Schubladen, die die Welt bedeuten

von Martin Thomas Pesl

Linz, 13. April 2019. Da liegen sie in großen Schubladen, hart beleuchtet und starr, wie tote Käfer in der Vitrine oder archivierte Dokumente. Von Anfang an beweisen die sieben Studierenden der Anton-Bruckner-Universität Disziplin, während das Publikum gar langsam ins Studio der Kammerspiele des Linzer Landestheaters tröpfelt. Zehn Minuten dauert es, bis sie erstmals aus den Laden auf die Laden, die Mira Königs durchaus originelles Bühnenbild sind, klettern dürfen.

Gang in die griechische Mythologie

Sodann entschubladisieren sie auch einen zehn Jahre alten Text: Roland Schimmelpfennigs "Idomeneus" ist ideal für Abschlussaufführungen Schauspielstudierender, ist er doch vorgesehen für "eine Gruppe von etwa zehn bis vierzehn Männern und Frauen. Es können auch mehr oder weniger sein." Diese Gruppe spinnt Gedankenspiele rund um den Mythos des Kreterkönigs, der auf dem Heimweg aus Troja dem stürmischen Poseidon versprach, ihm das erste Wesen zu opfern, das ihm an Land begegnen würde. Dieses sollte sich als Idomeneus' eigener Sohn Idamantes herausstellen, der zu dieser Zeit gerade in Elektra verliebt war. Elektra, deren Schwester Iphigenie zu Kriegsbeginn ihrerseits vom Vater geopfert wurde und die dann ihre Mutter ... komplizierte griechische Mythologie eben.

Idomeneus 1 560 PetraMoser uGriechische kompakt: Florian Granzner, Isabella Campestrini im Bühnenbild von Mira König © Petra Moser

Schimmelpfennig schrieb das Stück als Prolog zu einer Inszenierung der Mozart-Oper "Idomeneo" anlässlich der Wiedereröffnung des Cuvilliés-Theaters in München. Unfreiwillig historische Bedeutung erlangte das Stück, weil es Jürgen Goschs letzter Arbeit vor seinem Tode zugrunde lag. Dass diese neuerliche Premiere von Interesse ist, liegt hauptsächlich an der Regisseurin: Bérénice Hebenstreit, Jahrgang 1987, ist derzeit in Österreich eine führende Aktivistin für Veränderungen im Zuge von #MeToo und Pro Quote Bühne. In Interviews fordert sie würdige Arbeitsbedingungen, mit dem Format "Die Spielplan" entlarvt sie den unbefriedigenden Anteil an Autorinnen, Regisseurinnen und substanziellen Frauenrollen an den Theatern des Landes.

Übung im Physical Theatre

Nicht nur deshalb wäre ihr zu wünschen, dass sie auf großen Bühnen inszeniert. Hebenstreit hat – zuletzt an Spielstätten des Volkstheaters Wien – ein Auge für eine gewisse raumgreifende Ästhetik und formbewusste Schauspielführung entwickelt. In Linz ist es jetzt vorerst noch die Studiobühne. Hier haben Hebenstreit und die Choreografin Rie Akiyama alle Hände voll zu tun, die sichtlich nervösen Spieler*innen eine Stunde lang beschäftigt zu halten. Das gelingt; der Abend ginge auch als strenge Physical-Theatre-Übung durch. Fast mit jedem Satz wird ein neues Bild gebaut, keine Repetition erklingt in der gleichen Konstellation oder im gleichen Ton wie der vorangegangene Moment.

