Sehnsucht nach der Pusteblume

von Petra Hallmayer

München, 27. April 2019. Ein vielstimmiges Stöhnen und Ächzen erhebt sich und schwillt an. In einem Meer aus bunten, sich bauschenden und ballenden Wolken schwebt über der Bühne der Kammerspiele ein Kasten, in dem Tschechows Schwestern ihre Besucher empfangen. Mal treten Irina, Olga und Mascha schwarz verschleiert in weißen Reifröcken auf, mal stecken ihre Köpfe zu Jeans und Rollkragenpullovern in Latexmasken, blicken sie uns wie Schaufensterpuppen mit starren ausdruckslosen Gesichtern an. Die vom Körper getrennten Stimmen werden, wie stets bei Susanne Kennedy, mittels Voiceover eingespielt.

Läuterung nicht vorgesehen

Das alles überrascht uns längst nicht mehr. Diesmal aber setzt sie ihre Figuren (und uns) zudem einer extremen Erfahrung aus: Sie stecken in einer Zeitschleife fest. Viel geschieht ohnehin nicht in Tschechows Drama um drei Schwestern, die sich aus ihrem monotonen Leben in der Provinz fort nach Moskau sehnen, gefangen sind zwischen Heimweh nach der Kindheit und der Hoffnung auf eine sie aus der Gegenwart erlösenden Zukunft. Bei Kennedy bleiben sie gleich im ersten Akt hängen, müssen sie wieder und wieder Variationen derselben Szene durchleben.

DreiSchwestern 2 560 JudithBuss uGestresste Puppenfrauen im Reality-Modus © Judith Buss

Für die meisten Menschen ist die Vorstellung ein Albtraum. Kennedy versteht sie als Chance, wobei sie ihren Schwestern natürlich keine Läuterung mit Happy End wie in "Und täglich grüßt das Murmeltier" schenkt. Schon seit geraumer Zeit unterfüttert die Regisseurin, die sich selbst als "Schamanin" sieht, ihre Theaterarbeiten mit allerlei spirituellen Weisheiten, buddhistischer Philosophie und einer kräftigen Portion Nietzsche. Ein Aphorismus aus "Die fröhliche Wissenschaft" durchzieht denn auch ihre Tschechow-Adaption, als deren Basis Nietzsches Gedanke der ewigen Wiederkunft des Gleichen und seine Aufforderung zur Bejahung des Lebens dient.

Tschechow-Schnipsel auf dem I-Pad

Wenn wir lernen, alles, was uns widerfährt, zu bejahen, erklärt Kennedy im Programmheft, können wir eine innere Transformation und Befreiung erreichen. Unser Unglück ist, dass wir immer wollen, was wir gerade nicht haben, nach der Pusteblume Glück immer anderswo suchen. Das klingt nun mehr nach der Einleitung für einen Essay als nach einem Inszenierungskonzept, und tatsächlich hat dieser Abend mit den uns vertrauten Vorstellungen von Theater nicht mehr allzu viel zu tun. In dem per Video in Landschaften und Farben eingebetteten Raumkasten reiht Kennedy von harten Cuts und Blackouts gegliederte Miniszenen und Bilder aneinander, die man wechselweise fasziniert und gebannt und reichlich ratlos betrachtet.

Stumm drehen sich die Schwestern im Kreis, vollführen tänzerische Armgymnastik oder verfolgen die Bewegungen eines Brummkreisels. Im Sitzen und Stehen wiederholen die Figuren die ewig gleichen Sätze. Wir hören Tschechow-Schnipsel auf Deutsch und Englisch und von einer Stimme aus dem Off, die sich auch mal via Telefon oder I-Pad einschaltet, vorgetragene Zitate. In als "Reality" betitelten schön absurden Dialogen, in denen der bei Tschechow aufscheinende Traum von Befreiung und Sinngebung durch Arbeit zur Farce wird, plaudern zwei gestresste Puppenfrauen in Sprechblasen über ihren Chef und ihr unerfülltes Liebesleben.

DreiSchwestern 3 560 JudithBuss uLeere Gesichter und leere Seelen?  Tschechow 4.0. © Judith Buss

Zwischendurch sehen wir drei ältere Damen einen Apfel essen und Wasser trinken, wozu wir die wolkige Botschaft vernehmen: "Der Körper einer Frau erreicht einen seltsamen Nomadismus und durchquert Lebensalter, Situationen und Orte. Die Zustände des Körpers werden zu einer Heldenreise, die die Geschichte der Männer überwindet und die Krise der Welt." In solchen Momenten möchte man in das immer wieder anschwellende Stöhnen einstimmen. Zu dem über den Rahmen des Kastens flimmernden Wort "tomorrow" erscheint ein mächtig gehörnter Guru, vor dem alle kniend chanten und der ihnen Wasser reicht, das sie wie eine Hostie empfangen.

