Lass mich ein Weib sein!

von Claude Bühler

Basel, 11. April 2019. Es gibt das laute Theater des Ausagierens, des Schreis, der Dezibel-Gewalten aus dem Lautsprecher. Und es gibt das stille Theater, bei dem die gleiche oder sogar stärkere Intensität in den Figuren eingesperrt ist und sich nur in einer kleinen Bewegung mit dem Arm, in der Färbung einer Silbe verrät. Bei dem sich etwa die Eheleute Yerma und Juan aus Distanz völlig reglos, sogar ohne Kälte, lange ansehen, und man nicht nur den Hass zwischen ihnen fühlt, sondern auch, dass sie diesen dem anderen nicht gestehen dürfen, nicht mal ganz sich selbst.

Keine Regung will man da im Publikum sitzend verpassen. Kaum je in den letzten Jahren war hier so eine präzise, ja fast streng durchkomponierte und ausproportionierte Ensemble-Leistung zu erleben, in der alle nach einer Schule spielen und eine geschlossene Welt bilden. Nichts ist der Laune des Moments überlassen. Das Kammertheater entfaltet dann seine volle Wirkung, wenn die Spielenden dabei in der zweiten Natur ihrer Rolle völlige Bewegungsfreiheit gefunden haben. Diesem Ideal ist die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik bei ihrem Schweizer Inszenierungs-Debüt über die gesamte Spielzeit von fast 90 Minuten sehr nahegekommen.

yerma 1 560 lucia hunziker uEingezwängt im Guckkasten: Chantal Dubs, Liliane Amuat, Myriam Schröder, Evelyne Gugolz, Cathrin Störmer, Steffi Friis © Lucia Hunziker

Eine einfache Erklärung bietet Lorca in seiner Tragödie von 1934 nicht an, warum sich seine Titelfigur Yerma (zu deutsch: Brache) mit ganzer Lebensintensität ein Kind wünscht. Koležnik skizziert dazu das Panorama einer entwurzelten Existenz. Sie entreißt Yerma der rural-archaischen Blut- und Ackerwelt Lorcas, wo der Katholizismus regiert und der Animismus die Menschen beseelt. In die frühen 60er Jahre versetzt, spricht aus Yerma dennoch oft ein bäuerlicher Ehrbegriff: Die Ehre der treuen Gattin, die Ehre als Tochter einer alten Familie. In der sterilen Wohnungseinrichtung mit Spannteppichen, der funktionalen Küchenkombination, den die Fensterfront verhüllenden Vorhängen wirkt das leer, wie eine fixe Idee. Von überkommenen Vorstellungen handelt Kozelniks Inszenierung.

Der Goldene Käfig so beige

Der hochgestellte, mit übertrieben breiten Rändern betonte Guckkasten zeigt nicht nur, dass ihr Mann Juan sie in eine Komfortzone einsperrt; Yerma lebt in einer Art Zwischenreich in völliger Isolation: hinter einer straff gespannten Gaze, in seltsam weißlich schimmerndem Licht, in der Öde leisen Radio-Ambients. Ohne Anteilnahme stellt sie die Blumenvase mal auf den Tisch, mal auf das Radio, deckt den Tisch, räumt ab, hegt ihre Traurigkeit, das Gefühl der Nutzlosigkeit. Den weiblichen Zyklus andeutend kippt das Licht zwischen den Szenen ins Rötliche. Aber wie auch ihre Zeit so dahingeht, stets trägt sie dasselbe grüne Kostüm, das sich ganz ins beige Interieur einfügt, so als wäre alles nur ein Tag. Der auffällig hochgedrückte Busen sagt: Ich will Weib sein, automatisch auf Empfang.

