Das Leben, kein Bildungsroman

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 29. August 2008. Frankfurt feiert Goethe und spielt dazu Peter Hacks und Samuel Beckett: "Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe" und "Das letzte Band". Ein Monodram und ein Monolog, die der Programmzettel zusammenzurrt, in dem das Beckett-Stück zur möglichen Fortsetzung von Hacks erklärt wird. Hacks rollt die Liebesgeschichte zwischen Charlotte von Stein und Goethe aus Sicht der Frau auf, und Becketts Krapp könne der heutige Herr von Goethe nach seiner plötzlichen Abreise aus Weimar sein, dem sein aufklärerischer Optimismus abhanden gekommen ist.

"Humanismus!" ruft Jennifer Minetti als Frau von Stein spöttisch aus. Aber im Sehen fügt es sich dann anders. Da wird zweistimmig eine Laudatio auf das Begehren gesungen und ein Requiem für die Liebe, werden Erinnerungen zu Erzählung und persönlicher Mythologie. Nicht zuletzt zeigt der Doppelabend zwei wunderbare alte Schauspieler, deren Körper viel mehr erzählen als nur ihre Rollen. Jennifer Minetti spielt die Stein, André Wilms den Krapp. Wilms führte auch Regie, im zweiten Beckett-Teil gemeinsam mit Christiane J. Schneider.

Zwischen Matrone und Mädchen

Allerdings zeigt der Lauf des Abends, daß Wilms als Regisseur viel konservativer ist denn als Schauspieler. Er lässt Jennifer Minetti recht distanzlos an diese merkwürdige Frau von Stein herangehen, deren Liebe zu Goethe bei Hacks als Machtkampf aus Abhängigkeit, Entzug, Negation und blanker Bewunderung für dieses Dichtergenie geschildert ist.

Wilms inszeniert das Monodram als Entwicklungsstück, in dem Jennifer Minetti als abgeklärte, sich auf wackligen Beinen an der Wand entlang tastenden Frau von Stein auftritt und schließlich als juchzendes, mädchenhaft gurrendes und springendes Lottchen abgeht. Zwischen Matrone und Mädchen steht die enttäuschte Liebende, und auch ihr Zeter und Mordio ertönt mit dem vertraut gutturalen Minetti-Ton, der sich gen Satzende hoch aufschwingt und dort dramatisch ausschlägt. Ein Sprechgesang, der auf der kleinen Bühne fast zum Hörspiel wird.

Mit dem Eingeständnis ihrer Liebe wird aus der spröden Dame ein glühendes Mädchen: Eine etwas fade Lesart, die sich eng am Text hält und sich gar nicht erst in der kritischen oder auch nur fragenden Entfernung versucht. Und dann zaubert Wilms der Frau von Stein auch noch ein plötzliches und völlig unschlüssiges Happy End: Nachdem Goethes Brief aus Rom nicht wie erwartet einen Heiratsantrag enthält, stöhnt sie keinen letzten Satz über das Gewicht ihres Lebens, sondern tanzt übermütig zu einem Popsong "Baby, I'm falling in love".

Krapp  als grotesker Clown

Dem Schauspieler André Wilms dagegen merkt man an, dass er häufig mit Regisseuren wie Heiner Goebbels arbeitet, der den Schauspieler eher als Performer denkt. Da gerät keine Geste zu groß, oder besser: nicht unwissentlich, und das Pathos bleibt stecken. Nach der Umbaupause ist der lichte, schlichte Bühnenraum von Ariadne Westerbarkey schwarz gestrichen, Splitt wurde auf die Dielen gestreut, und über dem Schreibtisch wölbt sich eine rote Lampe.

Wilms' Krapp klappt seine langen Gliedmaßen umständlich zusammen, kauert sich neben den Tisch, tastet mit halbgeschlossenen Augen und zugewandten Ohren in der Schublade herum. Findet entzückt eine Banane, hält sie in Händen wie sein kostbarstes Gut. Er streichelt sie, lauscht an ihr, knackt sie und zieht mit zitternden Fingern ihre Schale herunter. Langen Schrittes geht er stracks zweimal über die Bananenschalen hinweg, bevor er beim dritten Mal mit Pardauz und Überraschung auf ihr ausrutscht und gegen die Wand klatscht.

Im hinkenden Galopp geht's auf die Hinterbühne, um Bänder und Bandmaschine mit ruckelnder Ungeduld herein zu schleppen, sein schwerer Atem geht durch den alten Körper, durch den Raum. Ein durchlässiger, grotesker Krapp-Clown, der sich in seinen Gewohnheiten und Erinnerungen eingerichtet hat und seinem vergangenen Selbst, das ihm da vom Band entgegentönt, doch mit großer Fremdheit zuhört. Als sei es ein abgefertigtes Gespenst aus der Vergangenheit, dessen Worte er nachschmeckt.

Kein Goethe

Ihre Bedeutung ist ihm entglitten, er muss sie im Wörterbuch nachschlagen. Mit unverhohlenem Spott hört er die Aufzeichnungen seines 39. Geburtstags, um im nächsten Moment mit seinem 30 Jahre jüngeren Ich zu lachen, das ebenso gern Bananen aß.

Ein zärtliches, offenhäutiges und unheimliches Zwiegespräch, bei welchem dem Schauspieler auf Band natürlich nicht der "junge Dachs" begegnet, sondern dieselbe alte Stimme, der rasselnde Körper, das eruptive Lachen bis ins Mark. Hier geht nichts voran, das letzte Band läuft allemal im Kreis, der Bildungsroman, der das eigene Leben als Fortschrittsgeschichte liest, wird durch Schelmenlachen und Schelmenverzweiflung abgelöst.