Einlullendes Mantra

In einer langen raunenden Passage wird "der Genius in uns" beschworen, wir lauschen Reflexionen über Simulation, das Theater und die Kreisform der Zeit, bis die Aufführung plötzlich zum Schluss von Tschechows Drama springt. Wir haben den Kreis vollendet, erfahren wir, ehe Kennedy den Lehrer eines neuen Bewusstseins Peter Kingsley zitiert, ihr uns bereits aus Coming Society bekanntes soft einlullendes Lieblingsmantra ertönt: "Was, wenn wir gar nichts tun müssen? Einfach tiefer gehen und warten?"

Wirklich tief aber schürft ihre so hochtönend philosophisch daherkommende Inszenierung leider nicht. Wie Susanne Kennedy mit dem Medium Theater experimentiert, ist zweifellos spannend, und die Konsequenz und die Radikalität, mit der sie ihre formale Sprache fortschreibt, nötigt einem Respekt ab. Doch die Überfülle an Botschaften, mit denen sie ihre "Drei Schwestern" auflädt, sorgt dafür, dass man froh ist, wenn dieses Rad der ewigen Wiederkunft schließlich stille steht.

 

Drei Schwestern
von Susanne Kennedy nach Anton Tschechow
Regie: Susanne Kennedy, Bühne: Lena Newton, Kostüme: Teresa Vergho, Sounddesign und Voice-Montage: Richard Janssen, Video: Rodrik Biersteker, Licht: Rainer Casper, Dramaturgie: Helena Eckert.
Mit: Manuela Clarin, Kristin Elsen, Marie Groothof, Walter Hess, Eva Löbau, Christian Löber, Benjamin Radjaipour, Sibylle Sailer, Anna Maria Sturm.
Premiere am 27. April 2019
Dauer: 1 Stunde und 20 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Eine "bildgewaltige Philosophie der Erwartung" sah Christiane Lutz in der Süddeutschen Zeitung (28.4.2019). In 41 Bildern kreise die Regisseurin um den Klassiker: "Ein philosophischer Abend, bildgewaltig, beklemmend und von immenser Sogwirkung." Die Mittel der Regisseurin seien bekannt, in dieser Inszenierung "aber gelingt es ihr wieder, die Mittel ihren Ideen dienlich zu machen, nicht umgekehrt." Man könne sich diese drei Schwestern als glückliche Menschen vorstellen – und die Regisseurin als eine, die die Gegenwart liebevoll betrachtet.

Sven Rickleffs wurde im Deutschlandfunk (28.4.2019) ganz anders in der "bewusst befremdliche Bühnenwelt von Susanne Kennedy, die Menschen als Avatare ihrer selbst auftreten lässt", in den ewigen Schleifen der Wiederkehr geloopter Leben und Tschechow-Szenen, von denen Kennedy nur einige wenige herausgegriffen habe. Zugleich versuche die Regisseurin "schon seit Längerem, mit ihren Arbeiten auch ins Spirituelle hinüberzugreifen, weswegen diesmal ein behörnter Schamane in einer der Kernszenen eine Art Ritual abhält.

"Susanne Kennedy sperrt drei Schwestern in eine Zeitschleife, aus der die Figuren und Zuschauer nur entkommen, wenn die Regisseurin es will", resümmiert

Simon Strauss schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (29.4.2019):  Es handele sich um ei­ne "sze­ni­sche Ab­lei­tung, ei­ne Frei­le­gung des­sen, was das Stück an Zei­t­emp­fin­den" in sich trage. Ken­ne­dy zeige "Short Cuts in ei­ner ewi­gen Schlei­fe". Im Stil von Ta­bleaux vi­vants grup­piere sie "ih­re Un­to­ten" um. Die drei Schwes­tern seien nur "Wie­der­gän­ge­rin­nen ei­nes fu­tu­ris­ti­schen Ty­pus". Sie kä­men aus ei­ner Zeit oh­ne Iden­ti­tät, "wo al­les schein­bar Ei­gen­stän­di­ge nur aus ge­brauch­ten Pi­xeln be­steht und je­de Wirk­lich­keit nur als Wie­der­ho­lung ei­ner Wie­der­ho­lung fun­giert". "Stark und wir­kungs­voll" sei Ken­ne­dys Thea­ter­fan­ta­sie "im­mer dann, wenn sie auf die un­mit­tel­ba­re Kraft ih­rer sur­rea­len Büh­nen­bil­der ver­traut". "Schwach und ge­wollt" werde sie, wenn "po­pu­lär­phi­lo­so­phi­sche Be­haup­tun­gen auf­ge­stellt wer­den oder An­ge­le­se­nes di­dak­tisch zi­tiert wird". Wäh­rend man die ers­te hal­be Stun­de "ge­bannt" werde vom dau­ern­den Wech­sel der "son­der­ba­ren Sze­nen", ge­wöhne man sich im Ver­lauf der Vor­stel­lung "am En­de doch ein we­nig zu sehr an das Un­ge­wöhn­li­che, um wirk­lich ge­fan­gen zu blei­ben".

 

 

 

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