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Etwas Besseres als den Theatertod finden wir überall

von Esther Slevogt

24. April 2019. So was nennt man wahrscheinlich Künstlerpech. Gerade erst wurde der Lebkuchenmann auf der Probe des Weihnachtsmärchens am Seil in die Höhe gezogen, da mahnt ein Techniker auch schon die gewerkschaftlich verordnete Ruhezeit an. Der Regisseur will weiterprobieren. Wenigstens diese Szene noch. Schließlich ist das hier ja kein Amt, sondern ein Theater. Aber er kann sich nicht durchsetzen. Die Bühne leert sich. Bloß der Lebkuchenmann zappelt noch in der Luft. Keiner fühlt sich zuständig, den Ärmsten aus seiner misslichen Lage zu befreien. Ruhezeit eben.

Spar-Theater in der Shoppingmall

Von der misslichen Lage, in der sich auch das Theater als Kunstform befindet, in Zeiten kommunal verordneter Sparkuren oder Bühnenfusionen, an denen sich möglicherweise auch ein Relevanzverlust dieser Kulturtechnik ablesen lässt, handelt der Film von Eike Weinreich: "UnRuhezeiten". Er entstand als eine Produktion des Theaters Oberhausen, im letzten Intendanz-Jahr von Peter Carp (vor dessen Wechsel nach Freiburg). Weinreich gehörte zum Ensemble, bis er begann, Filme zu machen.

unRuhezeiten1 560 Filmstill uDer müde Intendant (Hartmut Stanke) und sein Schauspieler (Jürgen Sarkiss) © Freudefilm

Ein Intendanzwechsel ist auch Grundlage der Filmhandlung, die in einem Stadttheaterchen in der fiktiven Kleinstadt Armstadt spielt. Und so sehen wir gleich zu Beginn, wie ein aasiger junger Kulturdezernent dem demoralisiert aus seiner Existenzialistenkluft blickenden Intendanten im Pensionsalter (von Hartmut Stanke mit miesepetrigem Hochmut gespielt) eine sechzigprozentige Etateinsparung verordnet. Lesungen, kleinere Produktionen könnten locker doch auch in der neuen Shoppingmall stattfinden. Wo sie schließlich auch mehr Publikum erreichen würden.

Stars in der Kantine

Der Intendant zieht sich dann für die letzten Tage seiner Amtszeit in den von allen neuen Realitäten abgeschotteten Elfenbeinturm, also in sein Theaterchen zurück. Hier begegnen wir verschiedensten, mehr oder weniger motiviert ihren künstlerischen Gestaltungsaufgaben nachgehenden Mitarbeiter*innen. Da ist beispielsweise der Requisiteur, den wir bei der Herstellung von wohlschmeckendem Kot-Imitat für ein Antikenprojekt beobachten können, das dann wenig später kein Geringerer als Benjamin Lillie im Gesicht hat und dabei seufzt: "Wenn ich wenigstens Hamlet wär!" Oder der abgehalfterte Regisseur des Weihnachtsmärchens mit dem Lebkuchenmann, den selbstironisch der einstige RTL-Anchorman Hans Meiser spielt, eine dummschwätzende Dramaturgin sowie allerlei bedauernswerte Schauspielerexistenzen, die in den albernen Nebenrollen vertrocknet sind, die sie ihr Leben lang spielen mussten. Wir lernen die beiden Jungschauspieler Thieß (Thieß Brammer) und Moritz (Moritz Peschke) kennen, die beide auf eine Hauptrolle hoffen – (den Orest darf dann Moritz spielen, Thieß muss eine anonyme Erinnye mimen).

unRuhezeiten4 560 Filmstill u"Orest" in Armstadt © Freudefilm

Angesichts der prekären Umstände, in der sich ihr Theater befindet, machen sie sich bald in die großen Theater out of Armstadt auf. Motto: Etwas Besseres als den Theatertod finden wir überall. So kommen sie ins Deutsche Theater nach Berlin, wo sie in der Kantine gleich Platz neben dessen Intendanten Ulrich Khuon nehmen, der gedankenverloren seine Suppe löffelt. Aber die jungen Provinzler nutzen ihre Chance nicht, weil sie den Intendanten nämlich überhaupt nicht erkennen. Stattdessen schauen sie gierig zu einem anderen Kantinentisch, wo sie die Stars des Hauses vermuten, die sie so ganz genau allerdings auch nicht erkennen.

Realistischer sterben

Wir Zuschauer sind da (ha!) natürlich klüger: Schließlich handelt es sich um die DT-Größen Katrin Wichmann und Ulrich Matthes, die in ein Geplänkel über das eigene schauspielerische Profil verwickelt sind. Und über mittelmäßige Regiekräfte, an die sie ihr Genie verschwenden müssen: "Das macht man mittlerweile schon in Mainz!" Von Armstadt aus betrachtet ist Mainz wiederum von fast mythischer Unerreichbarkeit. "Ein Staatstheater...", haucht irgendein armer Armstädter mal. Und so leuchtet Eike Weinreich mit zärtlichem Blick in die schrulligsten Winkel des Theaterwesens, lässt teilhaben an verlorenen Liebesmühen, kleinen und großen Untergängen. In einer Rahmenhandlung erleben wir auf dunkler Bühne einen Schauspieler (Jürgen Sarkiss) die Geschichte eines Blumenbauern erzählen, der seine Felder immer weiter verkleinern muss, bis alle Schönheit und alles Leben daraus verschwunden sind. Und über nachtkritik.de-Kommentator*innen wird natürlich auch geklagt.

Während einer "Orest"-Probe kann am Ende nur ein einziger Schauspieler (Torsten Bauer) den Anforderungen des genialisch auftrumpfenden Jungregisseurs genügen. Es ist ausgerechnet der, der zuvor auf lächerliche Nebenrollen in albernen Kostümen nur noch mit frustrierter Arbeitsverweigerung reagierte ("Schließlich war ich einmal der beste proletarische Nachwuchsdarsteller in der DDR!"). Nun stirbt er so realistisch, dass der Regisseur ihn mit herrischer Geste als Vorbild empfiehlt. Doch ist er in Wirklichkeit gestorben. Alle aber hielten seinen Todeskampf für Theater. Keiner griff rettend ein. So kann's kommen auf den verödeten Schlachtfeldern des Als-Ob.

 

UnRuhezeiten
Regie & Drehbuch: Eike Weinreich, Co-Autor: Sergej Lubic, Bildgestaltung: Alexej Hermann, 2. Kamera: Katharina Hauke, Licht: Martin Schönherr, Sounddesign: Daniel Paulmann, Kostümbild: Ines Köhler, Szenenbild & Ausstattung: Maria Eberhardt, Montage: Jan Krämer, Produktion: Theater Oberhausen / Freudefilm.
Mit: Moritz Peschke, Jürgen Sarkiss, Thieß Brammer, Michael Witte, Torsten Bauer, Hans Meiser, Hartmut Stanke, Frank Goosen, Anna Polke, Inge Mathes, Tamina Theiss, Henry Meyer, Ulrich Khuon, Katrin Wichmann, Ulrich Matthes, Herbert Fritsch, Benjamin Lillie, u.v.a.
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten

www.freudefilm.de
www.theater-oberhausen.de