Die kapitalistische Idee

von Thomas Rothschild

St. Gallen, 12. April 2019. Einer der ergreifendsten Schlüsse der Dramengeschichte wurde gestrichen. Die Türen werden von außen versperrt, Firs (Bruno Riedl) betritt die leere Bühne und schweigt. Seinen Monolog – "Sie haben mich vergessen" – hat man sich in St. Gallen gespart. Als sich Andrea Breth kürzlich mit den "Ratten" vom Burgtheater verabschiedete, raunten die ewigen Vereinfacher mit den griffigen journalistischen Formeln, sie sei die letzte Schauspielregisseurin eines psychologischen Naturalismus gewesen. Damit prolongieren sie eine patriarchalische Geschichtsschreibung, die einer ganzen Riege von Regisseurinnen dreier Generationen von Barbara Frey über Karin Henkel, Friederike Heller, Tina Lanik, Nora Schlocker, bis zu Mélanie Huber die präzise Arbeit mit Schauspielerinnen und Schauspielern abspricht.

Tschechows Erbe

Mélanie Huber also. In St. Gallen hat sie sich Tschechows "Kirschgarten" vorgenommen. Der Hinweis auf die Klage des großen Dramatikers über Stanislawskis naturalistische Interpretation und darauf, dass "Der Kirschgarten" eine Komödie sei, gehört nun schon seit ein paar Jahrzehnten zur Tschechow-Folklore. Regisseurinnen und Regisseure haben auf unterschiedliche Weise darauf reagiert. Mélanie Huber beginnt mit einer entschiedenen Parteinahme für das Komische. Allerdings ist sie bis kurz vor dem Ende des zweiten Akts der Farce näher als der Komödie, mehr bei Georges Feydeau als bei George Bernard Shaw. Heftige, unkoordinierte Gesten, angehaltene Bewegungsabläufe bestimmen die Komik. Am Rand der Bühne, die von einem Haus mit Lamellentüren diverser Formate beherrscht wird, sitzt ein Musiker (Martin von Allmen) am verstimmten Pianino.

Kirschgarten 1 560 ToniSuter uDie Kirschgarten-Familie in Bewegung, ganz vorne die aus Paris zurückgekehrte Ranjewskaja (Diana Dengler) © Toni Suter

Das junge Ensemble fügt sich der Konzeption. Lediglich Christian Hettkamp in der Rolle von Gajew, dem Bruder der Ljubow Andrejewna Ranjewskaja (Diana Dengler), gerät, zumal in der berühmten Rede an den Schrank, ins Chargieren, wo er falsches Pathos karikieren soll. Details dienen der Profilierung der Figuren. Der ewige Student Petja Trofimow etwa (Benno Schulz), der Richtiges erkennt und ausspricht und durch seinen Eifer und seine Prüderie doch berechtigten Spott einheimst, trägt einen zu engen braunen Anzug und einen hohen Hemdkragen. Die Darstellung des Zimmermädchens Dunjascha (Janna Antonia Rottmann) allerdings grenzt fast denunziatorisch an das Klischee eines Bauerntrampels.

Tableau Vivant

Wenn der Kaufmann Lopachin (Tobias Graupner), dessen Vater noch als Leibeigener auf dem Gut gearbeitet hatte, das erste Mal vorschlägt, den alten Kirschgarten abzuholzen, erstarren alle zu einem Tableau. Solche leitmotivischen Tableaus strukturieren den Ablauf der Aufführung und dienen als visuelle Interpunktion. Wenn sich das Ensemble in choreographierter Reihe wie erschöpft auf Stühlen zurücklehnt, entspricht das einer Haltung, die für Tschechow, über den "Kirschgarten" hinaus, kennzeichnend ist.

