Verfolgungsjagd im Porno-Kino 

von Maximilian Pahl

Zürich, 13. April 2019. Es dauert keine zehn Minuten, da hat die Souffleuse Rita von Horváth schon alle Hände voll zu tun. Robert Hunger-Bühler ist nämlich, vorsichtig ausgedrückt, nicht ganz textsicher. Auch bei Ueli Jäggi hapert's später oft und für Alexander Scheer gehört die Koketterie mit der Vergesslichkeit zum ganz normalen Repertoire. Knappe 150 Seiten Spielfassung stehen im Pfauen bevor, denn Frank Castorf ist in Zürich.

Unklarheit wie gehabt

Dort, wo Friedrich Dürrenmatts Theaterstücke oft uraufgeführt wurden, adaptiert der gewesene Chef der Berliner Volksbühne dessen Kriminalroman "Justiz", und das inzwischen alte Spiel der Verausgabungs-Kunst ist schnell eröffnet. Und damit auch die Verfolgungsjagd: Kopf voran die Schauspieler und die Gewerke hinterher. Oder ist es anders herum?

Justiz 2108 560 Matthias Horn uVerausgabung wie gehabt: Teresa Matusadila, Alexander Scheer, Manuela Hollenweger, Jan Bülow, Nicolas Rosat, Irina Kastrinidis © Matthias Horn

Für Eindeutigkeiten geht man jedenfalls nicht zu Castorf. Obwohl diesmal die Auflagen vom Diogenes Verlag (keine Fremdtexte, außer von Dürrenmatt selbst, woran sich das Team beinahe hält) für den luziden Meta-Interpreten der Dostojewski-Elefanten einer Fußfessel gleichkommen – dachte man. Gemeinsam mit Dramaturgin Amely Joana Haag aber beweist Castorf bei seinem ersten Dürrenmatt, dass er sich noch sehr viel näher entlang eines Romans bewegen kann, ohne etwa dessen Handlung verfolgbar zu konkretisieren.

Eine Handlung obendrein, die nach Konkretisierung schreit. Dürrenmatt wusste, als er 1980 die "Justiz"-Manuskripte wieder hervornahm, selbst nicht mehr so genau, was er zwanzig Jahre zuvor damit im Sinn gehabt hatte. Bei der Vollendung fügte er einen dritten Teil an, in welchem ein Autor den Kriminal-Plot rückwirkend aufdröselt – woran zuvor der selbstständige Rechtsanwalt Felix Spät nämlich scheitert.

Plot à la Bande, über 20 Jahre verschlungen

Dieser Spät, also Alexander Scheer, erhält anfangs den hochdotierten Auftrag, noch einmal einen längst abgehakten öffentlichen Mord an einem Germanistik-Professor aufzuarbeiten, der zwar öffentlich geschah, aber schludrig behandelt wurde, ohne dass Motiv oder Tatwaffe je aufgefunden wurden. Der Verurteilte Kantonsrat Kohler (Robert Hunger-Bühler) zieht die Strippen aus dem Zuchthaus heraus und nach unzähligen Wendungen und einem wirren Ritt durch das Zürcher Rotlichtmilieu und die Schweizer Waffen- und Prothesenindustrie (Jäggi extemporiert eine starke Viertelstunde lang über die Dialektik beider Kriegsprodukte) entpuppt sich alles als ein kongenialer Racheakt der Mörders.

Justiz 2931 560 Matthias Horn uAleksander Denićs Bühne mit Café Bellevue und Porno-Kino  © Matthias Horn Kohlers Tochter Hélène, von Irina Kastrinidis sirenenhaft, fast entrückt  gespielt, wurde als Kind vergewaltigt. Alle daran Beteiligten schafft der Vater aus dem Spiel, und zwar anhand einer Billard-Allegorie “à la bande”, indem er zunächst selbst besagten Mord begeht und dann Spät mittels eines Star-Advokaten, aufgeekelt von Nicolas Rosat, darauf ansetzt, weil dieser "nichts von Billard versteht". Der in Folge heiß laufende Justizapparat – als – hatte für Dürrenmatt schon nichts mit Gerechtigkeit im utopischen Sinne am Hut.