Ihre schwangeren Freundinnen tauchen wie Gespenster in verlangsamt choreographierten Gruppenbildern auf, reden von der Schuld des Mannes, dass Yerma noch immer kinderlos geblieben ist. Juan schläft ohne Begehren mit ihr. Unverhohlen sagt er ihr, dass er nur seine Ruhe haben will. Er verbietet ihr, das Haus zu verlassen, später sogar das Sprechen. Im Grunde überfordert ihn schon ihre schweigende Gefühlsintensität. Yerma ist nicht eigentlich devot. Aber sie unterwirft sich Juan, zurrt eigens die Verhältnisse fest, gesteht sich selbst kaum ein, dass sie den Untergebenen ihres Mannes, Viktor, begehrt.

yerma 2 560 lucia hunziker uDas unglückliche Ehepaar: Myriam Schröder und Florian von Manteuffel © Lucia Hunziker

Koležnik sieht Yermas übertriebenen Kinderwunsch als Auswuchs einer tief internalisierten patriachalischen Co-Autorenschaft. Im Grunde hasst Yerma Juan nicht für seine Unterdrückung, sondern weil er ihr zu keinem Zeitpunkt gewachsen ist. Als er sich ihr liebevoll nähert, bringt sie ihn um.

Man mag einwenden, Kozelnik transportiere nicht aktuelle Geschlechterbilder. Aber sie horcht aus heutiger Sicht nach, wie angeblich überwundene Positionen funktionieren, arbeitet heraus, wie viele schwer bestimmbare Regungen in uns stecken. Ihr Ansatz ließe sich weiterdenken: wie die Gefangenschaft in Vorstellungen weitere zwanghafte Vorstellungen gebiert.

Myriam Schröder zeigt die Titelfigur Yerma mit der leicht gedämpften Stimme, die höchste Anspannung verrät, als drückte ihr jemand dauernd den Fuß auf das Brustbein. Das Gefühl überträgt sich. Man leidet mit ihr, und stößt sie gleichzeitig von sich. Unaufdringlich und auf das Nötige reduziert, stellt Florian von Manteuffel Ehemann Juan als farblosen Kleinunternehmer vor, dem es recht ist, sich nie ganz zu einem sexuellen Mann entwickelt zu haben. Man folgt beiden atemlos. Hingehen!

 

Yerma
von Federico Garcia Lorca
Inszenierung: Mateja Koležnik, Bühne: Raimund Orfeo Voigt, Kostüme: Alan Hranitelj, Komposition: Malte Preuss, Choreografie: Matija Ferlin, Licht: Roland Heid, Dramaturgie: Constanze Kargl.
Mit: Liliane Amuat, Chantal Dubs, Steffi Friis, Evelyne Gugolz, Myriam Schröder, Kathrin Störmer, Florian von Manteuffel, Simon Zagermann und Statisterie des Theater Basel.
Premiere am 11. April 2019
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-basel.ch

 

Kritikenrundschau

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (13.4.2019) schreibt Martin Halter: Mateja Koležnik habe die "ländlich-reaktionären Wurzeln Yermas gekappt" und das Stück als "zeitlose Szenen einer missglückten Ehe" neu "angerichtet". Myriam Schröder sei eher "Dame des Hauses" als "unterdrückte Frau". Das Kind, von dem sie träume, sei nur Metapher für "ihre Sehnsucht nach dem anderen". Florian von Manteuffels Juan sei "der Typus des ratlosen, überforderten Ehemanns", ein schwächlicher Gefangener der "Familienehre". Ein zwar "kompaktes, hochverdichtetes Kammerspiel", doch reiche es nicht, um Lorca in "die Gegenwart zu transportieren". Die Inszenierung bleibe auf "halbem Wege zwischen Damals und Heute stecken".

Koležniks Inszenierung sei überzeugend, schreibt Annette Mahro von der Badischen Zeitung (13.4.2019). "Mann und Frau sind sich hier nicht nur gegenseitig, sondern auch selbst im Weg. Liebe gab es zwischen den beiden nie und selbst Hass wäre zu viel in diesem farblosen Umfeld."

Von kühler Künstlichkeit sei die Inszenierung, so Stephan Reuter von der Basler Zeitung (13.4.2019). Die Auslegung des Schauspiels sei geradezu klassisch. Und weiter: "Wer erzählen will, was heillose Beklemmung unter Menschen anrichtet, zwischen denen doch Urvertrauen herrschen sollte, hat mit dieser Lorca-Fassung ein schlagendes Beispiel."

 

 

 
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