Trotzdem macht ein guter Krapp noch keinen alten Goethe – eine Analogie, die im Wesentlichen eine Behauptung des Programmzettels bleibt. Auch deshalb, weil der Abend ästhetisch zu stark in zwei Teile zerfällt. 

 

Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe
von Peter Hacks

Das letzte Band
von Samuel Beckett

Regie: Christiane J. Schneider, André Wilms, Bühne: Adriane Westerbarkey, Kostüme: Eva-Mareike Uhlig.
Mit: Jennifer Minetti, Peter Skrezek und André Wilms.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Gesine Hindemith findet in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (31.8.2008) Jennifer Minetti als Charlotte von Stein zwar ganz resolut. Es fehlt ihr jedoch eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit Hacks' Sicht auf Steins Beziehung zu Goethe. In diesem Zusammenhang bedauert sie auch, dass in Frankfurt lediglich eine verkürzte Fassung des Fünfakters geboten wurde. Oberflächlich gesehen funktionierte das zwar. Allerdings auf Kosten der Struktur der Vorlage, "die der Frau von Stein nach jedem Akt eine neue Erkenntnis ihrer Goetheanalyse beschert." Die Charlotte von Peter Hacks rede sich "schleichend in ihre Liebe hinein". Das ganze Ausmaß ihrer halsbrecherischen Argumentation komme in Frankfurt aber nicht zur Geltung. Stattdessen gebe es nach der Pause ein zweites Stück: 'Das letzte Band' von Samuel Beckett. Doch für Hindemith wäre der Abend interessanter geworden, hätte man Peter Hacks den nötigen Raum gegeben.

Auch Gerhard Stadelmaier wundert sich über die radikalen Striche und moniert in der FAZ (1.9.2008) das "unentschuldigte Fehlen" der Herren Goethe, Hacks und Beckett, ein Fehlen "also ohne Angabe von Gründen". Dass in der Inszenierung des Hacks-Stück Herr von Stein nicht wie sonst üblich ausgestopft, sondern "leibhaftig und gemütlich" auf der Bühne sitzt, mindere "die Tragödie beträchtlich". Jennifer Minetti "ballert, röhrt, orgelt – nur unterbrochen vom äußerst hilfreichen Souffleur Boris Wendt – die Frau von Stein in Grund und Bühnenboden". Sie sei "viel zu sehr mit sich und dem stark eingestrichenen Text beschäftigt, als dass sie über irgendeinen ihr Fehlenden trauern würde". Ihren Monologpassagen setze sie "nur immergleich dröhnende Wortmasken auf, unter denen der Witz, die Intelligenz und die Anmut der Hacks-Theaterprosa japsend erstickt." Nicht besser die Beckett-Inszenierung: "André Wilms, einst ein zarter Grüber-Schauspieler," tue zu seiner Figur nicht mehr dazu, als "traurig zu glotzen, raus und rein zu watscheln und die von Beckett vorgeschriebenen Bananen zu verdrücken". Es grenze "schon an eine Katastrophe, wenn der an sich große André Wilms nichts als einen Null-Krapp zeigt."

Warum spielen sie es dann? fragt schon Gerhard Stadelmaier ratlos, mit möglichen Gründen tut sich auch Jürgen Berger etwas schwer. In seiner Kritik für die Süddeutsche Zeitung (1.9.2008): "Auf den ersten Blick wirkt die Kombination der beiden Monologe beliebig. Doch es geht beide Male um den Künstler, der zur Liebe und zum Begehren derart professionellen Abstand hält, dass er für die Frauen eigentlich verloren ist." Des weiteren fasst sich Beger dann sehr knapp. Die Frau von Stein sei für Jennifer Minetti "eine Paraderolle". Sie spiele "die kalte, ironische Wut der Frau, die aus dem ungehobelten Sohn aus gutem Frankfurter Haus gemacht hat, was er ist, und nun zusehen muss, wie der Kerl alleine die Ernte einfährt." Andre Wilms´ Krapp könne auch der Clov aus dem "Endspiel" sein. "Interessanterweise" sei das "Überwintern als Clown" eine stimmige Nuance im Spiel um einen alten Mann, der Bananen mümmelt und in Wörtern schwelgt.

Die Idee, Peter Hacks' Stück mit Becketts 18 Jahre älterem, 1958 entstandenen "Das letzte Band" zu verbinden, klinge besser, als sie ist, findet auch Judith von Sternburg. In der Frankfurter Rundschau (1.9.2008) schreibt sie: Indem der "sprachliche Schliff" des Hacks-Textes "auf das fast abgeschlossene Sprachloswerden stößt, wird er, der Schliff, zum Geschwätz". Jennifer Minetti zeige eine "prosaische Charlotte, keinen Temperamentsbolzen, sondern eine Frau, die ihren Text irgendwann einmal überlegt, durchdacht und gelernt hat und nun abspult". André Wilms biete die "erschütterndste Bewegung des Abends": "Wenn er kurz hinter die Bühne huscht … um noch etwas zu holen, bleibt er kurz stehen, wartet bis hinten das Licht angeht, zieht eine Spur den Kopf ein und entspringt. Kommt er zurück, macht er es ebenso … Das Erschütternde ist der Eifer gepaart mit Sorge, die Gehemmtheit und die Losgelassenheit in derselben Bewegung." Wilms und Minetti zeigten nicht "das Große-Schauspieler-Angeber-Theater, das man an solchen Abenden erwartet – und leider auch erhofft."

 
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