Idomeneus 2 560 PetraMoser uMit vereinten Kräften durch die griechische Mythologie: das Ensemble der Anton Bruckner Universität © Petra Moser

Auf der inhaltlichen Ebene versuchen die Macherinnen dafür gar nicht erst, über das etwas nerdige akademische Betrachten mythologischer Spielereien hinauszukommen. Das ist angesichts der Vorlage und der Fragilität des Ensembles wahrscheinlich auch besser so. Schimmelpfennigs Text will von Chören erzählt werden, er ist in einem bedeutungsschwangeren Stil aus kurzen Sätzen, Wiederholungen und Möglichkeitszauber geschrieben, Marke: So könnte die Geschichte gewesen sein, sie könnte aber auch anders gewesen sein. Beim Lesen stellt man sich einen längst pensionierten Altphilologen vor, der noch einmal über sein Lieblingsthema referieren soll. Dass hier nun etwas brave, aber agile und sprechtechnisch einwandfrei ausgebildete Elev*innen am Werk sind, liefert das Minimum an jugendlicher Frische, die der Text dringend braucht.

"Bevor du mich umbringst, bringe ich dich um"

Freilich kristallisieren sich, da niemand auf eine bestimmte Rolle fixiert ist, kaum individuelle Stärken im Ensemble heraus, Schwächen aber auch nicht. Ausstatterin König hat alle sieben mit fast ironisch minimalistischen Umschnall-Accessoires als griechische Kämpfer stilisiert. Beliebig einsetzbare Masken, die ihre eigenen älter geschminkten Gesichter zeigen, weisen sie als die Spielbälle der Theatertrickmaschine aus, die sie in ihrem künftigen Berufsleben sein werden (wenn sie nicht aufpassen).

Diese Prüfung haben die Bruckner-Studierenden jedenfalls mal bestanden – mit vereinten Kräften. In den Variationen des Satzes von Sohn zu Vater: "Bevor du mich umbringst, bringe ich dich um" steigern sie sich sogar zu einem kleinen, unerwarteten Gänsehautmoment. Die gelernte Lektion passt sowohl in die idomeneische als auch – im Sinne eines neuen Umgangs im Theater – in die hebenstreitsche Schublade: Auf dass ja keine*r von ihnen auf die Idee komme, leichtfertig eine*n der Kolleg*innen zu opfern, wenn es mal ein bisschen stürmisch wird!

 

Idomeneus
von Roland Schimmelpfennig
Regie: Bérénice Hebenstreit, Bühne und Kostüme: Mira König, Choreografie: Rie Akiyama, Dramaturgie: Wiebke Melle.
Mit: Isabella Campestrini, Florian Granzner, Jakob Kajetan Hofbauer, Michaela Carina Lenhart, Dorothea Röger, Anna Magdalena Wagner, Vinzenz Wegmüller.
Premiere am 13. April 2019
Dauer: 1 Stunde, keine Pause
www.landestheater-linz.at
www.bruckneruni.at

 

Kritikenrundschau

"Eine Verführung zur Reflexion und zum Theater, eine Meisterprüfung aller Beteiligten", einen "Glücksfall epischen Theaters" hat Peter Grubmüller gesehen, wie er in den Oberösterreichischen Nachrichten (15.4.2019) schreibt. Die jungen Schauspieler*innen "musizieren Schimmelpfennigs Monologe und Choräle mit ihren Stimmen, ohne deren Eindringlichkeit oder Ironie zu überdrehen". Sein Fazit: "70 verdammt dichte Theaterminuten mit unzähligen Chancen, Idomeneus in jedem von uns zu entlarven."

Die Schauspieler*innen "meistern die Herausforderung aber bravourös", so auch Werner Rohrhofer im Oberösterreichischen Volksblatt (15.4.2019), "selbst bei den Textpassagen, die im Chor wiederzugeben sind, sind sie präzise und deutlich im Ausdruck". Dazu verlange die Inszenierung ihnen "einiges an körperlichem Einsatz ab, geschieht doch ein erheblicher Teil der Handlung in schmalen, schachtelartigen Gebilden, in die sie sich zu zwängen haben". Rohrhofer fragt sich allerdings, warum vom Theater gerade dieses Stück mit dem antiken Stoff für das Projekt mit der Schauspieler-Abschlussklasse ausgewählt wurde: "Thematische Aktualität sieht anders aus."

 

 

 
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