Zürcher Dreifaltigkeit

Für Castorf noch viel weniger. Scheer kugelt sich in Pfützen und hastet listig durch Aleksandar Denićs wunderschöne Bühne. Eine Zürcher Dreifaltigkeit steht da auf der Drehscheibe: Das Corbusier-Haus mit entsprechendem Interieur, das Tramhaltestellen-Café Bellevue und das Pornokino Roland. Teresa Matusadila philosophiert als Prostituierte auf Französisch und Manuela Hollenweger auch mal auf Schweizerdeutsch – zwei, die auch als Models und Tänzerinnen arbeiten, letztere unter anderem bei DJ-Bobo-Shows.

Und dann ist da noch der junge Jan Bülow mit den aufgerissenen blauen Augen und der hedonistischen Verzweiflung. Scheer und Bülow nuckeln ziemlich oft und innig aneinander, singen Campari Soda von Taxi (wozu Friedrich Dürrenmatt immer wieder zu provozieren scheint) – oder sie "rauchen eine halbe Stunde lang, so viel und so schnell wie möglich" bis Scheer sagt: "Reicht. Reicht. Reicht. Nein, reicht noch nicht.”

Justiz 1185 560 Matthias Horn uNicolas Rosat und Alexander Scheer, flankiert von zwei Fantomas-Damen © Matthias Horn

Es reicht freilich noch lange nicht, die Pause ist da gerade einmal durch und ganz viel Crime-Lounge-Jazz in der Playlist, die so gut wie nie aufhört, das nebulöse Geschehen zu begleiten. Mit Nicolas Rosat, zum Beispiel im Fat-Suit, erreicht das durchaus die Messlatte eines Helge-Schneider- beziehungsweise Nihil-Baxter-"Krimis". Und die Kameras von Andreas Deinert und Seraina Scherini gehen so nahe an die vielblättrige Julia Kreusch heran, dass ihre Edelprostituierte optisch zwischen Statue und Ganzkörperkoks hin- und herschwingt. Als Meerjungfrau steigt sie schließlich in den Sarg. Feminismus geht anders, aber auch anderswo als inmitten dieses Romans.

Die Alten übernehmen

Dürrenmatt war, als er "Justiz" vollendete, so wie heute Castorf, Hunger-Bühler und Jäggi, im frühen Normalbürger-Pensionsalter. Wie letztere zwei gegen Schluss den Abend behutsam übernehmen, wird das Altern der Körper und der Ideen sehr schön und selbstironisch eingeflochten, während das Kind Mikis Kastrinidis als Pianist, Rollstuhlfahrer und Sklaventreiber auftritt. Hunger-Bühler hält als Schatten schneidige Monologe, Jäggi spricht am Ende wie zahnlos und geht von Erkenntnis erschöpft zu Boden. Und Scheer bleibt der großartige Selbstgefährder. Wer ihm nach fünf Stunden noch sehr aufmerksam zuhört, entdeckt sogar, soweit Frank Castorf das halt zulässt, ein kleines bisschen Eindeutigkeit.

 

Justiz
von Friedrich Dürrenmatt
in der Bearbeitung von Frank Castorf und Amely Joana Haag
Regie: Frank Castorf, Bühne: Aleksandar Denić, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Musik: William Minke, Live-Video: Andreas Deinert, Zweite Kamera: Seraina Scherini, Live-Videoschnitt: Timo Raddatz, Dramaturgie: Amely Joana Haag, Tonangel: Benjamin Jan Fischer, Licht: Lothar Baumgarte, Maske: Carla Alarcon und Julia Schmincke ((sic!)).
Mit: Jan Bülow, Manuela Hollenweger, Robert Hunger-Bühler, Ueli Jäggi, Irina Kastrinidis, Mikis Kastrinidis, Julia Kreusch, Teresa Matusadila, Nicolas Rosat, Alexander Scheer.
Premiere am 13. April 2019
Dauer: 5 Stunden, eine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

"Ja, aus dieser beherzten Romantransplantation entstand was Sehenswertes; freilich nichts Schultaugliches. Hätte jetzt noch jemand genauso ungeniert die allzu ausufernden Monologe, die öden Plotaufdröselungen, die unnötigen Tanzeinlagen zusammengestrichen, wären wir wehrlos begeistert mitgerollt wie Kohlers Billardkugelmenschen", schreibt Alexandra Kedves vom Tagesanzeiger (15.4.2019).

