die klangvolle Musik von Edvard Grieg, gespielt von der Norddeutschen Philharmonie. "Am Ende gab es verdienten begeisterten Applaus für die weit mehr als 50 Theaterschaffenden."

 

 
Kommentar schreiben