Kirschgarten 3 560 ToniSuter uErst ein Fest, dann Ernüchterung und Erschöpfung © Toni Suter

Kurz vor der Pause ändert sich Mélanie Hubers Ansatz. Wenn die Ranjewskaja nicht wahrhaben will, dass die Zeit der Gesellschaftsschicht, der sie angehört, abgelaufen ist, wird die Inszenierung ernst. Tschechow mag auf Komik insistiert haben: Stanislawskis Missverständnis hat sich als erstaunlich widerstandsfähig erwiesen. Ganz möchte auch die junge Schweizer Regisseurin nicht darauf verzichten, und ihre Entscheidung überzeugt. Mit einem verstörenden Akkord am Klavier und dem Reisenden, der nach dem Weg zum Bahnhof fragt, bricht, sehr modern, das Unheimliche herein.

Neue Zeit, neue Besitzer

Den Einschnitt zwischen dem zweiten und dem dritten Akt des vieraktigen Dramas schließt Huber, indem sie den Beginn des dritten Akts, ein übermütiges Fest im Hause der Ranjewskaja, am Ende des zweiten Akts bereits vorwegnimmt und nach der Pause wiederholen lässt. Dann hat Lopachin seinen großen Auftritt. Er hat das Gut ersteigert. Er triumphiert: "Jetzt ist es mein Kirschgarten." Aber er spricht den Satz mit leiser Stimme und zitternder Hand. Darauf folgt ein langes Schweigen der Ranjewskaja. Ein großer Moment der Inszenierung.

Der in die Hose gehende Versuch Lopachins, Warja (Anna Blumer), der Adoptivtochter der Ranjewskaja, von allen belauscht, einen Heiratsantrag zu machen, gibt noch einmal Gelegenheit, Komisches und Tragisches zusammenzubringen. Es endet mit Firs. Wenn auch ohne seine Worte.

Abholzung als Befreiungsschlag

Benutzt wird die Übersetzung von Thomas Brasch. Über sie gehen die Meinungen auseinander, aber eine gute Sprechbarkeit muss man ihr jedenfalls zugestehen. Man kann nur immer wieder bedauern, dass es für das wunderbare schillernde russische "nitschewo" keine bessere deutsche Entsprechung gibt als "macht nichts".

Im Programmheft schreibt der Dramaturg des Abends Armin Breidenbach, eine bessere als Lopachins Idee, den Kirschgarten abholzen zu lassen, um an seiner Stelle Sommerhäuser zu bauen, gebe es nicht. Ist es wirklich so einfach? Unterschlägt das nicht die Ambivalenz, die Tschechows Stück bis heute spannend und relevant erscheinen lässt? Die "Idee" folgt der Logik einer kapitalistischen Rationalität, die, historisch betrachtet, gegenüber dem von der Ranjewskaja repräsentierten überholten Feudalismus ein Fortschritt gewesen ist. Aus heutiger Sicht ist es die Logik von Stuttgart 21. Auch in St. Gallen wird vermutlich abgeholzt. Die beste Idee?


Der Kirschgarten
von Anton Tschechow, Deutsch von Thomas Brasch
Regie: Mélanie Huber, Bühne: Nora Johanna Gromer, Kostüm: Lena Hiebel, Musik: Martin von Allmen, Licht: Andreas Enzler, Dramaturgie: Armin Breidenbach.
Mit: Diana Dengler, Pascale Pfeuti, Anna Blumer, Christian Hettkamp, Tobias Graupner, Benno Schulz, Matthias Albold, Oliver Losehand, Kay Kysela, Janna Antonia Rottmann, Bruno Riedl, Martin von Allmen.
Premiere am 12. April 2019
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

theatersg.ch/

 

Mehr zu Kirschgarten-Inszenierungen der jüngeren Zeit: Amir Reza Koohestani hat das Stück im Oktober 2017 in Freiburg inszeniert, Robert Borgmann im April 2017 in Stuttgart oder Nicolas Stemann im Januar 2017 an den Münchner Kammerspielen.

Kritikenrundschau

"Manchmal wird es ganz still, geisterhaft wirken die Darsteller dann in Andreas Enzlers hellem Licht", schreibt Rolf App vom St. Galler Tagblatt (13.4.2019). "Oft aber überrascht Mélanie Huber die Zuschauer mit wilder Pantomimik. Auf schwer erträgliche Weise bleibt alles stehen, doch die Figuren suchen dem Stillstand zu entfliehen mit einem geradezu exzessiven Bewegungsdrang."

 
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