Michael Laages lobt auf Deutschlandfunk Kultur (13.4.2019) u.a. das Ensemble. 'Justiz' werde zum erstaunlichen Abenteuer, "in Strom und Fluss gehalten von Castorfs noch immer und wie immer brillantem 'Timing'. Der alte Dürrenmatt, der nurmehr in den Himmel schaute – so schlecht war die Welt – hat in diesem Regisseur den richtigen Interpreten gefunden."

"Castorf verblüfft: War er je so stringent, so texttreu und thematisch eng der Vorlage verpflichtet wie hier? Seine Romanfassung entpuppt sich als orgiastische Hommage an den Emmentaler, den der Ostler als einen Wahlverwandten – und Gedankenspieler – für sich entdeckt zu haben scheint", schreibt Daniele Muscionico in der Neuen Zürcher Zeitung (15.4.2019). Dürrenmatts Ahnung schwinge mit: 'Die Welt wird entweder untergehen oder verschweizern'. "Castorf nimmt diese Ahnung von Weltchaos beim Wort, als wäre es sein eigenes. Seine Schauspieler federn wie Billardkugeln durch rund zwanzig Szenen, die Video-Kameras folgen ihnen, die Screens zeigen menschliche Lust und Leiden überlebensgross. Castorf ist immer auch ein Trip für Voyeure."

"Packend war's – anstrengend, vielleicht, aber eben auch kurzweilig und unterhaltsam", so Andreas Klaeui vom SRF (15.4.2019). Castorf helfe einem nicht durch die Handlung des Romans, durch das "Dürrenmattsche Durcheinander"; Klarheit gebe es erst ganz zum Schluss, "und auch da wird die Klarheit sofort getrübt durch immer noch eine zusätzliche Volte in die Gruseligkeit". Und weiter: "Castorf inszeniert zum ersten Mal einen Text von Dürrenmatt, und da spüre ich auch eine gewisse Lust, sich jetzt einfach mal auf diesen Kosmos einzulassen – und der Abend endet dann auch mit einer schönen Hommage an Dürrenmatt, der Schauspieler Ueli Jäggi spricht das Schlusskapitel des Romans mit Dürrenmatt-Akzent, eine grimmige Selbstbtrachtung des Dichters, in diesem singenden und näselnden Dürrenmatt-Deutsch, das ist grandios und berührend."

Inszenatorisch sei das "ein solches Kuddelmuddel mit oft undurchsichtigen Doppel- und Mehrfachbesetzungen von sich selbst überlassenen Schauspielern im hysterisch kreischenden Rollenwechselmodus, dass man schon mal den Anschluss, wenn nicht den Durchblick oder gar die Nerven verliert", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (17.4.2019). "Da ist viel Leerlauf, Chaos und Schlampigkeit. Aber das Spiel als solches hat doch einen Erlebnischarakter. Castorfs Live-Film-Theater produziert noch immer die coolsten, lässigsten Bilder. Nirgends sind Schauspieler so sexy, und allein der Soundtrack von William Minke ist den Abend wert."

"Die Schweiz ist kein gutes Jagdgebiet für Castorf. Und Dürrenmatt ist es auch nicht", schreibt Simon Strauß in der FAZ (17.4.2019) . "Das Schauspielensemble bemüht sich redlich, die langen Spielstunden herumzubringen, aber trotz allem Gebrüll, Gerutsche und Gefilme will keine rechte Manie-Stimmung aufkommen." Kurz nach Mitternacht beginne Jäggi im Dürrenmatt-Tonfall die entscheidenden Fragen zu stellen: "'Wie empfindet die Erde ihr Alter? Wie erlebt der Frieden seine Zeit?' Aber da ist der Abend schon zu Ende. Er hat fünfeinhalb Stunden zu spät begonnen."

 

 
Kommentar schreiben